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Lammersdorf während der nationalsozialistischen Diktatur

(1933 - 1945)

Dieser Abschnitt ist, was die Lammesdorfer Vorgänge angeht, kaum erforscht. Das sollte nachgeholt werden. Der folgende Text ist als ein kleiner, bescheidener Beitrag zu verstehen, diesen geschichtlichen Zeitabschnitt aufzuhellen. Bei seiner Abfassung habe ich mich vor allem auf eine Dokumentation gestützt, die Toni Offermann als Schüler des Leistungskurses Geschichte am St.-Michael-Gymnasium in Monschau in den Jahren 1987/88 zum Thema "Die nationalsozialistische Machtergreifung in Monschau 1933" angefertigt hat. Obgleich dies eine hervorragende Arbeit ist, reichen die aus ihr hergeleiteten Inhalte bei weitem nicht aus, um einen möglichst vollständigen und konkreten Abriss der Ereignisse sowie des Lebens während der nazistischen Diktatur in unserem Heimatort darzustellen. Folgende Aspekte sollten bei weiteren Recherchen gründlich untersucht werden: Stärke und Einflussnahme der NSDAP in der Verwaltung, auf das Vereinsleben, die Jugend, die Geschäftsführung sowie die Belegschaft der Firma Junker und die Bauernschaft. Schließlich müsste man das Femdarbeiterdasein, die zunehmende Bedrängnis der schulischen Arbeit und des kirchlichen Lebens durch die Nazis sowie die wachsende Opposition der katholischen Kirche und anderer gegen die Machenschaften des Naziregimes widerspiegeln. Selbstverständlch sind der Auswahl der Aspekte keinerlei Grenzen gesetzt; auch Berichte zu hier nicht angeführten Gesichtspunkten sind durchaus erwünscht. Bei allem sind wir der festen Überzeugung, dass der Grad der Konkretheit, der Wahrhaftigkeit und Authenzität der Aussagen in dem Maße wächst, wie es gelingt, Zeitzeugen oder Verwandte von Zeitzeugen zum Mitmachen zu gewinnen und weitere schriftliche Quellen zu erschließen.

Der besseren Übersicht wegen haben wir diesen Teil der Chronik in folgende drei Abschnitte gegliedert: Durchsetzung und Nutzung der nationalsozialistischen Machtverhältnisse, zivile Daten, II. Weltkrieg, Frontzeit.

Durchsetzung und Nutzung der nationalsozialistischen Machtverhältnisse

Vier Gründe waren es, die dazu führten, dass sich die Machtergreifung durch d, ie Nationalsozialisten im Monschauer Land wesentlich undramatischer vollzog als in anderen Regionen:

  1. Die Wurzeln lagen in den desolaten politischen Verhältnissen der Weimarer Republik. Ihr Parlament, der Reichstag, hatte 1931/32 infolge der vielfältigen politischen Interessenkollisionen zwischen den Fraktionen seine Fähigkeit zur Mehrheitsbildung nahezu eingebüßt, sodass die Republik nur noch mittels Notverordnungen regierbar war. Das bot den Nährboden für die Nazipropaganda. Sie fand immer mehr Sympathisanten, indem sie versprach, Deutschland von Versailles unabhängig zu machen, den Aufschwung der Wirtschaft zu bewerkstelligen, die Massenarbeitslosigkeit zu beseitigen und Deutschland zu dem ihm gebührenden Platz sowie zu Autorität in der Welt zu verhelfen. Mit dieser Demagogie baute die NSDAP, die politische Partei der Nazis, ihre Position im Parlament immer mehr aus und ging schließlich ab Mitte 1932 als mit Abstand stärkste Kraft aus den Reichstagswahlen hervor. Die nachfolgende tabellarische Übersicht belegt diese Einschätzung:
    reichstagswahlen
    Wie sich die Parteien-Konstellation seit 1928 im Kreis Monschau veränderte, wie auch hier die Stimmenanteile des Zentrums zurückgingen, dagegen jedoch die NSDAP immer mehr an Macht gewann, zeigt folgendes Säulendiagamm:
    stimmenanteile
  2. Bis auf den Roetgener Bereich exsistierten im Kreis Monschau so gut wie keine KPD-Gruppen; Kommunisten waren die politischen Hauptfeinde der Nazis.
  3. Es gab keine besonders einflussreichen gewerkschaftlichen Organisationen.
  4. Mit Ausnahme einer Familie in Eicherscheid lebten im Kreis keine Juden

Die Ernennung Adolf Hitlers, des Führers der stärksten Partei, zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 war der Todesstoß gegen die Weimarer Republik und der Start in die nationalsozialistische Diktatur

Januar 33: In Monschau feierte man die Machtübernahme durch Hitler mit einem Fackelzug.

Febr. 33: Auf der Grundlage der in der Einleitung beschriebenen Konstellation vermochten die Nationalsozialisten ihr diktatorisches Regime in unserer Heimat ziemlich rasch und fast widerstandslos zu etablieren. Dies geschah vor allem durch

  • den Ausbau und die Festigung der Vormachtstellung der NSDAP, die mit der Zerschlagung der nicht nationalsozialistischen Parteien und der Gewerkschaften einhergingen,
  • die Demoralisierung und nationalsozialistische Durchdringung des Beamtenapparates sowie der kommunalen Führungsorgane, verbunden mit der zügigen Durchsetzung des Führerprinzips und der radikalen Entwertung der demokratischen Selbstverwaltung,
  • die Gleichschaltung des Vereins- und Verbandswesens sowie der Presse und des Rundfunks,
  • die Behinderung des kirchlichen Lebens und
  • durch die gezielte und systematische ideologische und politische Beeinflussung breiter Teile der Bevölkerung, besonders in demagogisch angelegten Versammlungen, Feiern und Kundgebungen

05.03.33: Reichstagswahl: Wie in der oben geeigten Grafik nachgewiesen, ging die NSDAP im Gesamtmaßstab des Landes aus diesen Wahlen erneut als stärkste Kraft hervor. In Lammersdorf konnte sie mit 32,4 Prozent fast ein Drittel der Stimmen, das Votum von sage und schreibe 141 Wählern ergattern.

