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Lammersdorf während der Zeit der Herrschaft der Territorialfürsten im ersten Deutschen Reich (1361 - 1794)

 

Vorbemerkungen

Die Feststellungen zu Lammersdorf im ersten Abschnitt dieses Chronikteils gehen über das Übliche nicht wesentlich hinaus und vermitteln kein geschlossenes ortsgeschichtliches Bild. Da wir davon ausgehen, dass übergeordnete Entwicklungen zur Schließung der Lücken beitragen können, fügen wir am Schluss eine Zusammenfassung der Geschehnisse im Monschauer Land ein. Das bietet zumindest die Möglichkeit, eine Reihe von Fragen aufzuwerfen, z.B.: Hat es auch in unserer Gemeinde religiöse Auseinandersetzungen bzw. Kämpfe gegeben? Wie haben sich die zahlreichen Kriege konkret ausgewirkt, waren der Ort und seine Bewohner ebenfalls Opfer der Machenschaften umherziehender militärischer Banden? Haben Blüte und Niedergang der eifeltypischen Industrien sich in den Lebensverhältnissen widergespiegelt? Wie sind die Menschen mit den Witterungsunbillen und mit den zwangsläufgen Missernten fertig geworden?

Im abschließenden allgemeinen Teil findet man Antworten auf die Fragen, und es gibt allen Grund anzunehmen, dass diese zu einem beachtlichen Teil auch auf Lammersdorf anwendbar sind.

Auf Lammersdorf bezogene Ereignisse

Zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts

1361

Lammersdorf wurde am 25. Juni mit dem damaligen Namen Lamberscheyt erstmals erwähnt, und zwar in einer Urkunde des Herzogs von Jülich, mittels derer er das zu seinem Machtbereich gehörende Monschauer Land an die Herren von Schönforst verpfändete. 1361 ist somit das Jahr der exakt nachgewiesenen schriftlichen Erstbezeugung unseres Heimatortes. Im Jahre 2011 sollten wir uns daran erinnern, dass dieses Ereignis vor 650 Jahren stattfand.

Von der Urkunde besitzen wir eine digitale Kopie. (siehe Beitrag: "Das Thema des Jahres 2011)

Ursprünglich nahm man an, Lammersdorf sei bereits im Jahe 1213 mit dem Namen "Lamberstorp" erstmals urkundlich erwähnt worden. Durch aktuellere Forschungsergebnisse wurde dies von Dr. Elmar Neuß mit stichhaltigen Argumenten widerlegt. (Siehe hierzu: Jahrbuch "Monschauer Land" 1984!)

Zuweilen wird die Entstehung des Namens unseres Ortes von der Legende um den Waldhüter Karls des Großen namens Lambertus hergeleitet. Als Dank für seine treuen Dienste soll ihm der Herrscher einen Teil des einstmaligen Waldgebietes einschließlich einer Reihe von Privilegien geschenkt haben.

Seiner geografischen Lage gemäß muss Lammersdorf in der zweiten Hälfte des 12. und während der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden sein. Es gehörte zu den ersten größeren Siedlungen auf der Eifelhochfläche zwischen Venn, Buhlert und Rur. (Siehe hierzu. Dr. Elmar Neuß, a.a.O.!)

Indessen gibt es weitere Erklärungen, z.B. diese zum Namensteil "Lammers-": Lammers bzw. Lammert seien der plattdeutsche Genitiv des alten deutschen Vornamens Lambert.

Mitte des 14. Jh.: Die eigenständige Pfarre mit der Mutterkirche Simmerath wurde gegründet. Damit gab es im Monschauer Land neben Konzen ein zweites Kirchspiel. Zu ihm gehörten mehrere Dörfer, so auch Lammersdorf. Sie alle liegen in einem Radius von maximal vier Kilometern Luftlinie um die Simmerather Kirche, sodass es die Gläubigen künftig um einiges leichter hatten, zu ihrer Mutterkirche zu gelangen. Die Bildung eines zweiten Kirchspiels war zweifellos den umfangreicheren Rodungen und der aktiveren Besiedlung in unserem Heimat-Territorium geschuldet.

 Während des 14. Jahrhunderts vollzog sich in der Eifel der Übergang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft. Das war eine grundlegende Änderung der Lage in der Eifeler Wirtschaft: Die Naturalwirtschaft, bei der es den Menschen einerseits nicht schlecht ging, brachte andererseits jedoch nach der Sicherung der eigenen Ernährung und nach den Abgaben an den Fronherrn kaum weitere Überschüsse. Wenn man auch in den innerörtlichen und zum Teil regionalen Beziehungen nach wie vor mit Naturalien bezahlen konnte, kam man jedoch im überregionalen Handel ohne Geld nicht mehr aus. Es fehlten aber vielfach die Geldeinnahmequellen. Der Mangel an barer Münze führte zu folgenden Maßnahmen und Erscheinungen:

1. Die unmittelbar kein Geld einbringenden Rodungen wurden eingestellt.

2. Es setzte ein großer Bevölkerungsschwund ein. Frühere Ortschaften verschwanden bzw. blieben als Wüstungen liegen.

3. Um zu Geld zu kommen, blühte im 14. Jahrhundert die Wegelagerei; es war die Zeit des Raubritter-tums.

4. Man lieh sich Geld bei Juden und Lombarden und geriet in Abhängigkeit. Nicht selten wurden den Geldgebern, die natürlich kein Risiko eingehen wollten, ganze Dörfer verpfändet.

5. Um Geldquellen zu erschließen, begann man Handel und Gewerbe auszubauen.

Bei Einschränkung der Schweinehaltung gewann jetzt die Schafzucht an Bedeutung. Auf den weiten Ödlandflächen fanden die Tiere ausreichend Nahrung. Sie lieferten die Wolle, die in den Wollmanufakturen bzw. in der Tuchindustrie verarbeitet wurde.

Gleichzeitig wurde die Lederindustrie ausgebaut, z.B. in Malmedy.

Die Eifeler bemühten sich, die vorhandenen Bodenschätze stärker zu erschließen und zu verwenden. Vor allem die Eisenindustrie nahm, z.B. in Mulartshütte und Zweifallshammer, einen beachtlichen Aufschwung.


 

Das 15. Jahrhundert

1435: Nach längeren Auseinandersetzungen fiel das Monschauer Land wieder den Jülicher Herrschern zu.

In der Verwaltungsstruktur des Herzogtums bildete das Amt Montjoie, dem auch Lammersdorf unterstand, eine seiner Untereinheiten. Es verfügte bereits über Gerichte und Kirchspiele. Die übergeordnete Verwaltung und Rechtspflege erfolgten von den Regierungs- und Justizbehörden des Herzogtums in Düsseldorf aus. An deren Spitze stand der Statthalter des Fürsten mit einem Ministerium, dem „Geheimen Rat“. Die Richtstätte befand sich „Am Gericht“ zwischen Simmerath und Imgenbroich.

Die Umgebung Lammersdorfs am Oberlauf der Kall war vom 15. bis ins 17. Jahrhundert hinein neben Schmidt am Unterlauf der Kall eines der beiden Gebiete des Erzbergbaus, von denen aus die Eisenhütten in Simonskall mit Erz versorgt wurden.

