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Lammersdorf während der französischen Fremdherrschaft (1794 - 1814)

Vorbemerkungen

 

Auch in diesem Abschnitt unserer Chronik fällt die Ausbeute der Recherchen nach direkt auf Lammersdorf bezogenen Ereignissen mager aus. Wo es uns geraten scheint, sind sie im Folgenden dennoch nachzulesen, zum einen, um unseren derzeitigen Kenntnisstand zu umreißen, zum anderen, um zu zeigen, wo weitere Recherchen nötig sind.

Wenn wir im zweiten Teil des Chronikabschnittes auf die allgemeine Entwicklung während der französischen Fremdherrschaft im Monschauer Land ausführlicher eingehen, tun wir das in der Überzeugung, dass die allermeisten Geschehnisse mehr oder weniger auch in unserem Heimatort gewirkt haben.

Da Zeitzeugen nicht mehr vorhanden sind, sollten sich die weiteren Recherchen auf Gespräche mit deren Verwandten oder Bekannten, auf von Zeitzeugen hinterlassene Bilder oder Schriften sowie auf Arbeiten in Archiven konzentrieren.

Definitionen

Mairie (Bürgermeisterei)

Ein Gemeindeverband, dem mehrere Gemeinden angehörten. An seiner Spitze stand der Maire (Bürgermeister). In den zugehörigen Gemeinden unterstützte ihn je ein Gemeindevorsteher. - Lammersdorf war von 1802 an Sitz einer Mairie (Bürgermeisterei). Zu ihr gehörten die Gemeinden Lammersdorf, Mulartshütte und Zweifall mit den Wohnplätzen Lammersdorfer Mühle, Jägerhaus, Junkershammer und Zweifallshammer.

Assignaten

Von den Franzosen während ihrer Fremdherrschaft herausgegebenes Papiergeld, das zuletzt ganz wertlos war, trotzdem jedoch von ihnen als "Zahlungsmittel" für deutsche Leistungen eingesetzt wurde. Währenddessen verlangten die Franzosen die deutschen Kontributionszahlungen in Goldwährung.

Kontributionen

Von einem besiegten Land geforderte Geldzahlungen oder Sachleistungen.

Munizipalität

Kantons- (Kreis-) oder Stadtobrigkeit


 

Auf die Gemeinde oder Mairie Lammersdorf  bezogene Ereignisse

1790er Jahre

Herbst 1794: Die ersten französischen Soldaten erschienen im Monschauer Land.

Als Bürgermeister setzten die Franzosen Peter Wilden ein. Er war Tabakhändler und wohnte in der Lammersdorfer Krämerstraße (aus Nr. 114, um 1930 Haus "Grietjes Titz"); der Vater hieß Christian Hubert und wohnte in Paustenbach.

Unser Ort zählte 558 Einwohner und 109 Häuser.

1795: Die Lebensverhältnisse verschlechterten sich rapide. Dies war eine Folge der mit der revolutionären Kriegsführung einhergehenden Kontributionen, Requirierungen und Aushebungen, hoher allgemeiner Steuerforderungen sowie des beginnenden Niedergangs der Tuchindustrie.

Die Tätigkeit der Maires (Bürgermeister) bestand vor allem darin, im Auftrage der französischen Eroberer die Ausplünderung der Stadt und des Kantons Montjoie sicherzustellen. Sofort nach ihrer Ernennung erhielten sie Volks-, Vieh-, Frucht- und Fouragetabellen, die schleunigst auszufüllen waren und als Unterlage für die Requisitionen dienten.

Letztere gingen zwei Jahre lang bis ins Ungeheure und umfassten alles, was eine Armee brauchte, die aus der Heimat nichts erhielt – brutal nach dem Motto „Der Krieg ernährt den Krieg“. Da die Fabrikanten in der Munizipalität dominierten, wurde die Hauptlast der Requisitionen und Kontributionen auf die Dörfer abgeschoben. Die Landbevölkerung traf es somit besonders hart, insbesondere auch durch die Requisition des Fuhrwesens, das im Monschauer Land in hoher Blüte stand. Die Bezahlung, meist auch die Verpflegung für Mann und Pferd, obgleich diese Dienste für die Franzosen leisteten, mussten von den Heimatgemeinden aufgebracht werden.

Dieses räuberische Vorgehen wirkte sich denn auch bald auf die Stimmung der Bevölkerung aus und ließ Unzufriedenheit aufkommen, und je ungehaltener man wurde, umso stärker belegten die Franzosen die Orte mit drohendem Militär. Die Hoffnungen, die in einigen Bevölkerungskreisen in die französische Besatzung gesetzt worden waren, begannen dahin zu schwinden.

1796: In der Folgezeit ging die Ausplünderung weiter, ohne jedoch wieder die Schärfe von 1794/95 anzunehmen. Es folgten Jahre einer relativ friedlichen Entwicklung, in denen die französische Verwaltung nicht schlecht arbeitete, sodass in Teilen der Bevölkerung die Stimmung umschlug und sich allmählich eine franzosenfreundliche Einstellung herausbildete. Es muss jedoch gesehen werden, dass dieser Umschwung in sehr hohem Maße aus der zunehmenden Verblendung vieler Menschen durch die meisterhafte und trügerische französische Freiheitsdemagogie herrührte und nicht selten von einer großen Bewunderung für Napoleon getragen war.