12.03.33: Kreistagswahl: Bei dieser Wahl votierte rund ein Viertel der Wahlberechtigten Lammersdorfs für die Kandidaten der NSDAP. Dass dies weniger war als bei der Märzwahl des Reichstages, weist wohl auf darauf hin, dass aus örtlicher Sicht die größere Transparenz der nazistischen Machenschaften und persönliche Ressentimens gegen den einen oder anderen Kandidaten die Wahlentscheidung beeinflussten.

In der amtlichen Veröffentlichung der Wahlvorschläge für die Kreistagswahl tauchte mit der Nummer 28 eine sogen. "Arbeiterliste" auf. Möglicherweise handelte es sich um eine von Lammersdorf ausgehende Wählerinitiative, da auf der Liste ausschließlich vier Lammersdorfer Fabrikarbeiter kandidieren. - Auf der Liste 1 "NSDAP" kandidiert ein Lammersdorfer, auf der Liste 4 "Zentrumspartei" zwei und auf der Liste 30 "Christlich-Nationale Arbeitsgemeinschaft" ebenfalls zwei.

Alle Wahlentscheidungen - auf welcher Ebene auch immer - dokumentieren, dass der schädiche Bazillus der nazistischen Idelogie und Propaganda sich in den Köpfen von immer mehr Menschen festsetzte und zusehends ausbreitete.

28.03.33: Ein das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und NS-Regime charakterisierendes Dokument ist der Aufruf der deutschen Bischöe an die Christen zur Teue gegenüber der "rechtmäßigen Obrigkeit" und zur "gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung alles rechtswidrigen und umstürzlerischen Verhaltens".

01.04.33: Beginn des Boykotts jüdischer Geschäfte. - Da im Kreis Monschau, und zwar in Eichescheid, nur eine einzige jüdische Familie lebte, richteten sich die Angriffe vornehmlich gegen den geschäftlichen Verkehr mit jüdischen Krämern und Händlern in den Nachbarkreisen sowie gegen den Einkauf in jüdisch geführten Warenhäusern

Es verweist auf die bereits weit fortgeschrittene Gleichschaltung der gesamten Presse, dass die Monschauer Zeitungen den Boykottplan für den 1.4.1933 ausführlich propagierten, über alle antijüdischen Aktionen der NSDAP und des Staates eingehend berichteten und in der Folgezeit des Öfteren Bürger anprangerten, die noch bei Juden kauften.

19.04.33: Feierliche Einführung der am 12.3.1933 neu gewählten Gemeindevertretung von Lammersdorf im Saale Wirtz. - Die Veranstaltung vermittelt einen Einblick in die Methoden der Nazis bei ihrer Machtergreifung. Der Saal stand im Festschmuck. Umrahmt von Tannengrün, Hakenkreuz- und schwarzweißroten Fahnen, waren die Bilder des Reichspräsidenten von Hindenburg und des Reichskanzlers Adolf Hitler angebracht. Der Gemeindevorsteher eröffnete die Sitzung und begrüßte den im Auftrage des Kreisleiters der NSDAP anwesenden Vertreter, die SA-Leute, den Amtsbürgermeister und alle sonstigen Erschienenen. Er richtete dann eine Aufforderung an die neu gewählten Gemeinderatsmitglieder, sich hinter die Reichsregierung zu stellen und mitzuarbeiten im Interesse der Gemeinde und zum Segen des gesamten Vaterlandes.

Daraufhin nahm der Amtsbürgermeister das Wort zu einer größeren nationalen Ansprache, in der er den Werdegang der Erhebung des Reiches unter der Führung Adolf Hitlers würdigte. Er hob besonders die großen Verdienste Hitlers für das Deutsche Reich hervor und wies darauf hin, dass es nur ihm mit seiner großen Bewegung möglich gewesen sei, die Gefahren, die von links drohten, abzuwenden. Alle, so führte der Redner aus, seien dem Herrn Reichskanzler zu großem Dank verpflichtet und es sei eine heilige Pflicht eines jeden Deutschen, sich hinter die Regierung zu stellen und mit ihr an dem Aufbau des Vaterlandes zu arbeiten. Namens der Beamten und Angestellten gab der Redner die Versicherung ab, dass sie geschlossen hinter der Regierung stünden und bereit seien, in Treue mitzuarbeiten. Er erbat auch die Mitarbeit der Gemeindevertretung und aller Anwesenden im Sinne der Regierung. Die Ausführungen schlossen mit einem dreifachen Hoch auf den Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg, den Herrn Reichskanzler Adolf Hitler sowie auf das gesamte deutsche Vaterland. Hierauf wurde von allen Anwesenden stehend das Deutschlandlied gesungen. Nachdem der Amtsbürgermeister noch den ausgeschiedenen Gemeinderatsmitgliedern den Dank der Gemeinde für ihre treue Mitarbeit ausgesprochen hatte, wurden unter dem Vorsitz des Gemeindevorstehers die sechs gewählten Gemeindeverordneten durch Handschlag an Eides statt in ihr Amt eingeführt und verpflichtet. Daraufhin erfolgte einstimmig die Gültigkeitserklärung der am 12. März 1933 durchgeführten Gemeinderatswahl.