Mitte des 15 Jh.: Wiederum brach die Pest zu einem großen, pandemischen Siegeszug auf und bewegte sich aus Asien kommend nach Westen, überzog ganz Deutschland und auch die Länder am Rhein, drang nach Frankreich und Spanien vor und forderte während ihrer dreijährigen Herrschaft erneut zahllose Opfer.

16. Jahrhundert

Anfang des Jh.: Lammersdorf hatte eine kleine Kapelle aus Holz bekommen.

Um diese Zeit entstand die Eisenindustrie. An Vicht, Kall und Rur wurden Eisenhütten und Hammerwerke in Betrieb genommen (Mulartshütte, Zweifall, Zweifallshammer, Simonskall und Junkershammer). Viele Einhei-mische fanden dort zusätzlich zu ihrer häuslichen landwirtschaftlichen Arbeit, deren Erträge für die Erhaltung der Familien allein nicht ausreichten, einen willkommene zusätzliche Erwerbsquelle. Die eigentlichen Fachkräfte wurden jedoch aus dem niederrheinischen Gebiet herangezogen.

1516: Erstmalig erwähnt wurde die Lammersdorfer Mühle als Bannmühle im oberen Tal der Kall. Sie stand in südlicher Richtung kurz hinter Lammersdorf, wo sich die Kall ins Gebirge einschneidet. – Bannmühlen waren Eigentum des Fürsten und hatten das Recht, innerhalb eines vorgeschriebenen Bannbereiches die Bewoh-ner zu veranlassen, ihr Korn in der betreffenden Mühle mahlen zu lassen. Nach einem Lagerbuch von 1649 gehörten zum Bannbereich der Lammersdorfer Mühle die Dörfer bzw. Wohnplätze Bickerath, Witzerath, Lam-mersdorf, Paustenbach, Strauch, Rollesbroich, Woffelsbach, Wildenhof, Eschauel, Schmidt, Kommerscheidt, Froitscheidt, Vossenack und Mulartshütte. Allein diese Aufzählung zeigt, welche bedeutende Einnahmequelle die Bannmühlen für das Fürstenhaus waren.

1517: Der Augustinermönch Martin Luther veröffentlichte am 31.10. seine 95 Thesen gegen die damaligen Missstände in der katholischen Kirche, insbesondere gegen den Ablasshandel. Damit löste er die große religiöse Bewegung der Reformation aus. Gegen die ursprüngliche Absicht der Reformatoren führte sie zur Kirchenspaltung und zur Entstehung evangelisch–protestantischer bzw. reformierter Kirchengemeinschaften , vor allem der Lutherischen und der Reformierten Kirchen. Diese neuen Kirchen unterscheiden sich von der katholischen unter anderem durch

  1.  ihre Unabhängigkeit vom Papsttum,
  2.  die Leitung der Gemeinden von Ältesten (Presbyterialverfassung),
  3.  die Lehre von der Rechtfertigung des Menschen allein aus dem Glauben, 
  4.  das Postulat der direkten Glaubensbeziehung zwischen Gott und Mensch, welche keiner priesterlichen Mittlerschaft bedarf,
  5. die Einordnung des Priesters in  die Gemeinde als "Primus inter pares" (Erster unter Gleichen),
  6. die Schlichtheit des Gottesdienstes,
  7. die Auffassung des Abendmahls in beiderlei Gestalt (Brot und Wein),
  8. die Akzeptanz der Vorherbestimmung des Menschen durch Gott (Prädestination).

Während die lutherischen Kirchengemeinschaften streng an den Bekenntnisschriften Luthers festhielten, waren die von Ulrich Zwingli 1522 in Zürich und von Johann Calvin 1536 in Genf gegründeten reformierten Kirchengemeinschaften in mancher Hinsicht radikaler als die lutherischen.

Ab Anf 1520: Luthers Lehre fand in anderen deutschen Gebieten ziemlich schnell Verbreitung. Dagegen fasste hier im Monschauer Land  erst einmal die Bewegung der Wiedertäufer in weiten Kreisen der Bevölkerung Fuß.

Dem tiefen frommen Sinn unserer Vorfahren leuchteten die ernsten religiösen Reformgedanken, die Idee von der baldigen Wiederkehr des Herrn und die Auffassung vom Evangelium bzw. vom Bibelwort als eine Sache der Niedrigen und Geringen, ein. Deshalb schlossen sich aus lautersten Motiven, um der religiösen Wahrheit willen, erst Einzelne, dann ganze Familien und schließlich größere Kreise in manchen Dörfern den Wiedertäufern an. Es waren hier im Allgemeinen keine Revolutionäre, die sich demonstrativ taufen ließen, sondern die „Stillen im Lande, die Frommen“, die sich nicht scheuten, alles angedrohte Ungemach, Tod und Verfolgung auf sich zu nehmen, um Christus und seinen Geboten zu folgen. Gerade den einfachen Leuten, die religiöse innere Befriedigung suchten, die sie bei dem erstarrten Zeremoniewesen und bei den vielfach wenig gebildeten Kaplänen nicht fanden, sagte die neue Strömung zu. Mit den Aufrührern von Münster dagegen hatten sie absolut nichts gemein.

Vor allem im Simmerather Kirchspiel – im Land über der Rur, in Einruhr, Rurberg, Pleushütte, Dedenborn, Simmerath, Witzerath, Lammersdorf, Rollesbroich und vor allem Kesternich – fanden die Auffassungen der Wiedertäufer einen besonders breiten Nährboden.

Nirgendwo im Jülicher Land gibt es aus der damaligen Zeit Hinweise auf ein aufrührerisches Treiben der Wiedertäufer, wohl aber genügend Informationen darüber, dass man versuchte, sie zur herrschenden Kirchenlehre zurückzuführen. Und wenn das nicht half, stellte man sie unter Strafe, folterte, enteignete oder tötete sie. Jedem wurde die öffentliche Ächtung in Aussicht gestellt, der Anlass zu der Vermutung geben konnte, zu den Wieder-täufern zu zählen oder sie auch nur zu dulden. Viele dieser gläubigen Leute, die keinerlei Spur von Gemeingefährlichkeit aufwiesen, mussten angesichts dieser Bedrohungen flüchten und im Verborgenen ihr Dasein fristen. Ihre Versammlungen fanden meist in den Wäldern des Monschauer Landes statt.

Kurzer Ausblick: Für die Geschichte der Wiedertäufer im Monschauer Land ist eins der interessantesten Aktenstücke ein 138 Seiten umfassendes Protokoll aus den Jahren 1597 und 1598 mit einem alphabetischen Verzeichnis von 63 hiesigen Wiedertäufern und von allem dessen, was man ihnen an Haus und Hof, an Grundstücken, Mobiliar, Vieh und Hafer weggenommen hatte. Nach diesem Verzeichnis waren folgende Bürger von Lammersdorf zur o.g. Zeit Wiedertäufer:

1. Jonen Johans Thais,

2. Paulus Johan,

3. Theis Jonen Johans et uxor,

4. Theis Jorris, auff der Rhuiren auf St Niclais brüggen geboren.

 

Als Ende des 17. Jahrhunderts die Landstände den immer höher werdenden Forderungen des Herzogs zur Füllung des Staatssäckels energischen Widerstand entgegensetzten, erfand er die Erhebung eines gewissen festen Duldungssatzes für die Wiedertäufer, wenn sie denn in Ruhe gelassen werden wollten. Dieser Satz stieg mit der Zeit bis zu einem Viertel des Vermögens der Betroffenen.

