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Die Gemeinde Lammersdorf im preußischen Rheinland
(1815 - 1870)

Vorbemerkung

In diesem Teil der Chronik sind die Recherchen noch nicht beendet. Dennoch haben wir das uns bisher Bekannte im Abschnitt "Daten und Fakten aus der Gemeinde Lammersdorf von 1815 - 1870" aufgenommen, um zu verdeutlichen, was uns zu einer lückenlosen Darstellung der Heimatgeschichte Lammersdorfs noch fehlt.

Nicht immer wurde uns klar, ob die Gemeinde oder die Bürgermeisterei Lammersdorf gemeint war. Oft betrafen die Aussagen möglicherweie die Bürgermeisterei, ohne darauf durch exakte Bezeichnung hinzuweisen. Man redete  bzw. schrieb einfach nur von Lammersdorf. In unseren Aufzeichnungen verwenden wir beide Verwaltungsebenen. Wenn also die Bürgermeisterei Lammersdorf gemeint ist, muß man den Anteil der Gemeinde Lammersdorf eben schätzen.

Den gleichen ungenauen Umgang beobachteten wir bei den Amtsträgern. Obgleich es in der Bürgermeisterei nur einen Bürgermeister gab und dieser in den zur  Bürgermeisterei gehörenden Gemeinden durch je einen Gemeindevorsteher unterstützt wurde, nannte man im Volksmund oder in der Schriftform oftmals  beide geichermaßen "Bürgermeister". Das muss Irritationen hervorrufen.

Im Abschnitt "Zur Entwicklung im Monschauer Land von 1815 - 1870" beschreiben wir zusammenhängend die Probleme in Industrie, Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe. Ein beachtlicher Teil der Lammersdorfer Bevölkerung war mit diesen für sie desaströsen, existenzbedrohenden Vorgängen mehr oder weniger, di rekt oder indirekt konfroniert. Sobald wir darüber Genaueres wissen, wollen wir die beiden großen Abschnitte dieses Teils der Chronik zusammenführen.

 

Begriffsklärungen

Bürgermeisterei: Von 1816 - 1850 war Lammersdorf Sitz der Bürgermeisterei (Mairie) Lammersdorf. Die Zuständigkeit dieser Verwaltungseinheit erstreckte sich auf die Gemeinden Lammersdorf, Mulartshütte und Zweifall mit den Wohnplätzen Lammersdorfer Mühle, Jägerhaus, Junkershammer und Zweifallshammer. An der Spitze stand der Bürgermeister (Marie). In den drei zugehörigen Gemeinden unterstützte ihn je ein Gemeindevorsteher. Als oberstes beschließendes Organ fungierte die Bürgermeistereiversammlung, sich zusammensetzend aus Delegierten der einzelnen Gemeinden. Im Jahre 1850 erfolgte die Auflösung der Bürgermeisterei Lammersdorf. Es entstand die Bürgermeisterei Simmerath. Zu ihr gehörten die Gemeinden Simmerath (Sitz) und Lammersdorf sowie einige Wohnplätze. Alles andere blieb im wesentlichen wie soeben beschrieben. Die Bürgermeisterei Simmerath existierte bis 1927.

Die obige Definition verdeutlicht, wie wichtig es ist, in Texten oder Aussagen zwischen der  Bürgermeisterei und der einzelnen Gemeinde bzw. zwischen dem Bürgermeister und dem Gemeindevorsteher exakt zu differenzieren.

Wiener Kongress: Versammlung der europäischen Fürsten und Staatsmänner 1814/15 in Wien, die nach dem Sturz Napoleon I. über die Neuordnung Europas entschied. Auch Preußen erhielt neue Einflussgebiete, und zwar die Provinz Posen, das nördliche Sachsen, Neuvorpommern, Westfalen und die Rheinlande.

Interregnum: Zeitraum, in dem eine vorläufige Regierung amtiert, im hier anstehenden Fall also: von der Bildung des Generalgouvernements Niederrhein am 10. März 1814 bis zur Einverleibung des Rheinlandes einschließlich der Eifel in das Königreich Preußen am 15. April 1815.

 


 

Daten und Fakten aus der Gemeinde Lammersdorf

 

1810er Jahre

1814/15: Die Bürgermeisterei Lammersdorf lieferte bzw. bezahlte für militärische Zwecke:

1. zur Verproviantierung der Stadt Köln: 2 Ohm 100 Maß Brandtwein, 274 Centner Heu und  6 Hektoliter Grütze, alles zusammen im Betrage von 534 Francs und 78 Centimes,

2. zum Unterhalt des in der Stadt Monschau betriebenen Militärspitals: 9 Malter und 16  Viertel Hafer, 22 Pfund Heu und 990 Pfund Stroh; für denselben Zweck zahlte   Lammersdorf 381 Francs und 64 Centimes,

3. zu den Festungsbauten in Köln für 116 Arbeitstage 116 Francs, zu den Festungsbauten in  Jülich für 118 Arbeitstage 118 Francs.

Überdies sind 317 Fuhrdienste im Betrage von 334 Talern, 6 Silbergroschen und 9 Pfennigen geleistet worden. Vom 1. Januar bis zum 30. April 1815 wurden in der Bürgermeisterei Lammersdorf 117 Offiziere und 10 351 Soldaten verpflegt, wofür 309 Taler, 3 Silbergroschen und 3 Pfennige vergütet worden sind.

Juli 1815: Die preußische Obrigkeit befahl die Aushebung aller 17- bis 40jährigen Männer zur Landwehr.

1815: Laut "Amtsblatt des Roer-Departements" residierte in Montjoie als "Cantons-Kommissär" (später "Landrat") der Kaufmann Bernhard Böcking. Zu seinen jährlichen "Bureau-Kosten" hatte die Gemeinde "Lammersdorff" 81 Franken und 58 Cent beizutragen.

Ein Vergleich mit den begütertsten Landgemeinden ergibt folgende Zahlungen: Imgenbroich 181,84 fr., Simmerath 105,51 fr. - Weniger als Lammersdorf zahlten nur Dedenborn, Eicherscheid und Rurberg.

15.07.1815: Der erste Generalgouverneur für das preußisch gewordene Roer-Departement, Sack, erließ ein Verbot der Kinderarbeit unter 8 Jahren. Außerdem ordnete er an, dass für die in den Fabriken beschäftigten Kinder von 9 (!) – 15 Jahren Abend- oder Sonntagsschulen einzuführen waren, in denen Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen durch die Ortslehrer und Religionsunterricht durch die Pfarrer erteilt werden sollte.

Zur Kinderarbeit: Beim häuslichen Spinnen und Weben gehörte sie jahrhundertelang zum Alltag.  Bei den unglaublich geringen Löhnen der Erwachsenen war die Kinderarbeit ein  Muss, wenn die Familien nicht hungers sterben wollten. Deshalb mussten die Kinder, wenn sie nachmittags aus der Schule kamen, noch drei bis vier Stunden ans Spulrad des Webstuhls. Oft waren  schon  nach sehr kurzer Zeit der Handrücken und die Spitzen des Zeigefingers und Daumens blutig durchgescheuert. In den Monschauer Tuchfabriken erlitten die Kleinen tagtäglch von früh bis spät ein regelrechtes Martyrium. Mit gekrümmtem Rücken und  verschränkten Beinen lagen sie Stunde für Stunde unter den Spinnmaschinen und mussten bestimmte monotone Tätigkeiten ausführen. Viele trugen körperliche Dauerschäden davon, wurden zu Krüppeln!  Dabei arbeiteten die Kinder für einen äußerst minimalen Tageslohn von zwei Groschen bis zu 14 Stunden! - Man erkannte einfach nicht, was man den Kindern antat. Die armen, unschuldigen Kreaturen wurden gröblichst missbraucht. Welche Jammerszenen spielten sich ab, wenn die zarten Wesen tagaus, tagein um fünf Uhr in der Frühe im kalten oder nassen Wetter weinend und widerstrebend von der Mutter in ein solches Gefängnis geschleppt wurden, sodass es dem Augenzeugen das Herz zerreißen konnte.

1815: Um diese Zeit ordnete die neue preußische Regierung an, dass in den Sterberegistern fortan angegeben werden musste, welche Krankheit zum Tode geführt hatte. - Die Liste, die von den Standesbeamten als Vorlage benutzt werden sollte, gibt einen interessanten Aufschluss über die Todesursachen in der damaligen Zeit. Angeführt wurden sie in nachstehender Reihenfolge: "Todtgeborene, Am hitzigen Fieber, Am Wechselfieber oder kalten Fieber, Am unregelmäßigen oder schleichenden Fieber, Am Brustfieber, An äußerlicher Entzündung und Brand, An Hirnentzündung oder Fieber mit Raserei, An Halsentzündung, An Pocken, An Masern und Röteln, Am Scharlachfieber, Am Friesel- und Fleckfieber, Am Stickhusten, An der Wasserscheue, An Durchfall und Ruhr, An Krämpfen, An der Kolik, An der Gicht, Am Wasser-Kopfe, Am eingeklemmten Bruchschaden, An Krankheit der Urinwege, An Abzehrung (ohne Husten), An Lungensucht (Abzehrung mit Husten), An Wassersucht, An Engbrüstigkeit, An Windgeschwulst, An Blutfluss, An Stick- und Schlagfluss, An Fallsucht (Epilepsie), An Leibesverstopfung, An Tobsucht oder Raserei, An bösartigen und Krebsgeschwüren, Bei der Niederkunft, Im Kindbette, An nicht bestimmten Krankheiten, Gewaltsamer Tod: durch Unglücksfälle aller Art, durch Selbstmord." Ferner mussten vermerkt werden, ob der Verstorbene "während der ganzen Krankheit oder nur während der letzten 48 Stunden oder gar nicht ärztliche Behandlung erhalten hat"

1815: Die der Gemeinde anfangs der Preußenzeit übereigneten 350 ha Wald bestanden ein Jahrhundert hindurch als unter preußischer Regie gegen viel Widerstand angelegte Fichten-Monokulturen. Erst in den danach folgenden Jahrzehnten wurden sie mittels importierter Nadel- und Laubbaumarten wieder artenreicher und damit sowohl in ökologischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht effizienter gestaltet.

1815: Eine Wolfsplage bereitete den Menschen in der Eifel arge Probleme.

 

18.01.1816: Nachdem mit Frankreich endlich Frieden geschlossen war, wurde das “Friedens-, Dank- und Krönungsfest“ gefeiert. Dass die Stimmung in der Bevölkerung angesichts der drückenden Einquartierung, besonders russischer Truppen, der Spanndienste und des sofort eingerichteten Militärdienstes der wehrfähigen Männer nicht immer den Berichten entsprach, braucht kaum betont zu werden.

 

22.04.1816: Beginn des Aufbaus der preußischen Verwaltung; Bildung des Regierungsbezirks Aachen

 

Das Einzige, worüber sich die Verbündeten einig waren, war der Entschluss, die einzelnen rheinischen Herrschaftsgebiete unter keinen Umständen mehr den früheren feudalen Herrschern zuzusprechen, die durch Napoleon ihres landesherrlichen Regiments enthoben worden waren. Diese Entscheidung war vorerst auch die einzige, bei der sich die Wünsche der Bevölkerung mit den Absichten der Verbündeten deckten. Besonders für den Aachener Raum hatte sie fundamentale Bedeutung, weil sich hier zahlreiche kleine Herrscherdynastien den Besitz des Landes teilten – sehr zum Nachteil einer fortschrittlichen Entwicklung von Handel, Wirtschaft und Verkehr sowie der öffentlichen Sicherheit!

April/Mai 1816: Bildung des Kreises Monschau. Zu ihm gehören 12 Bürgermeistereien, unter diesen die Bürgermeisterei Lammersdorf

Erster Landrat des Keises Monschau: Bernhard Böcking

Die preußische Regierung betrachtete es als ihre Pflicht, im Schulwesen, das während der französischen Verwaltung vielfach im Argen gelegen hatte, schon bald nach ihrer Machtergreifung überall verbessernd einzugreifen. So richtete sie an die Bürgermeister und Gemeinderäte die Aufforderung, für die Besoldung der Lehrer zu sorgen und die Kosten in das Gemeindebudget aufzunehmen. Auf die Verbesserung des Erziehungs- und Unterrichtswesens,  hieß es weiter, müsste ernstlich der Blick gerichtet werden. Deshalb sollten die Lehrer eine den Lebensbedürfnissen angemessene Besoldung beziehen. Auch auf die Weiterbildung der Lehrkräfte wurde besonderer Wert gelegt. In Monschau eröffnete man einen Kursus für Elementarschullehrer und Schulamtskandidaten.