Bevor man in die Verhandlung über die Wahl des Gemeindevorstehers eintrat, ergriff der Vertreter des Kreisleiters der NSDAP das Wort. Er teilte mit, dass nach Anweisung der Parteileitung der neu zu wählende Gemeindevorsteher eingeschriebenes Mitglied der NSDAP sein müsse, da sonst seine Bestätigung nicht erfolgen könne. Dabei verwies er auf das Gleichschaltungsgesetz.

Nachdem die Gemeindeverordneten sich einstimmig für die Wahl im Wege des Zurufes ausgesprochen hatten, erhielt der bisherige Gemeindevorsteher vier Stimmen. Für den vom Fraktionsführer der NSDAP vorgeschlagenen Kandidaten wurden zwei Stimmen abgegeben. Der Vertreter des NSDAP-Kreisleiters legte namens der NSDAP Protest gegen die Wahl ein. Als stellvertretender Gemeindevorsteher wurde einstimmig ein Landwirt gewählt. Auf gemeinsamen Wunsch der Gemeindevertreter wurden die übrigen Punkte der Tagesordnung - Wahl des Schulvorstandes und der Kommissionen - vertagt.

Hierauf ergriff der Vertreter des NSDAP - Kreisleiters nochmals das Wort zu einer Ansprache, in welcher er die Verdienste des Herrn Reichskanzlers und sein Schaffen im Interesse des Volkes hervorhob und zur Mitarbeit aufforderte. Er gedachte weiter der gefallenen Helden des Ersten Weltkrieges und der Helden der nationalen Bewegung, welche im Befreiungskampf für die Nation ihr Leben gelassen hätten. Die Gefallenen wurden durch Erheben der Anwesenden von ihren Plätzen geehrt. Ferner gedachte der Redner des Geburtstages des Herrn Reichskanzlers am folgenden Tage und sprach ihm die herzlichsten Wünsche aus. Seine Ausführungen schlossen mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Herrn Reichspräsidenten und den Herrn Reichskanzler. Die Versammlung sang daraufhin zum Schluss stehend das Horst-Wessel-Lied.

April 33: Nach der Kreistagswahl forcierten die Nazis ihre Machtergreifung in den Kommunen. Sie degradierten, versetzten oder entließen unerwünschte Kommunalpolitiker. Nicht selten verleumdeten man die in Ungnaden befindlichen Beamten oder diskreditierte sie mit schikanösen Machenschaften derart, dass sie "freiwillig" resignierten. Im Kreis Monschau z.B. setzten die Nazis den verdienten, weithin anerkannten und geachteten Landrat Dr. Schwenzer ab und tauschten ihn gegen den ihnen genehmeren Dr. Laumen aus.

Sehr bald auch wurde der politische Druck auf die soeben gewählten Kommunalparlamente so stark, dass nur noch den Nazis ins Konzept passende Beschlüsse gefasst und ebensolche Personalentscheidungen getroffen werden konnten.

19.04.33: Verleihung der Ehrenbürgerrechte der Stadt Monschau an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg

21.04.33: Verleihung der Ehrenbürgerrechte der Stadt Monschau an den Reichskanzler Adolf Hitler

Weder die Initiatoren noch die Motive der Monschauer Stadtväter sind dem Autor dieser Chronik bekannt.

20.07.33: Abschluss des Reichskonkordates zwischen dem Deutschen Reich und dem Heiligen Stuhl. - Es fixierte die Rechtsstellung der katholischen Kirche und Garantien zur Wahrung ihrer Freiheit.

24.07.33: Öffentlicher Dank des Episkopates anlässlich des Abschusses des Reichskonkordates:

„Hochzuverehrender Herr Reichskanzler!

Anerkennung und Dank aus Anlaß des Abschlusses des Reichskonkordats im Namen der in der Fuldaer Bischofskonferenz vereinigten Oberhirten auszusprechen, ist der Zweck dieser Zeilen.

Der Episkopat aller Diözesen Deutschlands hat, wie die öffentlichen Kundgebungen erweisen, soweit es nach der Neugestaltung der politischen Verhältnisse durch Eurer Exzellenz Erklärungen ermöglicht wurde, sogleich die aufrichtige und freudige Bereitwilligkeit ausgesprochen, nach bestem Können zusammenzuarbeiten mit der jetzt waltenden Regierung, die die Gewährleistung von christlicher Volkserziehung, die Abwehr von Gottlosigkeit und Unsittlichkeit, den Opfersinn für das Gemeinwohl und den Schutz der Rechte der Kirche als Leitsterne ihres Wirkens aufgestellt hat. Dass die harmonische Zusammenarbeit von Kirche und Staat zur Erreichung dieses hohen Ziels im Reichskonkordat einen feierlichen Ausdruck und feste, klare Grundlinien gefunden hat, ist insbesondere, nächst der Weisheit des Heiligen Stuhls, dem staatsmännischen Weitblick und der Tatkraft der Reichsregierung zu verdanken. Mit dem tiefen und herzlichen Dank für die rasche Verwirklichung dieser Vereinigung der höchsten Gewalten verbindet der Episkopat den dringenden Wunsch, dass auch in der Ausführung und Auswirkung ein herzliches und aufrichtiges Entgegenkommen herrschen möge, damit es der Kirche um so leichter werde, die hohen Kräfte unserer heiligen Religion in Förderung von Gottesglauben, Sittlichkeit und treuem Gehorsam gegen die leitenden Autoritäten siegreich zum Wohl von Volk und Vaterland zu entfalten.