Anfang des 18. Jahrhunderts, nachdem etwa 200 Jahre dahingegangen waren, ließen die Herrschenden im Herzogtum Jülich den verbliebenen Wiedertäufern auf die oben beschriebene Weise die langersehnte Anerkennung zuteil werden; sie setzten sie sogar in ihre alten Besitzungen wieder ein.

1542/43: Im Jülicher Krieg suchten kaiserliche Truppen viele Dörfer der zum Machtbereich des Jülicher Herzogs gehörenden Eifel heim,plünderten und verwüsteten sie. Der Verbündete des Kaisers, Prinz Reatus von Oranien,  ließ seiine Heerhaufen bandschatzend und  mordend durch das Land ziehen. Sie eroberten die Burg und die Stadt Monschau. Letztere fiel der völligen Zerstörung anheim, ebenso das benachbarte Düren.

Das Kloster Reichenstein wurde eingeäschert. Seit vielen Jahren war es für die Gestaltung des kirchlichen Lebens im Monschauer Land von besonderer Bedeutung. Die Reichensteiner Mönche, insbesondere Prior Stephan Horrichem, hatten sich um das kirchliche Leben des Monschauer Landes große Verdienste erworben. Sie waren es, die im Verlauf des 16. und 17.     Jahrhunderts in den Kirchengemeinden als Pfarrer wirkten. Sie waren es auch, die trotz der entstehenden Schwierigkeiten die Errichtung neuer Kirchen im Umland des Klosters vorantrieben, um so die Seelsorge auszubauen. Die tragischen Ereignisse hinderten sie nun stark daran, ihre seelsorgerische Arbeit durchzuführen.

In diese Zeit fällt der Beginn einer Entwicklung, die das Leben der Menschen im Monschauer Land innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend veränderte: die Entstehung und Entfaltung der Tuchindustrie.

Mitte des 16. Jh.: Erste Bekenntnisse zur lutherischen Religion traten im Monschauer Land auf.

Nicht Befehl und Zwang des Landesfürsten haben unsere Vorfahren zur Annahme des lutherischen Glaubens geführt, sondern sie sind aus eigener Überzeugung der neuen Auslegung von Gottes Wort gefolgt. Fest im heimatlichen Boden verwurzelte, sehr fromme Eifeler Bauern waren bei uns die Träger der Reformation. Sie verfolgten keine umstürzlerischen Ziele, sondern wollten ihre Kirche von den damaligen Missständen befreien, einfach selbst die Bibel lesen und verstehen sowie die Kommunion in beiderlei Gestalt (als Brot und Wein) empfangen. Nicht Flüchtlinge also, die ob ihres Glaubens ihre Heimatländer verlassen mussten, und auch nicht jene Protestanten, die wie z.B. die Tuchmacherfamilien  aus Aachen vertrieben wurden und im Monschauer Land Zuflucht suchten, bildeten bei uns den Grundstock zu den lutherischen Gemeinden, wohl aber trugen sie nachhaltig zur Verstärkung der schwachen Reihen ihrer Glaubensbrüder in der Nordeifel bei.  Dieser Ansatz erklärt, warum die lutherische Lehre bei den seit Jahrhunderten mit ihrer Kirche engstens verbundenen Eifelern im Laufe der Zeit immer mehr Freunde fand.

Fast gleichzeitig mit dem lutherischen fand auch der reformierte Protestantismus im Monschauer Land Anhänger. Er kam von außen – vornehmlich durch holländische Emigranten – in unser Gebiet. Die Reformierten traten mit viel radikaleren Gedanken und umstürzlerischen Forderungen gegen die katholische Kirche und ihre Lehren auf. Sie waren anderen Religionen gegenüber sehr intolerant und riefen dadurch nicht selten auch die Intoleranz der herzoglichen Regierung hervor, die sie in ihren Erlassen und Verboten mit den Wiedertäufern und anderen Sektierern zusammenwarf.

So war auch diese Zeit in unserer Region sehr reich an religiösen, z.T. recht fanatischen Kämpfen. Die lutherischen Christen wurden von katholischer Seite und zeitweise auch aus evangelischen Kreisen, vornehmlich von reformierten Widersachern arg bedrängt. An verschiedenen Orten haben sich harte Auseinandersetzungen zugetragen.

1560: In der Rentmeisterrechnung des Amtes Montjoie trat in der Nennung des Namens unseres Heimatortes erstmals an die Stelle des bislang verwendeten Grundwortes "-scheid" das Grundwort "-dorf", zeitweise allerdings mit variierender Konsonantenschreibung.

1589: Während der Befeiungskriege der Niederlande gegen Spanien richteten einquartierte und durchziehende spanische und italienische Truppen im Monschauer Land sehr erhebliche Schäden an. Außerdem nahmen sie 30 Pferde "sambt Karren und Gezeug" mit.

1598 - 1600:In die Stadt Monschau und deren Umgebung wanderten protestantische Familien ein, die auf Grund der kaiserlichen Reichsacht Aachen verlassen mussten. Zu einem bedeutenden Teil waren es Kupferschmiede und Messingwerker, die sich in Stolberg und im Tal der Vicht bei Zweifall niederließen. Unter den einwandernden Protestanten befanden sich aber auch reiche Tuchmacherfamilien. Diese gingen vornehmlich nach Monschau und trugen dort entscheidend zur kräftigen Entwicklung der Tuchindustrie bei. Sie machten den Ort zu einem blühenden Gemeinwesen und verhalfen den Menschen in den umliegenden Dörfern zu neuen Erwerbsquellen. Bemerkenswerte Vorteile dieses Standortes der Tuchmacherei, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts Weltruf erlangte, waren unter anderem die billigen Arbeitskräfte aus den Venn- und Eifelgemeinden, der reichhaltig anfallende Torf als billiges Brennmaterial sowie das zum Waschen der Wolle und Stoffe gut geeignete, weil kalkfreie Wasser der Rur und ihrer Nebenbäche.

All dies waren sehr günstige Voraussetzungen, um zur Massenproduktion von Tuchen überzugehen und sich durch immer größere Verfeinerung der Ware den Weltmarkt zu erobern... Johann Heinrich Scheibler, der unserer heimischen Tuchindustrie die Weltmärkte erschloss, rühmte sich, 5 000 – 6 000 Arbeitskräfte in der Eifel bis ins Luxemburgische hinein – vorwiegend in Heimarbeit – beschäftigt zu haben. Das war nur bei einer Bevölkerung möglich, die im Verarbeiten der Schafwolle von Haus aus geübt war. In einem Gebiet ohne Schafzucht hätte das nicht funktionieren können. Das ganze Höhengebiet der Eifel war schon in keltisch-römischer Zeit das gegebene Gebiet der Schafhaltung.

