Wovon hängt das Wachstum einer Bevölkerung ab?

 

Es ist einleuchtend, dass die zur Verfügung stehende Nahrung ein bestimmender Faktoren - neben anderen - für die Größe einer Bevölkerung ist. Ausreichende Nahrung bewahrt nicht nur vor dem Hungertod, sondern senkt auch die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten. Die Menge der zur Verfügung stehenden Nahrung hängt von einer Vielzahl bedingender Faktoren, z.B. dem Klima, den gesellschaftlichen Verhältnissen, den ökonomischen Bedingungen, den Produktionsmitteln und Produktionsmethoden (s.Abb.3). Dabei konnten zur damaligen Zeit alle Faktoren mit Ausnahme des Klimas durch den Menschen beeinflusst werden.

 

Abhängigkeit der Nahrungsproduktion

 

 

Die aktuelle Größe dieser Faktoren - Klima, landwirtschaftliche Technik, Produktionsmethoden - begrenzte die Bevölkerungszahl zu einer bestimmten Zeit. Verändern sich die begrenzenden Faktoren, so ändert sich auch die Bevölkerungszahl.
Eine Sonderrolle bei den Faktoren spielt das Klima, da es für die Nahrungsproduktion ein entscheidender Faktor ist.
Von diesem behauptete der englische Geograph E. Huntington 7, dass es als ein kausaler Faktor für die Geschichte der Menschen verstanden werden müsste.
Das Klima sollte also vor ca. 1000 Jahre so gewesen sein, dass es für die landwirtschaftliche Produktion günstig war. Das Gegenteil würde das Bevölkerungswachstum im Hochmittelalter als unerklärliches Phänomen erscheinen lassen.


7) E.Huntington; Clima and Civilisation; S.2


Die Bevölkerungsentwicklung außerhalb des Monschauer Landes

 

Schaut man über die Grenzen des Monschauer Landes hinaus, so erhält man einen weiteren denkwürdigen Befund.
Die Tabelle gibt die Häufigkeit der Kirchengründungen im Raum zwischen Rhein und Maas an.5

Jahrhundert 9 10 11 12 13 14 15 16
Prozent 3 5 5 21 19 26 4 6

Besonders auffallend sind die hohen Prozentzahlen im 12.bis 14. Jahrhundert. Kirchen baut man für Menschen und so zeigt auch dieser Befund, dass die Bevölkerung auch außerhalb des Monschauer Landes im 12. bis 14.Jh. angestiegen ist.
Die Zunahme der Bevölkerung im hohen Mittelalter ist ein gesamteuropäisches Phänomen.
In Europa soll die Bevökerung von 650 bis zum Jahre 1000 von 18 auf 38,5 Millionen, bis 1340 sogar auf 73,5 Millionen Einwohner gestiegen sein, wobei Mittel und Westeuropa den größten Anteil an dieser Steigerung hatte.6

Das folgende Diagramm beschreibt diese Entwicklung 7

 

Thumbnail imageAbb.2


Bemerkenswert ist der starke Anstieg des Bevölkerungswachstums im 12. und 13 Jh. Das hatte zunehmende Orts- und Stadtgründungen zur Folge und eine bis dahin ungekannte Rodungstätigkeit.

Am Rande sei bemerkt, dass zu dieser Zeit neben Vornamen auch Familiennamen gebräuchlich wurden, da wohl 30 Hansen in einem größeren Orten ohne Zusatz nicht zu unterscheiden waren.

Der starke Abfall der Kurve im 14.Jh. ist vor allem auf die Hungerjahre 1315 bis 1322 und die Pest 1346-1352, die im Schnitt 30% der mittel- und westeuropäischen Bevölkerung hinwegrafften, zurückzuführen.
Die Besiedlung des Monschauer Landes fällt also in eine Zeit, in der es in ganz Europa zu einer Zunahme der Bevölkerung kam. Der Wald wurde durch Rodung überall zurückgedrängt, auch im Monschauer Landt.

Es deutet sich nun eine erste Antwort auf die "Warum Frage" an:

Ursache der Besiedlung, der Dorf und Stadtgründungen waren steigenden Bevölkerungszahl in der Region und darüber hinaus.

Nun schließt sich eine zweite Frage an:

Warum stieg die Bevölkerung in der Region und darüber hinaus?


5) Wolfgang Zäck; Schnee von gestern; Klimageschichte rund um die Eifel; S.152
6) Michael Mitterauer; Roggen, Reis und Zuckerrohr...;http://wirtschaftsgeschichte.univie.ac.at/mitarbeiterinnen/emeritierte-und-in-ruhestand-befindliche-professoren/mitterauer/
7) Bernd Herrmann, Hg. Mensch und Umwelt im Mittelalter; DVA


Eine  "Warum" - Frage zur Siedlungsgeschichte unserer Region 

 

Weg zur Feuerbrandwaldung

 

Vom Klima unseres Ländchens....Es ist .... rauh, kalt, feucht und sehr abwechselnd. ... [Wenn es] spät im Herbst oder Frühjahr im flachen Land regnet [fällt] hier gewöhnlich Schnee. Daher die größere Kälte und das spätere Reifwerden der Früchte und Gemüse. ... Unser Winter ist strenge und lang anhaltend. Gewöhnlich fällt tiefer Schnee. ....1

Sagen Sie selbst, möchten Sie in einem Land leben, gar einen Garten pflegen oder einen Acker bebauen wollen, das so beschrieben wird?
 