In tiefer Verehrung Eurer Exzellenz

ganz ergebener

A. Kardinal Bertram"

Juli 33: Beginn der Umgestaltung des Feuerlöschwesens im Sinne der von den Nationalsozialisten betriebenen Gleichschaltung aller Organisationen, Vereine und Verbände. Die Führungskräfte auf der Kreisebene wechselte man aus. Die alte, bewährte Devise der Feuerwehr „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr" musste der neuen, demagogischen Ideologie weichen und ersetzt werden durch die Wahlsprüche „Alle für einen, einer für alle" und „Gemeinnutz geht vor Eigennutz".

19.08.33: Im Kirchlichen Anzeiger für die Diözese Aachen empfahl das bischöfliche Generalvikariat den Gläubigen, im amtlichen Verkehr mit den Behörden den Hitlergruß stets anzuwenden sowie gegebenenfalls allgemein diesen Gruß, so oft er jemandem entgegengebracht werde, in gleicher Weise zu erwidern.

09.11.33: Aufruf des Bischofs Josef Vogt von Aachen zur Wahl am 12.11.1933:

„Die deutsche Regierung hat den Völkerbund verlassen, weil er unserem Volke die Gleichberechtigung versagte. Sie wendet sich nunmehr an das gesamte deutsche Volk, damit es am 12. November sein eigenes Urteil über diesen bedeutsamen Schritt seiner Regierung fälle. Die Volksstimme will aber noch weit mehr sein als eine Deckung des Regierungsbeschlusses. Das deutsche Volk soll damit als Ganzes zu den übrigen Völkern eindrucksvoll reden und Gleichberechtigung, Frieden und Arbeit in machtvoller Geschlossenheit fordern. Es erstrebt damit drei Ziele, die sowohl der nationalen Ehre als dem christlichen Sittengesetz und Völkerrecht entsprechen. Es erscheint uns deswegen als vaterländische Pflicht, dem deutschen Vaterland und Volk wie bisher, so auch in der gegenwärtigen Schicksalsstunde die Liebe und Treue zu wahren und am 12. November die Einmütigkeit mit den übrigen Volksgenossen zu beweisen. Dabei vertrauen wir auf des Herrn Reichskanzlers Wort, dass nun endgültig unter die für so viele treue Staatsbürger schmerzliche Vergangenheit ein Strich gezogen ist und uns Katholiken das Friedenswerk des Konkordats unter Ausschluss von Abstrichen, Umdeutungen und Übergriffen gesichert bleibt.

† Josef, Bischof von Aachen"

11.11.: Aufruf der katholischen Geistlichkeit des Monschauer Landes an die Bewohner der Region zur Reichstagswahl am 12. November 1933:

„Wir Unterzeichner haben erkannt, dass wir am 12. November geschlossen eintreten müssen für den Frieden, die Ehre und Gleichberechtigung der deutschen Nation. Es gibt hierfür nur einen Weg: Mit Adolf Hitler für ein neues Deutschland! Erfüllt am 12. November Eure Pflicht, stimmt alle mit ‘Ja' und wählt Adolf Hitler und seine Getreuen."

Unterzeichnet war der Appell vom Bürgermeister i.R. Vogt, von einem Dechanten und sechs Pfarrern.

12.11.: Reichstagswahl und Volksabstimmung: Kann man bereits die im März stattgefundenen Wahlen infolge der einschneidenden Wahlkampfbeschränkungen für die nicht nationalsozialistischen Parteien sowie zahlreicher Verbote und Verhaftungen schon nicht mehr als frei, demokratisch und allgemein bezeichnen, so gilt dies erst recht für die Reichstagswahl und Volksabstimmung vom 12. November. Sie war die erste plebiszitär-akklamatorische Abstimmung unter dem Hitler-Regime. Zur „Wahl" standen eine Einheitsliste und zur Volksabstimmung ein suggestiv formulierter Text über Hitlers Regierungspolitik. Die Vorbereitung der Wahl bzw. des Volksentscheides war begleitet von einem kaum verhüllten antidemokratischen Vorgehen bei der Besetzung der Wahlvorstände, von einer lückenlosen manipulativen Beeinflussung der Wählerschaft seitens der NSDAP und der von ihr dominierten Staatsorgane. Hinzu kamen zahlreiche rigorose administrative Eingriffe in den Abstimmungsvorgang. Die Ergebnisse der Wahl bzw. Abstimmung waren dementsprechend eindeutig.

Im nachfolgend zitierten Wahlaufruf tritt die eklatante Bevormundung der Wähler klar zutage:

„So wählst Du am 12. November !

Bei dieser Wahl erhält jeder Wahlberechtigte einen grünen und einen weißen Stimmzettel.

Der grüne Wahlzettel ist für die Volksabstimmung und der weiße für die Reichstagswahl bestimmt.

Der Wähler hat bei der Volksabstimmung auf dem grünen Stimmzettel in dem Kreis unter dem vorgedruckten ‘Ja' sein Kreuz einzusetzen. Der Kreis unter ‘Nein' bleibt frei.

