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Lammersdorf im zweiten deutschen Kaiserreich (1871 - 1918)

1870er Jahre

18.01.1871: Gründung des zweiten Deutschen Reiches im Schloss zu Versailles. – Zum deutschen Kaiser wurde daselbst der preußische König Wilhelm ausgerufen. – In der Chronik der Bürgermeisterei Kesternich heißt es dazu:

„Auf Wunsch der deutschen Fürsten und Völker nahm unser Heldenkönig Wilhelm am 18. Januar 1871 den Titel eines deutschen Kaisers an. Das deutsche Kaiserreich ist also wiederhergestellt, eine Verbindung aller Stämme unter einem allgemeinen Fürsten. Der Friede ist wieder blutig erkauft, die Einigkeit Deutschlands ist im fremden Lande zwischen allen Stämmen der deutschen Nation besiegelt worden. Möge diese Einigkeit bleiben und segensreiche Früchte bringen für uns und die kommenden Geschlechter.“ (zit. aus Mitteilungsblatt für die Gemeinde Simmerath, Nr. 31 / 01, S. 11)

Getragen von erwachtem Nationalbewusstsein und vertiefter patriotischer Gesinnung, wurde die Gründung des Deutschen Reiches in weiten Kreisen der Bevölkerung festlich gewürdigt.

1871: Einführung der Mark als Währungseinheit des Deutschen Reiches und damit des Dezimalsystems in die Währung.

31.12.1871: Lammersdorf hatte 609 Einwohner und 132 Häuser.

1872: Die Mehrzahl der Hausweber hatte ihre Arbeit verloren.

1873: Als Gemeindevorsteher fungierte Wilhelm Falter, Bruder des Peter Josef, der das elterliche Haus in der Sonntagstraße besaß.

1875: Gründung des Kirchenchores, erster Präses: Pfarrer Jülich. Mitbegründer waren Mathias Peter Lauscher und Küster Mathias Hubert Siebertz.

1875/76: Es herrschte ein harter Winter, bis in den April hinein lag Schnee.

Juli/Aug.1876: Sehr trockenes Wetter verursachte eine große Dürre. Der endich einsetzende Regen ging fast ununterbrochen nieder, sodass die Feldfrüchte verdarben.

1876: Als Gemeinde- und Polizeidiener wirkte Josef Braun.

1879: Wiederum suchte die Menschen eine Missernte heim.

1879/80: Drei Wintermonate lang herschte eine sibirische Kälte.

1870er Jahre: Ausbruch verschiedener Erdbeben. - Nach ihrem Hauptherd bezeichnete sie die Erdbebenforschung als "Herzogenrather Erdbeben".

 15.10.1880: Dienstantritt des Lehrers Johann Böker. – Er war zugleich Organist und Chorleiter. Sein Gehalt betrug zunächst jährlich 900 Mark. Es handelte sich um ein herabgesetztes Entgelt, weil die Behörde die Schule erst dann als zweiklassige Schule anerkannte, wenn sie in der II. Klasse einen „qualifizierten“ Lehrer beschäftigte. Auch die anderen Berechtigungen des Lehrers (Torf, Streusel und Brennholz) entfielen, lediglich freie Wohnung und Garten blieben. Ab 1883 erhielt Johann Böker 1050 Mark. Nach 22 Jahren erfolgte auf eigenen Wunsch seine Versetzung nach Bergrath bei Eschweiler.

1880: Gemeinde- und Polizeidiener war zu dieser Zeit Peter Joseph Peters.

März – Mai 1880: Infolge sehr trockenen Wetters herrschte „eine große Dürre, wie sie seit Menschengedenken nicht vorgekommen“ sei. Erst am 2. Juni kam der Regen zurück. Die Folge war eine Missernte mit den bekannten fatalen Folgen.


 

1880er Jahre

1881: Erneut mussten die Menschen auf dem Lande die Folgen einer Missernte erleiden.

1881: Wiederum verunsicherte ein Erdbeben diie Menschen.

1882: Beginn des Baues des Lammersdorfer Bahnhofs der Vennbahn. – Es handelte sich um ein eingeschossiges Fachwerkhaus der Königlich-Preußischen Eisenbahnverwaltung mit Schalter- und Warteraum sowie einem Gepäckabfertigungsraum. Daneben entstand eine Baracke mit einem Raum für das Brandlöschgerät, einer Toilette und einem Petroleumlager. Außerdem errichtete man einen Stall für das Kleinvieh des Bahnhofsvorstehers. Fertiggestellt wurde der Komplex 1883.

1882: Gründung der Lammersdorfer „St.-Johannes-Schützenbruderschaft“

1882: Wie in den vorausgegangenen Jahren bereits mehrfach leidvoll erlebt, mussten die Menschen auch in diesem Jahre mit gravierenden Notständen fertig werden. Vorbereitet durch manche Missernte in der Vergangenheit und verstärkt durch den totalen Misswuchs 1882, klopfte ärgste Not an die Türen der Eifelhäuser. Gebietsweise stand die Bevölkerung bereits ab Mitte November fast ohne die elementarsten Mittel ihrer Erhaltung da. Es entwickelte sich eine Katastrophe, die jener der Hungerkrise von 1816/17 gleichkam.