In Lammersdorf erhielt Johann Victor, der seit 1813 als Küster Dienst tat, aber außerdem auch Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtete, sein erstes festes Lehrergehalt. Pfarrer Mathias Michael Bonn führt hierzu aus: „Bis zur neuen Organisation des Schulwesens gaben die zeitlichen ... Vicare den Schulunterricht. Von dieser Zeit an wurden eigens dazu besoldete Lehrer ernannt. Der erste war Johann Victor aus Walheim, Kr. Gemünd, er bezog anfänglich aus den monatlichen Schulgeldern 65 Rthlr. Clev. und 82 Thlr. im Jahre 1816. Diesem folgte im Jahre 1821 (vier Jahre blieb die Stelle unbesetzt) Wilhelm Fischer aus Blankenheim...“

Eine preußisch-königliche Verordnung legte neue vaterländische Festtage fest, und zwar anlässlich der Siege der Verbündeten über Napoleon in Leipzig am 18.10.1813, in Paris am 31.3.1814 und vor Waterloo (oder Belle-Alliance) am 18. Juni 1815. Es kennzeichnet die Stimmung der Bevölkerung zur damaligen Zeit, dass verschiedene Gruppen dieser Aufforderung umso freudiger entsprachen, als sie diese Veranstaltungen als symbolische Akte des Erinnerns an die Befreiung vom französischen Joch werteten.

1815/16: Nach einem ungewöhnlich harten Winter kamen die Schafe bis in den April hinein nicht aus den Ställen. Die Frühjahrsaussaat war Mitte Mai noch nicht beendet. Anfang Juni begann der Regen und dauerte mit ganz kurzen Unterbrechungen bis in die Herbstzeit, sodass Ende September das Heu noch nicht eingebracht war. Von den Feldfrüchten war nichts reif geworden. Der damals so wichtige Hafer stand Mitte Oktober noch grün auf dem Halm. Da fing es auch schon an zu frieren und zu schneien. Bei einer Schneelage von drei Fuß hat man dann noch die halb faulen und schon erfrorenen Kartoffeln ausgegraben, wobei von drei Personen zwei damit beschäftigt waren, den Schnee fortzuräumen.

1816/17: Es waren Jahreszeiten mit extrem ungünstigem Wetter durchzustehen: ein sehr frostiges Frühjahr und bis in den Spätherbst andauernde Nässe. Eine große Missernte erst im November blieb nicht aus. Der Torf konnte infolge Übernässung nicht eingebracht werden.

Der Winter fiel ebenfalls katastrophal aus, und auch die ihm folgenden Jahreszeiten waren von einem extrem ungünstigen Wetter gekennzeichnet.

Als tragische Folgen all dessen stellten sich Teuerungen, wucherische Umtriebe, Hungersnöte und verheerende Krankheiten ein.(siehe auch Chronik Eicherscheid) Der Hunger war so groß, dass man selbst aus Kadavern von gefallenem Vieh sich noch Fleischstücke zum Verzehr herausgeschnitten hat.

Pfarrer Mathias Michael Bonn beschreibt die Notjahre in seinem „Gedenkbüchlein für Lammersdorf“ sinngemäß wie folgt: 1816 war ein gänzliches Missjahr, für das Monschauer Land umso bedrückender, als die meisten Feldfrüchte unreif blieben und schließlich auch noch erfroren. Das folgende Jahr 1817 wurde deshalb ein schlimmes Hungerjahr. Die Preise stiegen unerhört, und die Vorräte gingen auf. Gekocht und gegessen wurde unter anderem Mus aus Gras, Brennnesseln, Klee und sonstigen Futterkräutern. Es gab Familien, die mehrere Tage hindurch nicht einen einzigen Bissen Brot hatten. Viele mussten betteln. Schließlich führte die Behörde ostseeischen Roggen ein. Ein Sechstel wurde verteilt, fünf Sechstel zur Minderung der Teuerung in der Gemeinde zu Brot verbacken. – Offensichtlich gingen der damalige Bürgermeister und sein Freund mit dem Roggen nicht redlich um; sie wurden verklagt.

Wie die folgende Übersicht zeigt, hatte die Notlage tragische Auswirkungen auf die Lebenserwartung der Menschen.

Sterberegister des Jahres 1817

Sterberegister

 

Das ist eine insgesamt sehr traurige Bilanz. Rund 74 % der Verstorbenen gehörten Jahrgängen an, in denen heute das Sterben eine unvergleichlich niedrigere Quote aufweist. Besonders leidvoll ist der hohe Prozentsatz von Kindern, die vor der Vollendung ihres 10. Lebensjahres sterben mussten, nämlich deutlich über 40 % ! Die Prozentsätze sind auf die Gesamtzahl der Verstorbenen bezogen.

Angesichts dieser außerordentlich misslichen Umstände ist es nur zu verständlich, dass die Stimmung der Bewohner der Nordeifel durch die überaus harten Heimsuchungen von Kleinmut und Resignation geprägt wurde..

Es ist erschreckend, wie rückständig die Lebensverhältnisse noch vor 150 Jahren waren. Eine Arbeitszeit von täglich 12, manchmal sogar 16 Stunden, auch am Samstag, war das Normale.

Für das Rheinland nahm man um diese Zeit noch 75 Prozent Analphabeten an. In der Eifel war die Zahl sicher noch größer, denn in den meisten Dörfern gab es keinen regelmäßigen schulischen Unterricht. 

Allgemein galt in den östlichen Regionen die Eifel damals als ein solches Schreckensgebiet, dass man sie als das preußische Sibirien bezeichnete.

1817: Im Amtsblatt wurde mitgeteilt, dass aus Lammersdorf vom Militärdienst zurückgestellt wurden: Harpersch, Christian aus gesundheitlichen Gründen und Mohr, Mathias als einziger Sohn einer allein nicht ernährungs- bzw. existenzfähigen Witwe.

1818: Die Königlich-Preußische Regierung zu Aachen gab folgende Information über ein Vermächtnis an die katholische Kirche in Lammersdorf bekannt:

„Auf Antrag des Kirchenvorstandes zu Lammersdorf und nach Anhörung der Verwandten und Intestat-Erben des zu Paustenbach verstorbenen Michael Graff haben wir mittelst Beschlusses vom 20. vorigen Monats die Kirche zu Lammersdorf authorisirt, dasjenige Vermächtniß einer Kapitalsumme von 550 Thlr. hiesiger Währung anzunehmen, welche derselben im Testamente des gedachten Graff zugesagt worden ist, um aus den Zinsen jener Summe an jedem Sonnabend eine Messe lesen zu lassen“...- Aachen, den 31. Dezember 1818

 

Ein Erdbeben suchte unsere Region heim.

1819: Der Anteil Lammersdorfs an der Tür- und Fenstersteuer im Jahre 1819 betrug 194 Rthlr., 9 Gr. und 3 Pf. – Im Vergleich mit den anderen Landgemeinden nahm Lammersdorf auf diesem Gebiet den 1. Platz ein.

In der Eifel lag das Gehalt der Lehrer zwischen 52 und 77 Talern jährlich, die damals im Allgemeinen von den Eltern aufzubringen waren.

1820: Die nördliche Region des Kreises Monschau war überwiegend bewaldet. Westlich der Linie von Monschau nach Lammersdorf dehnten sich weite Heide- und Ödlandflächen aus. Bei der Nutzfläche der Landwirtschaft herrschte Grünland vor. Diesen Nutzungsmöglichkeiten entsprechend, nahm in der landwirtschaftlichen Arbeit die Weidewirtschaft bzw. Viehzucht den vorrangigen Platz ein, während nur wenig Getreide angebaut wurde.

Insgesamt befand sich die Landwirtschaft in der Eifel in einem ganz besonders erbärmlichen Zustand. Die dominierenden extensiven Formen der Waldweide (z.B. die Schiffelwirtschaft) und das Abholzen der Wälder hatten zu einer negativen Veränderung weiter Landstriche geführt. Wenige Formen der Rotation mit langen Brachzeiten und ohne Düngung erbrachten nur geringe Erträge, Mangelernährung des Viehs durch fehlenden Futteranbau, Überbeanspruchung der Tiere und keinerlei Kontrolle bei der Viehzucht führten zu minderwertigen Beständen und erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten und Seuchen.

Hinsichtlich des erreichten gewerblichen Standes wird Lammersdorf unter den fünf Orten genannt, die bis zu neun "Manufakturen" besessen haben sollen. Außerdem findet man die Feststellung, in Lammersdorf sei eine Eisenhütte betrieben worden. Da Lammersdorf um diese Zeit aber der Sitz einer Bürgermeisterei war, zu der die Gemeinden Lammersdorf, Mulartshütte und Zweifall einschließlich ihrer Wohnplätze Mathars Mühe, Heppelag Zweifallshammer und Junkershammer gehörten, wird es sich wohl in Wahrheit um Produktionsstätten dieser Region und nicht um allein im Territorium unseres Heimatortes befindliche Betriebe gehandelt haben. So kann sich der Hinweis auf eine Eisenhütte nur auf die Orte Mulartshütte oder Zweifall bzw. auf die Wohnplätze Zweifallshammer oder Junkershammer beziehen.

Die Aachener Regierung informierte im Amtsblatt darüber, dass der Korrektionssträfling Nikolas Leisten aus Lammersdorf von den Arbeiten an Verschönerungsanlagen entwichen war. Sämtliche Behörden wurden ersucht, auf denselben ein wachsames Auge zu halten und ihn zur Absitzung der wegen Diebstahls verwirkten Strafe ins Gefangenenhaus abführen zu lassen. Es folgte dann eine nähere Beschreibung des Flüchtigen, der 19 Jahre alt war.

Unzureichende Ernährung und vorzeitiges Sterben von Kindern waren die tragischen Folgen einer Missernte und eines extrem strengen winterlichen Wetters.


 

1820er Jahre

1823: Laut „Contract über die Übergabe der Feuerbrandswaldungen von Seiten des landesherrlichen Fiskus... de dato 6.3.1823“ wurden die bisher im Besitz des preußischen Staates befindlichen Feuerbrandswaldungen dem ausschließlichen Eigentumsrecht der Gemeinden unterstellt. Dies bedeutete den Verzicht des preußischen Staates auf die bis dahin von jeder Feuerbrandstelle bzw. jedem Haushalt erhobenen Abgaben in Höhe von jährlich 27 Stübern, die fortan nicht mehr an die königliche Kasse abzuführen waren, sondern im Besitz der Gemeinden blieben.

1824: Am 4. Mai trat eine Verordnung der Königlichen Regierung zu Aachen zur Neuregelung des nächtlichen Wachtdienstes in Kraft. Lammersdorf hatte für sein Gebiet jede Nacht drei Mann zu stellen, die auf der Grundlage eines detaillierten Reglements den Wachtdienst versehen mussten. Das Nachtwachtwesen zählte zu dieser Zeit zu den sogenannten polizeilichen Gemeindeanstalten. Als Nachtwächter waren geeignete Bürger anzustellen. Zwischen dem Bürgermeister und dem angestellten Gemeindemitglied musste ein Vertrag abgeschlossen werden, der alle einschlägigen Pflichten, Rechte und Kontrollmechanismen detailliert und unmissverständlich zu regeln hatte. Lammersdorf gehörte zu jenen zehn Gemeinden, die nicht bereit waren bzw. es nicht als notwendig ansahen, Kontrolluhren anzuschaffen, die übrigens damals rund 80,00 Mark kosteten.

1825: In den preußischen Rheinlanden führte der Staat die allgemeine Schulpflicht ein. – Die Schulbehörde im linksrheinischen Gebiet versuchte, diese bis in die entlegenen Eifeldörfer hinein durchzusetzen, und ordnete an, den Unterricht auf die Sommermonate auszudehnen. In der Praxis jedoch wurde die Schulpflicht manchenorts ziemlich lasch gehandhabt. Allenthalben regte sich sogar Widerstand gegen die Schulpflicht, weil sie den Familien die nach ihrer Meinung für die Sicherung ihrer Existenz unverzichtbare Mithilfe der Kinder entzog.