Montjoie ist, im Ganzen genommen, ein sehr unangenehmes, unfruchtbares, bergichtes Land. Der Boden ist schlecht, mager und kalt und die gute Erde liegt beinah überall nur sehr dünne auf dem Schiefergestein. 2

Ich nehme an, dass Sie lieber in einer lieblichen Gegend leben möchten. Warum haben sich aber dann vor jahrhunderten Menschen in diesem Landstrich niedergelassen, obwohl deren Lebensbedingungen ungleich schwieriger waren als die heutigen?

B.M.

1) Dr.Ch.Jonas (1801) Geographische und naturhistorische Beschreibung des Monschauer Landes
2) ebenda

 

Die Anfänge der Besiedlung im Monschauer Land 2
 

Es gibt nur bedingte Anfänge. Das Weltgeschehen ist ein Kulissen- geschiebe von Anfängen, das zu immer älteren Anfängen lockt.

Thomas Mann

 

 

 

Bedingte Anfänge - beginnen wir mit dem frühen Mittelalter!  Die gallorömische Bevölkerung  im Rheinland wurde im 5. und 6. Jh. weitgehend durch fränkische Eindringlinge verdrängt. Die römischen Siedlungsspuren in unserer  Region verlieren sich. Der Wald kehrte zurück. Das Gebiet zwischen Aachen, Monschau und Düren  gehörte als Staatswald zur Kaiserpfalz Aachen. In der Folgezeit gliederte sich dieser Reichswald in einen oberen und unteren Wald. Der untere Wald wird später Wehrmeisterei genannt und gelangte früh an die Grafschaft Jülich.
Konzen war Verwaltungszentrum des riesigen oberen Waldes. 
Ausgehend von  diesem Königshof Konzen begannen die Rodungen in dem, Gebiet, das zuerst als Land von Konzen, später als Monschauer Land bezeichnet wurde.3
Seit dem 11. und 12. Jh. drangen die Herren von Limburg  mit Reichenstein und einer Burg in Monschau in das Gebiet ein. Diese Ursurpation wurde möglicht, da die Pfalzgrafen, die die königlichen Rechte zu wahren hatten,  durch  ihren Widersacher, Erzbischof Anno II. von Köln, ihre Macht  in der Region eingebüßt hatten.4

Die Errichtung der Limburger Landesherrschaft war wahrscheinlich ein Grund für eine fortschreitenden Besiedlung der Region? Erinnern wir uns aber noch einmal an die düstere Beschreibung des Medicus Jonas. Wer wird in einem so abweisenden  Land freiwillig siedeln? Was waren die Gründe? Der Landesherr könnte attraktive rechtliche und finanzielle Bedingungen für Siedler geschaffen haben. Vielleicht hat eine Katastrophe  Menschen veranlaßt  in das nahezu unbesiedelte Land von Konzen einzuwandern. Sie könnten vor Kriegen oder Epidemien geflohen sein. Aber in Chroniken findet man keine Hinweise auf solch dramatische Ereignisse, 

Interessant sind jedoch ganz unspektakuläre Indizien. So verzeichnet eine Trierer Chronik von 1200 eine Zahl von 278 lebenden und verstorbenen Matthiaspilgern aus dem Kuntzer Land. Neuß vermutet, dass diese aus einigen 100 Haushalten nicht nur aus Konzen sondern aus dem ganzen Kirchspiel stammten.5 Das erstreckte sich weit über den Bezirk, der von sogenannten Feldgeleit umschrieben wurde. Die Besiedlung war zu dieser Zeit relativ gering.
 In der Mitte des 13.Jh. lag das gerodete Land innerhalb des sogenannte Feldgeleits lag.

FeldgeleitAbb.1

Anfang des 14.Jh. wird eine erste Mühle in der Region,  die Belgenbacher Mühle, erwähnt. Die Verbreitung von Wassermühlen hängt eng mit der des Roggens als Brotgetreide zusammen.6  Wenn zur Erzeugung von Mehl eine Mühle in Betrieb genommen wird, so zeigt das, dass die Bevölkerung gewachsen sein muß. Dafür spricht auch die Trennung der Tochterkirche  Simmerath von der Konzener Mutterkirche um 1346.
Ganz unspektakulär hat sich also vom 12. Jh. bis 14.Jh. die hiesige Bevölkerung  vermehrt.
Ist dieses merkwürdiges Ergebnis nun ein lokales Ereignis und was war der Grund dafür?

 


2) Dieser Abschnitt stützt sich auf:
E.Neuß; Grundzüge der frühen Siedlungsgeschichte des Monschauer Landes; Monschauer Land Jahrbuch 1988
R. Nolden; Das Aachener Marienstift und seine Besitzungen im Monschauer Land von Karl dem Großen bis zum Ende des Alten Reichs; Monschauer Land Jahrbuch 1983
H.Kaspers; Comitatus nemoris Die Waldgrafschaft zwischen Maas und Rhein; Düren/Aachen 1957'
3) E.Neuß; Grundzüge der frühen Siedlungsgeschichte des Monschauer Landes; Monschauer Land Jahrbuch 1988; S.83
4) Limburg bei Baelen, westlich Eupen 
5) Elmar Neuß; Die Burg Monschau 1198-1998; Geschichtsverein Monschau 1998; S.62
6) Michael Mitterauer; Roggen, Reis und Zuckerrohr - Drei Agrarrevolutionen des Mittelalters im Vergleich;
7) Reiner Nolden, Das Aachener Marienstift und seine Besitzungen im Monschauer Land ...,MLJ 1983, S.29