Viele Menschen wanderten aus, weil hier in der Eifel die Not am größten war. In den 80er Jahren des
19. Jahrhunderts erreichte die Auswanderung im Zusammenhang mit dem Niedergang der Eifeler Landwirtschaft sogar den Höchststand von jährlich 18 000 Menschen. Große Hilfsaktionen wurden organisiert und insbesondere für die Beschaffung von Saatgut Staatsmittel in beträchtlichem Umfang bewilligt. Hinzu kam, dass überall Arbeitslosigkeit herrschte. Man hoffte, der anstehende Bau der Vennbahn werde Arbeit und Verdienst bringen.

 1883: Anlage des Gleiskörpers der Vennbahn. – Wirtschaftlich gesehen, war das Projekt längst überfällig. Aus innenpolitischen und finanziellen Gründen nahm der preußische Staat der Eisenbahn gegenüber lange Zeit eine abwartende Haltung ein und überließ in den ersten Jahrzehnten seiner Herrschaft den Bau der Bahnprojekte Privatunternehmen. Diese aber mieden aus Kosten- und Rentabilitätserwägungen die schwer zugänglichen Gebirgsgegenden. Bessere Zeiten setzten erst ein, als der Staat sich auch in diesem Bereich auf die Wahrnehmung seiner landeskulturellen Verantwortung besann und die Eisenbahnverwaltung in die öffentliche Hand überführte. Von nun an bemühte er sich, im Ausgleich mit gewinnbringenden Strecken die verkehrsarmen Gebirgsregionen mittels Nebenbahnen besser zu erschließen. Lammersdorf musste mit 4 500 Mark zum Bau der Vennbahn beitragen.

30.06.1885: Eröffnung der Strecke der Vennbahn zwischen Aachen/Rothe Erde und Monschau. – Damit begann auch im Monschauer Land das Eisenbahnzeitalter. Als nach zweijähriger Bauzeit der erste Personenzug die Steigungen der 47,8 km langen Strecke von Aachen nach Monschau erklomm, war der Jubel in den Ortschaften an der Bahnlinie groß – so auch in Lammersdorf. Hier begrüßten den Zug die Schuljugend der gesamten Bürgermeisterei Simmerath, ferner Ortsschulinspektor und Pfarrer Feßel, Bürgermeister Küpper aus Simmerath, der Lammersdorfer Schützenverein und eine große Menschenmenge aus der Umgebung.

Das neue Verkehrsmittel hatte in mancher Hinsicht eine enorme Bedeutung für die Entwicklung in der Region. Die abgelegenen Gebiete der Nordeifel hatten endlich Anschluss an die Industrieregionen des Aachener Raumes. Viele Güter, unter anderem Saatgut, Düngemittel und landwirtschaftliche Maschinen, konnten nun per Bahn transportiert werden. Die Viehmärkte belebten sich, weil der jetzt mögliche Versand in die Städte die Nachfrage hob. Eifelbutter fand gar über die Eisenbahn den Weg an den Kaiserhof in Berlin. Auch in der Forstwirtschaft entstanden günstigere Bedingungen, da die Holztransporte per Bahn sich spürbar verbilligten.

Zu wesentlichen Veränderungen führte die Vennbahn in der Beschäftigtenstruktur der Eifelgemeinden, so auch Lammersdorfs. Zum einen bot die Eisenbahn an sich neue Beschäftigung. Viele Männer fanden Arbeit bei den Baufirmen, die die Strecken anlegten und die Bahnhöfe errichteten. Die Bahn selbst benötigte für ihren Betrieb Rottenarbeiter, Bahnwärter, Streckenläufer, Stellwerks- und Bahnhofsbeamte, Lokführer, Heizer, Bremser und Schaffner. Mancher Bauernsohn ohne Zukunft im elterlichen Betrieb ging „op de Bahn“, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg einer der größten Arbeitgeber in der Region blieb.

Zum anderen war es besonders wichtig, dass der Überschuss an Arbeitskräften nun in die Industriegebiete am Nordrand der Eifel täglich oder wöchentlich einpendeln konnte, um dort in der Eisenindustrie, z.B. im Eisenhüttenwerk Rothe Erde, oder in der Stolberger Messingindustrie zu arbeiten.

Vennbahn-Fahrplan Zunächst wurde der Verkehr mit drei Zugpaaren aufgenommen. Nachdem je­doch die Strecke bis St. Vith ausgebaut worden war, nahm der Bahnbetrieb von Jahr zu Jahr zu, so dass schon bald abschnittsweise mit der Verlegung eines zweiten Gleises begonnen werden musste. Im Jahre 1893 wurde die Teilstrecke Walheim – Lammersdorf zweigleisig, sieben Jahre später die Strecke Lammersdorf – Monschau. Ab 1913 befuhren sieben Personenzüge die Strecke in beiden Richtungen. Bis zur Jahrtausendwende stieg der Personen- und Güterverkehr derart an, dass bis zu 16 Zügen am Tag verkehrten und letztendlich ein Erweiterungsbau notwendig wurde. Zur Bewältigung des rapide anwachsenden Ausflugsverkehrs mussten in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg an den Sonntagen zwei Sonderzüge eingesetzt werden.