Leo Dohmen schrieb: „Es ist eines der schönsten Ruhmestitel der preußischen Regierung, am Rhein dem Schulwesen einen Aufschwung gegeben zu haben. 1825 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Viel tat der Staat für die Ausbildung von Lehrern. Auf der Lehrerschaft des 19. Jahrhunderts beruhte die gewaltige Hebung der Volksbildung auf dem Lande. Aus dem Landvolke kommend, brachten sie als Bauern-, Handwerker- und Arbeitersöhne die Fähigkeit mit, nicht nur ihre Aufgaben als Lehrer zu lösen, sondern bewährten sich auch als Schrittmacher auf vielen anderen Gebieten, z.B. in der Landwirtschaft, im Obstanbau und in der Bienenzucht. Im Verbande der landwirtschaftlichen Kasinos halfen sie das Misstrauen der Bauern gegenüber den zahlreichen Neuerungen in Ackerbau und Viehzucht zu brechen. Das vorher auf dem Lande sehr weit verbreitete Analphabetentum wurde auf ein Minimum gedrückt.“

Das Katasteramt für den Regierungsbezirk Aachen führte eine statistische Erhebung über die Lebensverhältnisse der Menschen durch. – Lammersdorf betreffend, enthielt sie - bezogen auf das Jahr 1825 - unter anderem folgende Feststellungen:

- Die Gemeinde Lammersdorf stellte mit ihren 662 Einwohnern im Vergleich mit den anderen zur Bürgermeisterei gehörenden Gemeinden Mulartshütte und Zweifall die höchste Einwohnerzahl (48,4 % der insgesamt 1369 Einwohner zählenden Bürgermeisterei).

- Haupterzeugnisse der landwirtschaftlichen Produktion waren Hafer und Kartoffeln. Hafer wurde ausgeführt.

- Als Brennmaterial diente neben Holz größtenteils Torf, der im Territorium reichlich vorkam.

- Infolge des schlechten Weidganges traten des öfteren Vieherkrankungen auf.

- Ursache des zum Teil angetroffenen Wohlstandes waren einzig die mit Erfolg betriebenen Geschäfte im Handel.

Generell wurde den Bewohnern unermüdlicher Fleiß bestätigt und betont, dass sie sich darin von den Menschen anderer Gegenden unterschieden. Als Wünsche der Bürger registrierte der Bericht die unentgeltliche Heidebenutzung in den königlichen Wäldern und die Weidgerechtigkeit für die Schafe.

Lammersdorf hatte 651 Einwohner und 126 Häuser.

1826: In Lammersdorf wurde das erste Schulgebäude fertiggestellt.. – Seine Inbetriebnahme erfolgte, wie Zeitgenossen berichten, „weniger zur Freude als mit Ärger und Verdruss der meisten Einwohner“, weil es ein total verunglücktes Gebäude gewesen sei und auch während seiner Nutzung (bis 1856) immer wieder viel Geld gekostet habe. Auch der Platz des Schulgebäudes am Treffpunkt der Kirch- Sonntags- und Krämerstraße war von Anfang an Gegenstand geharnischter Kritik.

Über die ganze Misere um das „Bauwerk“ des Lammersdorfer Schulhauses berichtet Pfarrer Mathias Michael Bonn: „Lammersdorf hatte nun ein Schulhaus mit einem Schulsaal, aber weiter nichts darin als ein paar alte, halb zerbrochene, ungehobelte Bänke und Tische, so noch im Jahre 1835, nicht einmal für Wandfibel und Schultabellen war gesorgt ...“. Über den Zustand des Gebäudes äußerte Pfarrer Bonn unter anderem: „Dachziegel...waren...viel zu wenig. Weder mit Kalk eingeschmiert, noch mit Stroh gestopft war das Dach, und Schnee und Regen hatten freien Durchgang; die über Kreuz gelegten Balken, ohne alle Stütze, brachen nach nicht langer Zeit, und das Haus sank; die Lehmfach-Wände waren, weil das Gebäude dem Sturm von allen Seiten ausgesetzt gewesen ist, bald ausgewittert; dabei stand die Schutzwand von dem hölzernen Kasten, das ist wohl die rechte Bezeichnung für dieses Gebäude, einen Fuß weit ab ...Es ist zu bewundern, dass die Revision von allen diesen Übelständen nichts wahrnahm und das Gebäude guthieß, obwohl während des Bauens und nach Vollendung desselben sich mehrere kritische Stimmen ...ziemlich hart hören ließen.“

1827: Unter der Überschrift „Die Behandlung und Besserung verwahrloster Kinder betreffend“ wurde in diesem Jahre eine ministerielle Rundverfügung an die Schulen geschickt, in der es hieß:

„Außer und neben der Sorge für die Mittel zur Besserung und Erziehung verwahrloster und gefallener Kinder muss aber auch eine gleiche Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, dass die Quellen der Verwilderung und des Verderbens unter der Jugend erforscht und verstopft werden. Nach den dem Ministerio vorliegenden Erfahrungen und Notizen haben diese frühen traurigen Verirrungen vornehmlich in folgenden Umständen und Anlässen ihren Ursprung:

In dem Unglücke der unehelichen Geburt, wodurch die Kinder der strengeren väterlichen Aufsicht und Erziehung beraubt, einer leichtsinnigen oder unverständigen Mutter verlassen (überlassen), der Armuth oder oftmals der Verachtung hingegeben sind und daher leichter verwildern und verderben.

In den schlechten Beispielen der Eltern, die durch Wort und Tat ihre Kinder zum Bösen reizen und oft zu wirklichen Verbrechen anleiten.

In (der) Vernachlässigung des Schul- und besonders des Religions-Unterrichtes, welche hie und da in der schlechten Beschaffenheit der Schule und des Unterrichts sowie in der Sorglosigkeit der Lehrer und Geistlichen, häufiger aber in (der) Verwahrlosung und (im) üblen Willen der Eltern und Angehörigen ihren Grund hat...“

1828: Im Schulwesen orientierte das katholische Dekanat im Mai darauf, dem Unterricht im Gegensatz zur französischen Zeit wieder eine religiöse Ausrichtung zu geben. Der Pfarrer oder sein Kaplan sollten mindestens zweimal wöchentlich die Schule besuchen. Dem Lehrer ward empfohlen, an den übrigen Tagen das von den Geistlichen jeweils Vorgetragene zu wiederholen und dem Gedächtnis der Schüler einzuprägen. Das Schuljahr war mit einer religiösen Feier zu beginnen. Einmal im Jahr sollte im Gottesdienst der Schulunterricht in all seinen Beziehungen hervorgehoben werden. 

Die im Jahre 1828 in den drei Gemeinden der Bürgermeisterei Lammersdorf lebenden 260 Familien schöpften die Mittel zur Gewährleistung ihrer Existenz aus folgenden Quellen:  

erwerbsquellen

Gegen Ende des Jahres suchte unseren Ort ein Erdbeben heim, das sich in mächtigen Erdstößen und einem donnernden Getöse von Norden nach Süden äußerte. Am 3. Dezember berichtete Bürgermeister Linzenich: „Gegen halbsieben Uhr abends hörte man in der Luft ein Sausen und ein immer mehr nahendes Getöse, das zuletzt dem Heranrollen mehrerer Wagen ähnlich war, und im Augenblicke, wo Stille eintrat, bemerkte man eine von Mitter-nacht her beginnende Schwingung und heftige Erschütterung des Hauses; diese Schwingungen glaube ich in dem Zeitraum von einer Minute noch zweimal wahrgenommen zu haben, deren letzte mit so heftiger Erschütterung und so furchtbarem Krachen des Hauses endigte, als wenn dasselbe dem Einsturze nahe wäre. Darauf trat eine plötzliche, einige Sekunden anhaltende Stille ein, worauf nun wieder ein starker Wind folgte.“ 

1829: Im Herbst herrschte ein solch regnerisches Wetter, dass wiederum eine Missernte zu beklagen war. Das meiste Erntegut, auch das Heu, musste nass eingescheunt werden, was seine Qualität beträchtlich minderte. Viele Früchte, vor allem Kartoffeln, blieben den Winter über im Felde stehen und verdarben gänzlich. Kaum ein Viertel des üblichen Ernteertrages wurde eingebracht. Große Flächen, die für die Aussaat von Roggen vorgesehen waren, konnten die Bauern nicht bestellen.

1830: Bedingt durch die Ernteverluste des Vorjahres, herrschten in weiten Teilen des Landes Monate hindurch schlimme Hungersnöte. Die Fruchthändler aus Roetgen, Lammersdorf, Strauch, Monschau und Kalterherberg kauften für die hungernde Bevölkerung im reichen Dürener Land Getreide auf.

Solche Missernten gehörten zu jenen Ursachen, die einen Teil der ohnehin schon sehr armen Bevölkerung, die sich nur kümmerlich ernähren konnte, zu Auswanderungen in andere Länder gezwungen haben. Hier wollten sie aus dem Nichts heraus eine neue Existenz gründen, was jedoch bei weitem nicht jedem gelang.

Glücklicherweise fiel dann aber die Hafer- und Kartoffelernte in diesem Jahre recht günstig aus.

Angesichts der bürgerlichen Revolution in Frankreich und der Auseinandersetzungen zwischen Belgien und Holland, in deren Ergebnis sich Belgien von den Niederlanden losriss und ein selbständiges Königreich wurde, konzentrierte der preußische Staat zum Schutze seiner Grenzen und zur Gewährleistung der inneren Sicherheit in unserem Gebiet verschiedene Truppenverbände. Die Durchmärsche und Einquartierungen der Soldaten brachten für die Menschen des Monschauer Landes erneut militärische Belastungen mit sich. In Lammersdorf logierten zeitweilig 211 Mann. Im Dezember desselben Jahres war die 11. Kompanie des 26. Infanterie-Regiments im Ort untergebracht.


 

1830er Jahre

1831: Angesichts der drohenden Cholera wurden im Dorf die notwendigen Vorkehrungen getroffen: Bettstellen und Bettzeug im Werte von 89 Talern, 19 Silbergroschen und 2 Pfennigen angeschafft und ein Cholera-Friedhof eingerichtet. Die Flur, welche später diese Bezeichnung erhielt, ist nach Josef Kreitz ein Wegespliss in der Gasse, die von der Köllzetergasse zur Kläranlage im Keltzerbachtal hinunterführt. Heute erkennt man den Platz nur noch als Ausweitung des Weges. Ob der Friedhof je genutzt wurde, ist unklar. Einerseits fanden sich vor Jahrzehnten noch Steine, die als Reste von Grabdenkmalen angesehen werden konnten. Andererseits schreibt Johann Bendel, Zweifall und Mulartshütte seien ebenso wie Lammersdorf und die übrigen Dörfer... des Kreises Monschau von der Cholera verschont geblieben. Es herrschte eine Hungersnot, von der die Bevölkerung in verheerendem Ausmaß betroffen wurde.

 1834: Die bisher gemeinschaftlich genutzten Feuerbrandswaldungen wurden unter den Gemeinden Simmerath, Bickerath, Paustenbach und Lammersdorf aufgeteilt. - Unser Ort erhielt ca. 1 700 Morgen, worunter viele Morgen Blöße waren. Bisher konnte Lammersdorf wie die anderen Gemeinden das ganze Venn von 12 000 Morgen zum Torfstechen und zur Heidestreu-Mahd nutzen. Infolge der Teilung hatte es nur noch den Genuss von etwa 700 Morgen, was zum Nachteil manches Armen gereichte, zumal er nichts dazupachten konnte

1835: Als Gehalt erhielt der Lehrer um diese Zeit 110 Thlr. im Jahr nebst Wohnung und Garten, davon 80 Thlr. 22 Sgr. 6 Pfg. aus den Schulgeldern. Für die Beheizung des Schulzimmers wurden ihm 10 Thlr. gezahlt.

Die Erziehung der Jugend zur christlichen Erkenntnis und zur Frömmigkeit wurde unter die Aufsicht der Kirche gestellt. Am 15. Oktober kam Mathias Michael Bonn als Pfarrer nach Lammersdorf. Er wirkte am Ort bis zum November 1860 und verfasste das wertvolle Gedenkbüchlein für Lammersdorf, welches 1848 erschien.