Schlimme Hungersnöte stellten die Menschen oft vor die bange Frage, wie sie ihr Leben erhalten, was sie überhaupt noch essen konnten. Manchenorts diktierte ihnen die äußerste Not, sich aus dem Laub von Kartoffeln Gemüse bereiten zu wollen, ohne zu wissen und zu bedenken, dass es giftig ist und tödlich wirken kann. Erst ernste Warnungen sachkundiger Stellen bewahrten die Menschen vor dem Unheil.

Eine verbreitete Viehseuche verschlimmerte die Notlage beträchtlich.

1798: Zu den ersten Maßnahmen der französischen Besatzer gehörte es, alle Privilegien des Adels und alsbald auch des Klerus zu beseitigen. Es kam zu schweren Repressalien gegen alles Religiöse und alle kirchlichen Einrichtungen, die sich über mehrere Jahre hinzogen.

25.04.: Die französische Munizipalverwaltung erließ eine Regelung des Polizeiwesens im Monschauer Land. In diesem grundlegenden Erlass wurden die Bürger unter anderem aufgefordert,

- für die Reinlichkeit der Straßen vor ihren Häusern zu sorgen,

- kein Wasser und andere Unreinlichkeiten aus den Fenstern auf die Straße zu schütten,

- keine glühende Asche über Straßen und Brücken auszuschütten,

- die an der Straße liegenden Misthaufen zu entfernen und

- alle offenen Brunnen mit Mauern einzufassen oder auf andere Art ungefährlich zu machen.

Nach dem Erlass musste sich jeder „ordentliche Bürger spätestens abends gegen 10 Uhr nach seiner Wohnung zurückziehen“. Den Wirten war es untersagt, nach dieser Stunde einheimische Gäste zu bewirten. Dass die Jugend und auch viele Bürger sich wohl längst nicht an diese Anordnung hielten, macht eine andere Vorschrift deutlich, in der es hieß:
„Alle nächtlichen Schwärmereien, alles ruhestörende Toben und Lärmen ist aufs Strengste verboten. Ohne Notwendigkeit darf weder bei Tage noch bei Nacht in der Stadt und auf den Dörfern mit Feuergewehr geschossen werden.“

Im Monschauer Land hoben die Fanzosen den Mahlzwang in den Bannmühlen an der Kall auf. Der Adelsbesitz wurde an private Betreiber verkauft. Die durch die Franzosen eingeführte Gewerbefreiheit bewirkte einen beachtlichen Anstieg von Mühlen-Neugründungen und –zulassungen. In den ehemaligen Bannmühlen konnte nun mahlen lassen, wer wollte. Die ohnehin beschwerlichen Wege zu den Mühlen waren durch die Aufhebung des Mahlzwangs und die Vermehrung der Mühlen kürzer geworden, die Abgaben, die nun an die französische Verwaltung gezahlt wurden, weniger drückend.

An der höchsten Stelle des Langschoss stellten die Franzosen eine Alarmstange als Signal in Gefahrensituationen auf, im Volksmund „Lärmstang“ genannt. Später wurde sie durch einen hölzernen Feuerwachtturm ersetzt. Heute hat dieser in einem stählernen Feuerwachtturm und in einer Fernseh-Relais-Station seine zeitgemäßen Nachfolger gefunden.

1799: Nachfolgendes Diagramm zeigt aus der Gesamtzahl der 26 Landgemeinden des Kantons Montjoie die neun größten Dörfer mit der Anzahl ihrer Einwohner und Häuser.

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Nach obiger Übersicht lag Lammersdorf nach seiner Einwohnerzahl (rote Säule) und nach der Anzahl seiner Häuser (gelbe Säule) auf dem neunten Platz.

 

Im Verlaufe des 17. und 18. Jahrhunderts – von 1624 bis 1799 – war die Anzahl der Einwohner Lammersdorfs von 130 auf 613 gestiegen, also um 483 Bewohner. In dieser Zahl manifestiert sich ein Bevölkerungswachstum von 371 Prozent bzw. um etwa das 3,7fache.

Das unten stehende Diagramm belegt, dass diese Aufwärtsentwicklung trotz der bewegten Zeiten, der Bedrängnisse, in denen das arbeitende Volk unter der Fürstenherrschaft lebte, recht gleichmäßig verlief. Diese These relativierend, muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass außer den im Diagramm enthaltenen z.Z. keine weiteren Jahreszahlen bekannt sind, sodass möglicherweise zwischenzeitliche Auf- oder Abstiege der Kurve verdeckt werden. – Und nun das Diagramm:

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 Da sich infolge des rasanten Anwachsens der Bevölkerung das vor fast 100 Jahren erbaute Gotteshaus längst als zu klein erwiesen hatte, beschloss man, den Bau zu erweitern. Auf Initiative des damaligen Gemeindevorstehers Anton Linzenich versammelten sich die Meistbeerbten zur Beratung über die Vergrößerung des Kirchengebäudes. Im Ergebnis beschloss man einstimmig, den Chor der Kirche nach Osten zu verlängern. 72 Bewohner vereinbarten, so lange Beiträge zu leisten, bis der neu zu bauende Teil der Kirche fertig sei. Beim auserkorenen Bauleiter Linzenich deponierten sie am selbigen Tage 80 Kronenthaler, 125 Thaler.