So begann allmählich die Wandlung Lammersdorfs: Neben den ursprünglich dominierenden Klein- und Kleinstbauern mit einem Nebenerwerb als Weber, Fuhrwerker, Steinbrecher oder Besenbinder entstand nun ein Stamm von Männern, die eine sachkundige und arbeitsethische Beziehung zur metallverarbeitenden Industrie hatten. Langsam begann sich auch der Fremdenverkehr zu entwickeln, mit dem sich für die Eifelbewohner Schritt für Schritt ein ganz neuer Erwerbszweig erschloss.

Eine der vielen Hoffnungen, die sich an die Vennbahn knüpften, konnte sie nicht mehr erfüllen: die Wiederbelebung der Tuchindustrie. Deren Niedergang, der nicht zuletzt ihrer Abgelegenheit von Verkehr und Markt geschuldet war, hatte sich inzwischen als unumkehrbar erwiesen.

1885: Das Amt des Bürgermeisters übernahm Baron von Korff. Er stammte aus dem Inneren des Landes und benutzte die Stelle wahrscheinlich als Sprungbrett für seine weitere Karriere; wurde 1892 Landrat in Eupen

1885: Von diesem Jahre an übte Michael Paustenbach die Funktion des Gemeindevorstehers aus. Er wirkte als solcher bis zu seinem Tode im Jahre 1899. Michael Paustenbach wohnte in der Sonntagstraße im Haus Nr. 106, das später an Josef Huppertz überging.

31.12.1885: Lammersdorf hatte 686 Einwohner und 133 Häuser.

01.09.1886: Als katholischer Pfarrer wirkte seit diesem Tage Leonhard Hubert Jülich.

10.11.1887: Eröffnuung der Postagentur bei Joh. Frings (heute Roeffen)

1887: Anhaltende Frühjahrsfröste und außergewöhnliche sommerliche Trockenheit waren negative Erscheinungen des Wetters in diesem Jahr.. - Da deswegen insbesondere beim Hafer und beim Heu lediglich eine Missernte eingefahren werden konnte, mussten die Bauern ihr Vieh zu Spottpreisen verkaufen und gerieten in erhebliche Schwierigkeiten.

 1889: Der Ort erhielt die erste Telefonleitung.

 


 

1890er Jahre

1892: Das Amt des Bürgermeisters in der Bürgermeisterei Simmerath übernahm Michael Gerards aus Rurberg und übte es bis 1922 aus. Er führte ein strenges bürokratisches Regime, so dass die Lammersdorfer – ungeachtet mancher Witterungsunbillen – mehr als notwendig zum Amt nach Simmerath zu gehen hatten, um Genehmigungen für perse Vorhaben einzuholen oder verschiedene andere Dinge zu erledigen. Das hat den Lammersdorfern die Bürgermeisterei arg verleidet. Die Simmerather waren jedoch sehr stolz auf „ihre“ Bürgermeisterei, die auch nie einen Lammersdorfer beschäftigte. Angeblich schauten die Simmerather „Kragenmänner“ etwas hochnäsig auf die Lammersdorfer „Besenbinder“ herab. So bildeten sich mit der Zeit teils berechtigte, teils unberechtigte Aversionen zwischen den Bürgern beider Gemeinden heraus. Zum Teil gingen sie auf die Zeit zurück, als sich die Lammersdorfer bei der Festlegung der Grenzen des Gemeindewaldes von den Simmerathern übervorteilt fühlten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Voreingenommenheiten jedoch weitgehend abgeschliffen.

18.12.1892: Aufstellung des aus Rom gekommenen, von Papst Leo XIII. als getreue Nachbildung des durch Wunder berühmt gewordenen Originals anerkannten und persönlich gesegneten Bildnisses der "Seligen Jungfrau Maria von der immerwährenden Hilfe" im Lammersdorfer Gotteshaus. Das "Montjoie`r Volksblatt" vom 24.12.1892 veröffentlichte darüber folgenden, hier sinngemäß und leicht gekürzt wiedergegebenen Bericht: Der gestrige Tag sei für die hiesige Pfarre ein Tag der Freude, der Gnade und des Segens gewesen. Nachdem am Morgen beinahe 400 Einwohner die heilige Kommunion empfangen hätten, habe die eigentliche Feier am Nachmittag stattgefunden. Aus der ganzen Umgebung seien Gläubige gekommen. Die Kirche sei derart gefüllt gewesen, dass man sich nicht regen und rühren konnte. Mt größter Aufmerksamkeit hörten alle zu, was der Prediger von der Kanzel über die Geschichte des alten, verehrungswürdigen Gnadenbildes sagte. In früheren Jahrhunderten habe es sich auf der Insel Kreta befunden.Gegen Ende des 15 Jahrhunderts sei es durch einen Kaufmann nach Rom gelangt, wo es seit ca. 30 Jahren in der St. Alphonsuskirche bewahrt werde.

Des Weiteren führte der Redner eine Reihe von Gebetserhörungen aus Rom und vielen anderen Orten, wo Abbilder aufgestellt sind, an. Damit bestärkte er die Gläubigen nicht nur in ihrem Vertrauen zur Verehrung des Gnadenbildes, sondern lieferte ihnen auch den Beweis für die Wahrheit, dass Maria eine Helferin bei jedem Anliegen des Leibes und der Seele, eine Mutter von der immerwährenden Hile ist.