 1837: Im Januar herrschte eine Woche lang dicker, stinkender, die Tage verdunkelnder Nebel, als sei stets Abenddämmerung. – Diesem Wetter folgte eine Grippe-Epidemie. 160 Lammersdorfer erkrankten. Glücklicherweise mussten nur wenige sterben. Den April prägte ein außergewöhnlicher Schneefall. – Nachdem Anfang des Monats die Landschaft bereits schneefrei war, setzte am 7., 8. und 9. April ein solcher Schneefall ein, wie ihn die älteren Leute zeit ihres Lebens noch nicht erlebt hatten. Allgemein lag der Schnee vier Fuß hoch. An vielen Stellen entstanden 16 bis 20 Fuß hohe Wehen, sodass fast jegliche Kommunikation von Dorf zu Dorf, ja verschiedentlich sogar zwischen Nachbarn gehemmt war. Häuserhoch stand der Schnee am Hohen Venn. Hinzu kam am 8. April ein solch gewaltiger Sturm auf, dass die Häuser erzitterten.

Der 4. September war der Tag der Einweihung einer neuen Kirchenglocke, weil die kleine, 407 Pfund wiegende Glocke geborsten war. - Die neue wog 1025 Pfund. Sie wurde von den Mädchen glänzend poliert sowie mit Bändern und Blumengirlanden geschmückt. Auf der einen Seite trug sie das Bildnis Jesu, auf der anderen das Bild Mariens. Ihre Umschrift hatte den Wortlaut: „Hubert Coenzer und die Einwohner gaben gerne zur neuen Glocke ihre Gaben. Nun, neu gegossen, tönt sie allen Dank.“

Pfarrer Mathias Michael Bonn berichtete: „Der hiesige Jüngling Mathias Hubert Cönzer [gestorben den 31. Mai 1836] schenkte zur Anschaffung einer neuen Glocke... die Summe von 170 Thl. Preuß. Hierdurch angeregt, wünschte man nun anstatt dieser eine neue größere Glocke, und die Einwohner brachten ihre Gaben gerne, jeder nach seinen Vermögens-Umständen; altes Kupfer und Zinn ward auch gesammelt... Die feierliche Einweihung der Glocke hatte nicht nur die Einwohner, mit Feierkleidern angetan, zahlreich versammelt, sondern auch viele Auswärtige herbeigerufen. Als Pathen standen bei dieser Weihe 1) besondere Wohltäter [Der Notar Carl Emonts aus Cornelymünster und dessen Ehefrau Anna Margarete Becker; der Ackerer Mathias Johnen von Strauch], 2) die Kirchmeister [Joseph Dressen; Mathias Röntgen; Michael Strauch (Mich. Sohn); Wilhelm Falter und Peter Wilh. Simons], 3) der Bürgermeister [Christian Linzenich und sein Sekretär, Michael Victor, Schullehrer zu Simmerath], 4) die Gemeinderäthe [Jo. Arn. Johnen und seine Frau Anna Cath. Coenzer; Johann Peters; Peter Wilhelm Falter und dessen Frau Agnes Simons] und 5) viele der Meistbegüterten [Johann Genter; Math. Hubert Mathar; Peter Lauterbach; Hubert Genter und die Jünglinge Gerard Johnen und Michael Paustenbach; sodann noch als Pathinnen: Anna Maria Cönzer, Schwester des Math. Hub. Cönzer; Anna Maria Simons; Anna Maria Kopp; Anna Maria Linzenich und Josephina Cönzer]. Die Glocke erhielt den Namen ‘Carl Maria’.“ 

1837: Zunächst stand die neue Glocke auf dem Kirchhof. Als sie nach wenigen Tagen in den Turm gebracht werden sollte, fand sich, dass der Glockenstuhl ganz und gar aus- und abgefault war. Aber bereits am 20. Oktober konnte die Glocke in den neu gefertigten Glockenstuhl eingehängt werden. Die Neuanfertigung kostete 49 Thlr. 23 Sgr.; das Geld wurde durch freiwillige Beiträge aufgebracht.

Die Einweihungsfeier gestaltete sich zu einem wahren Volksfest.

Der 1. und 2. November waren Tage mit furchtbar stürmischem Wetter, das von heftigen Erderschütterungen begleitet wurde.

In diesem Jahre wurde mit dem Bau der Straße von Schleiden über Einruhr, Kesternich, Simmerath und Lammersdorf zur Staatsstraße von Aachen nach Trier begonnen.

1838: Am 15. April erzeugte das Wetter einen gewaltigen Sturm; danach folgten viel Schnee und ein leichteres Erdbeben.

 Es wurde begonnen, eine befahrbare Straße von Witzerath bis zum Kallbach auf der Simmerather Seite und von dort hinauf bis Lammersdorf zu bauen. – Damit entstand eine Chaussee als Verbindung zwischen Simmerath und unserem Ort.

Der preußische Staat erließ Regelungen zur Kinderarbeit. Es war fortan verboten, in Fabriken, Berg- und Hüttenwerken Kinder zu beschäftigen, die das 9. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten. Für Kinder bis zum vollendeten 16. Lebensjahr durfte die tägliche Arbeitszeit, die zwischen 5 und 21 Uhr liegen musste, nicht über 10 Stunden betragen. Daneben galten die gesetzlichen Bestimmungen über die Schulpflicht. Wer keinen dreijährigen regelmäßigen Schulunterricht nachweisen konnte, durfte vor Vollendung des 16. Lebensjahres nicht in Fabriken beschäftigt werden.

Ungünstiges Wetter führte dazu, dass auf den Feldern fast kein Korn geriet.

Am 29. Februar erschrak ein Erdbeben mit starken Stößen, welche die Fenster zum Klirren brachten, die Menschen.

1840: Die Kriegsreservisten aller Waffengattungen sowie des 1. und 2. Aufgebotes der Landwehr wurden am 18. Oktober im Lammersdorfer Gotteshaus auf den neuen König vereidigt, der kurz vorher den preußischen Thron seines Vaters als Friedrich Wilhelm IV. bestiegen hatte.

Eine große Reparatur und Verschönerung am Kirchengebäude, dessen Zustand sehr unbefriedigend geworden war, wurde in Angriff genommen.

Die Maul- und Klauenseuche brach aus und verbreitete sich.. – Als Ursache wurde das Abfressen jungen Laubes ausgemacht, das in diesem Jahre von unzähligen sogenannten spanischen Fliegen befallen gewesen sei. Zur Heilung der Krankheit verwandte man Essig, „von jedem einen Schoppen“ Urin und Schornsteinruß mit Salz und Pfeffer untermischt. Mit dieser Mixtur ward den erkrankten Tieren Maul und Rachen mehrmals am Tage ausgewaschen.


 

1840er Jahre

1842: Während der gut vier Monate vom 18. April bis zum 25. August herrschte ein besonders trockenes Wetter vor. Es gab nur unbedeutende Gewitter. Die älteren Leute konnten sich an eine solche Hitze nicht erinnern. Im August zeigte das Thermometer 29 – 31 Grad im Schatten. 

1843: Im März brachen die Pocken aus. Sie befielen meist Mädchen im Alter von 18 bis 20 Jahren, aber auch Frauen im Alter von 26 bis 28 Jahren. Männer ereilte die Krankheit nicht. Ein Kind starb an der Krankheit.

Ein lang anhaltendes nasses Wetter führte dazu, dass die Früchte auf den Feldern zu zwei Dritteln verdarben. Das tragische Ergebnis dieser Missernte waren furchtbare Hungersnöte.

1844: Roggen und Kartoffeln gerieten sehr schlecht, weil das Wetter einen durchgängig nassen Sommer beschert hatte.

Man umfriedete den Cholera-Kirchhof mit einer neuen Mauer und stellte ein neues Kreuz auf.

1845: Während Lammersdorf im Jahre 1700 noch 360 Einwohner hatte, waren es im Jahre 1845 bereits 800 – sehr deutlich mehr als das Doppelte. Dementsprechend wuchs auch die Anzahl der Häuser von 60 im Jahre 1700 auf 132 im Jahre 1845.

Als Erwerbsquellen nutzten die Menschen nach wie vor insbesondere Ackerbau und Viehzucht. Angebaut wurden reichlich Hafer und Kartoffeln, aber auch Roggen, Gerste, Erbsen und Kleefutter. Neben der landwirtschaftlichen Arbeit, die sich zumeist in bäuerlichen Klein- und Kleinstbetrieben vollzog, dienten verschiedene Tagelohnarbeiten, das Fuhrwesen und das Handwerk, unter anderem das Wollspinnen und das Besenbinden, der Existenzsicherung der Familien.

1845: Das Wetter war von einem sehr langen Winter mit strenger Kälte gekennzeichnet. Demzufolge konnte nur eine Ernte eingebracht werden, die kaum die Aussaat zurückgab. Der Hafer, wovon der Ackersmann in gewöhnlichen Jahren zu verkaufen hatte, um aus dem Erlös die Steuern und häuslichen Bedürfnisse zu bestreiten, musste für den dringendsten Lebensunterhalt verbraucht werden. Eine ausgebrochene, hier nie gekannte Kartoffelkrankheit machte die Knollen für die Menschen (nicht für das Vieh) ungenießbar. Ihre Ausfuhr wurde verboten. Infolge der Missernte stiegen die Preise anderer Lebensmittel sehr an. Erneut griffen große Armut und Hungersnöte um sich. Die seit langem zum Bau veranlagte Strecke Weges unterhalb Lammersdorfs bis ins Dorf hinein wurde endlich chausseemäßig ausgebaut.
1846: Das erste Spritzenhaus zur Unterbringung der Löschspritze der Lammersdorfer Feuerwehr wurde an der Ecke Sonntags-, Krämer-, Kirchstraße erbaut.

Erneut plagten die Folgen einer Missernte die Menschen. Das Korn, der Hafer und die Kartoffeln gediehen schlecht. Letztere wurden wie im vergangenen Jahr von der Kartoffelkrankheit befallen, wodurch ein großer Teil im Felde verfaulte. Für einige fiel die Ernte so schlecht aus, dass sie zwei Monate später schon keine Kartoffeln mehr hatten. Bedingt durch den Ausfall eines großen Teiles der Nahrungsmittel, trat eine Teuerung ein, und es entstand große Not unter der „mittleren und geringen“ Volksklasse. Beispielsweise kostete das achtpfündige Roggenbrot auf dem Höhepunkt der Teuerung 8 Silbergroschen. Auch in diesem Jahre reichte die Haferernte nur für den unmittelbaren Lebensunterhalt der bäuerlichen Familien.

Wiederum fand ein Erdbeben statt.

1847: Wegen der überhand genommenen Felddiebstähle wies der Landrat am 13. August die Bürgermeister an, in den Gemarkungen ihrer Gemeinden außerordentliche Feldpatrouillen durchzuführen. Entdeckte Felddiebe sollten dem Bürgermeister oder dessen Vertreter zur Aufnahme eines Protokolls und zur Bestrafung vorgeführt werden. Das verstärkte Auftreten solcher Delikte war gewiss zu einem Teil dem eklatanten Mangel an Nahrungsmitteln infolge der seit Anfang der 1840er Jahre besonders oft aufgetretenen Missernten geschuldet.

Die Folgen der Missernte des Vorjahres waren auch im Jahr 1847 zu spüren. Das achtpfündige Roggenbrot kostete jetzt sogar 10 bis 13 Silbergroschen. Im August trat die Kartoffelkrankheit wieder auf, jedoch in abgeschwächter Form, sodass es eine ergiebigere Ernte gab als 1845/46. Aber endgültig gebannt war die Hungersnot noch nicht. Die Heuernte lieferte infolge des trockenen Wetters nur die Hälfte eines normalen Ertrages.

Das Jahr 1848, das die politischen Verhältnisse fast in ganz Europa verschob, schlug sich auch im Leben vieler Eifeldörfer nieder. In der Eifel verkamen allerdings die ernsten politischen Vorgänge oft zu verflachten Nachahmungen, die eines karikaturhaften Einschlages nicht immer entbehrten. Dennoch machte sich immer spürbarer eine tiefe Sehnsucht nach mehr bürgerlicher Freiheit breit, verlangte das Volk die Beseitigung der Rechte der Großherzöge, Herzöge und Fürsten, wollte es einen Staat mit moderner Verfassung.