Die Jahrzehnte des 14. bis 16. Jahrhunderts waren auch jene Zeit, in der sich die Eifeler Eisenindustrie kräftig entwickelte. Damit ging eine spürbare wirtschaftliche Ausbeutung des Eifeler Waldes einher. Der Holzkohleverbrauch der Schmelzöfen führte infolge der Ausbreitung der Köhlerei zu einem kurzfristigen Umtrieb der Eichenstockwälder und zu einer übermäßigen Nutzung der Buchenbestände. Ganze Hänge und Höhenzüge wurden schließlich ihres Waldmantels beraubt und den bodenzerstörenden Einflüssen des Wetters ungeschützt ausgesetzt, bis eine spätere Generation unter großen Mühen und Kosten die Wunden der Landschaft durch gezielte Aufforstungen heilte. Durch den unverantwortlichen Raubbau in den Wäldern grub die Eisenindustrie mit an dem Grab, das ihr nachfolgende Transport- und Absatzschwierigkeiten endgültig bereiteten. Immerhin aber blieben die Waldungen einiger Hüttenbesitzer und vieler Territorialherren von solchen Verwüstungen verschont und bewahrten so den Grundstock des Eifeler Waldbesitzes.


 

17. Jahrhundert

Anf. d. 17. Jh.: Angesichts der um sich greifenden religiösen Auseinandersetzungen sowie des Anwachsens der Zahl der Protestanten, z.B. auch in Aachen, Schleiden und den Niederlanden, sammelte sich die katholische Kirche und ging zur Offensive über. Sie wollte weitere Einbußen verhindern und nach Möglichkeit verlorenen Einfluß zurückgewinnen. Es begann das Zeitalter der Gegenreformation, die man zuweilen auch katholische Restauration nennt.

In unserem Gebirge wurde das Zentrum der katholischen Erneuerungsbewegung die Stadt Münstereifel. Die hier wirkenden Jesuiten gründeten das Gymnasium Sancti Michaelis. Um 1650 wurde die Jugend des Rheinlandes, ja des katholischen Europas, praktisch von Jesuiten erzogen. Auch die Universitäten waren ihre Domänen geworden. Zwei Patres waren in der Eifel ständig auf Reisen und hielten in mehr als 100 Pfarreien der Nord- und Südeifel acht-bis 14tägige Missionen ab. Dass die Eifel fast ganz katholisch geblieben ist, ist in hohem Maße dem Wirken der Jesuiten zuzuschreiben.

1618: Der Dreißigjährige Krieg begann. Er zog ganz Deutschland und große Teile Europas in Mitleidenschaft, verwüstete deutsche Städte, Dörfer und Fluren und kostete unzähligen Menschen Gut und Leben. Ebenso als internationaler Krieg um politische Macht wie als Religionskrieg um den Vorrang oder gar den Ausschließlichkeitsanspruch der einen oder anderen Glaubensrichtung, aber auch als Bürgerkrieg, stürzte er alles in Flammen und Elend.

Auch unser Heimatland wurde Kriegsschauplatz. Jahrelang seufzte das Jülicher Land unter den Heerhaufen der sich bekämpfenden Potentaten, die sich einquartierten oder brandschatzend, mordend und plündernd umherzogen und Menschen, Dörfer und Städte bis zum Letzten ausraubten.

1622: Etwa um diese Zeit wurde die Eisenhütte in Simonskall in Betrieb genommen. Schrtt für Schritt gelangte in den Eifeltälern, die reich an Eisenerzvorkommen waren, der Erzbergbau und die Eisenindustrie zur Blüte.

Forcierung der Gegenreformation der katholischen Kirche im Monschauer Land. Es folgten lange Jahre der Unterdrückung der evangelischen Gläubigen beider Richtungen.

1624: Lammersdorf hatte 130 Einwohner und 23 Häuser.

1636: Wiederum grassierte die Pest im Lande.

1647: Ein Jahr vor Beendigung des Dreißigjährigen Krieges kam ein Vergleich zwischen den protestantischen niederländischen Generalstaaten und dem katholischen Pfalzgrafen von Neuburg zustande, der für eine Frist von zehn Jahren ausgelegt war und den Evangelischen beider Glaubensrichtungen einige Erleichterungen verschaffte. Als einer der Hintergründe ist wohl anzunehmen, dass infolge der Verarmung des Bauernstandes und der immer geringer ausfallenden Staatseinkünfte die Kassen leer waren und man nach neuen Einnahmequellen suchen musste. Da griffen die Herrscherhäuser nach jenem Mittel, das sie aus gleichen Gründen mit klingendem Erfolg schon früher gegen die verhassten Wiedertäufer angewandt hatten: Sie wurden duldsamer gegenüber den tüchtigen protestantischen Familien und ihren protestantischen Mitarbeitern, die z.B. in den Eifeltälern eine gewinnbringende Eisenindustrie sowie in Monschau und an anderen Orten eine ertragreiche Tuchindustrie aufgebaut hatten. Diese Produktionsstätten lieferten den Herrscherhäusern die Erzeugnisse der Eisenhämmer und die Tuche, die man zum Kriegführen benötigte. Aus diesen Quellen flossen für die Regierungen aber auch mancherlei Abgaben in klingender Münze, z.B. für die Erteilung von Konzessionen zum Betreiben der Unternehmen, für die Erzeugung und Abfuhr von Holzkohle aus den Wäldern zu den Eisenhütten und Tuchfabriken, für die Waffengerechtsame usw. –

1648: In diesem Jahr fand der Dreißigjährige Krieg mit dem Westfälischen Frieden offiziell sein Ende. Der Friedensvertrag wurde zwischen dem deutschen Kaiser einerseits und Frankreich und Schweden andererseits abgeschlossen. – Für die Eifel jedoch war der Friedensschluss noch nicht wirksam. In den Auseinandersetzungen der europäischen Mächte Spanien, Frankreich, Holland, Deutschland und der verschiedenen Dynastien blieb sie Kriegsschauplatz. Ihre Städte und Dörfer – auch in der Jülicher Eifel – bekamen nochmals die ganze Leidensskala der Kriegszeiten zu spüren.

Im Lagerbuch von 1649 sind nach Josef Kreitz folgende Zollstraßen , Fuhrwege und Fußpfade in Lammersdorf verzeichnet:

Die Aachener und die Eupener Zollstraße führten zunächst gemeinsam aus dem Dorf hinaus und gabelten sich später. Um 1650 war das Dorf an der Abzweigung Kämergasse/Sonntagstraße zu Ende, denn hier begann das Hohe Venn. Der gemeinsame Verlauf beider Straßen war das Stück bis zum heutigen Bahnübergang an der „Kante“. Über die „Harth“ schlängelte sich ein tief eingeschnittener Hohlweg durch den trockensten Teil des Venns. Dass die „Harth“ nicht den gleichen Boden wie den des sie umgebenden Venns aufweist, sondern einen sehr sandigen, zeigt, dass sie zum ältesten Rodungsland im Lammersdorfer Venn gehört. Die 1,6 m breite Eupener Zollstraße führte wahrscheinlich über Petergensfeld – Vennkreuz ins Limburger Land, denn in westlicher Richtung durchquerte vom heutigen Fringshaus aus kein Weg das Hohe Venn. Die 11,5 m breite Aachener Straße verlief im Zuge der heutigen Bahnhofs- und Dürener Straße bis zur „Eich“ und dann in Richtung der heutigen Hahner Straße. Pastor Mathias Michael Bonn bezeichnete diese Straße als Stolberger Kupferstraße. Über sie rollten also die Erzeugnisse des schon in der Antike bekannten Messinggebietes um Stolberg;