Zweimal im Jahr - nämlich am Sonntage vor dem Geburtsfest des Heiligen Johannes des Täufers und am 18. Dezember, dem Jahrestag der Aufstellung des Gnadenbildes, sowie jedes Mal an den folgenden sieben Tagen können alle Gläubigen, welche nach dem Empfang der heiligen Sakamente vor dem Bilde eine Zeit lang beten und die sonst üblichen Ablassgebete verrichten, einen vollkommenen Ablass gewinnen.

Die ganze Pfarre war hocherfreut, das Bild zu besitzen. Ergreifend war, wie nach der Andacht bis zum späten Abend sehr viele Betende vor dem Gnadenbilde knieten. Heute befindet sich das Gnadenbild in der Marienkapelle.

1893: Die Teilstrecke der Vennbahn zwischen Walheim und Lammersdorf wurde zweigleisig ausgelegt.

1893: Verlegung einer unterirdischen Abwasserleitung an der Lammersdorfer Schule auf Initiative von Ortsvorsteher Paustenbach. – Mit dieser Maßnahme wurde dem Übelstand abgeholfen, dass sich um das Schulgebäude herum häufig großflächige Pfützen oder Eisdecken bildeten, die den Zugang zur Schule zeitweise unmöglich machten und Unterrichtsausfälle verursachten.

1893: Das Wetter bescherte dem Landstrich einen sehr trockenen Sommer. - Infolgedessen fand das Vieh auf den Weiden kein Futter mehr und musste in den Wald getrieben oder gar abgeschlachtet werden. Die trockene Witterung dauerte bis in den Herbst hinein.

01.05.1895: Dienstantritt des Lehrers Paul Lethen. – Er arbeitete zugleich als Organist und Chorleiter. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er eingezogen und am 20.5.1916 wieder vom Militär entlassen. 1920 feierte Lethen sein silbernes Amtsjubiläum in Lammersdorf. 1935 erhielt er eine Ehrenurkunde anlässlich seiner 25jährigen Mitgliedschaft im Kirchenchor. Nach 42 Jahren pädagogischer Tätigkeit trat der verdienstvolle Pädagoge in den wohlverdienten Ruhestand und ist am 6.3.1940 in Lammersdorf gestorben.

Juli 1895: Erneuerung der durch Lammersdorf führenden, von der Provinz verwalteten Straße durch Auflage einer Decke aus Kleinschlag. - Dessen Verdichtung erfolgte mit einer Dampfwalze, nicht, wie bis dato üblich, mit einer von Pferden gezogenen Walze.

Sept.1895 (bis April 1896): Typhus in Mathars Mühle. – Zwei Kinder des Mühlenbetreibers Thomas Hilger Mathar fielen der Krankheit zum Opfer.

31.12.1895: Im Ort lebten zu diesem Zeitpunkt 665 Einwohner.

22.03.1897: Veranstaltung anlässlich des Geburtsjubiläums Kaiser Wilhelms I.: Dankgottesdienst; Schulfeier, in der die Knaben einen Reigen tanzten und die anderen Kinder das Lied "Alle Vögel sind schon da..." sangen; Ausflug zum Fringshaus. - Pfarrer Jülich schenkte jedem Kind eine Brezel.

01.01.1898: Einrichtung einer bahnamtlichen Güterbestätterei auf dem Vennbahnhof. - Der Güterbestätter sorgte dafür, dass die Frachtgüter vom Bahnhof in die umliegenden Orte (und umgekehrt) gebracht wurden. Die "Rollgebühr" betrug je Zentner zehn Pfennige für den Bezirk Lammersdorf/Paustenbach und 20 Pfennige für die Orte rings um Simmerath.

17.04.1899: Das Amt des Gemeindevorstehers übernahm der Schreiner und Ackerer Mathis Hubert Jansen als Nachfolger des am 5.1. dieses Jahres verstorbenen Vorgängers Paustenbach

23.12.1899: Schulfeier zur Jahrhundertwende in der Oberklasse: In seiner Rede wies der Lehrer auf die wissenschaftlichen Forschungen und großen Erfindungen des zu Ende gehenden Jahrhunderts hin. Er verglich die Lage Deutschlands am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der nach 100 Jahren erreichten Machtstellung Preußens und des Deutschen Reiches, würdigte "das segensreiche und ruhmgekrönte Wirken des erhabenen Herrscherhauses" und erinnerte an die Ausbreitung des Christentums - besonders in Afrika. Der Gesang der Lieder "Großer Gott wir loben dich, "Ich bin ein Preuße" und "Wir sind im wahren Christentum" umrahmte die Schulfeier.

Frühjahr 1900: Neuausbau der oberen Hälfte der Straße an der Eisenbahn, der heutigen Bahnhofstraße. – Der Weg war bei Regenwetter sowie z.Z. der Schneeschmelze kaum passierbar. Die Schulkinder mussten dann die gefährlichere Dürener Straße benutzen. Zu den hohen Kosten der Straßenerneuerung erhielt die Gemeinde namhafte Beihilfen von der Königlichen Eisenbahn- und der Provinzialstraßen-Verwaltung. Die Steinbrüche auf der Ley lieferten das Material. Für dessen Anfuhr bekamen Lammersdorfer Landwirte bei täglich sieben Fuhren 6 Mark.