Linzenich ging sofort an die Arbeit. Das Gebäude wurde östlich aufgebrochen, das Fundament sollte gelegt werden ... Da zogen Streit und Zank in die Gemeinde ein, der Bau geriet ins Stocken. Der derzeitige Bürgermeister Bertram Lennarz vereitelte die Pläne Linzenichs. Letzterer und seine Mitkämpfer zogen daraufhin sich und ihr Geld zurück. Lennarz wollte zwar, aber konnte nicht bauen, weil die nötigen Gelder fehlten und die Bewohner unter den gegebenen Verhältnissen nicht bereit waren, Geld beizusteuern und unentgeltliche Arbeits- und Spanndienste zu leisten. Mittlerweile starb Linzenich. Schließlich erbarmte sich glücklicherweise der Kirchenmeister Heinrich Bürvenich des aufgebrochenen Gotteshauses, beruhigte die Gemüter, hielt mit drei anderen Kirchenmeistern sonntäglich Kollekte im Dorf, und so gelang es ihm, die bedeutenden Kosten für den Erweiterungsbau aufzubringen und denselben im Jahre 1804 so weit zu vollenden, dass der Gottesdienst wieder abgehalten werden konnte.

Als Bürgermeister wirkte in Lammersdorf zu dieser Zeit Hubertus Bartholomäus Christian Linzenich. Die Franzosen hatten ihn als Munizipalagent (Maire) eingesetzt. Christian Linzenich wurde 1763 in Lammersdorf geboren und wohnte im Zwickel zwischen Pohl und Kirchstraße im Haus Nr. 27, das heute nicht mehr vorhanden ist. Sein Amt übte er bis zum Jahre 1801 aus. Er gehörte zu den vermögendsten Bürgern des Ortes und starb 1841

Wende zum 19. Jh.: Die schwere Krise der Tuchindustrie, der Verfall der Eisenindustrie, die Rückgänge im Ackerbau, im Forstwesen und in der Fischerei verschlechterten die Lebensverhältnisse der Menschen beträchtlich. Diese missliche Lage vertiefend kamen hinzu die Vernachlässigung der Wohnverhältnisse, der Volksbildung, der Armenpflege und des Gesundheitswesens.

Im Monschauer Land wurden Tausende Menschen erwerbslos. Viele wanderten aus oder zogen in die neuen Industriezentren. Andere blieben in ihrer engeren Heimat und befriedigten ihren gesteigerten Bedarf an Neuland durch Rodungen und Drainagen. Diese erstreckten sich bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts und erfassten große Gebiete. Auf alten Flurübersichtskarten waren Letztere noch als Bruch, Venn oder Niederwald zwischen den bereits bebauten Flächen zu finden. Ihre Urbarmachung führte dazu, dass sich das Flurbild immer mehr schloss und gleichzeitig ausdehnte.

Die Rodungen haben zwar manchem Landwirt eine neue Existenzgrundlage gebracht, manchem die Existenzbasis erweitert und das Dasein vieler Arbeiter und kleiner Angestellter krisenfester gestaltet. Trotzdem barg das Roden auch Negatives in sich: Jede Urbarmachung bedeutete einen Eingriff in den Kreislauf der Natur. Die Gemeinden bekamen dies am deutlichsten im Wasserhaushalt zu spüren. Der Grundwasserspiegel sank, die regenaufsaugenden Pflanzen fehlten. Als Folge davon liefen die Niederschläge sehr schnell oberflächlich ab, und in niederschlagsarmen Zeiten war keine Feuchtigkeit mehr im Boden vorhanden. Die Flüsse verloren ihre natürliche Regulierung. Das musste man dann alles durch den Bau von Talsperren ausgleichen, was bekanntlich später auch in sehr umfänglicher Weise geschehen ist.

1800: Das Wetter verursachte in diesem Jahre eine große Dürre. Viele Waldungen und weite Heideflächen gerieten in Brand. Trockene Torfstücke verglimmten bis in die Erde hinein. Bei dieser Gelegenheit wurden sehr viele Baumstämme verschiedener Länge und Dicke im tieferen Erdreich erstmals entdeckt.

 


 

1800er Jahre

1801: Die Jugendlichen erhielten mit der Vollendung ihres 21. Lebensjahres den Status der Volljährigkeit

Als Maire (Bürgermeister) fungierte in Lammersdorf wieder Peter Wilden. Er hatte das Amt bereits von 1794 bis 1799 inne. Im Jahre 1801 werden als weitere, wahrscheinlich nachfolgende Bürgermeister Corneille Louvens, ein Franzose, und Jakob Cüppers erwähnt. Letzterer stammte ebenfalls nicht aus Lammersdorf. – In den Jahren 1801 bis 1807 erfolgte ein außerordentlich schneller Wechsel der Bürgermeister (Maires).

Infolge extremen Wetters<span >waren beträchtiche Hagelschäden zu beklagen.

1802: Im September erfolgte die völlige Eingliederung der gesamten Eifel in den französischen Staat. Von nun an hatten die französischen Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsstrukturen Gültigkeit für alle Bewohner der Eifel. Die von den Franzosen eingeführte Verwaltung gliederte sich wie folgt:

Eines der Departements war das unsere Heimatregion umfassende Roer-(Rur-)Departement mit der Hauptstadt Aachen. An der Spitze stand der Präfekt mit dem Generalrat, der ihm als beratendes Gremium beigegeben war.

Als Untereinheiten des Departements entstanden die Arrondissements; sie wurden von Unterpräfekten geleitet, denen Räte der Arrondissements zur Seite standen. Eines der Arrondissements war der Bezirk Aachen.

