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Das niedere Schulwesen in Frankreich

 Bis zur Revolution (1789) war das Elementarschulwesen in Frankreich auf dem Lande  wie in Deutschland in den Händen der Kirche. In den Gemeinden führte der Pfarrer die Aufsicht über die Schulen. Wie in Deutschland hatte der Lehrer zusätzliche kirchliche Verpflichtungen.

Durch die Revolution änderte sich der Status von Schule und Lehrer. Die Schulen wurden dem Staat unterstellt und die Lehrer zu Funktionären des Staates. An die Stelle der religiösen Erziehung trat die Erziehung zum Citoyen.
Unter der Herrschaft des Direktoriums (1795) kam es zu einer Spaltung im Schulsystem. Zum einem bildete sich ein anspruchsvolles staatliches System für die Kinder der wohlhabenden "neuen Bourgeoisie und Bürokratie", während das öffentliche Elementarschulwesen mehr und mehr privaten und lokalen Initiativen überlassen wurde.1)
Mit Beginn des Konsulats (1799) zog sich der Staat endgültig aus der Finanzierung der Primarschulen, wie in Frankreich die Elementarschulen hießen, zurück. Wie zur Zeit vor der Revolution wurden wieder Ordensgesellschaften und Gemeinden für den Unterricht an den Primärschulen, die auch die Schulen der Armen waren, zuständig. Nach dem Konkordat (1801), das Napoleon mit dem Papst Pius VII. abschloss, wurde dort die katholische Religion wieder zum Hauptunterrichtsgegenstand.2)



Die Franzosenzeit im Rheinland (1794 - 1814)

In den ersten Jahren nach dem Einmarsch der Franzosen in die linksrheinischen Gebiete herrschte Stillstand auf schulischen Gebiet. Die Reformbemühungen aus der Endphase des Alten Reiches kamen zum Erliegen.
Ein neuer Aufbruch setzte 1798 ein. Eine Verordnung gliederte das Bildungssystem wie in Frankreich in Primär-, Sekundär- und Zentralschulen. Im gleichen Jahr wurde die Errichtung von Unterrichtsjurys beschlossen. Deren Hauptaufgabe war zu prüfen, ob die Lehrer u.a. ausreichend Französische lesen und schreiben konnten. An dieser Forderung scheiterten die meisten Kandidaten.
"Bei allen durchgeführten Prüfungen ging es letztlich um die Verbreitung der französischen Sprache, denn die Französisierung des linksrheinischen Gebietes  war vorrangiges Anliegen der französischen Regierung."3) 
1802 überließ der Staat die Primär- und Sekundärschulen der lokalen Verwaltung und privaten Initiativen. Die Lehrerwahl und die Festsetzung des Lehrergehaltes, das die Eltern durch das Schulgeld aufbringen mußten,  war Angelegenheit der Bürgermeister und Gemeinderäte. In der Folge sank vielerorts das Einkommen der Lehrer. Die Situation der landlehrer beschreibt folgendes Zitat:

"...Der schlechteste Bursche sieht sich als Wohltäter des Lehrers an, der von ihm durch 6 Stüber monatlich ein Gnadengeschenkt erhalte. Gesorgt sei für den Unterhalt des Nachtwächters, des Armenjägers und Viehhirten, nur nicht für den Lehrer."4)

Die in republikanischer Zeit angestrebte Trennung von Lehrertätigkeit und Küsteramt wurde wieder aufgegeben, um den Lehrern ein wenigstens lebenssicherndes Einkommen zu sichern.
Ebenso wurde die aus dieser Zeit stammende Religionsfeindlichkeit  durch Napoleon zurück genommen und die erzieherischen Möglichkeiten der Kirche wurden wieder genutzt.

"Das napoleonische Frankreich schuf auf dem Gebiet der Lehrerbildung nichts Vorbildliches. Deshalb lebte im Rheinland die Idee von Normalschule und Lehrerseminar weiter."5)

Exemplarisch für den Werdegang eines Landlehrers ist aus dieser Zeit ist die Biografie des Schulmeisters Johannes Huppertz (*1782, +1866) aus Konzen.
Huppertz besuchte vom 8. bis zum 16. Jahr im Winter die Dorfschule in Konzen, arbeitete zwischen dem 17. und 24. Jahr in der väterlichen Landwirtschaft.
Mit 24 Jahren wurde ihm der Unterricht in der Konzener Dorfschule übertragen (ca 1806). Er hatte sich bis dahin selbständig fortgebildet und konnte geläufig lesen, mit ganzen und gebrochenen Zahlen rechnen und dürftig schreiben. 1808 übernahm er die Schule in Imgenbroich.
Er nahm Unterricht in Latein und Französisch beim Vikar von Konzen und dem Pfarrer von Imgenbroich. Diese Unternehmungen gab er jedoch bald auf. Er hatte sich im Französischen soweit fortgebildet, dass der Schulkommissar, Abbe Ranc, aus Lüttich eine provisorische Anstellung in Höfen als Lehrer und Küster erlaubte (1811).6)
Wie man sieht, war auch zu dieser Zeit noch keine sonderliche Ausbildung für´s Schulehalten notwendig oder vorgeschrieben. 