Die Aufhebung der Pressezensur in Preußen am 17. März war für die Monschauer Zeitungsmacher das Signal zur Schaffung einer demokratischen Zeitung. Bereits am 30. März erschien die erste Ausgabe des Monschauer "Stadt- und Landboten“. - Er vertrat die politische Linie, die Menschen müssten mittels einer auf fester Grundlage stehenden konstitutionellen Monarchie vor dem Missbrauch der gewonnenen Freiheiten durch ultrarevolutionäre, kommunistische Zielsetzungen geschützt werden. Unterschiede der Stände seien für das Bestehen der menschlichen Gesellschaft unabdingbar. Zu fordern sei eine Verfassung, die dem Volke durch eine parlamentarische Vertretung ein Mitspracherecht gewähre.

Der „Stadt- und Landbote“ nutzte die neue Freiheit und äußerte sich zunehmend intensiver zu politischen Ereignissen. Bis zum Jahresende 1848 stieg der Anteil der politischen Artikel auf über 50 Prozent. So versteckte sich das Blatt auch nicht mit seiner Meinung zu den fatalen Vorfällen in Berlin, wo die Soldaten auf Befehl des Königs in die aufgebrachte Menge schießen mussten. Auch der „Stadt- und Landbote“ sei den in Berlin Verblichenen, betonte die Redaktion, zu doppeltem Dank verpflichtet, schließlich habe ihr Tod ihm das Leben gegeben.

Die Menschen im Monschauer Land stellten 1848 besonders folgende Forderungen:

  • Pressefreiheit und Mitspracherecht,
  • die Aufhebung des Schulzwanges,
  • die Beendigung der Aufforstungen mit der Rotfichte (dem „Prüßeboom"),
  • die Genehmigung der Urbarmachung bestimmter Waldflächen zur landwirtschaftlichen Nutzung sowie
  • Maßnahmen gegen die sich infolge des Niedergangs der Tuchindustrie rapide ausbreitende Arbeitslosigkeit.

Immer noch war um diese Zeit hier und da der von der französischen Revolutionslosung abgeleitete Ausspruch zu hören: „Freiheit, Gleichheit, Republik – wär mer doch de Preuße quitt !“.

Im Allgemeinen konnte die Eifelbevölkerung mit den Ideen der Revolution nicht viel anfangen, zumal die meisten Pfarrer diese als unchristlich verurteilten. Schnell fand man sich mit den Gegebenheiten ab. Zunehmend verfestigte sich das bereits aufgekeimte deutsche Nationalbewusstsein.

Pfarrer Mathias Michael Bonn veröffentlichte sein Gedenkbüchlein für Lammersdorf, das in origineller und sehr informativer Form die Geschichte der katholischen Pfarre und der Gemeinde Lammersdorf beschreibt.

Wiederum war eine Missernte zu beklagen. Erneut trat die Kartoffelkrankheit auf, und die Früchte gerieten schlecht.

1849: Aus dem folgenden Auszug aus der „Personalchronik des Kreises Monschau“ ist ersichtlich, welche Ämter von Lammersdorfer Bürgern in der Zeit von 1817 bis 1849 ausgeübt wurden.

personal

In diesem Jahre begann die reaktionäre Wende, eine Periode der Liquidierung aller Errungenschaften der 48er Märzrevolution. Allenthalben war das Wiederanziehen der Daumenschrauben gegenüber der Presse zu beobachten, sodass auch der erst im März 1848 erschienene, sich anfangs politisch sehr engagierende "Stadt- und Landbote" sich schon bald in ein weitgehend unpolitisches Blättchen verwandelte.

 

Eine furchtbare Krankheit zog ihre grausame Spur: Die Pocken grassierten im Lande wie nie zuvor.

Die Bevölkerungsstatistik sagt aus, dass Lammersdorf in diesem Jahre 737 Einwohner hatte. Die Anzahl der Häuser betrug 135.

Endlich schien die Kartoffelkrankheit abzuklingen, denn trotz ihres erneuten Auftretens gerieten die Früchte in zunehmendem Maße recht gut.

1840er Jahre: In diesem Jahrzehnt begannen die Abwanderungen von Menschen aus der Eifel – sowohl die Binnenwanderungen, also in andere Gebiete Deutschlands, als auch die Auswanderungen in andere Länder. Die Ursachen waren vor allem fehlende Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und dadurch bedingte schlechte Lebensverhältnisse

In diese Zeit fiel die Errichtung eines neuen, dauerhaften und schönen Pfarrhauses als Ersatz für das alte, sich durch einen miserablen Zustand kennzeichnende Gebäude. Von Pfarrer Mathias Michael Bonn sind uns die zahlreichen Unannehmlichkeiten überliefert, welche die seit 1819 andauernden Anstrengungen um Abhilfe mit sich brachten. Erst infolge des Einschreitens der höheren Behörden konnte jetzt mit dem Neubau begonnen werden.

Die vielen Unliebsamkeiten und Verzögerungen bei der Erweiterung der Kirche, die zahlreichen Mängel beim Bau des Schulgebäudes und des Pfarrhauses veranlassten Pfarrer Bonn zu der folgenden Beschwörung: „Möge niemals mehr der böse Geist in dieser Gemeinde herrschen. Mögen Alle, was gut ist, mit freudigem Herzen helfen befördern! Das gebe Gott!“

Auch 1850 (und in den Jahren danach) zeigten die Benachteiligungen durch das Klima und den kargen Boden des Monschauer Landes, aber auch die wieder verstärkt aufgetretene Kartoffelkrankheit ihre fatalen Wirkungen: Missernten führten zur Steigerung der Brot- und Kartoffelpreise, nicht selten bis in wucherische Dimensionen, und hatten in leidvollem Maße Hungersnöte und Armut vieler Menschen zur Folge.

Hinzu kam noch die Mobilmachung der Armee im Rahmen eines drohenden Krieges mit Dänemark. Nicht genug damit, dass viele Männer einberufen wurden, mussten die Gemeinden auch noch bestimmte Mengen des ohnehin knappen Getreides und Heues für die Magazine in Koblenz, Köln, Wetzlar, Deutz, Andernach und St. Goar liefern. Später konnten diese Verpflichtungen auch mit Geld abgegolten werden, was allerdings immer noch hart genug war.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts flossen allmählich effizientere Produktionsmethoden in die Landwirtschaft ein: Rationalisierung und Mechanisierung erhöhten die Produktivität der bäuerlichen Arbeit. Erste Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung der Bauern unterstützten diesen Prozess.

Die meisten Straßen erhielten erstmals eine Packlage. Etwa um diese Zeit wurde die durch Lammersdorf führende Fernstraße von Düren nach Monschau und weiter nach Luxemburg (die heutige B 399) fertiggestellt.



1850er Jahre

1851: Das Wetter war in diesem Jahre wieder sehr ungünstig, sodass die Feldfrüchte im Allgemeinen wenig Ertrag lieferten. Außerdem herrschte wiederum die Kartoffelkrankheit. Zwangsläufig stellten sich erneut Teuerungen, Hunger und Futtermangel ein.

1852: Der Ort zählte um diese Zeit 744 Einwohner.

Erneut verursachte ein extremes Wetter eine Missernte. Lang anhaltende Niederschläge hatten zu einer das Wachstum der Früchte arg beeinträchtigenden Fäulnis geführt.

Die Röteln bereiteten sich aus.

Immer noch grassierte die Kartoffelkrankheit, die sich auf Ertrag und Qualität der Kartoffeln nach wie vor sehr nachteilig auswirkte.

1854: Das ungünstige Wetter (häufiger Schneefall und langanhaltende Kälte) beeinträchtigte in hohem Maße die Ernte. Es kam zu einer allgemeinen Teuerung der Lebensmittel, von der besonders die Tagelöhner sehr hart getroffen wurden und extremen Mangel erleiden mussten.

 1855: Der preußische Staat bildete den ersten Eifelfonds. Dessen finanzielle Mittel sollten insbesondere für Verbesserungen in der Forstwirtschaft eingesetzt werden. Zunächst ging es dabei darum, die entwaldeten Bergrücken und die kahlen, 400 bis 600 Meter über NN liegenden Hochflächen zum Schutze der Täler wieder mit einem Waldmantel zu versehen, um einerseits Klima und Boden günstiger zu beeinflussen und andererseits die Gemeindeeinnahmen zu mehren. Im gesamten Regierungsbezirk Aachen sind zu diesen Zwecken in den Jahren 1855 bis 1866 über 18 000 Morgen Fläche aus Staatsmitteln aufgeforstet worden. Resultierend aus ihrer Sorge um die Schafweiden, aber auch aus einer verbreiteten Abneigung gegen das Nadelgehölz ("Prussenholz" oder „Prusseboom“) setzten viele Bauern den Aufforstungen in der ersten Zeit heftigsten Widerstand entgegen. So steckte man beispielsweise die jungen Pflanzen vor dem Ausbringen in die heiße Backröhre, um ihre Keimfähigkeit zu vernichten, oder man riss ausgepflanzte Stecklinge wieder heraus und zerstörte Schonungen. Den Waldarbeitern und den Aufforstungsräumen musste gebietsweise sogar militärischer Schutz gegeben werden. Immer noch war nicht selten zu hören: „Freiheit, Gleichheit, Republik – wär mer doch de Preuße quitt !“. Erst später lernten die Menschen den Nadelwald als eine der wichtigsten Quellen der Hebung ihres Lebensstandards schätzen. Auch in diesem Jahre verursachte ungünstiges Wetter (häufiger Schneefall und langanhaltende Kälte) eine Missernte mit extrem niedrigen Erträgen bei fast allen Fruchtarten, und wiederum waren Mangel an Nahrung und Futter sowie Teuerungen die Folge. Das zweite Lammersdorfer Schulgebäude wurde in Betrieb genommen. – Die Gemeinde hatte für die Errichtung des neuen Schulhauses von dem Ackerer Mathias Hubert Jansen in der Nähe der Kirche ein Grundstück gekauft. Ein Chronist schreibt: "Ein schönes, stattliches Schulhaus steht jetzt an der Dorfstraße, aber auch ein ebenso kaltes und feuchtes. Viele tausend Thaler hat der Neubau gekostet und auch schon viele hundert Thaler an Reparatur." Die Ernte des Roggens fiel äußerst schlecht aus.

1857/58: Im Jahre 1957 standen in Lammersdorf 140 Häuser.

Das Wetter bescherte in beiden Jahren heiße und trockene Sommer. Dies hatte Wassermangel und Mangel an Weidemöglichkeiten, geringen Graswuchs, wenig Heu und kümmerliches Haferfutter zur Folge. Die Bauern sahen sich gezwungen, viel Hornvieh billig zu verkaufen oder abzuschlachten.

 1859: Häufiger Schnee mit starkem Frost in den Monaten März und April sowie nachfolgende Nachtfröste bis in den Mai hinein kennzeichneten das Wetter. Der Roggen lieferte demzufolge nicht die Hälfte eines gewöhnlichen Ertrages; auch die Haferernte fiel sehr gering aus.

Pfarrer Mathias Michael Bonn wurde nach 25-jähriger Tätigkeit in Lammersdorf mit Wirkung vom 2. November nach Düren versetzt. Josef Kreitz äußerte sich zu der Versetzung wie folgt: „Pfarrer Bonn... war kein Bürokrat, kein Mann der Schablone. Er erfüllte seine Akten mit Leben. So gibt er z.B. in den Sterbebüchern auch die Sterbeursachen an, er charakterisiert die Verstorbenen sowohl im guten als auch im schlechten Sinne, wenn es nötig war, in seitenlangen Zusätzen... Dadurch hat er sich wohl manchen Ärger, aber auch so manche Freude vom Herzen geschrieben. Sein Mut, die Schablone zu umgehen, hat ihm unheimliche Unannehmlichkeiten gebracht, sowohl bei den Lammersdorfern als auch bei der vorgesetzten Behörde, beim Generalvikariat in Köln... Das Verhältnis hatte sich schließlich so zugespitzt, dass er in der Gemeinde nicht mehr länger verweilen konnte. Die Angelegenheit endete mit der Versetzung Pfr. Bonns, zumal er sich von der vorgesetzten Behörde nicht hatte belehren lassen... Nach Aussagen der alten Leute soll Pfr. Bonn bei seinem Weggang... im Pohl von seinem Pfarrkindern mit Steinen beschmissen und sogar mit Gerten verprügelt worden sein. Dabei habe Pfr. Bonn den Fluch über L. ausgestoßen, dass nie mehr ein Sohn der Gemeinde den Weg zu einem geistlichen Beruf finden werde. – Dieser Fluch ist aber nicht in Erfüllung gegangen.