Untereinheiten der Arrondissements bildeten die Kantone (Kreise); einer von diesen war der Kanton Montjoie. Als oberster Beamter des Kantons fungierte der Erste Maire (Erste Bürgermeister), der gleichzeitig als Präsident der Munizipalität wirkte. Er wurde von dem durch die Franzosen für das Amt Montjoie bestellten Administrator eingesetzt und besaß überragende Machtpositionen. Selbst die Geistlichen hatten seinen Anweisungen Folge zu leisten und diese von der Kanzel zu verlesen. Zu Mitgliedern der Munizipalität und des Friedensgerichtes berief man die reichsten und angesehensten Bürger der Stadt, im Falle Montjoies vor allem die Tuchfabrikanten.

Die Kantone gliederten sich in Mairien (Bürgermeistereien) mit dem jeweiligen Maire (Bürgermeister) als Ausübender der Staatsgewalt an der Spitze. Er wurde von der Bürgermeistereiversammlung, die sich aus Vertretern der zur Bürgmeisterei gehörenden Gemeinden zusammensetzte, gewählt und war an die Weisungen der übergeordneten Instanzen gebunden.

Unser Ort wurde Sitz der Bürgermeisterei Lammersdorf. Sie umfasste die Gemeinden Lammersdorf, Mulartshütte und Zweifall. Die Verwaltungsgeschäfte dieses topographisch eigenartig gefügten Gemeindeverbandes führte ein Maire bzw. Bürgermeister. Er konnte aus einem der drei Orte des Gemeindeverbandes stammen. In jeder der drei Gemeinden stand ihm ein ehrenamtlicher Gemeindevorsteher zur Seite.

Das Amt des Maire hatte Johann Bürgerhausen inne, der kein Lammersdorfer war. Im Jahre 1804 wurde das Amt anderweitig besetzt.

 Im Rahmen der Repressalien gegen die Kirche wurde das von Karl dem Großen gegründete Marienstift in Aachen aufgelöst. Damit entfiel der Zehnte, der bis dahin von den Bauern des Monschauer Landes an dieses Stift abgegeben werden musste.

 Die Repressalien gegen die Kirche erreichten ihren Höhepunkt am 9. Juni 1802 mit der Auflösung ... der so segensreich wirkenden Prämonstratenser-Probstei Reichenstein.

 Aachen wurde am 25. Juli 1802 Bischofssitz. Der erste Bischof von Aachen war der Elsässer Markus Antonius Berdolet.

 Wiederum vernichtete das Wetter durch schwere Hagelniederschläge kostbare Früchte auf den Feldern und verursachte eine Missernte.

1803: In der Franzosenzeit wurden die Wälder der entrechteten und vertriebenen Landesherren zu einer schutzlosen Beute zügelloser Waldfrevler. Der angestaute Ärger der Bauern über die durch übermäßige Hege angerichteten Wildschäden hat dazu sicherlich beigetragen. Verarmte Privatwaldbesitzer machten den Holzvorrat ihrer Bestände an Wald rasch zu Geld, und da auch der Staat und die Gemeinden in Finanznöten waren, entstanden große Kahlschläge, um die sich niemand mehr kümmerte. – Die französische Behörde begann, um dem endgültigen Untergang der Eifelwälder Einhalt zu gebieten, eine reguläre Forstverwaltung aufzubauen. Diese übte zwar eine straffe Aufsicht aus. Jedoch geschah wenig zur Aufforstung des entstandenen Ödlandes.

1804: Der Code civil trat in Kraft. - Damit war für die von den Franzosen besetzten Gebiete eine einheitliche und feste Grundlage für alle Fragen des Zivilrechts verbindlich geworden. Bei uns behielt der Code zivil seine Gültigkeit bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) im Jahre 1900.

 Die französische Verwaltung ordnete den Bau einer der für das Heer und den Handel bedeutsamsten Fernstraßen an: der heutigen B 258. Damals diente sie der schnelleren Verbindung zwischen Aachen, Trier und Metz. Im Abschnitt südlich von Aachen sollte sie über Roetgen und Konzen nach Monschau führen. Für die riesigen Erdbewegungen bei den Bauarbeiten wurden spanische Kriegsgefangene eingesetzt. Im Jahre 1812 konnte das schwierige Unternehmen der Vennüberquerung zwischen Roetgen und Konzen vollendet werden.

 Nach einer Beschreibung des Monschauer Landes von 1804 gab es in den Dörfern Kalterherberg, Hammer, Simmerath, Rollesbroich, Lammersdorf, Kesternich, Steckenborn, Schmidt und Vossenack eine starke Schafzucht, aber auch Hornvieh- und Bienenzucht.

 Das Amt des Maire (Bürgermeisters) übte bis 1805 Bertram Lennartz aus. Er war von Beruf Müller und wohnte in der Lammersdorfer Mühle, später nach ihrem Eigentümer Mathars Mühle genannt. Bertram Lennartz war kein gebürtiger Lammersdorfer.

 Als Gemeindevorsteher in Lammersdorf fungierte von 1804 bis 1805 Anton Linzenich.