Auf dem Stimmzettel für die Reichstagswahl wird in den Kreis hinter dem Namen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ein Kreuz eingezeichnet.

stimmzettel

So sehen die Stimmzettel aus, wenn Du richtig gewählt hast!"

15.12.33: Beseitigung des letzten Restes kommunaler Mitbestimmung per Gesetz durch die Nazi-Regierung: Auf der Grundlage des Gesetzes über das Feuerlöschwesen entzog die Regierung die Freiwillige Feuerwehr der Aufsicht durch die Gemeinden und wandelte sie um in eine Polizeiexekutive besonderer Art. In der Folgezeit verstärkten sich auch in der Feuerwehrgesetzgebung die Elemente der radikalen und rassistischen Ideologie.

19.09.34: Veröffentlichung eines Aufrufes im „Stadt- und Landboten", wonach in der Aufklärung zum vorbeugenden Brandschutz fortan die Volkswirtschaft als vorrangiges Maß ... bei Schadenfeuern angesehen werden sollte, wohingegen die geschädigten Einzelpersonen in ihrer Bedeutung zurücktraten.

10.04.38: Reichstagswahl: Lammersdorf hatte 604 Wahlberechtigte, von diesen stimmten 603 (= 99,8 %) mit „Ja", und einer votierte mit „Nein".

23.11.38: Verabschiedung des Feuerlöschgesetzes für das Deutsche Reich. - In der Einführung zu diesem Gesetz heißt es: „Die wachsende Bedeutung des Feuerlöschwesens vor allem für den Luftschutz erfordert, dass schon seine friedensmäßige Organisation hierauf abgestellt wird. Hierzu ist nötig die Schaffung einer straff organisierten, vom Führerprinzip geleiteten, rechtseinheitlich gestalteten, von geschulten Kräften geführte Polizeitruppe unter staatlicher Aufsicht." - Die 3. Durchführungsbestimmung zu obigem Gesetz legte fest: „Die Freiwillige Feuerwehr ist eine technische Hilfspolizeitruppe für Hilfeleistungen bei öffentlichen Notständen aller Art. Sie hat... im Auftrage der Ortspolizeiverwaltung die Gefahren abzuwenden, die der Allgemeinheit oder dem Einzelnen durch Schadenfeuer drohen, und die Aufgaben zu erfüllen, die ihr zur Durchführung des Luftschutzes gestellt werden."

Bei der Aufnahme in die Feuerwehr war in feierlicher Form vor versammelter Wehr folgender Eid zu leisten: „Ich schwöre: Ich will dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, die Treue wahren, ihm und meinen von ihm bestellten Vorgesetzten Gehorsam leisten und meine Dienstpflichten pünktlich und gewissenhaft erfüllen."

Mit dem Inkrafttreten dieser Verordnung wurden die von den Freiwilligen Feuerwehren gebildeten Vereine und Verbände (z.B. die Kreis-, Provinzial- und Landesfeuerwehrverbände...) aufgelöst.


 

Zivile Daten

April 34: Beginn des regelmäßigen schulplanmäßigen Religionsunterrichts der evangelischen Kinder neben dem Konfirmandenunterricht. - Es war für die evangelischen Eltern inzwischen untragbar geworden, dass ihre Kinder, die in katholische Volksschulen eingeschult werden mussten, bis zum Konfirmandenalter überhaupt keinen Religionsunterricht bekamen.

1935: Entstehung eines akuten Wassermangels in Lammersdorf. - Die Gemeinde veranlasste Neuschürfungen zwecks Erschließung eines größeren Reservoirs. In der Folgezeit erwog man verschiedene Varianten zur Überwindung des entstandenen Engpasses: Anschluss an das Kreiswassernetz, Neuschürfungen auf der Vennhöhe bei Fringshaus in den 1940er Jahren.

1935: Dienstantritt der Lehrerin Frl. Klara Thoma

1935: Gründung der "Karnevalsgesellschaft Lammersdorf" (später "Karnevalsfreunde"). - Als geistiger Vater der organisierten Karnevalsbewegung im Ort gilt Pfarrer Peter Schall. Da es gelegentlch zu Auswüchsen kam, die zu dem schönen Brauch überhaupt nicht passten und in der Bevölkerung Missfallen erregten, regte er den Jünglingsverein an, die Sache in die Hand zu nehmen und wieder in vernünftige Bahnen zu lenken. Dies geschah denn auch. Der damals 25 Jahre alte Alois Mertens schwang sich zum Initiator auf, gewann als Partner Willi Bücken, Hubert Schmitz, Willi Schmitz und Joachim Wilden und hob mit ihnen die organisiete Karnevalsbewegung aus der Taufe. In der Folgezeit erlebte sie einen zügigen Aufschwung. Da der Karneval hier am ausgeprägtesten war und viele Jecken der Umgebung inspirierte, darf mit Fug und Recht gesagt werden, dass in Lammersdorf die Wiege des Karnevals in der Region stand.

06.03.36: Veränderungen in der Vewaltungsstruktur des Kreises Monschau: Zusammenlegung mehrerer, kommunalpolitisch jedoch weiterhin selbständig bleibender Gemeinden zur gemeinsamen Verwaltung in "Ämter". In diesem Rahmen entstand das Amt Simmerath, das außer für den Amtssitz auch für Lammersdorf und Vossenack zuständg war. 

erste evang. Kirche in lammersdorf25.4.1937 Einweihung der evangelischen Kapelle. - Sie wurde vom Erlös des Abbruchs des Imgenbroicher evangelischen Gotteshauses erbaut und für die protestantischen Arbeiter und Angestellten der Firma Junker sowie für die Zollbeamten gleicher Konfession benötigt. Dr. Ludwig Mathar bezeichnete die Kapelle als „ein echtes Dorfkirchlein in neuzeitlichen Formen... mit tief herabhängendem Schieferdach, vorspringendem Eingang (und) fest aufsitzendem Dachreiter, (als) ein wuchtiges und doch anmutiges Gebilde...".