Okt.1900: Ersteigerung des an die Schule im Nordosten angrenzenden Grundeigentums der Gebrüder Matthias und Peter Jansen nebst Haus, Stallung und Scheune durch die katholische Pfarrgemeinde. – Die Summe betrug 5 181 Mark. Vorgesehen war das Grundstück für die Errichtung eines neuen Gotteshauses.

1900: Die Teilstrecke der Vennbahn zwischen Lammersdorf und Monschau erhielt ein zweites Gleis.

Das folgende Diagramm vermittelt einen optischen Eindruck von der Entwicklung der Anzahl der Einwohner im
19. Jahrhundert.

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Besonders auffällig sind die sehr starken An- und Abstiege der Einwohnerzahlen. Ihre Ursachen liegen in den Wanderungsbewegungen vieler Menschen. Infolge ihrer total unsicheren Existenzbedingungen und ihrer kargen Lebensverhältnisse trachteten sie danach, woanders bessere Möglichkeiten zu finden. Nicht allen gelang es; sie kehrten wieder in ihre Heimat zurück, während andere sich entschlossen, es dennoch zu probieren usw. - So erklärt sich, dass trotz der Dynamik in der Entwicklung der Einwohnerzahlen am Ende des Jahrhunderts fast das Niveau erreicht wurde, das am Anfang des Betrachtungszeitraumes bereits gegeben war.


 

1900er Jahre

 18.01.1901: Feier anlässlich des 200jährigen Bestehens des Königreiches Preußen und Kaisers Geburtstag. – Die Ansprache hielt Lehrer Böker. Andreas Lauscher wurde als "würdigstem Schüler" eine Auszeichnung in Form der von der Königlichen Regierung zu Aachen übersandten Festschrift zuteil.

17.03.1901: Letzter Schulgottesdienst im alten, bereits vor fast 200 Jahren erbauten Gotteshaus. – Danach erfolgte die Umsetzung des Hochaltars in den Saal des Wirtes und Postagenten Johann Frings (heute Roeffen), der während des Kirchenneubaues als Notkirche diente.

18.03.1901: Abbruch des alten Kirchengebäudes; Unterbringung der Orgel auf dem Speicher der Schule; Aufstellung des Beichtstuhles im Schulsaal der II. Klasse

25.04.1901: Legung des "ersten Steins" des neuen Gotteshauses

15.07.1901: Spende des heiligen Sakraments der Firmung durch Weihbischof Dr. Fischer in der Lammersdorfer Notkirche

21.07.1901: Grundsteinlegung für das neue Gotteshaus durch Weihbischof Dr. Fischer. – Der Grundstein stammt aus den Katakomben des heiligen Papstes und Märtyrers Callixtus in Rom. Am Nachmittag wartete am unteren Ende des Dorfes Weihbischof Dr. Fischer auf die Gemeinde, die kam, um den Grundstein abzuholen. Vier Jünglinge trugen ihn auf einer Bahre zur Kirche. Hier erfolgten die üblichen Hammerschläge. Der Herr Pastor gab die ersten Schläge mit dem gezierten Hammer auf den großen, schweren Stein und spendete ein Trinkgeld für die Arteiter. Auch Lehrer und Kinder stiegen in den Schacht und schlugen je dreimal auf den Stein und dankten mit einem Trinkgeld. Zuletzt kamen die Frauen und Jungfrauen an die Reihe.

Der Grundstein der neuen Kirche befindet sich in der Mauer hinter dem Hochaltar.

Pfarrer Jülich brachte in verhältnismäßig kurzer Zeit einen großen Teil der Mittel zum Neubau zusammen. Die Lammersdorfer hatten fleißig gespendet, soweit es in ihren Kräften stand. Das damalige Urteil über die Kirche fiel recht positiv aus: Sie sei eine recht hübsche und würdige Landkirche, die zu den schönsten der Gegend gehöre.

1901: Nun erfolgte auch der Ausbau des unteren Abschnitts der Bahnhofstraße.

1902: Versetzung des Lehrers Johann Böker auf eigenen Wunsch nach 22jähriger Tätigkeit in Lammersdorf