 Am 1. März trat die von den Franzosen angeordnete kirchliche Neuordnung in Kraft. Der erste Bischof von Aachen, der Elsässer Markus Antonius Berdolet, hatte sie mit dem damaligen Pfarrer von Monschau, Johann Wilhelm Übach, auf das Monschauer Land übertragen, wobei eine Reihe von Succursal- oder Hilfspfarren entstand. Die Kirchengemeinde Lammersdorf erhielt den Status einer selbständigen Pfarrei im Range einer Succursal-Kirche zugesprochen. Ihre Einschreibung erfolgte mit dem Patronat des heiligen Cornelius. Zum Pfarrer war der bisherige Rektor Johann Joseph Stollenwerk am 1. März ernannt und am 26. April feierlichst eingeführt worden. Zur Pfarrei gehörten der Ort Lammersdorf, die Lammersdorfer Mühle, der Wohnplatz Heppelag und das Dörfchen Paustenbach aus der Pfarrei Simmerath. Da nicht alle Paustenbacher Gläubigen mit dieser neuen Zuordnung einverstanden waren, obgleich ihr Ort näher an Lammersdorf als an Simmerath liegt, gab es in der Folgezeit für Pfarrer Stollenwerk viele Unannehmlichkeiten. 

 1805: Von 1805 bis 1806 war der Hufschmied Thomas Mathar Maire (Bürgermeister). Man nannte ihn „Kajspech“, sein Vater war der Vorfahre der Mathars in Lammersdorf.

 1806: Am 29. Oktober starb Pfarrer Johann Joseph Stollenwerk. – Unter seiner Amtsführung ist neben seiner üblichen seelsorgerischen Tätigkeit viel für das Kirchengebäude und das kirchliche Leben geschehen: die Organisation des Umgusses einer geborstenen Glocke, einer umfassenden Reparatur an Gotteshaus und Turm, später der mit viel Ärger verbundenen Vergrößerung desselben nach Osten sowie des Baues des Viccarie-Hauses, die Einführung einer effektiveren Kirchen- und Vermögensverwaltung, die weitere Ausstattung des Gotteshauses, die Initiierung von Abgaben, Stiftungen und Spenden für die Finanzierung der vielfältigen und aufwändigen Vorhaben u.a.m. – J.J. Stollenwerk hat fast ein halbes Jahrhundert – deutlich mehr als 47 Jahre – in Lammesdorf gewirkt. Damit übertrifft er sogar die Amtszeit von F.H. Fedder. Auch von seinen Nachfolgern ist diese lange Zeit nie wieder erreicht worden. – Als Lammersdorf 1804 – während der französischen Fremdherrschaft – zur Succursalpfarre (Hilfspfarre) erhoben wurde, bekam Stollenwerk die Pfarrstelle und wurde somit zum ersten Pfarrer in unserem Ort. Sein Leichnam soll, wie es in einer von Josef Kreitz nicht näher bezeichneten Chronik heißt, während der Franzosenzeit „sang- und klanglos“ beerdigt worden sein.

1806: Als Maire (Bürgermeister) fungierte Mathias Hubert Mathar, der Bruder des 1805 genannten Thomas Mathar.

1806: Die katholische Gemeinde Paustenbach hatte erreicht, wieder in den Bereich der Mutterkirche Simmerath eingegliedert zu werden. Gleichzeitig erhielt die Lammersdorfer Pfarre ihr ursprüngliches Patronat des heiligen Johannes des Täufers zurück.

Eine Statistik des französischen Präfekten aus diesem Jahre über das Schulwesen zeigt, dass Lammersdorf um diese Zeit noch keine Primärschule besaß, da die Gemeinde über keine ausreichenden Einkünfte verfügte, um diese unterhalten zu können.

Das Bestreben der französischen Regierung, zur Verbesserung der Lage im Schulwesen beizutragen, blieb halbherzig und hat sein Ziel deshalb nur recht unvollkommen erreicht. Im Bericht des französischen Präfekten Méchin heißt es: „Die von der Verwaltung gemachten Anstrengungen, um gebildete Lehrer zu finden, sind fast ergebnislos geblieben, weil die Stellung eines Lehrers, die alles, was die Eigenliebe und das Interesse anreizen kann, entbehrt, nur von einer Menschenklasse angestrebt wird, die vermögenslos und außerstande ist, in jedem anderen Beruf voranzukommen. Bei jeder Ernennung eines Primarlehrers musste man sich an den am wenigsten Unwissenden halten und die Forderung, dass er alle Bedingungen erfülle, wäre vergeblich gewesen.

Es steht fest, dass die Schule allein zum Unterhalt des Lehrers nicht ausreicht. Das Gesetz gewährt ihm nur freie Wohnung und das durch den Gemeinderat geregelte Schulgeld, das geringfügig ist. Im allgemeinen wird es sehr niedrig festgesetzt, und es würde unnötig sein, es zu erhöhen, weil dann die Zahl der Schüler im Verhältnis zur Erhöhung des Schulgeldes sich verringern würde... Daher war es nötig, den Küsterdienst mit demjenigen des Lehrers zu vereinigen, um den Unterhalt einer Familie zu bestreiten; der Küsterdienst verschafft ein sicheres Einkommen und ist weniger schwierig.“

1807: Anlässlich einer Visitation der katholischen Kirche gab der Bericht folgende Einschätzung: „Der Hochaltar wird als sehr schön gerühmt. Der Pfarrer erhält kein Gehalt von der Gemeinde, jedoch will der Bürgermeister dafür sorgen, dass dieser wieder sein ehemaliges Einkommen hat, nämlich pro Kommunikant 7½ Sous. Von 80 Anniversarien soll er 200 frs. haben, aber dieses Geld kommt schlecht ein. Die Pfarrkinder liefern ihm das nötige Brennholz, wie auch dem Vikar, der 85 Taler bezieht und für sich allein wohnt. Der Pfarrer ist mit ihm zufrieden. Es besteht dort eine Bruderschaft von Jesus, Maria und Josef. Die Leute halten ihr Ostern, die Kinder kommen zum Katechismus. Der Pfarrer ist beliebt bei seinen Pfarrkindern. Der Arzt Dr. Johann Christian Jonas erhält für jede Impfung 1 frs., anfangs waren es 3 frs.“

 In Lammersdorf lebten Saisonarbeiter, die zur Sommerzeit in fremde Länder zogen, um Gras zu mähen oder Getreide zu ernten.