Für uns, die wir Heimatgeschichte betreiben, ist Pfr. Bonn ein hochinteressanter Mann gewesen. Seine Chronik können wir heute kaum ersetzen, da manche Quelle, die er benutzt hat, längst versiegt ist; dazu gehören schriftliche Quellen, die mündliche Überlieferung und seine eigenen Taten, Erlebnisse und Eindrücke.“

Infolge des vorherrschenden Nord-Ost-Windes fiel zeitweise im Frühjahr viel Schnee und fror es bis in den Mai hinein nachts stark. Während des Herbstes herrschte fast anhaltend kalte und nasse Witterung. Dieses Wetter führte dazu, dass der Hafer nicht reif wurde und nicht trocken eingescheunt werden konnte. Viele Bauern waren genötigt, ihn zum Trocknen wieder auszufahren. Eine beachtliche Menge vermoderte. An Saathafer für das folgende Jahr mangelte es erheblich. Dieses erbärmliche Resultat zeigte sich auch beim Roggen und bei den Kartoffeln. Schwere Einbrüche bei der Versorgung der Menschen und der Tiere waren unausweichlich.

 

1860er Jahre

1861: Da aus dem Jahre 1860 kein geeignetes Saatgut zur Verfügung stand, wurde mit Bewilligung der Gemeinderäte Saathafer angekauft und an bedürftige Bewohner gegen Bürgschaft verteilt. Letztere mussten ihn später geldmäßig incl. Zinsen wieder erstatten. Die Kartoffelkrankheit grassierte immer noch.

1862 – 1864: Das katholische Kirchengebäude wurde restauriert und um eine Eingangs- und Taufkapelle beiderseits des Turmes erweitert. – Die Kosten für die umfangreichen Arbeiten gingen sämtlich zu Lasten der Pfarrgemeinde. Sie wurden durch Spenden, zum Teil auch durch Verkäufe gedeckt. Über die Dimension des Aufwandes gibt die Tatsache Auskunft, dass für rund 830 Arbeitstage Löhne ausgezahlt worden sind, und zwar bei einem Tagessatz von 2 bis 15 Silbergroschen (1 Taler = 30 Silbergroschen, 1 Silbergroschen = 12 Pfennige). So erhielt z.B. der Schreiner Hubert Breuer aus Lammersdorf am 4. April 1863 für 5½ Tage den Lohn von 2 Talern, 7 Silbergroschen und 6 Pfennigen.

1864: Das Frühjahr brachte frostiges Wetter bis tief in den April hinein, jedoch mit wenig Schnee, weshalb das Gras in den Wiesen spät wuchs. Wegen des geringen Ertrages der Wiesen und des schlecht gediehenen Haferstrohs im Vorjahre stellte sich zeitig ein Mangel an Futter ein. Er hielt fast den ganzen Sommer an, da es meistens trocken blieb. – Der Winter begann sehr zeitig. Anfang Oktober hatte es bereits so hart gefroren , dass viele Kartoffeln im Felde unbrauchbar geworden waren.

Lammersdorf hatte 661 Einwohner.

1865: Die Verluste in der Ernte des Vorjahres hatten eine Minderung der Qualität des Saatgutes bei Hafer zur Folge, sodass bei dieser Frucht schlechte Erträge zu verzeichnen waren. Die anderen Früchte gediehen nur mittelmäßig.

1866: Wiederum gediehen die Kartoffeln auf den Feldern schlecht..

1867: Ungewöhnlich langes regnerisches und zeitweise kaltes Wetter führte dazu, dass das Korn des Roggens eine schlechte Blütezeit hatte. So gab es  beim Roggen zwar einen guten Strohertrag, aber einen schlechten Ertrag bei den Körnen, der nur etwa ein Drittel des normalen Ertrages ausmachte. Beim Hafer fiel die Ernte ähnlich aus, wobei der Körnerertrag allerdings bei etwa zwei Dritteln der üblichen Ausbeute lag. Die Kartoffeln gerieten auch in diesem Jahre quantitativ und qualitativ schlecht.

 Die Cholera brach aus und nahm einen schweren Verlauf, der auch Todesopfer forderte – ob auch in Lammersdorf, ist noch nicht eindeutig geklärt.

Lammersdorf hatte um diese Zeit 601 Einwohner.

1869: Das Wetter brachte über weite Strecken eine große Hitze, in deren Folge die Früchte verdorrten und nur geringe Erträge eingefahren werden konnten.

1870: Am 19. Juli erklärte Frankreich dem Norddeutschen Bund den Krieg. Damit begann der Deutsch-Französische Krieg. Die Mobilmachung und die damit verbundenen Truppenbewegungen sowie die unmittelbaren Vorbereitungen der militärischen Operationen, die Einquartierungen und Fouragierungen brachten für die Bevölkerung hohe Belastungen und viel Unruhe mit sich, ganz zu schweigen von den Ungewissheiten und Ängsten, die viele Menschen angesichts des begonnenen Krieges, in den ihre Ehemänner, Söhne und Brüder nun ziehen mussten, zutiefst bewegten. Andererseits war die Stimmungslage aber auch mit glühendem Patriotismus, zuweilen auch nationalistisch anklingenden Gefühlsäußerungen durchsetzt.

 Das durchweg ungünstige Wetter des Jahres 1870 führte zu einer Missernte in allen Fruchtarten. Auch die Wiesen lieferten wenig Heu. Zum wiederholten Male mussten sich die Menschen mit den fatalen Folgen dieses Zustandes herumquälen.

Neben der regnerischen Erntezeit wirkte sich zusätzlich der Mangel an Pferden zur Einbringung der Ernte aus, die gerade im Grenzgebiet von den Bauern zahlreich für das aufmarschierende Militär bereitgestellt werden mussten.

Die schlechte Ernte führte wieder zu erhöhten Lebensmittelpreisen, zumal bei den teilweise andauernden ungünstigen Verkehrsverhältnissen Getreide, Kartoffeln und Schlachtvieh nicht in den notwendigen Mengen herangeführt werden konnten. Die gestiegenen Lebenshaltungskosten zogen wiederum Forderungen nach höheren Löhnen und Gehältern nach sich.

Lammersdorf hatte 712 Einwohner.


 

Zusammenfassende Darstellung der Entwicklung im Monschauer Land von 1815 bis 1870

Am 15.April 1815 ergriff der König von Preußen, legitimiert.durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses, Besitz von den Rheinlanden einschließlich unserer Eifeler Heimat. In einem Aufruf wandte er sich an die als „Deutsche“ bezeichneten Rheinländer und erklärte, ihr Land werde als „Vormauer der Freiheit und Unabhängigkeit Deutschlands“ nunmehr wieder mit Deutschland vereinigt, während Preußen die ehrenvolle Aufgabe der Verteidigung übernehme. Der neue Landesherr versprach sodann im Inneren eine gerechte Verwaltung, Ehre und Schutz für die Religion, Errichtung eines Bistums, einer Universität, neuer Bildungsanstalten für Geistliche und Lehrer, Förderung von Handel und Gewerbe, Festsetzung der Steuern im Einvernehmen mit einer Volksvertretung – alles Anliegen also, die den Rheinländern besonders am Herzen lagen.

Es tat sich fortan die Frage auf, ob die so fest ausgeprägte Staatsidentität Preußens es vermochte, die von den Ideen der französischen Revolution nicht unbeeinflusst gebliebenen linksrheinischen Gebiete unter voller Berücksichtigung der Eigenart ihrer Menschen und ihrer reichen Tradition mit den so grundverschiedenen alten preußischen Provinzen zu einem einheitlichen Staatsverband zu verbinden. In der Tat ist dies erst in einem langen, sich über mehrere Jahrzehnte hinziehenden Ringen gelungen, nämlich als nach den siegreichen Einigungskriegen Deutschlands (1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich) die Rheinländer schließlich stärker in den preußisch dominierten deutschen Nationalstaat als in Preußen selbst aufgingen.

Die Rheinländer blieben sich in breiten Schichten des Volkes ihrer von der altpreußischen so verschiedenen Sonderart bewusst, hatten sie doch den Beginn der modernen Zeit nicht Preußen, sondern Frankreich zu verdanken.

Die völlige Hingabe an den Staat, die Einfügung in die viel gerühmte, aber auch viel geschmähte preußische Disziplin ist in den Rheinlanden nicht als erstrebenswerte Pflicht und höchste Ehre zugleich empfunden worden. Man hatte sie vor der Einheirat in „de ärm Famillige“ (in die arme preußische Familie) – wie es der Kölner Bankier Abraham Schaaffhausen sarkastisch nannte – auch gar nicht gefragt, ob ihnen der Partner überhaupt genehm sei. Zuweilen sprach man später von einer Vernunftehe zwischen Preußen und den Rheinlanden, was diese Verbindung treffend charakterisierte.

Der Übergang von der französischen Fremdherrschaft zur preußischen Besitznahme war für die Bevölkerung denn auch eine Zeit außerordentlich schlechter Lebensverhältnisse, großen Elends und bitterer Not. Unsägliche, mit den Kriegen und Nachkriegsphasen verknüpfte Lasten wurden den Menschen aufgebürdet. So nimmt es nicht wunder, dass von einer Begeisterung über den Anschluss an Preußen im Kanton Montjoie kaum etwas wahrzunehmen war. Vielmehr war jede politische Neigung in der ausgesogenen und verarmten Bevölkerung, die in der Vergangenheit oftmals Gut und Blut für ihre deutschen und für fremde Herrscher hatte hergeben müssen, abgestorben. So schlug dem neuen Staatswesen zunächst eine von argem Misstrauen, von Erbitterung und Antipathie geprägte Stimmung entgegen. Vielen Familien ging durch den Niedergang der regionstypischen Industrien die Existenzgrundlage verloren. Von der landwirtschaftlichen Arbeit allein konnten sie nicht leben. Hinzu kamen die häufigen Missernten mit ihren schlimmen Folgen wie Hungersnöte und verheerende Krankheiten.

Etwa mit den Jahren 1822/23 begann sich die Lage ganz langsam zu bessern. Einige staatliche Maßnahmen zugunsten der Infrastruktur und im administrativen Bereich zeitigten positive Resultate. Gute Verkehrswege erschlossen das Kreisgebiet besser als bisher. Das Schulwesen erfuhr eine grundlegende Wandlung zu einer effektiveren Ausbildung der Kinder.

 

Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Julirevolution in Frankreich (1830) erhöhte der preußische Staat seine Aufmerksamkeit gegenüber den Nöten der arbeitenden und armen Menschen. So verlief bis in die 1840er Jahre hinein eine verhältnismäßig ruhige Zeit für die Bevölkerung. Allmählich begann sich hier und dort eine dem Herrscherhaus zugeneigte Stimmung auszuprägen, und das gesellschaftliche Leben blühte auf. Auch bevölkerungspolitisch zeigten sich positive Wirkungen. Beispielsweise nahm die Anzahl der Einwohner Lammersdorfs von 1828 bis 1849 um 11,3 %, also von 662 auf 737 zu.

 

Die gesellschaftliche Entwicklung vollzog sich jedoch nicht geradlinig. Fortschritte auf einigen Gebieten wurden begleitet von rückwärts gerichteten Entwicklungen in anderen Bereichen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurden Industrie, Handel und Gewerbe immer wieder von Krisen geschüttelt, was für viele Menschen tragische Auswirkungen hatte. Etliche Missernten in der Landwirtschaft verursachten das Übrige, um die Nöte der Menschen zu verschärfen. Dies alles und die von außen wirkenden Einflüsse der Februarrevolution in Frankreich (1848) erzeugten auch im Monschauer Land partiell politische Unruhen. Sie mündeten zwar nicht (wie z.B. im März 1848 in Berlin) in eine revolutionäre Erhebung, ließen jedoch Verängstigungen aufkommen und fachten politische Leidenschaften an. Gleichermaßen lösten sie verschärfte, dem gesellschaftlichen Fortschritt abträgliche Restriktionen des preußischen Staates aus.