09.11.1902: Einsegnung des neuen Gotteshauses. - Nachdem morgens noch eine Heilige Messe in der Notkirche gefeiert und anschließend der Tabernakel in die neue Kirche getragen worden war, fand am Nachmittag der feierliche Einzug in das würdevolle Gotteshaus statt. Es gehört seitdem zu den schönsten des Monschauer Landes. – Mit der 1705 geweihten Kirche vergleichend, bezeichnete Dr. Ludwig Mathar die neue Kirche als einen in den Jahren 1901-02 rasch erstellten „frühgotischen“ Bau, allerdings als keine freie Gestaltung auf dem Boden altheimischer Überlieferung, für welche die Baukunst dieser Zeit noch nicht reif gewesen sei. Diese Auffassung belegend, führt Mathar aus: „Wenn das die Klosterather Mönche, der rastlos tätige Frühmessner Fedder, der fromme Eremit Bruder Franz, der in der Eremitage an der Nordseite der Kirche hauste, der Handlanger beim Kirchenbau, der Gehilfe des Küsters..., der gute Pfarrer Matthias Michael Bonn... sähen! Verschwunden, so würden sie jammern, ist die schöne alte Ausstattung! Wo ist der prächtige Hochaltar von 1748? Gott sei Dank, sein Tabernakel ist wenigstens noch da, mit reich verzierten Volutenwangen geschmückt, mit dem Strahlenkelch auf der Tür des Espositoriums. Und meine eigenhändig geschnitzte Orgelumrahmung, würde der vielgeschäftige Fedder jubeln, wenn auch die Orgel selbst etwas Neumodisches ist! Auch von der Messingkunst der Dinanterie ist gottlob noch einiges erhalten, würde der eifrige Bonn aufatmen: drei Paar barocker Leuchter, die Versehlaterne von 1744 seh‘ ich noch.“

Fünf Jahre nach der Einsegnung des Gotteshauses, am 6. Juli 1907, erfolgte seine feierliche Konsekration – die Weihe durch den Weihbischof von Köln, Joseph Müller.

22.08.1904: Generalkonferenz der Lehrer des Kreises Monschau in Lammesdorf

Sommer 1904: Vieleorts war das Wetter von einer sehr lange anhaltenden, außergewöhnlichen Hitze bestimmt, die auch Todesopfer forderte

1905: Fertigstellung des zweistöckigen massiven Anbaus des Lammersdorfer Bahnhofs an der Vennbahn. - In dessen Parterre befanden sich der Schalter-, Fahrkartenkontroll- und Warteraum; den ersten Stock nahm die Wohnung des Bahnhofsvorstehers ein. Der Erweiterungsbau resultierte aus dem deutlich angewachsenen Personen- und Güterverkehr. Außer dem stattlichen Bahnhofsgebäude gehörten noch zwei Stellwerke sowie mehrere Holzlagerplätze und Verladerampen zum Bahnhofsgelände.
Die Bahnlinie verfügte über zwei Gleise. In den 1920er Jahren war der Lammersdorfer Bahnhof als bedeutender Verkehrsknotenpunkt für Güter und Personen in der ganzen Nordeifel bekannt. Auf dem Höhepunkt fertigten die Bahnbeamten täglich 16 Züge ab. Der Personenverkehr hatte (besonders an Feiertagen) oft mehr als 1000 Reisende zu befördern, da mangels anderer Verkehrsmittel alle Reisenden aus den Dörfern um Lammersdorf auf die Zugverbindung nach Aachen angewiesen waren und auch die Anzahl der in der Eifel Erholung Suchenden aus Aachen und Umgebung stark zugenommen hatte.

1905: In diesem Jahre wurde der Saal des Burghofes erbaut. Wegen unzureichender sanitärer Anlagen wäre fast das erste Fest der Schützenbruderschaft ausgefallen: Nach langen Verhandlungen mit Bürgermeister Gerhards gelang jedoch eine Sondergenehmigung.

31.12.1905: Lammersdorf hatte 624 Einwohner.

27.02.1906: Schulfeier anlässlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares.- Dem "würdigsten" Schüler wurde eine Festschrift überreicht. Alle Kinder erhielten Printen und Nüsse.

12.01.1907: Pfarrer Jülich wurde Dechant des Dekanates Monschau, nachdem er bereits etliche Jahre Dechant Goller aus Simmerath vertreten hatte.

01.06.1907: Konstituierung des Kriegervereins. - Erster Vorsitzender: J. Mertens; von 1918 - 1934 Michael Wilden, danach dessen Schwiegersohn Johann Prümmer. - Im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung aller promilitärischen und vaterländischen Organisationen verlor der Verein seine Bedeutung und löste sich in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre auf.

06.07.1907: Weihe des neuen katholischen Gotteshauses und seines Hochaltars zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers durch den Kölner Weihbischof Joseph Müller

18.11.1907: Kreiskonferenz der Lehrer in Lammersdorf

1907: Als einer der ganz wenigen Kreise des Deutschen Reiches hatte der Kreis Monschau infolge der Auswanderungen sowie der Binnenwanderungen weniger Einwohner als 1882.

19.01.1909: Vernichtung des ersten Schulgebäudes am Treffpunkt dreier Straßen durch Feuer. - Zuletzt war das Haus bewohnt von dem Gastwirt, Ackerer und Schuster Albert Braun.

03.12.1910: Dechant Pfarrer Jülich verstarb.

31.12.1910: Lammersdorf hatte 640 Einwohner.

 


 

1910er Jahre

Sommer 1911: Vorherrschen einer außergewöhnlichen Hitze.Sie zog eine laganhaltende Dürre und einen verbreiteten Wassermangel nach sich. Einen unberechenbaren Schaden verursachten Waldbrände in Westdeuschland, Belgien und Holland in einer nie dagewesenen flächenmäßigen Ausdehnung.

06.09.1911: In der Umgebung trat ein heftiges Erdbeben auf.