 

 

01.05.37: Lehrer Paul Lethen trat nach 42jähriger erfolgreicher pädagogischer Tätigkeit an der Lammersdorfer Schule in den Ruhestand.

1940: Die Probleme der Wasserversorgung des Kreises Monschau hatten sich in den vergangenen Jahren weiter erheblich zugespitzt: Nicht allein, dass die geschürften und gefassten Quellen in ihrer Ergiebigkeit zurückgegangen waren und das Pumpwerk im Perlbachal nicht mehr ausreichte; hinzu kam, dass die Überschwemmung des Versorgungsgebietes mit Arbeitskräften und Soldaten und die wasserverbrauchsintensiven Bauarbeiten am Westwall in der Zeit von 1937 bis 1939 den Wasserverbrauch ohne jeglichen Ausgleich verdoppelten.

Auf diesem Hintergrund brachte der Kreis Monschau im Jahre 1940 das im Entwurf bereits vorliegende Projekt der Perlenbachtalsperre wieder ins Gespräch. Die Militärbehörden lehnten es jedoch mit der Begründung ab, dass schwerwiegende militärische Bedenken dem Bau der Talsperre im westlichen Vorgelände der Hauptkampflinie entgegenstünden, weil sie vor den Befestigungsanlagen des Westwalls nicht verteidigt werden könne und deshalb für die Versorgung der Bevölkerung sowie der Truppen und militärischen Anlagen im Kriegszustand bald ausfiele.Der Kreis Monschau gab sein Projekt daraufhin auf und versuchte im Zusammenwirken mit dem Militär die Rurtalsperren-Lösung zu beschleunigen.


 

Zusamenfassung:

Ein großer und in den Jahren nach 1933 rapide anwachsender Teil der Bevölkerung des Monschauer Landes entschied sich für die Nationalsozialisten. Ihr durch eine zutiefst demagogische Propaganda erzeugter Glaube, dass nur sie Deutschland aus der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krise herausführen könnten, hatte eine große politische Mobilisierungskraft. Angesichts der bald einsetzenden Konsolidierung der Wirtschaft, der Wiedereingliederung der Millionen von Erwerbslosen in den Arbeitsprozess und des seitens der Nationalsozialisten demonstrierten Selbstbewusstseins auf dem internationalen Parkett schlug die Stimmung der Volksmassen zugunsten des Naziregimes rapide um. In die gleiche Richtung wirkten die nazistische Ideologie von der "Volksgemeinschaft" durch Überwindung der Klassen- und Standesunterschiede sowie die ebenso scheinheilige These "Gemeinnutz geht vor Eigennutz". So ist zu erklären, warum breite Bevölkerungskreise sich eine lange Zeit hindurch, faktisch bis in den Zweiten Weltkrieg hinein, für den nationalsozialistischen Staat mehr oder weniger engagierten. Erst in einem langwierigen Erkenntnisprozess, der von den der Nazi-Propaganda widersprechenden Realitäten des politischen Alltags gefördert wurde, lernten immer mehr Menschen den wahren Charakter, die verbrecherischen, volksfeindlichen und menschenverachtenden Ziele der Nationalsozialisten richtig einschätzen.

Schließlich wurden die Schrecken des Krieges auch in unseren Dörfern zunehmend spürbar. Ein Blick in die Zeitungen machte jedem von Tag zu Tag mehr klar, wie furchtbar der Tod seine Ernte besonders auch unter den Männern der Eifel hielt. Immer mehr Menschen sahen die Kriegsopfer als vermeidbar und sinnlos an. Unter der Landbevölkerung stieg allmählich die Verbitterung. Als an der Jahreswende 1942/43 in und um Stalingrad eine ganze deutsche Armee unterging, waren gerade auch dort zahlreiche junge Leute des Eifellandes unter den Opfern.

Spätestens also, als der Zweite Weltkrieg immer mehr die dramatischen Konturen der bis dahin größten militärischen, politischen, wirtschaftlichen und moralischen Katastrophe in der deutschen Geschichte annahm, machten sich Enttäuschung, Resignation und Empörung breit, wuchs der Wille vieler Menschen, dieses historische Desaster zu beenden und einem wirklich demokratischen, auf das Wohl des Volkes orientierten Staatswesen zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Entwicklung der Einwohnerzahlen zeigt die folgende Grafik:

bevoelkerung33-46

Die Steigerungsquote der Anzahl der Einwohner betrug 28,6 Prozent


 

II. Weltkrieg

1938: Forcierung der Bauarbeiten am Westwall: Zusätzlich zum Reichsarbeitsdienst wurde eine Kompanie Infanteristen aus Münster eingesetzt, was weitere Einquartierungen nach sich zog. Vom 12. - 23. September belegten sie beide Klassenräume der Schule; die Folge war Unterrichtsausfall.

Schließlich wurden alle Säle des Dorfes für die Arbeitskräfte am Westwall beschlagnahmt.