ein Fuhrweg von ungefähr 6 m Breite, der sowohl ins Venn (Streuselt) als auch ins Feld führte; es kann sich hierbei nur um die heutige Stüttgesgasse handeln, die blind im „Brungaller“ (heutige Domäne) endet, der Bruch und Venn war;

ein Fuhrweg von Karrenbreite, wahrscheinlich das heutige Scholzgässchen , der in die Feuerbrandswaldungen im Gebiet der heutigen Domäne führte;

ein Fuhrweg durch die alten Hecken (Schißheck, Toddelheck, und Heckeltjen), wahrscheinlich die heutige Schießgasse; im Feldgeleit von 1566 wird die Flur „Schißheck“ bereits genannt. Der Weg hat seinen Namen nicht von seinem Zustand, sondern von der Flur, durch die er führte ;

ein Gässchen (genannt Königsgässchen) von der Breite einer Karrenspur, das zum „Feldchen“ und Bendchen führte und sich in einem Pfad in Richtung Haasmühle fortsetzte. Es führte danach zur Allmende, also zu einem Gebiet, das allen Bauern gemeinsam, und zwar hier als Weide, gehörte. Das Alter des Gässchens hat es als Hohlweg tief in den flachen Hang eingeschnitten;

ein karrenspurenbreiter Fuhrweg, bei dem es sich um die heutige Schindergasse, im Kataster Bruchgasse genannt, handeln muss; er geht über Paustenbach, überquert den Heppenbach und hat sich in den Paustenbacher Berg tief als Hohlweg eingesägt;

die heutige Sonntagsstraße, sie hatte bereits um 1650 und wahrscheinlich noch früher ihren Namen. Sie war nicht der Weg zur Pfarrkirche nach Simmerath; zu ihr gelangten die Gläubigen vielmehr durch den Schinder, die Königsgasse und die Nölenstraße ;

ein sehr breiter Weg, der den Berg hinunterführte; es kann sich nur um die Nölenstraße (heute Bergstraße) handeln; sie diente, als die Lammersdorfer noch ihre Toten auf dem Simmerather Friedhof bestatten mussten, als Leichenweg. „Unter Lammersdorf“ überquerte der Weg den Heppenbach und stieg am Simmerather Mühlchen vorbei hinauf zum Kirchhof. Dieser Leichenweg war früher sehr breit. Er ging bis an die Häuser heran, die heute nur noch mit ihren Gärten an die Straße grenzen. Mitte des vorigen Jahrhunderts bekam er eine Packlage, folgte nicht mehr dem Geröllweg unterhalb Reinhard Wilden, sondern wählte geringeres Gefälle. Im Tal überquerte er die Kall und führte im Halbhang über Witzerath nach Simmerath, während der alte Weg über den Heppenbach zur Simmerather Mühle ging;

ein Fußpfad in einer Breite von nur etwa 50 cm muss parallel zur Schindergasse nach Monschau verlaufen sein. Wahrscheinlich erinnert an ihn der Pfad, der heute noch zur Heppenlag hinabgeht. Dieser Weg stellt auch zur Zeit noch den kürzesten Weg nach Simmerath dar;

ein Pfad, der in Richtung „Unter Lammersdorf“ auf den eigentlichen Kirchweg an der Kall führte.

1696: Ein junger Mann aus der Familie „weilden“ (heute Wilden) aus Lammersdorf kam im Juni im Walde bei Lammersdorf - „Am steinernen Kreuzchen“ - jämmerlich zu Tode. Ob er vom Blitz erschlagen, unter ein Pferdefuhrwerk geraten war oder beim Holzfällen verunglückte, ist nicht bekannt. Zum Gedenken an die traurige Begebenheit errichtete man das steinerne Kreuz. Es ist eines der ältesten Wegekreuze der Nordeifel und steht im Walde bei Lammersdorf – am Wege aus Richtung Forsthaus „Jägerhaus“ kommend am Fuße einer mächtigen Fichte. Mit Mühe kann man aus der verwitterten Inschrift noch Folgendes herauslesen: „... o 1696 den brachmott Ehrsamer Jungergesell weilden Thomas weilden seine Gewesene Sohn allhir Jammerlich Tott geblieben Gott Trost die . s .“

Neben der für uns heute seltsam anmutenden Rechtschreibung ist es bemerkenswert, dass in dem Datum als Monat noch der alte deutsche Name „brachmott“ für Juni angegeben ist. Genaueres über den Verunglückten und seine Familie ist nicht zu erfahren, da die Kirchenbücher und sonstigen Chroniken über diesen Fall schweigen.

 

1700: In Lammersdorf standen 60 Häuser. Der Ort zählte 360 Einwohner, gehörte zur Pfarre Simmerath und besaß eine kleine Kapelle aus Holz, welche bereits ganz baufällig geworden war. Die Bewohner beschlossen daher, ein neues Gotteshaus aus Stein zu errichten.


 

18. Jahrhundert

1705: In Lammersdorf begann der Bau des ersten massiven Kirchengebäudes. – Die Initiative zu diesem Bauvorhaben ist als Ausdruck dafür zu werten, dass sich die Lammersdorfer um die Wende zum 18. Jahrhundert stark genug einschätzten, im Dorf ein eigenes pfarrliches Leben zu gestalten. – Die alte Kapelle war infolge der auf 360 angewachsenen Anzahl der Einwohner längst zu klein und außerdem schon ganz baufällig geworden.

Den Aufzeichnungen von Pfarrer Bonn ist zu entnehmen, dass aus der Mitte der Gemeinde drei Baumeister eingesetzt worden seien, die für das Material sorgen, Beiträge sammeln und den Bau leiten sollten. Allerdings geriet später, so Bonn weiter, der projektierte und bereits begonnene Bau ins Stocken, „wahrscheinlich, weil... die Baumeister gestorben waren..; aufgegeben hatten die Bewohner ihr Unternehmen jedoch nicht...“. Eines Tages gingen die Bauarbeiten weiter. Als Vollender und Initiator der Vervollkommnung und Ausstattung des Kirchenbaus bewährte sich schließlich der Geistliche Franz Fedder, der im Jahre 1708 nach Lammersdorf kam.

Alte Kirche

1707: Von diesem Jahre an wurde in Lammersdorf ein Taufbuch geführt.

Mehr als 300 Jahre waren die Lammersdorfer Gläubigen Angehörige der Pfarre Simmerath und gingen nach dort zum Gottesdienst. Nun aber begann sich das Dorf, inzwischen etwa 400 Einwohner zählend, zunehmend bewußter als eigenständiges Gemeinwesen zu verstehen. Die räumliche Entfernung von Simmerath, die Mühsal der Wege bei Wind und Wetter (nicht selten mit Säuglingen zur Taufe oder Toten zur Beerdigung) haben dieses Selbständigkeitsstreben naturgemäß maßgeblich gefördert. – Diesen Umständen und den damit verbundenen Nöten Rechnung tragend, erteilte Pfarrer Richartz von der Mutterkirche Simmerath den Lammersdorfern die Erlaubnis, eigene Personenstandsbücher zu führen.

An drei Tagen im Juli herrschte ein solch trockenes Wetter und „so eine erschröckliche Hitze, dass viele Menschen verschmachtet und gleich dodts verbleicht und gestorben seint“.