1911: Fertigstellung der Wasserleitung in Lammersdorf. – Sie wurde aus Quellenschürfungen "Auf der Hardt" gespeist. Von dort führte eine Leitung zu dem 90 Kubikmeter fassenden Hochbehälter "Auf dem Wollerscheidt". Mit dem zufließenden Reservoir konnte, abgesehen von extremen Trockenzeiten, das gesamte Ortsnetz im Allgemeinen ausreichend mit Wasser versorgt werden.

1911: Johann Hubert Linzenich übernahm für kurze Zeit das Amt des Ortsvorstehers. Im Dorf nannte man ihn „Janneshuppert“ oder „Chrestendrügde“. Sein Vater hieß Christian. Die Mutter war Anna Gertrud Genter. Den Urgroßvater hatten bereits die Franzosen als Munizipalagenten bzw. Maire (Bürgermeister) eingesetzt, und zwar von 1799 – 1801. Unter den Preußen war er von 1827 – 1841 Bürgermeister. – Johann Hubert Linzenich amtierte als Ortsvorsteher nur bis 1913, da er erkrankte und in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen werden musste.

1911-1931: Fortsetzung der Rodungen im Lammersdorfer Umfeld. – Mit Unterbrechungen dauerten sie bis 1931 an und verwandelten insgesamt rund 380 Morgen ehemaliges Vennland in weidewirtschaftlich nutzbare Fläche. Nachfolgende Übersicht enthält darüber nähere Informationen.

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1912: Gründung des Musikvereins „Harmonie. – Er hat bis weit in die 1950er Jahre hinein für die Schützenbruderschaft gespielt. Seit den 1970er/80er Jahren etwa gibt es ihn nicht mehr, obgleich er sich offiziell nicht aufgelöst hat.

Juli 1912: Durchweg trocken und heiß, sodass die Heuernte gut ausfiel

Juli 1913: Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Lammersdorf. – Erster Brandmeister war der Holzhändler Karl Mertens. Als dessen Stellvertreter fungierte Michael Wilden, der mehrere Dampf-Straßenwalzen besaß.

1913: Joachim Jansen, genannt „Jachim“, wurde Ortsvorsteher und blieb bis 1916 im Amt. Er war ein „Chrestenangeniese“ aus der Nölen- (heute) Bergstraße Nr. 17 und der Vater von „Faltesch Annche“.

1913: Bau des heutigen Pastorates der katholischen Pfarrgemeinde auf dem Grundstück der ehemaligen Viccarie

Aug.1914: Ausbruch des Ersten Weltkrieges. – Unser Grenzland war Aufmarschgebiet dreier deutscher Armeen. Truppenbewegungen aller Waffengattungen durch das Monschauer Land brachten arge Belastungen mit sich. Eine Einquartierung löste die andere ab. Die Stadt Monschau wurde zur "Militärstadt Erster Ordnung" erklärt. Jedoch war die Bevölkerung – nicht zuletzt auch unter dem Eindruck des umlaufenden Gerüchtes, die Franzosen seien auf dem Vormarsch – von einem tiefen Patriotismus ergriffen. Weithin herrschte eine ernste, durch nichts übertriebene, ungekünstelte patriotische Stimmung, sodass sehr viele Menschen ohne Murren und im festen Vertrauen zur Politik des Herrscherhauses, zur Kriegskunst der militärischen Führung und zur Schlagkraft der deutschen Armeen die dem Krieg innewohnenden Lasten ertrugen. Erst mit zunehmend ungünstigem Kriegsverlauf, mit dem immer häufigeren Eintreffen von Nachrichten über Niederlagen, gefallene und verwundete Angehörige und Bekannte sowie mit dem rapiden Anwachsen auch der materiellen Nöte wurde die Volksstimmung allerdings zunehmend gedrückt, skeptisch und pessimistisch.

1916: Ortsvorsteher wurde Johann Mathar, genannt „Petisch-äreltje“ aus der Sippe „Kajspesch“. Er nahm dieses Amt bis 1922 wahr.

1916/17: "Steckrübenwinter". - Infolge der Missernte bei den Kartoffeln waren die Menschen gezwungen, sich lange Zeit hindurch hauptsächlich mit den mehr als kärglichen Möglichkeiten der fast ausschließlichen Ernährung von Steckrüben zu begnügen.

Okt.1918: Beendigung der Kampfhandlungen an der Westfront des Ersten Weltkrieges auf Ersuchen der von der deutschen Obersten Heeresleitung dazu gedrängten Reichsregierung

14.10.1918: Pfarrer Nicolaus Jansen übernahm die seelsorgerische Tätigkeit in der Pfarrgemeinde Lammersdorf.

15.10.1918: Umbenennung der Stadt Montjoie in Stadt Monschau

09.11.1918: Novemberrevolution in Deutschland: Ausrufung der Republik; Abdankung des Kaisers; Entthronung aller deutschen Fürstenhäuser

Nov./Dez.: Wiederum etliche militärische Belastungen infolge des Durchzuges der besiegten deutschen Truppen auf dem Rückmarsch. – Ihnen folgten alliierte Verbände, zunächst vorwiegend Engländer, später auch Inder, Schwarze und andere Kolonialsoldaten. Einzuquartieren waren in den Orten Lammersdorf und Simmerath insgesamt 3540 Offiziere und 31 560 Mannschaften. 10784 Pferde mussten eingestellt und versorgt werden.