1939: Das Eifeler Grenzland wurde Aufmarschgebiet für den II. Weltkrieg. Im Ort brach eine emsige Betriebsamket an, die Schlimmes ahnen ließ. Wie schon manchmal in der Geschichte mussten die Bewohner militärische Belastungen ertragen, die mit dem Aufmarsch von Ameen einhergingen

Vom 29.08. - 19.10.39 erfolgten wiederum Einquartierungen von Soldaten im Schulgebäude, was erneut zum Ausfall von Unterricht führte. Ab 20.10. stand ein Schulraum wieder zur Verfügung, in dem die Klassen nun abwechselnd unterrichtet wurden.

1940: Mit der sehr aufwändigen Errichtung der Befestigungsanlagen brach in das stille, abgeschiedene Eifeldorf erhebliche Unruhe ein. Darüber hinaus bürdete der Bau der Gemeinde beträchtliche materielle und organisatorische Belastungen auf.

10.05.40: In der Nacht zum 10. Mai liefen die letzten Vorbereitungen des völkerrechtswidrigen Angriffs gegen die westlichen Nachbarn. Unter eklatanter Verletzung der Souveränität der Beneluxstaaten überschritten deutsche Truppen im Morgengrauen deren Grenzen, um nach widerstandsschwachem, schnellem Durchmarsch Frankreich anzugreifen.

Deutsche Soldaten "eroberten" den Vennbahnhof zurück.

Aug./Sept. 40: Mehrwöchige Schließung der Schule wegen der erhöhten Fliegerangriffsgefahr. Danach war es nicht mehr statthaft, beide Klassen gleichzeitig zu unterrichten, da der Luftschutzraum nicht alle Kinder aufnehmen konnte. Schichtuntericht war angesagt

Ab Mitte 41: "Abrüstung" des Westwalls durch den Reichsarbeitsdienst. Die technische Ausstattung der Befestigungsanlagen wurden am "Atlantikwall" benötigt

Seit 1942 kreuzten immmer wieder riesige Flugverbände über unserer Heimat auf. Da sie in großer Höhe ihren Kurs ins Innere Deuschlands verfolgten, konnten sie die zahlreichen Flakgeschütze nicht mehr aufhalten. Deutsce Flugzeuge sah man immer seltener am Himmel.

Am 20.10.43 gab es unterhalb des Dorfes einen Bombenabwurf.

 

Frontzeit

Im Spätsommer war in den Grenzdörfern am Hohen Venn erstmals das ferne Grollen der Front zu hören. Die Menschen begannen zu erkennen, dass der Krieg sich direkt auf sie zu bewegte. Unsicherheit und Verzweiflung herrschten, wohin man schaute. In der Nordeifel stand eine Periode der unmittelbaren Konfrontation mit dem Kriegsgeschehen kurz bevor.

Für den Lammersdorfer Abschnitt des Westwalls wurden Schanzkommandos aufgeboten, die sich aus Einheiten der Hitler-Jugend und aus dienstverpflichteten älteren männlichen Jahrgängen, teilweise aus dem Siegtal, zusammensetzten..

Die Befestigungsanlagen des Westwalls befanden sich in einem desolaten Zustand: Die Bunker standen häufig unter Wasser und wurden zum Teil als Lagerräume für Gerät oder Erntegut genutzt; ihre Innenausstattung, insbesondere die Belüftungen und die Wasseranschlüsse, hatte man entwendet. Ncht selten.waren auch Plünderer am Werk.

Bereits Mitte 1941 waren die Panzerungen, Bewaffnungen, Drahthindernisse und Nachrichteneinrichtungen zum „Atlantikwall“ geschafft worden.

Die Schussfelder hatte das Unkraut überwuchert. Es fehlte ein verbundenes Grabensystem mit Bodenbefestigung, mittels dessen die Bunkerbesatzungen ihre Kampfmaßnahmen koordinieren konnten.

In diesen Tagen wurde, weil deutsche Soldaten das Schulgebäude belegten, der Unterricht abgebrochen.

Am 11.09. wurde der Zug- und Postverkehr eingestellt.

„Die Amis kommen“ war das Schlagwort in diesen Wochen. Mit gemischten Gefühlen erwarteten die Menschen die Amerikaner. Einerseits war man, als sie kommen sollten, froh, weil das Kriegsgeschehen nun hoffentlich bald zu Ende gehen könnte. Andererseits aber sah man dem Einzug der amerikanischen Truppen auch mit Angst entgegen, wusste doch niemand, wie sie sich verhalten würden, zumal die Nazis die amerikanischen Soldaten als Mörder und Frauenschänder hingestellt hatten.

Schon bald erging der Befehl zur Evakuierung der Zivilbevölkerung aus dem Westwallbereich und somit auch aus Lammersdorf.

Am 12.09. folgten, sich den harten Zwängen beugend, etwa zwei Drittel der damals rund 1000 Einwohner Lammersdorfs dem Räumungsbefehl. Zunächst zogen viele in Richtung Simonskall, um nach drei bis vier Wochen in die verschiedensten Richtungen weiterzuziehen. Fast überall waren sie Fliegerangriffen und Bombardements ausgesetzt. Nur wenige kamen in Gegenden unter, wo sie vom Krieg relativ unberührt leben konnten.

Draußen auf den Feldern stand in diesen warmen Septembertagen erntereif das Korn. Kartoffeln und Rüben waren gut geraten, die rotbunten Kühe grasten auf den Weiden wie jedes Jahr und befanden sich in ordentlichem Stand. Gepflegt und ertragreich zeigten sich die Familiengärten, und an den wenigen Obstbäumen reiften die Früchte. Angesichts dessen ist es allzu verständlich, wenn das Verlassen der Heimat für die Menschen etwas derart Ungeheuerliches war, dass sie es möglichst lange vor sich her zu schieben suchten. Heute kann wohl kaum noch jemand tief genug nachempfinden, was es damals für die Menschen geheißen hat, das Land und ihrer Hände Werk in eine ungewisse Zukunft zu verlassen.