1708: Am 12. Dezember kam Franz Fedder nach Lammersdorf. Er begann seine Tätigkeit als Vikar und geistlicher Rektor der Pfarrgemeinde. Nach seiner Priesterweihe am 22.12.1708 wurde er für Simmerath und Lammersdorf accreditiert. Der Geistliche wirkte gut 40 Jahre in der Gemeinde. Nicht allein als hochbefähigter Leiter der Vollendung des Baues des neuen Kirchengebäudes in dessen Endphase sowie in den folgenden Jahrzehnten als nimmermüder Initiator und Helfer bei der weiteren Vervollkommnung des Bauwerkes und seiner Ausstattung ging er in die Ortsgeschichte ein.

Darüber hinaus wurden auf seine Veranlassung viele Häuser allhier neu und umgebaut. Er betrieb selbst – nicht selten persönlich Hand anlegend – eine Muster-Landwirtschaft mit 30 Rindern und 100 Schafen. Wege ließ er anlegen und viele öde Ländereien urbar machen, wobei er wiederum selbst aktiv mitwirkte. Insbesondere betraf dies das Terrain östlich der heutigen Straße „Im Pohl“, welches früher ein Moor war und sich von der Pohlecke bis zur Stüttgesgasse erstreckte. Noch lange nannten die Lammersdorfer dieses Gelände „Pastors Land“.

Da ihm auch die Sorgen und Nöte der Armen sehr am Herzen lagen, gründete er für sie einen Unterstützungsfonds. Große Aufmerksamkeit schenkte Fedder der Jugend. Selbst gab er Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen und Gesang. Die größeren Kinder unterwies er im Ackerbau. Aus seinem Privatvermögen stellte er der Pfarrgemeinde eine großzügige Summe Geldes als freiwillige Spende zur Verfügung. All dies trug ihm bei den Pfarrangehörigen den schönen Ruf eines allseits beliebten Seelsorgers und Wohltäters ein.

In Würdigung seiner vielseitigen und segensreichen gemeinnützigen Arbeit trägt heute eine Straße in der Junker-Siedlung seinen Namen.

Zu Zeiten Fedders betrug das Schulgeld monatlich 10, auch 12 Albus (2 Silbergroschen 8 Pfennige bzw. 3 Silbergroschen 8 Pfennige). Manche Leute meinten, die Mädchen sollten nicht schreiben lernen, weshalb für sie auch nur das halbe Schulgeld zu zahlen wäre.

1709: In diesem Jahre erfolgte die feierliche Einweihung des Gotteshauses durch Pastor Richartz von der Simmerather Mutterkirche. Als Patron wurde der Heilige Johannes der Täufer auserkoren. Kirchenrechtlich gesehen weist diese Entscheidung auf die weiterbestehende Bindung der Lammersdorfer Kirche als sogenannte Filialkirche an die Mutterkirche in Simmerath hin, die den gleichen Patron hatte.

Von der Gemeinde war der geistliche Rektor zu wählen und dem Pfarrer der Mutterkirche zur Bestätigung vorzustellen. Zu den Pflichten des Rektors gehörte es unter anderem, die Gläubigen alljährlich einmal in feierlicher Prozession zum Hauptfest der Mutterkirche nach Simmerath zu führen.

Das Einkommen des geistlichen Rektors kam durch bestimmte Geldleistungen der Kommunikanten, für Begräbnisse und besondere Messen zustande. Von der Gemeinde genoss er „freien Brand“ (Holz und Torf) sowie die Nutzung von Wald und Venn. Zu der Zeit, in welcher die Gemeinde das Entgelt für den Unterhalt des Geistlichen bestimmte, belasteten die Einwohner für sich und ihre Nachkommen ihre Häuser mit einer jährlichen Haferrente für den Küster, die alljährlich zu St. Martini fällig wurde.

So, wie das neue Kirchengebäude jetzt dastand, war sein einschiffiges Inneres bis zum Chor 15,8 Meter lang und 7,25 Meter breit. Im Bohlengewölbe erreichte es eine Höhe von 7,90 Metern. Das Mauerwerk war ca. 1 Meter dick und ca. 4,95 Meter hoch. Die Höhe des Turmes betrug im Mauerwerk gut 13 Meter und im Dachstuhl 10,5 Meter. Seine Seiten waren je 4,6 Meter lang. Platz bot das Gotteshaus für rund 300 Personen.

Freilich war das Gotteshaus zum Zeitpunkt seiner Einweihung – sowohl im Bauwerk als auch in ihrer inneren Ausstattung – keineswegs komplett. Die finanziell zunächst erschöpfte Gemeinde konnte die noch vorhandenen baulichen Unzulänglichkeiten bzw. Unterlassungen erst später nach und nach beheben und die noch fehlenden kirchlichen Gerätschaften und liturgischen Gegenstände nur schrittweise anschaffen. Noch jahrzehntelang musste für diese Vorhaben die Opferwilligkeit der Gläubigen stark in Anspruch genommen werden.

Und die Lammersdorfer blieben sich dieser Aufgabe bewusst, ihr Eifer für die Vervollkommnung und Verschönerung ihres Gotteshauses erlosch zu keiner Zeit. Lassen wir hierzu einen besonders kompetenten Zeitzeugen zu Wort kommen: Pfarrer Mathias Michael Bonn schrieb in seinem Gedenkbüchlein für Lammersdorf: Ich muss „bemerken, dass während meines Hierseins außerordentlich viel für die Instandsetzung und Verschönerung der Kirche geschehen ist und dass es nicht möglich gewesen wäre, dieselbe so umzubauen, wie sie jetzt erscheint, wenn nicht ein so guter Sinn im allgemeinen unter meinen Pfarrkindern rege geworden und rege geblieben wäre. Wir mögen abermals sehen, was eine Gemeinde von 166 Haushaltungen, worunter viele Dürftige und wenige Vermögende sind, vermag. In einem Zeitraum von neun Jahren (1836 bis 45) ist eine unglaublich große Summe aus lauter freiwilligen Beiträgen teils zur Verschönerung des Gotteshauses, teils zur Anschaffung kirchlicher Gerätschaften, Paramenten und Möbel aufgebacht worden... Freilich, unter den Verhältnissen, die hier vorwalteten, hätte es mir nicht einfallen können, auch das Geringste zur Verschönerung der Kirche in Vorschlag zu bringen, wenn nicht von Seiten einiger meiner Pfarrkinder die Anregung so eindringlich geworden wäre. Bei all dieser Arbeit verdient der Kirchenrendant Josef Dressen von hier rühmliche Erwähnung, unermüdet und unverdrossen war er stets thätiger Mitsorger, außer dem, was er noch beisteuerte.“

Über 100 Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder, die mit Geld- oder Sachspenden und mit vielerlei schönen Ideen zur Gestaltung ihres Gotteshauses beitrugen, hat Pfarrer Bonn im Gedenkbüchlein genannt – abgesehen von den vielen Kollekten und sonstigen Sammlungen, die außerdem noch durchgeführt wurden und unzählige namenlose Spender mobilisierten, um die finanziellen Mittel für ihr Gotteshaus aufzubessern. Dank dieser gemeinsamen Anstrengungen wurde das Gotteshaus immer schöner und weckte mit Recht den Stolz der Lammersdorfer Katholiken.