31.12.1918: Lammersdorf hatte laut folgender Aufstellung 25 auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges Gefallene zu beklagen.

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31.12.1918: Die Entwicklung der Einwohnerzahlen vor und nach der Jahrhundertwende einschließlich des Ersten Weltkrieges verdeutlicht untenstehendes Diagamm

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Die Einwohnerzahlen stiegen von 1895 bis 1920 um 20,3 Prozent.


 

Zusammenfassung:

Die Reichsgründung und die Proklamation des preußischen Königs zum deutschen Kaiser wurden von der Mehrheit der Bevölkerung mit patriotischem Enthusiasmus begrüßt. Es waren wohl zwei Zusammenhänge, in denen diese Wohlgesonnenheit wurzelte: Erstens hatte der preußische Staat bereits in den vorausgegangenen Jahrzehnten eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, die durchaus zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung führten und die Herausbildung einer propreußischen Stimmung bewirkten. Dass man nun dem König Preußens die deutsche Kaiserwürde zuerkannte, löste entsprechende Genugtuung aus. Zweitens sahen viele Bürger mit der Reichsgründung ihre langgehegten Bestrebungen nach einem einheitlichen deutschen Staatsgefüge, dessen Entwicklung nicht mehr von unüberschaubaren partikularistischen, kleinstaatlichen Interessen gehemmt werden konnte, als endlich erfüllt an.

Bis in die Jahre 1914/15 hinein blieb diese Grundhaltung fast ungetrübt, weil die kaiserlich-königliche Regierung sowohl im wirtschaftlichen und infrastrukturellen als auch im staatlich-administrativen und sozialen Bereich weiterhin Wege beschritt, auf denen mancherlei Verbesserungen der Lebensverhältnisse der Menschen erreicht werden konnten, denkt man z.B. an die Wiederauflage der staatlichen Eifelfonds, an die verschiedenen Maßnahmen zur Unterstützung der Bauern bei der Intensivierung der Landwirtschaft, die Förderung des einsetzenden Fremdenverkehrs oder an die Schaffung einer einheitlichen bürgerlichen Gesetzgebung in Gestalt des BGB.

Auch die Gemeinde Lammersdorf nahm während der Kaiserzeit einen Aufschwung. Besonders zeigte sich dies im weiteren Ausbau der Infrastruktur des Ortes. Er wurde eine Station an der Strecke der Vennbahn zwischen Monschau und Aachen und entwickelte sich zu einem bedeutenden Bahnverkehrs-Knotenpunkt. Unter anderem hatte dies Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation der Gemeindebewohner. Jener Teil, der über keinen ausreichenden Erwerb verfügte, konnte nun zwischen seinem Heimatort und den Industriegebieten am Nordrand der Eifel pendeln. Mit der Zeit bildete sich unter den Bewohnern ein Stamm von Fachkräften der Eisen- und Messingverarbeitung. Er sollte später, als Lammersdorf selbst ein weithin bekannter und geachteter Sitz der eisenverarbeitenden Industrie wurde, eine wesentliche Rolle spielen.

Mit diesen Entwicklungen begann die Wandlung Lammersdorfs von einem Ort mit bislang vorwiegend von landwirtschaftlicher Arbeit geprägtem Charakter zu einem Gemeinwesen, in dem immer mehr Menschen ihre Existenzgrundlage in der Industrie, in einem Handwerk oder Gewerbe fanden. - Weitere Fortschritte in den Lebensverhältnissen der Lammersdorfer Bevölkerung brachten der Bau einer den ganzen Ort versorgenden Wasserleitung sowie die Erneuerung von Straßen und Wegen. Mit der Errichtung eines schönen und stattlichen Gotteshauses erhielt das religiöse Leben der katholischen Pfarrgemeinde eine neue würdevolle Heimstatt.

Die den Betrachtungszeitraum durchziehende bejahende Stimmung vieler Menschen äußerte sich in all den Jahren unter anderem im engagierten Begehen der vaterländischen Feste. Vielerorts blühte das gesellige Leben in den Gemeinden auf, gewann an Vielfalt und höherem kulturellen Niveau. Lammersdorf erlebte in dieser Zeitspanne vier Neugründungen von Vereinen. -

Lediglich eine Minderheit schien etwas von dem großen Unwetter zu ahnen, das infolge der Verschärfung der Interessengegensätze zwischen den Großmächten seit der Jahrhundertwende am politischen Horizont heraufzog. Erst mit dem Bewusstwerden des ungewünschten Verlaufs des Ersten Weltkrieges und mit der zunehmenden Vertiefung der inpiduellen und familiären Leiden und Nöte der Menschen verinnerlichten sie eine Bedrücktheit, die sich etwa seit der Mitte des Krieges immer mehr ausprägte und manchenorts auch in politische Emotionen mündete.

Als im Oktober 1918 die Kampfhandlungen an der Westfront eingestellt wurden, stand die Bevölkerung erneut vor dem Scherbenhaufen eines barbarischen Krieges. Die bange Frage nach der Zukunft blieb für viele Menschen offen.