1809: Eine Schweineseuche führte zu einer beträchtlichen Dezimierung der Bestände in Teilen der Eifel.

 1810: Die katholische Pfarrgemeinde schaffte eine neue, 700 Pfund schwere Kirchenglocke an. – Sie trug die Umschrift: „Diese Glocke ist geweiht Johann dem Vorläufer (Christi). Mich goss Regnault (zu Lüttich).“

1812: Die Krise in der Tuchindustrie schritt rasch voran.. - Sie beschäftigte nur noch rund 800 Arbeiter gegenüber einst 6000. Abwanderungen von Menschen waren an der Tagesordnung.

Eine der bedeutsamsten, von der französischen Verwaltung im Jahre 1804 in Auftrag gegebenen Fernstraßen, die heutige B 258, wurde fertiggestellt. Sie gewährleistete die bessere Verbindung zwischen Aachen, Trier und Metz.

 1813: Es begannen die Freiheitskriege (1813 – 1815) und die mit ihnen verbundenen hohen militärischen Belastungen für die Gemeinden.

So hatte die Bürgermeisterei Lammersdorf beim Rückzug des napoleonischen Kriegsheeres zur Verproviantierung der Stadt Jülich 700 Pfund Speck im Betrage von 561 Francs 61 Centimes zu liefern. Bis in das Jahr 1815 hinein waren weitere, teilweise bedeutend höhere Forderungen zu erfüllen.

Die eklatante Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober leitete das Ende der französischen Fremdherrschaft in Deutschland ein.

 Johann Victor aus Walheim (Kreis Gemünd) arbeitete als Küster in der katholischen Pfarrgemeinde  Außerdem erteilte er den Kindern Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Anfangs bezog er aus den Schulgeldern jährlich 65 Thaler ; hinzu kam die Vergütung für den gleichzeitigen Küsterdienst. Im Jahre 1816 erhielt er als erster besoldeter Lehrer in unserem Ort ein festes staatliches Gehalt. Johann Victor wirkte in Lammersdorf wahrscheinlich bis 1821.

In der Silvesternacht 1813/14 setzte der preußische General Blücher mit den von ihm befehligten Truppen bei Kaub über den Rhein.

 1814: Am 14. Januar traf ein fünf Mann starker Trupp Don`scher Kosaken in der Stadt Monschau ein. – Es handelte sich um ein Vorkommando eines größeren Verbandes der verbündeten Befreiungsarmeen, der die flüchtenden Franzosen verfolgte .

 Am 17. Januar verließ der französische Präfekt Aachen. Noch am selben Abend zogen alliierte Truppen in die Stadt ein. Die Verwaltung übernahm nunmehr eine Zentral-Regierungskommission.

 In den folgenden Wochen drangen die Truppenverbände tief in die Eifel ein. Ihre Durchmärsche, Fouragierungen und Einquartierungen bedeuteten für die betroffenen Gemeinden hohe militärische Belastungen. Auch Lammersdorf hatte viele Soldaten unterzubringen und zu versorgen.

 Nachdem im Januar preußische und russische Truppen das linksrheinische Deutschland besetzt hatten, errichteten die Verbündeten aus den Departements Roer, Ourthe und Niedermaas am 10. März das Generalgouvernement Niederrhein unter der Leitung des Geheimen Staatsrats Sack mit dem Sitz in Aachen. Es begann die Zeit zwischen der im Abbau begriffenen französischen Verwaltung und den noch zu errichtenden Machtstrukturen des preußischen Staates - das Interregnum.

 Schon die Franzosen hatten in demagogischer Absicht mancherlei Feste und Siegesfeiern befohlen. Auch Sack glaubte, um der nationalen Erziehung der Bevölkerung willen vaterländische Feiern anordnen zu müssen: So feierte man am 1. Ostertag (17. April) 1814 das „Sieges- u. Dankfest“ für den Einzug der Verbündeten in Paris. Monschaus Bürgermeister Scheibler berichtete vom Gottesdienst in beiden Kirchen, vom großen Festzug, von schöner Musik begleitet und immerwährenden Rufen: "Es leben die Hohen verbündeten Mächte! Es leben unsere Erretter!" Am Abend soll die ganze Stadt „freiwillig erleuchtet“ gewesen sein. – Am 18. Oktober 1814, dem Jahrestag der Leipziger Schlacht, feierte man den „Wiedergeburtstag des geliebten Vaterlandes“.

 Die Entwicklung der Wirtschaft gestaltete sich nach wie vor äußerst ungünstig. Dies zog weiterhin eine starke Abwanderungsbewegung nach sich. Manche Menschen, die bislang vorwiegend als Heimspinner oder -weber ihr Brot verdienten, fanden zum Teil in der Landwirtschaft neue Erwerbsmöglichkeiten.

 Um diese Zeit ging der preußische Staat mit großer Energie daran, unter der Regie einer in der ganzen Welt als vorbildlich anerkannten Forstverwaltung in den verwüsteten Waldflächen der Eifel umfangreiche Aufforstungen vorzunehmen.