Zurück blieb ein von vielen Bewohnern verlassenes Dorf, zahlreiche leere Häuser und Höfe – dem Schicksal preisgegeben, d.h. auch Plünderungen und Diebstählen von Einheimischen und Soldaten.

Etwa 300 Bewohner, unter ihnen Pfarrer Peter Schall, harrten im Ort aus. Hautnah erlebten sie nicht nur das fortwährende Rückfluten von Einheiten des besiegten deutschen Heeres, sondern auch die ersten Zerstörungen an Häusern, Gotteshaus und Schule durch Bombardements und Beschuss, sehr häufig auch aus deutschen Waffen, mit tödlichen Folgen und Verwundungen.

Am 14.09. trafen die ersten amerikanischen Soldaten in Lammersdorf ein. Gegen 14.00 Uhr nahmen sie den Ort ein. Das Leben gestaltete sich von hier an zunehmend bedrohlich und war vom direkten Kriegsgeschehen gekennzeichnet. Auch für Lammersdorf hatte die Fronteit begonnen.

Von September 1944 bis Februar 1945 versteiften sich aus verschiedenen Gründen hier die Frontan zu einem zermürbenden, die Frontverläufe auf engem Raum häufig verschiebenden Stellungskrieg. So bekam die Region alle leidvollen Auswirkungen eines Kriegsschauplatzes mit ganzer Wucht zu spüren.

Lammersdorf spielte während der Folgezeit in der strategisch-taktischen Planung der Amerikaner eine zentrale Rolle. Mehrfach war es Ausgangspunkt der Operationen des 39. US-Regiments, welches verzweifelt versuchte, durch den Wald zur Kalltalsperre vorzudringen, um den Staudamm zu erobern. Vom 9.1. bis zum 28.2.1945 befand sich hier der Gefechtsstand der 78. US-Infanterie-Division. Mehrfach geriet deshalb unser Ort unter Störfeuerattacken der deutschen Artillerie. In dieser Situation wurde auch der Bahnhof größtenteils zerstört.

Am 19.09. griff die 9.US-Infanteriedivision in breiter Front nach Osten und Südosten an. Ein Vorstoß erfolgte aus Lammersdorf in Richtung Paustenbach mit dem Ziel, die stark befestigte, das Gelände weithin sichtbar überragende Paustenbacher Höhe, die Höhe 554 (heute mit dem Friedenskreuz), zu nehmen und den Westwall zu durchbrechen. Der Angriff gestaltete sich für die Amerikaner wider Erwarten außerordentlich schwierig, denn das hier eingesetzte deutsche Infanteriebataillon leistete auf dem deckungslosen, karstigen Hang und in den Westwallbunkern 233 – 247 erbitterte Gegenwehr. Fünf-/sechsmal hintereinander mussten die Amerikaner die Höhe angreifen, ehe sie nach zehn Tagen in ihre Hände fiel. Hohe Verluste an Menschen und Material auf beiden Seiten waren die bittere Folge.

Im September setzten die Amerikaner den Lammersdorfer Josef Mertens, Besitzer des Bahnhofshotels Mertens (Mertens Männ), als Ortsvorsteher ein. Er besaß kaum Handlungsfreiheit, sondern hatte in erster Linie die Anordnungen der Besatzer an die Bevölkerung weiterzugeben und für deren Einhaltung zu sorgen. Ihm folgte Paul Läufer (Scheele Paul), der in der Bergstraße (Nölestrohs) Nr. 15 wohnte. Er nahm die Geschäfte bis 1947 wahr.

Ende Sept./Anf. Okt. 1944 stießen amerikanische Verbände vom Jägerhaus aus nach Süden in Richtung Kalltal vor und nahmen die leergelaufene Kalltalsperre ein.

 Weil die Schäden in der katholischen Pfarrkirche wesentlich gravierender waren, stellte die Evangelische Kirchengemeinde aus christlicher Solidarität und ökumenischem Streben ihre weniger betroffene Kapelle den Katholiken zeitweise zur Verfügung

12.02.:Letzter Schuss auf Lammersdorf

März: Mit der Eroberung der Talsperren durch die Amerikaner gingen die Kämpfe in unserem Raum zu Ende. Endgültig hatte sich der grauenvolle Moloch des Krieges über das Monschauer Land in Richtung Osten hinweggewälzt. Die Fontzeit war beendet.

Traurige Bilanz der Frontzeit: Unser westlich des Westwalls gelegenes Dorf war ein halbes Jahr lang in leidvoller Weise dem direkten Frontgeschehen ausgesetzt. Das verlangte, die außerordentlichen materiellen und psychischen Belastungen durchzustehen und zahlreiche tragische Opfer hinzunehnen: 25 Lammesdorfer wurden schwer oder leicht verwuncdet. Von 179 Häusern fielen neun der völligen Vernichtung anheim. 20 trugen schwere, 88 leichte Schäden davon. Der Zerstörungsgrad des Ortes lag bei 23 Prozent. Man zählte etwa 6.000 Einschläge - sehr viele aus deutschen Geschützen -, unter ihnen jene, die 10 Menschen das Leben kosteten.