 

Während sich im 19. Jahrhundert der größte Teil des damalige Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte von einem Agrarland zu einem der führenden Industriestaaten der Erde wandelte, blieb die Eifel von alledem fast unberührt. Sie befand sich quasi im „toten Winkel“ der industriellen Revolution. Ihr periphere Lage und die immer noch mangelhafte Infrastruktur des Verkehrs sowie veraltete Produktionsmethoden leiteten schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Krise der heimischen Industrien ein.

In der ersten, allerdings sehr kurzen Zeit nach der preußischen Machtübernahme erlebte die Tuchindustrie vor allem durch den Wegfall der Zollgrenzen noch einmal einen gewissen Aufschwung. Letztendlich jedoch konnten die Monschauer Tuchmacher ein allmähliches Abwandern der Tuchfabrikation nach Aachen, das bereits 1843 ans Eisenbahnnetz angeschlossen worden war, nicht verhindern Die Blütezeit der Monschauer Tuchindustrie war nun mal vorüber, ihr Niedergang unumkehrbar geworden. Als weitere Ursachen für die schwindendript src="/plugins/editors/jce/tiny_mce/themes/advanced/langs/en.js?version=150" type="text/javascript"> e Bedeutung dieser Industrie wirkten außer ihrer fehlenden Verkehrsanbindung die Abnahme der Eifeler Schafzucht als Basis für den Rohstoff Wolle und die Erschöpfung der Möglichkeiten des Gewinnens von Torf als billiges Heizmaterial. Von den ursprünglich rd. 50 Tuchfabriken im Monschauer Raum stellten bis 1824 30 Betriebe die Produktion ein, 1871 gab es noch ganze drei Tuchfabriken. Und als im Jahre 1908 die Firma Louis Scheibler & Sohn ihren Betrieb schloss, war das Ende der traditionellen, einst ruhmreichen Monschauer Tuchindustrie endgültig besiegelt.

Auch der Niedergang der Eisenindustrie in den Tälern von Rur, Vicht und Kall war nicht mehr aufzuhalten . Obwohl der Bergbau in der Nordeifel seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts von den technischen Verbesserungen wie der Verwendung von Dampfkraft und Elektrizität, dem Einsatz von Entwässerungspumpen, neuen Sprengstoffen und Bohrmaschinen partiell profitiert hatte, scheiterte in den meisten Produktionsstätten die tech-nische Modernisierung der Anlagen am Kapitalmangel. Die Eisenprodukte blieben zu teuer und waren deshalb auf den Märkten nur sehr schwer absetzbar. Als wesentlichen weiteren Grund muss man sehen, dass infolge der fehlenden Verkehrsverbindungen die effektiveren Brennstoffe Steinkohle und Koks nicht herantransportiert und eingesetzt werden konnten, was die auf heimischer Holzkohle basierende Produktion erheblich verbilligt hätte. Hinzu kam, dass die Möglichkeiten der Herstellung von Holzkohle rapide schwanden, weil die Waldbestände durch den für die Köhlerei notwendigen Holzeinschlag schon sehr gelichtet waren.

Letzten Endes jedoch hätte der weitere Einsatz von Holzkohle die Eisenindustrie auch nicht mehr retten können; denn die Konkurrenz wuchs in rasantem Tempo heran, produzierte wesentlich mehr, besseres und billigeres Eisen. Zollgrenzen mit den Niederlanden und dem seit 1831 bestehenden Belgien trennten unseren Raum von wichtigen ehemaligen Absatzgebieten. Die Öffnung in das östliche Preußen bot dafür nur wenig Ersatz, zumal Eisenproduzenten im Hunsrück und im Siegerland längst die dortigen Märkte erobert hatten. Der lang ersehnte Eisenbahnanschluss (erst 1885) kam für die Eisenhütten der Eifel zu spät. Einige Firmen verlagerten ihre Werke aus der Eifel hinaus an günstigere Standorte, z.B. in die Nähe des Ruhrgebietes oder in das Industrierevier bei Aachen. Das Gros der Eifeler Eisenindustrie jedoch blieb von den aufstrebenden Zentren isoliert. Die Folge war, dass ein Hochofen nach dem anderen erlosch. Im Jahre 1881 beendete das letzte Hammerwerk, 1898 der letzte Hochofen seine Arbeit. – Heute vermag man sich nur schwer vorzustellen, dass noch vor wenigen Jahrhunderten beißender Qualm von Holzkohlenmeilern und äußerst unangenehmer Lärm von Hochöfen und Hammerwerken sowie von den unentwegt über die Wege ratternden Transportkarren die Täler erfüllte.

Auch die Landwirtschaft stieß im 19. Jahrhundert in den direkt am Venn gelegenen Dörfern der Nordwesteifel, zu denen auch Lammersdorf gehört, an ihre Grenzen. Der Ackerbau war auf dieser Hochfläche von jeher ein Stiefkind der Natur. Die Kargheit des Bodens und die Ungunst des Klimas hatten eine nur geringe Ertragsfähigkeit zur Folge. Das Saat- und Pflanzgut gedieh äußerst schlecht und zeitweise überhaupt nicht, sodass häufige Missernten mit ihren fatalen Auswirkungen Mensch und Tier immer wieder in arge Nöte versetzten. Die vorherrschenden, von den damals objektiv gegebenen Möglichkeiten diktierten Methoden der Bewirtschaftung des Bodens vermochten an dem Dilemma nicht allzu viel zu ändern. Es dominierte die Feldgraswirtschaft – ein Bodennutzungssystem, bei dem auf gleichen Flurstücken in einem bestimmten Wechsel Ackerbau und Grünlandwirtschaft stattfand. In Lammersdorf z.B. nutzten die Bauern das jeweilige Wechselland in drei aufeinanderfolgenden Jahren zur Ackerung. Im ersten Jahr bauten sie in der Regel Hafer an; im zweiten Jahr folgten nach kräftiger Stalldüngung Kartoffeln und im dritten Jahr wurde Winterroggen eingesät. Daran schloss sich eine siebenjährige Grünlandnutzung an.

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts überließ man das betreffende Flurstück der Selbstberasung. Da war anfangs nicht an eine halbwegs gute Weide zu denken. Hatte sich nach vier bis fünf Jahren schließlich eine solide Grasnarbe gebildet, konnte das Vieh zum Weiden aufgelassen werden, allerdings nur für sehr kurze Zeit, denn schon bald ging man daran, das Land wieder umzubrechen, weil man meinte, es habe sich genügend erholt und könne nun wieder Körnerfrüchte tragen. Hier wird deutlich, wie wenig effektiv diese Bearbeitungsmethode war.

Einige Jahrzehnte später gingen die Bauern zur Graseinsaat über. Dabei bedienten sie sich, da sie den eigentlichen Grassamen noch nicht kannten, bis weit in das 20. Jahrhundert hinein des Heustaubes. Das beschleunigte und verdichtete zwar die Berasung und machte die betreffenden Flächen eher als Weideland nutzbar; in der Endkonsequenz jedoch reichte auch diese Methode nicht aus, um die Bedürfnisse zu befriedigen. Die weiterhin bestehende Mangelernährung der Tiere – nicht zuletzt infolge Fehlens eines systematischen Futteranbaues – sowie die Überbeanspruchung der Tiere führten zu minderwertigem Vieh, zu erhöhter Seuchenanfälligkeit und starker Dezimierung der Bestände. Für eine effektive Viehzucht fehlten Konzeption und Erfahrung.

Es zeigte sich also, dass die Bauern weder vom Ackerbau noch von der Grünlandwirtschaft unter den beschriebenen Bedingungen befriedigende Ergebnisse erzielen konnten – umso weniger, als sie noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die meisten landwirtschaftlichen Arbeiten von Hand mit einfachen Hilfsgeräten erledigen mussten.

Hinzu kamen Erschwernisse in der Arbeitsorganisation. Sie ergaben sich unter anderem aus der zu dieser Zeit üblichen Realerbteilung, d.h., die Flurstücke wurden im Todesfalle auf die hinterbliebenen erbberechtigten Angehörigen gleichmäßig verteilt. Auf die Dauer führte dies zu einer immer stärkeren Aufsplitterung der Nutzfläche in kleine und kleinste Parzellen, die sich oft auch in einer extrem gestreuten Lage befanden. Das brachte es mit sich, dass vom Hof weiter entfernt oder irgendwie ungünstig liegende Landstücke nicht so regelmäßig und intensiv bearbeitet werden konnten, wie das erforderlich gewesen wäre. Aus diesen Umständen resultiert übrigens auch, dass in der Landwirtschaft – zumindest in den am Venn gelegenen Dörfern – das kleinbäuerliche Element überwog. Noch Mitte der 1950er Jahre waren in Lammersdorf rd. 82 Prozent der Bauernwirtschaften Kleinbetriebe mit einer Nutzfläche von bis zu 10 ha, davon ein gewichtiger Teil mit nur 2 – 5 ha.

Empfindliche Einbußen bereiteten den Bauern die vorwiegend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchgeführten großflächigen Aufforstungen im Hohen Venn. Mehr und mehr gingen ihnen die Weideplätze für ihre Tiere und die Möglichkeiten der Streunutzung verloren. Als dann die noch bestehenden Laubwälder nach und nach in Fichtenforste umgewandelt wurden, machte dies den Bauern auch die Nutzung des Waldes als Weide, z.B. für die Schweine zur Mast mit Bucheckern und Eicheln, unmöglich.

Betrachtet man die oben beschriebenen Probleme in ihrer Gesamtheit, wird deutlich, dass die landwirtschaftlichen Kleinst- und Kleinbetriebe ihre Familien allein nicht zu ernähren vermochten. Die Verknüpfung der land-wirtschaftlichen Produktion mit weiteren Erwerbsquellen wie z.B. Heimarbeit für Industrie, Handwerk und Gewerbe war schon seit Jahrhunderten eine zwingende Notwendigkeit und blieb es auch im 19. Jahrhundert.

In unserem Heimatort dienten als zusätzliche Erwerbsquellen zu dieser Zeit die Arbeit in der Tuchindustrie, verschiedene handwerkliche Tätigkeiten, z.B. das Spinnen und Weben sowie die Besenbinderei, die Beschäftigung im Handel und schließlich das Frachtfahren. Je nach dem Stand der Einkünfte wurde nicht selten die Arbeit in der eigenen Landwirtschaft zum Nebenerwerb, weil der Bauer selbst oder Familienmitglieder in der Tuchindustrie beschäftigt waren oder mit ihrem Gespann Frachten über Land transportierten, z.B. Rohstoffe und Er-zeugnisse der Tuchindustrie und der Eisenproduktion. Da hier bedeutend höhere und vor allem gesicherte Einkünfte erzielt werden konnten als in der oft nur einen kümmerlichen Gewinn abwerfenden Landwirtschaft, wurde diese häufig vernachlässigt.

Von den Nöten und Ängsten in dieser Zeit gepeinigt, suchte mancher sein Heil aber auch im Ausland. Da uns über die Auswanderungen aus unserem Heimatort keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, stellen wir, um einen Eindruck von der beachtlichen Dimension der Auswanderungen zu vermitteln, im Folgenden eine Übersicht über deren Entwicklung in der damaligen Kreisstadt Monschau und einige allgemeinere Zahlen zusammen:

monschau einwohner

 

Von 1816 bis 1830 verließen Monschau 650 Bürger; sie wanderten insbesondere nach Polen oder Russland aus, wohin alte Geschäftsverbindungen der Tuchfabrikanten lockten. In der Zeit von 1850 bis 1863 versuchten 893 Monschauer Bürger, in aufblühenden deutschen Industriezentren (insbesondere an Rhein und Ruhr), in Großstädten (insbesondere in Köln) oder im Ausland sich eine neue Existenz aufzubauen. Im industriellen Schlüsseljahr 1907 hatte der Kreis Monschau als einer der ganz wenigen Kreise infolge der Wanderungsbewegung weniger Einwohner als 1882.