Auch Außenstehende zollten dem Bauwerk hohe Anerkennung: Dr. Ludwig Mathar z.B. beschrieb dass etwa 200 Jahre nach seiner Fertigstellung mit folgenden Worten: „Ein echtes Vennkirchlein war es, unverputzt, mit Fenstern und Türen aus Hausteinrahmen, mit einem vorgesetzten, fast quadratischen Westturm, der seinen achteckigen Helm trotzig zum Venn emporreckte, mit dem Glockentürmchen auf der Ostseite des beschieferten Satteldaches, das am Ende des 18. Jahrhunderts gen Osten um zwei Joche und den Anbau des neuen Chores verlängert wurde. Das (echte Vennkirchlein) blieb es auch, als es im Jahre 1804 von seiner Pfarre Simmerath unabhängig wurde und sich 1862 um eine Eingangs- und Taufkapelle erweiterte.“ An gleicher Stelle erwähnt Dr. Mathar den prächtigen Hochaltar von 1748, seinen mit reichen Volutenwangen gezierten Tabernakel, die von Franz Fedder eigenhändig geschnitzte Orgelumrahmung, die in der Messingkunst der Dinanterie gefertigten drei Paar barocken Leuchter u.a.m.-

1714: Von diesem Jahre an wurde in der Lammesdorfer Pfarrgemeinde ein Totenbuch geführt.

1715: Am 29.06. weihte Pastor Richartz von der Mutterkirche Simmerath das 1705/08 erbaute Gotteshaus unter dem Titel „Johannes Enthauptung“

Am Kirchengebäude legte die Gemeinde einen Friedhof an. – Er wurde von einer knapp zwei Meter hohen Mauer umgeben, die für Friedhof und Gotteshaus ein ca. 800 m2 großes Gelände einfriedete. Das leidige Problem des mühseligen Transportes der Verstorbenen nach Simmerath war damit aus der Welt geschafft.

1721: Der Generalvikar führte eine kirchliche Visitation durch.. – Im Bericht darüber wird ausgeführt: „Die Jugend dieses Ortes (Lammersdorf), der ebenfalls Filiale von Simmerath war, wurde am Morgen des 23. Juni in der Simmerather Kirche geprüft, aber hinsichtlich ihrer Kenntnisse – es ist das bekannte Leid – nur mittelmäßig befunden. Noch an demselben Tage begibt sich der Generalvikar zu Fuß, nicht wie sonst zu Pferde, nach Lam-mersdorf, um an Ort und Stelle weiter zu visitieren. Die Kirche ist von Pastor Richartz in Simmerath am 29. Juni 1715 geweiht worden unter dem Titel ‘Johannes Enthauptung’. Wie es in einer lateinischen Notiz im Lammers-dorfer Taufbuch gleich am Anfang heißt, war diese Kirche im Jahre 1705 erbaut worden mit Genehmigung des genannten Pastors, teils wegen der weiten Entfernung, teils wegen des im Jahre manchmal reißenden Kallbaches ..., zur Hebung des religiösen Lebens und für die Bequemlichkeit der Bewohner. Diese Notiz ist verfaßt von dem zur Zeit der Visitation in Lammersdorf wirkenden Rektor Franz Fedder, geweiht am 22.12.1708...“

1728: Lammersdorfs Kirche wurde „ausgepfarrt“, was wohl heißen mag, dass eine gewisse Loslösung von der Mutter-kirche Simmerath und die Erhebung in den Status einer weitgehend eigenständigen Pfarrei erfolgte (?).

1730/31: Der kinderlose Pfalzgraf Karl-Philipp aus der pfälzischen Linie Neuburg ließ seine Untertanen (Haushaltungsvorstände und selbständigen Steuerzahler) zu Gunsten seines Bruders Franz Ludwig, s.Z. Erzbischof von Mainz, einen Erbhuldigungseid leisten. Folgende 46 Bürger von Lammersdorf leisteten diesen Eid:

 

Becker, Cirst

Johnen, Peter Thomas

Schmit, Theis

Braun, Driess

Johnen, Peter Michels

Schmit, Cirst Niessen

Braun, Matheis

Jung, Jan

Strauch, Peter

Braun, Gehl

Jung, Michel

Titz, Joannes

Clossen, Hubert

Lauterbach, Lucas

Voell, Dirrich

Crins, Gerhart

Lauterbach, Matheis

Voell, Niclass

Forster, Peter

Merder, Johann

Wilden, Mertz

Gerharts, Jan

Oberlender, Lenz

Wilden, Petergens

Hermans, Matheis

Pesch, Paulus

Wilden, Gehl

Hermans, Hubert

Reinharts, Matheis

Wilden, Cirst

Hermans, Peter

Rongen, Peter

Wilden, Hubert Thomas

Hermes, Hubert

Scheit, Jan

Wilden, Peter

Hermes, Hermann

Schieffer, Jan

Wilden, Matheis

Huberts, Johan

Schieffer, Peter

Wilden, Peter Theißen

Jansen, Thomas

Schmit, Frin

Wilden, Hubert

Jansen, Jan

   

Auch der Geistliche Franziskus Fedder leistete diesen Eid.

1737: Etwa in diesem Jahre begann in der Eifeler Landwirschaft der Kartoffelanbau.

1744: In diesem Jahre baute ein Eremit namens Bruder Franz an der Nordseite des Gotteshauses eine Einsiedelei.

1749: Am 7 April starb Franz Fedder. - Tief betrauert von seinen Pfarrkindern, wurde sein Leichnam im Gotteshaus vor den Stufen des Hochaltars der Erde anvertraut. Wegen notwendiger Bodenarbeiten erfolgte später seine Umlegung.

Zu dieser Zeit erteilte ein  Eremit (Einsiedler) den Kindern Unterricht. Er stammte aus Rollesbroich und gehörte dem Karmeliter-Orden an.

1755: Am 26. Dezember erschütterte ein schweres Erdbeben Teile des Monschauer Landes. Man meinte damals, sämtliche Häuser würden zusammenfallen, die Kirchenbesucher verließen fluchtartig die Gotteshäuser. – In den Jahren 1755/56 gab es hier eine regelrechte Erdbebenperiode, die fast ein ganzes Jahr andauerte, sich in das folgen-de Jahr hineinzog und auch mehrere Todesopfer forderte.

1762: Zu diesem Zeitpunkt waren in der Monschauer Tuchindustrie 6 000 Menschen in Arbeit: In fast jedem Haus der umliegenden Dörfer wurde in Heimarbeit gesponnen und gewebt. – Der Tuchfabrikant Scheibler erwarb Parzellen im Hohen Venn und stellte dort zum Torfstechen Arbeitskräfte ein. – Durch den Transport der Rohstoffe, des Heizmaterials und der Tuche gedieh das Fuhrwesen. – Die Schafzucht als Wolllieferant erfuhr eine beträchtliche Ausweitung.

1763: Eine Kirchenglocke, die geborsten war, wurde umgegossen. – Die neue Glocke hieß „Die Große“. Sie hatte ein Gewicht von 407 Pfund und trug die lateinische (hier ins Deutsche übersetzte) Umschrift: „Zur Ehre des heiligen Johannes des Täufers, Donati, Josephi und Antonii. Martin Legros hat mich gegossen im Jahre 1763.“ Die Kosten wurden durch freiwillige Beiträge der Bewohner gedeckt.