 Während der französischen Herrschaft bestand kein staatlicher Postdienst. Briefe, die für Lammersdorf Kesternich, Rurberg und Dedenborn bestimmt waren, wurden bei dem in Monschau wohnenden gemeinsamen Sekretär dieser Gemeinden hinterlegt, der dann für die wöchentlich dreimalige Postsachenbeförderung durch Vermittlung von Arbeitern Sorge trug.

 Bürgermeister war Hubert Lennartz – kurzzeitig noch bei den Franzosen, dann sechs Jahre lang (bis 1820) der erste Bürgermeister unter Preußen – wahrscheinlich, um trotz des Machtwechsels die Kontinuität der Verwaltungsarbeit zu gewährleisten. – Hubert Lennartz war wie sein Bruder Hubert von Beruf Müller und betrieb mit diesem gemeinsam die Lammersdorfer bzw. Mathars Mühle.

 Im Schulwesen bestand zum Ende der französischen Fremdherrschaft folgende Situation:

 In keinem der Orte der Bürgermeisterei Lammersdorf hatte, wie Bürgermeister Lennartz berichtete, je eine Primärschule bestanden. Man bediente sich des gemeinen, auf dem Lande gebräuchlichen Unterrichts, den die Küster erteilten. In Lammersdorf war dies seit November 1813 Johann Victor. Täglich wurden in den Monaten November bis Mai 7 Stunden Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen erteilt.

 Das Küsteramt brachte in Lammersdorf jährlich 160 Francs. Im übrigen zahlten die Schüler je nach dem Alter 6 – 10 Stüber monatlich. Der seinerzeitige katholische Pfarrer sprach den in Lammersdorf und Zweifall unterrichtenden Küstern ein großes Lob aus und bezeichnete sie als „den Fried liebende und verdienstvolle Männer, (die) wahre Israeliten sind, in denen kein Betrug herrschet. Gott! gebe“, so heißt es weiter in seinem Bericht, „dass ich und der lutherische Prediger und die zwei arme Schullehrer bald mögen in unserem Unterhalte verbessert werden, Amen !“

 Die 651 Einwohner Lammersdorfs bewohnten 110 Häuser.


 

Zusammengefasste Entwicklung im Monschauer Land während der französischen Fremdherrschaft (1794 - 1814)

Mit dem Einzug der Franzosen sowie mit der Einführung der französischen Rechtsordnung und Verwaltung brach das morsche mittelalterliche System, das partikularistische Konglomerat der vielen Eifeldynastien wie ein Kartenhaus zusammen. Es verschwanden die vielen weltlichen und geistlichen Herrschaften, die jahrhundertelang das politische Bild der Eifel bestimmt hatten. Nach dem Grundsatz der Gleichheit hatten die Adeligen nun nicht mehr das alleinige Fischrecht, und sie genossen nicht mehr Steuerfreiheit wie bisher. Für alle galten die gleichen Rechte. Für die Bauern fielen Frondienste und Zehntabgaben weg. Es begann die Epoche des Bürgertums mit der Freiheit für Handel und Gewerbe.

 Die französische Fremdherrschaft war einerseits gekennzeichnet von der Beseitigung der Kleinstaaterei und der Privilegien der Aristokratie, andererseits aber auch von fast unerträglichen Bedrückungen, von einer unermesslichen Ausplünderung der Bevölkerung zugunsten des machthungrigen Frankreichs und seines kriegführenden Heeres, welche von vielen Menschen mit dumpfem Groll quittiert wurden. Durch Ablieferungen, Steuerdruck und Assignatenwirtschaft, durch Sperrung der alten Handelsbeziehungen usw. sank die Tuchindustrie von ihrer Höhe herab und sollte sich nie mehr völlig erholen. Viele Menschen verloren ihre Arbeit, gerieten in Not und Armut. Die Unzufriedenheit der Bauern wuchs. Ihre Produkte fanden im Westen kaum Absatz, während ihnen im Osten durch den Rhein als starrer Zollgrenze der Markt versperrt blieb. Selbst dort, wo Steinbrüche, Kalkwerke, Erzgruben, Eisenhütten und Hammerwerke – bedingt durch Napoleons Kriege – voll im Einsatz standen, die Menschen folglich Arbeit hatten und zufrieden waren, war dies keine langfristige, stabile Entwicklung, sondern abhängig von Siegen und Niederlagen in den kriegerischen Auseinandersetzungen.

 Es gab auch Phasen der französischen Fremdherrschaft, in denen die Entwicklung in relativ ruhigen Bahnen verlief. Eine im wesentlichen kluge und gemäßigte Gesetzgebung erbrachte sichtbare kulturelle Fortschritte und bessere Lebensverhältnisse für die Menschen. Ein einheitliches Münz- und Maßsystem führten die Franzosen ein. Sie begannen mit einer systematischen topographischen Landesaufnahme unseres Gebietes im Maßstab 1 : 20 000, welche dann die nachfolgende preußische Verwaltung vollendete. Die wichtigste Errungenschaft der Franzosenzeit war die Einführung eines einheitlichen Rechtssystems, das im Code civil zusammengefasst war und für alle Bürger gleichermaßen Geltung erhielt. Das ungerechte mittelalterliche Rechtswesen wurde damit außer Kraft gesetzt.