Wegen mangelnder Arbeitsmöglichkeiten und anderer sozialer Missstände entwickelten sich im 19. Jahrhundert verschiedene Regionen der Eifel zu Notstandsgebieten, sodass schon bald nach Beginn der Preußenzeit Auswanderungen einsetzten. Von 1840 bis 1871 verließen 60 000 Menschen ihre Heimat , darunter 70 bis 80 Prozent Bauern, Tagelöhner, Knechte und Mägde, und 20 bis 30 Prozent Handwerker; über 40 000 von den 60 000 Auswanderern sind in den drei Jahrzehnten in die Überseegebiete, vornehmlich nach Nordamerika, gegangen.

Seit den 1860er Jahren wandelte sich der Auswanderungsstrom mehr und mehr zu Binnenwanderungen in Richtung des aufstrebenden rheinisch-westfälischen Industriereviers und der großen aufblühenden Städte, in erster Linie Köln.

In den 1880er Jahren erreichten die Abwanderungszahlen im Rahmen der innerdeutschen Wanderung im Zusammenhang mit dem Niedergang der Eifeler Landwirtschaft sogar den Höchstwert von jährlich 18 000 Menschen.

Zwischen 1871 und 1914 betrug der Wanderungsverlust in der Eifel 100 000 Menschen. Der größere Anteil beruhte auf Binnenwanderungen.

Der preußischen Bezirksregierung in Aachen blieb die durchweg außerordentlich prekäre Situation in der Landwirtschaft nicht verborgen. Schließlich empfahl der Regierungspräsident den Bauern, sich Schritt für Schritt auf die Grünlandwirtschaft mit einer sachkundigen und planmäßigen Viehzucht zu verlegen. In der Tat begünstigten die in der Region am Venn üblichen hohen Niederschläge, die stets feuchtigkeitsgeschwängerte Luft der Höhenlagen und der sehr graswüchsige Boden hier in ganz besonderem Maße die Grünlandwirtschaft und machten den Ackerbau dagegen nahezu unmöglich.

Um diesen Weg gehen zu können, erhielten die Bauern vielfach Zuschüsse und Darlehen, speziell für die Verbesserung der Weiden durch Melioration und Düngung. Auch für die berufliche Weiterbildung der Bauern wurde viel getan. So entstanden von der Mitte des 19. Jahrhunderts an die landwirtschaftlichen Casinos, in denen die Landwirte mit den Belangen der Grünlandbewirtschaftung und der Viehzucht vertraut gemacht wurden und Erfahrungen austauschen konnten. Die Casinos waren die Vorgänger des ländlichen Genossenschaftswesens.

In der Folgezeit trugen diese Maßnahmen ihre Früchte. Es begann in der Nordwesteifel ein mehrere Jahrzehnte beanspruchender Prozess, der wegführte vom traditionellen Bauernhof mit Ackerbau und Viehzucht unter einem Dach und allmählich, aber zielstrebig hinführte zu einem auf Weidewirtschaft und Viehzucht spezialisierten Landwirtschaftsbetrieb.

Dass dieser Fortschritt allenthalben zunächst ein zögerlicher war und insgesamt eine längere Zeit brauchte, lag am Überwiegen des Kleinbesitzes infolge der starken Parzellierung, der vielfach nur im Nebenberuf betriebenen Landwirtschaft, der festen Traditionsgebundenheit des Bauern und an mangelndem Betriebskapital. Eine große Rolle spielte darüber hinaus seine Furcht vor Wirtschaftskrisen. Letztere ließ ihn gegenüber der Monokultur des Dauergrünlandes, die bei Markt- und Preisunregelmäßigkeiten sehr gefährdet ist, Zurückhaltung üben und möglichst lange noch an der gemischten Wirtschaftsweise festhalten. Erst moderne Entwicklungen, verkehrsmäßig bessere Erschließung, Melioration, Flurbereinigung der fürchterlich zersplitterten Gemarkungen, Übergang zu ökonomischeren Wirtschaftsweisen und die Überwindung traditioneller Vorurteile ließen die Bauern allmählich aufatmen und glücklicheren Zeiten entgegen gehen.

Man kann hier deutlich sehen: Während die Regierung im industriellen Bereich der Nordeifel infolge Fehlens notwendiger Voraussetzungen Rückentwicklungen nicht verhindern konnte, unternahm sie alles, um der Landwirtschaft zielgerichtete Impulse für eine mögliche Vorwärtsentwicklung zu geben und die Bauern dabei in beachtlichem Umfang mit finanziellen, materiellen und organisatorischen Mitteln zu unterstützen.

 

Ohne die Negativentwicklungen unterschätzen zu wollen, muss bei kritisch und unvoreingenommener Betrachtung sowie sachlicher Abwägung festgestellt werden, dass die Preußenzeit viel Gutes für die Rheinlande gebracht hat, dass das Rheinland vom preußischen Staat nach Kräften gefördert worden ist. Die preußische Regierung tat viel, um die Lebensverhältnisse der Bürger schrittweise spürbar zu verbessern. Immer wieder stand sie dabei vor schwierigen Entscheidungen. Stets galt es abzuwägen, was den gesamtgesellschaftlichen Forschritt voranbringen und was ihn hemmen konnte. In der Rückschau dürfen wir mit Fug und Recht resümieren, dass der preußische Staat in vielen Bereichen das Volk auf die richtigen Wege in eine bessere Zukunft geführt hat. Einige ausgewählte Beispiele mögen dies belegen.

Mit seiner Zollgesetzgebung von 1818 bewirkte er einen gewaltigen Fortschritt, weil er durch die Beseitigung der Binnenzölle das alte östliche Preußen mit dem neuen westlichen Preußen zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet vereinigte und einen freien Markt schuf, auf dem sich im ganzen Lande Wirtschaft, Handel und Gewerbe weitgehend ungehemmt entfalten konnten. Mit den Zollgrenzen zum Westen schützte er die Wirtschaft vor der Konkurrenz aus den westlichen Ländern Dass den Unternehmern des linksrheinischen Teils Preußens dadurch jedoch die Nutzung ihrer dortigen traditionellen Märkte, auf die sie sich während der französischen Fremdherrschaft eingestellt hatten, beträchtlich erschwert wurde, musste er im Interesse der Gesundung und Entfaltung des wirtschaftlichen Lebens im gesamten Staatsgebiet zunächst in Kauf nehmen – so auch die Tatsache, dass der regionstypischen Industrie des Monschauer Landes - der Tuch- und Eisenindustrie - daraus Probleme erwuchsen, die zu ihrem Niedergang mit beigetragen haben. – Schon wenige Jahrzehnte später war das preußische Bürgertum – einschließlich des aus den industriellen Zentrum des Rheinlandes hervorgegangenen – zum stärksten in Deutschland geworden und trat nach 1840 an die Spitze der antifeudalen nationalen Opposition, die immer nachdrücklicher ihr Mitspracherecht forderte und schließlich 1848 als Sieger aus der Revolution hervorging, an die Regierung gelangte und eine preußische Nationalversammlung bildete.

Auch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Jahre 1825 war zweifelsohne eine absolut progressive Entscheidung, weil sie das Analphabetentum eindämmte und den Kindern den Weg zur Allgemeinbildung öffnete, ausdrücklich verbunden mit der Festlegung, den Unterricht auch in den Sommermonaten durchzuführen. Dennoch stieß das Schulgesetz immer wieder auf erbitterten Widerstand – bis in die nächsten Jahrzehnte hinein. Selbst im Revolutionsjahr 1848 tauchte die Abschaffung der Schulpflicht noch in den Forderungskatalogen der demokratischen Kräfte auf. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Schulpflicht schränkte die Möglichkeiten ein, die Kinder ganztägig als Arbeitskräfte einzuspannen. Für die Fabrikanten bedeutete dies den Wegfall billiger Arbeitskräfte, für die Kleinbauern den Verlust dringendst benötigter Mithelfer bei der Erledigung der Arbeiten im Familienbetrieb. Trotz allem blieb die Regierung konsequent. Zwar gewährte sie hier und da bei akuter Notwendigkeit gewisse befristete Aufschübe, ließ sich letztendlich jedoch von der Umsetzung des Gesetzes nicht abbringen.

Und ein letztes Beispiel: Die von der Mitte des 19. Jahrhunderts an auch in der Nordeifel großflächig durchgeführten Aufforstungen waren auch in unseren heimatlichen Höhengebieten ein unausweichlicher Schritt zur Wiederherstellung des normalen Naturkreislaufes. Jahrhunderte hindurch hatten ihn blindlings durchgeführte Holzeinschläge für die Köhlerei, aber auch für den gewinnbringenden Holzverkauf empfindlich gestört. Die auf diese Weise entwaldeten Bergrücken und die kahlen, 400 bis 600 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Hochflächen mussten zum Schutze der Täler wieder mit einem Waldmantel versehen werden, um ihre Ausspülung durch den ungehinderten Abfluss des in immensen Mengen anfallenden Niederschlagswassers zu verhindern sowie Klima und Boden wieder günstiger zu beeinflussen. Der preußischen Regierung war klar, dass die Aufforstungen es den Bauern künftig unmöglich machten, die ehemaligen Heide- und Ödlandflächen als Viehweide und zur Streugewinnung sowie die in Fichtenforste umgewandelten Laubwaldbestände als Waldweide für ihr Vieh zu nutzen. Zwar gab es zeitweilig Bemühungen, durch das Belassen größerer Abstände zwischen den Reihen der Setzlinge die Waldweide weiterhin zu ermöglichen. Aber in den Fichtenforsten fielen halt keine Bucheckern und Eicheln an, die beispielsweise die Schweine zur Mast benötigten. Heute ist diese eigentümliche Art der Aufforstung aus dem Forstbild des Monschauer Landes verschwunden. Lediglich im 4. Distrikt des Lammersdorfer Gemeindereviers traf man sie in den 1950er Jahren noch an. Von welchen schlimmen Auswirkungen Natur und Umwelt im Monschauer Land betroffen worden wären, wenn die Regierung hinsichtlich der Aufforstungen ihre Linie nicht zielstrebig und entschlossen verfolgt hätte, ist leicht nachzuvollziehen.

Angesichts der beschriebenen Sachverhalte darf realistischerweise eingeschätzt werden, dass sich während der gesamten Preußenzeit von fünfeinhalb Jahrzehnten in Teilen der Bevölkerung schrittweise eine propreußische Stimmung herausbildete. Gewiss hatte dies, wie oben bereits ausgeführt, seine Gründe vor allem in den verschiedenen staatlichen Maßnahmen zur Stabilisierung bestimmter Wirtschaftsbereiche sowie des Gesellschaftsgefüges, in dem konsequenten Bemühen um Sicherheit, "Zucht und Ordnung", in den ersten, wenn auch zaghaften Schritten in Richtung Demokratie und schließlich in den vielen konkreten Aktivitäten zur Linderung wenigstens der größten Nöte der Menschen.

In der Literatur wird diesbezüglich eingeschätzt, das 19. Jahrhundert habe auf allen Gebieten für unser Land einen Fortschritt gebracht, dem gegenüber alle verflossenen Jahrhunderte als ein Stillstand erschienen. Dem preußischen Staat sei es gelungen, durch die Schaffung größerer Verwaltungseinheiten mittels Zusammenfassung in Provinzen mit Regierungsbezirken und Kreisen den Geist der Zusammengehörigkeit in die Bevölkerung hineinzutragen, der früher kaum lebendig gewesen wäre. Immer mehr Aufgaben seien den Bürgermeistereien und Gemeinden zugewiesen und damit die rege Anteilnahme der Bevölkerung am Allgemeinwohl wachgerufen und gefördert worden.

Als dann am Ende der hier betrachteten Periode der Deutsch-Französische Krieg vorbereitet wurde, hatte sich im Volke eine Stimmung herausgebildet, die davon geprägt war, dass viele Bürger die militärischen Belastungen nicht mehr wie 1814/15 als drückende Bürde, sondern als bereitwillig zu erfüllende Pflicht empfanden. Im Hinblick auf die Ursachen und Ziele dieses Krieges, angesichts seines Verlaufes und seiner Ergebnisse waren denn auch, getragen von erwachendem deutschem Nationalbewusstsein, patriotische Gefühlsäußerungen und Haltungen allenthalben festzustellen. Zahlreiche Menschen hatte ein Patriotismus für ihr deutsches Vaterland erfasst, der 1914 mit elementarer Kraft wirkte, der auch nach dem verlorenen Krieg standhielt und die Separatisten aufs Schärfste zurückwies.