In Summe:

"So stand das Schulwesen in französischer Zeit schlechter da als vorher. ... Es fehlte nicht nur an Geld, sondern auch am nötigen Interesse. ...Weiterhin brachte die Bevölkerung dem Beruf des Lehrers nur wenig Ansehen entgegen. Zwar hatte die Verstaatlichung des Schulwesens den Lehrer zu einem Bediensteten des Staates gemancht, doch blieb er in der Praxis Diener der Schul- und Kirchengemeinde."7)



Die regionale Situation der Primärschulen am Ende der Franzosenzeit - 1814

Nach dem Abzug der Franzosen wurden im August des Jahres 1814 von der preußischen Verwaltung ein Fragebogen zur Erhebung von Schuldaten im Generalgouvernement verschickt. Die folgende Auswahl aus den für den den Kanton Montjoie gemachten Angaben sind bemerkenswert 8):

Die Stadt Monschau - ein Beispiel für den häufig zu beobachtenden Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Elementarschulen - zählte im Jahre 1814
3084 Einwohner (2669 Katholiken, 415 Protestanten)
Kinder 6-14 Jahren (425 Katholiken, 66 Protestanten)
Primärschulen:1. katholische , 1 protestantische
In die katholische gingen regelmäßig nur 60 Kinder (50 Jungen, 10 Mädchen)
Der katholische Lehrer, geprüft durch einen Lehrer der hiesigen Sekundärschule, hatte ein Einkommen von 180 Franken plus Schulgeld, welches unter der Summe von 180 Franken blieb.
Er unterrichtete Deutsch, Französisch und Rechnen.
Der protestantische Lehrer, geprüft von mehreren Behörden, unterrichtete Lesen, Schreiben, Tafel- und Kopfrechnen, Religion, Orthographie, Geographie, Zeichnen, Naturlehre.
Er verdiente 560 Franken plus Schulgeld, wofür die finanzkräftige monschauer Unternehmerschaft sorgte.
Die Besoldung des Lehrers an der Sekundärschule betrug ca.900 Franken.

In Dedenborn, Rauchenauel, Seifenauel und Pleushütte gab es weder Schule noch Unterricht.

In Eicherscheid unterrichtete der Bäcker und Küster 150 Kinder. Er war ohne jede Prüfung von der Gemeinde berufen worden. Gehalt 120 Franken.

In Höfen unterrichtete der oben erwähnte Johann Huppertz. Von den 150 Kindern besuchte nur die Hälfte im Winter die Schule. In Sommer sank die Zahl unter 20. Huppertz bekam von der Gemeinde kein festes Gehalt sondern nur das Schulgeld, das sich auf 160 Franken belief. Für den Kirchendienst erhielt er 150 Franken.
In Kalterherberg (200 schulfähige Kinder) unterrichtete seit über 50 Jahren Johann Zorn, hochgeschätzt, der „aber altershalber nicht sehr gefürchtet ist“.

In Imgenbroich unterrichtete ein Weber, in Konzen ein Küster und Schreiner, in Mützenich ein Ackerer und ein 14 jähriger.

In Kesternich (137 schulfähige Kinder) keine Schule. In den Wintermonaten Unterricht durch den Vikar.

In Lammersdorf, Zweifall Mulartshütte keine Primärschule. Man bediente sich „des gemeinen auf dem Land gebräuchlichen Unterrichts“, den der Küster erteilte. In Lammersdorf war das seit 1813 Johann Victor.

In Roetgen (150 schulfähige katholische und 111 protestantische Kinder) gab es keinen öffentlichen Unterricht für die katholischen Kinder, für die protestantischen gab es einen Lehrer.

In Simmerath gab es eine Privatschule des Küsters und eine öffentliche Primärschule. In den zu Simmerath gehörenden Ortschaften wurde der Unterricht im Winter von „befähig befundenen Dorfbewohnern erteilt.

 

Fazit:
Das war also die Lehrerschaft der Elementarschulen. Es gab keine verbindliche Ausbildung. Prüfungen der Qualifikation steckten in den Anfängen. Die wirtschaftliche Lage war nach wie vor unbefriedigend, so dass die Lehrer auf dem Lande i.d.R. auf ein Zuverdienst als Küster, Organist oder Gemeindesekretär angewiesen waren. Wegen der oftmals geringen Qualifikation und der Armut der Lehrer war ihr öffentliches Ansehen gering.  
Noch 1814 konnte J. Görres, damaliger Direktor des Schulwesens am Mittelrhein, sagen:

"In der Regel ist der Schweinehirt eine weit geehrtere Person im Dorf als der Schullehrer, und er wird für glücklich gehalten, wenn er beyde Stellen miteinander verbinden kann"9)


1) Harten, Hans-Christian; Das niedere Schulwesen in Frankreich am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert; s.41; aus: Das niedere Schulwesen im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert; Hg. Albrecht, Peter und Hinrichs, Ernst; Niemeyer
2) ebenda, S.43
3) Wynands, Dieter P.J.; Die Herausbildung des Lehrerstandes im Rheinland während des 19. Jh.;S.32
4) unbekannter Autor (1800), zitiert nach Wynands, ebenda, s.34
5) Wynands, ebenda S.35
6) Entwurf zu einem Curriculum vitae eines Elementarlehrers, Selbstbiographie des Lehrers Johannes Huppertz in:Der Eremit am Hohen Venn, Jg.2 S.101 f.
7) Wynands, ebenda S.36
8) Richter,A.; Das Schulwesen im Kanton Monschau Am Ende der französischen Herrschaft;Teil 1 und 2 in: Der Eremit am Hohen Venn, Jg.3, 1927/28
9) Ohlert, Konrad, Das Volksschulwesen S.2, in: "Die Rheinprovinz, 1815-1915" 100 Jahre preußische Herrschaft am Rhein; 
http://booksnow1.scholarsportal.info/ebooks/oca5/37/dierheinprovinz02hansuoft/dierheinprovinz02hansuoft.pdf