 Infolge dieser fortschrittlichen Maßnahmen bildete sich im Laufe der Zeit partiell eine profranzösische Stimmung in der Bevölkerung heraus. Sie war getragen von teilweise großer Bewunderung für Napoleon und äußerte sich in mannigfaltigen Ergebenheits- und Zustimmungsbekundungen. Vor allem ist diese Einstellung wohl damit zu erklären, dass die von den Franzosen verfügte Annulierung vieler mit dem früheren Herrschaftssystem verbundener rechtlicher und sozialer Ungerechtigkeiten von zahlreichen Menschen als fortschrittliche Großtat empfunden wurde. Sie erschien ihnen als Ausgangsposition für die Herausbildung einer gerechteren Ordnung ihres Zusammenlebens, zumal die französische Revolutionslosung „Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit“ genau dies versprach. Letztendlich jedoch blieb der einschneidende Durchbruch zu andauernder wirtschaftlicher Prosperität und zu beständiger materieller und sozialer Sicherheit aus, wobei sich die Probleme mit der Zeit sogar noch verschärften.

 So war auch nicht zu übersehen, dass viele Menschen, insbesondere auf dem Lande, nur gezwungenermaßen oder gar nicht an den angeordneten bzw. befohlenen napoleonischen oder republikanischen Feiern teilnahmen. Die in eine pathetische, überzogene und gespreizte Ausdrucksweise gekleideten politischen Verheißungen der Franzosen hatten sich angesichts ihres offensichtlichen Widerspruchs zu den realen Lebensverhältnissen der Menschen zunehmend als demagogische Phraseologie entlarvt.

 Für viel Unmut in der Eifel-Bevölkerung sorgte der Umgang der Franzosen mit der Kirche und der Geistlichkeit in Anwendung ihrer scharfen antikirchlichen Gesetze. So zwang man die Geistlichen z.B. zu einer Eidesleistung, die mit dem Satz begann: „Ich schwöre Hass dem Königtum und der Monarchie“. Die meisten Priester verweigerten diesen Eid. Kerkerhaft oder Verbannung waren die Folge. Manche Priester hielten sich verborgen, lasen öfters nachts in Privathäusern die Messe und spendeten die Sakramente. Wenn auch um die Jahrhundertwende Napoleon mit der Kirche „Frieden schloss“, die Geistlichen fortan unbehelligt ließ und ihnen ein Gehalt zahlte, blieb das Verhältnis der Bevölkerung zum französischen Staat angesichts der rigorosen Enteignungen in Kirchenfragen getrübt. Die Franzosen zogen die kirchlichen und klösterlichen Ländereien und andere Besitztümer ein und verkauften oder versteigerten sie an private Firmen oder Personen, die sie für profane Zwecke nutzten. Oftmals wurden das reiche Inventar der Kirchen und Klöster sowie die Schätze der Bibliotheken regelrecht verschleudert. Etwa 80 Abteien und Klöster waren in der Eifel von diesen Maßnahmen betroffen. Die Eifel war durch diesen brutalen Akt der Franzosen ein ganzes Stück ärmer geworden. Auch die verlassenen Schlösser wurden auf Abbruch versteigert.

 Und als in den letzten fünf Jahren der Fremdherrschaft die mit der napoleonischen Kriegsführung einhergehenden vielfältigen und harten Belastungen wieder merklich anstiegen, verstärkte sich bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung die Unzufriedenheit. Immer mehr junge Männer – auch des Kantons Montjoie – wurden zu den Waffen gerufen. Die einen befolgten den Gestellungsbefehl, andere versteckten sich in den Wäldern, sodass auf die Fahnenflüchtigen z.T. regelrechte Jagden veranstaltet wurden. Es ist wohl nie festgestellt worden, wie viele Bewohner des Kantons auf den Schlachtfeldern unter den französischen Fahnen ihr Leben verloren haben. Eine wachsende Zahl von Bürgern empfand nicht nur aus rein materiellen, sondern auch aus seelischen und geistigen Gründen die Herrschaft der Franzosen als zunehmend unerträglich. In der Tat hatte Napoleon den Bogen überspannt. Der katastrophale Rückzug seines Heeres aus dem eisigen Russland (1812) und die verlorenen Schlachten der Befreiungskriege (Leipzig 1813 und Waterloo 1815) brachten ihn endgültig zu Fall. Die Eifel hörte auf, ein Teil Frankreichs zu sein.

 Insgesamt gab es während dieser Zeit eine sehr widersprüchliche Stimmung in der Bevölkerung. Die Menschen befanden sich gewissermaßen in einem Wechselbad zwischen deutschem und französischem Nationalgefühl. Im Grunde genommen hatten 20 Jahre französische Fremdherrschaft viele, zunächst optimistisch gestimmte Menschen inzwischen doch eines anderen belehrt, denn arm und hilflos war das Land wie nie zuvor, als es 1815 an Preußen fiel. Der grundsätzlich franzosenfreundlichen Stimmung eines anderen Teiles der Bevölkerung tat dies jedoch erstaunlich wenig Abbruch. Sie hielt bis zum Ende der Franzosenzeit an und wirkte vielerorts noch lange nach. Die Bilder Napoleons, die in manchem Wohnzimmer, noch viele Jahre nach der Franzosenzeit zu sehen waren, sind dafür beredte Zeugnisse. Nicht zuletzt deshalb war eine Begeisterung über den Anschluss an Preußen in weiten Bevölkerungskreisen weder in der Stadt noch auf den Dörfern durchgängig zu finden. Aber vor allem auch jahrhundertelange bittere Erfahrungen hatten das Misstrauen zahlreicher Menschen gegen jegliche menschenfeindliche Ausübung politischer Macht verhärtet.