1767: Wiederum trat im Monschauer Land ein Erdbeben auf.

1769: Im oberen Kalltal wurde eine zweite Mühle in Betrieb genommen. Nach ihrem letzten Besitzer wird sie im Volksmund heute vielfach noch Haasmühle genannt oder, weil sie gegenüber der bereits 1516 errichteten Lammersdorfer die neue Mühle war, oftmals auch als Neumühle bezeichnet. - Sie befand sich an der Straße von Lammersdorf nach Witzerath, etwa einen Kilometer oberhalb der alten Mühle.

1771: In der Pfarre Lammersdorf begann man mit der Führung eines Kopulations- oder Trauungsbuches.

 

1779: Es wurde mit dem Bau der durch Lammersdorf führenden Fernstraße mit befestigtem Unterbau begonnen. Sie führte von Düren nach Monschau und weiter nach Luxemburg und ist abschnittsweise identisch mit der heutigen B 399.

1785: Die Pfarre Lammersdorf erhielt ein Amts- und Wohngebäude des Vikars, auch als Viccarie bezeichnet.

1792: Es begann eine Periode anhaltender bewaffneter Auseinandersetzungen in sieben Koalitionskriegen der europäischen Großmächte gegen das revolutiomäre und napoleonische Frankreich. Während dieses Zeitraumes hatten die Franzosen  von 1794 bis 1814 ihre Herrschaft über die Rheinlande einschließlich der Eifel errichtet.


 

Zusammengefasste Enwicklung im Monschauer Land von 1361 bis 1794

 

Bis etwa zum 16. Jahrhundert erfolgten hier großflächige Rodungen und eine aktive Besiedlung. Das war verbunden mit der allmählichen Formierung der Gemeinwesen und der späteren Herausbildung der ersten administrativen Verwaltungsstrukturen dieses Gebietes. Das Monschauer Land begegnet uns als Amt Montjoie des Herzogtums Jülich. Lammersdorf war eine der Gemeinden dieses Amtes.

Für ihre bereits bemerkenswerten wirtschaftlichen Potenzen, für ihr schon ziemlich ausgeprägtes Selbstverständnis als Gemeinween, für ihren großen Initiativgeist und für ihre tiefe Frömmigkeit spricht der Anfang des 18. Jahrhunderts gefasste Beschluss der Lammersdorfer, an die Stelle der inzwischen viel zu klein gewordenen Holzkapelle ein neues, größeres Kirchengebäude aus Stein zu errichten.

Im Allgemeinen konnte von einer kontinuierlichen Entwicklung nicht die Rede sein. Immer wieder wurde sie durch Kriege empfindlch gestört. Allein in der hier betrachteten Zeitspanne fanden 10 Kiege statt, die insgeamt 114 Jahre in Anspruch nahmen. Wenn auch kriegsentscheidende Schlachten hier bei uns eher nicht geschlagen wurden, weil die großen Operationsräume fehlten und die Ernten für die Ernährung großer Heeresvebände nicht ausreichten, so waren die Auswirkungen der Kriege von nicht minder großer und negativer Tragweite.

Immer wieder zogen wilde Heerhaufen plündernd und brandschatzend, vergewaltigend und mordend durch das Land. Spanier, Lothringer und Holländer, Schweden, Engländer, Russen und Franzosen, aber auch kaiserliches Militär und Söldnertruppen der deutschen Fürsten - sie alle waren hier, quartierten sich ein, trieben ihr Unwesen, richteten nicht selten Blutbäder an und pressten nach dem Motto "Der Krieg ernährt den Krieg" auf brutalste Weise aus dem Wenigen, das die Menschen ohnehin nur besaßen, noch das Letzte heraus. Viele verloren ihr Hab und Gut oder gar das Leben. Die ständigen Kriegsabgaben nahmen ein solches Ausmaß an, dass unsere Heimat mehr als einmal fast ans Ende ihrer Kraft gelangte.

Die Annahme, es habe sich mehr oder weniger um lokale Waffengänge gehandelt, von denen nicht alle betroffen worden seien, ist weit gefehlt. Die Schergen haben in der Regel nach Beendigung des Krieges ihr Operationsgebiet verlassen, um sich in anderen Gegenden schadlos zu halten, oftmals Monate lang oder Jahre hindurch.

Hinzu kommt, dass die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Waffengängen zur Wiederherstellung völlig normaler Verhältnisse kaum ausreichten. So betrugen sie von den 10 Kriegen in fünf Fällen die Dauer des Kindesalters, in dreien des Jugendalters und in zweien die Dauer eines Ausschnitts des Erwachsenenalters, in keinem Falle ein ganzes Menschenalter!

Besonders zerstörerisch und die Menschen peinigend war der Dreißigjährige Krieg von 1618 – 1648. Eine seiner tragischen Folgen bestand darin, dass das deutsche Reichsgebiet zu einem unüberschaubaren partikularistischen Konglomerat von sage und schreibe 360 Kleinstaaten, Herrschaften und Unterherrschaften verkam. Sie alle nutzten die Ohnmacht der Zentralgewalt des Kaisers, um ein möglichst großes Maß an Besitz und Macht zu ergattern. Fortdauernde Fehden und Kriege um dieser eigennützigen Ziele willen blieben nicht aus. Ihre Auswirkungen waren verheerend.

Durch diese Zersplitterung wurde die Wirtschaft, die nach 30 Jahren Krieg vor dem Ruin stand, an einer kraftvollen neuen Entfaltung gehindert. Alle Wegstunden sperrte eine Zollschranke die Straße. Jede kleine Herrschaft suchte ihre leere Kasse auch mit Zollabgaben zu füllen. Viele Ortschaften lagen verödet. Bürger und Bauern, Frauen, Kinder und alte Menschen litten darunter auf furchtbarste Weise. Häufig  mussten die Bewohner flüchten, verloren Hab und Gut oder gar das Leben; Hungersnöte blieben nicht aus, sodass das sich immer wieder aufraffende Land tiefer und tiefer verelendete. Der Eifelregion wurde unermesslicher Schaden zugefügt. Ihre auf Grund ungünstiger natürlicher Gegebenheiten objektiv ohnehin nicht leichte Entwicklung erlitt immer wieder empfindliche Rückschläge und gelangte nicht selten bis an den Rand des Ruins.

Wenn als Gründe für die in der Nordeifel verspätete wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Entwicklung in der Regel mit Recht ihre ungünstigeren natürlichen Bedingungen, ihre mangelnde Verkehrsanbindung, ihre territoriale Abgeschiedenheit sowie teilweise fehlendes Knowhow angeführt werden, müssen als weitere Ursache unbedingt auch die vielen, dicht aufeinander folgenden kriegerischen Aktionen und deren fatale Auswirkungen hinzugefügt werden. Mit Sicherheit haben auch sie in hohem Maße hemmend auf den gesellschaftlichen Fortschritt eingewirkt. Wer dazu noch eines Beweises bedarf, mag sich die rasante positive Entwicklung unserer Gesellschaft ansehen, wie sie sich in den gut sechs Jahrzehnten solider friedlicher Verhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen hat und vollzieht.

Als hätten alle diese harten Schicksalsschläge noch nicht ausgereicht, stellten sich im Laufe der Kriege auch noch Krankheiten aller Art ein – vor allem die Pest und andere Seuchen. Tausende starben dahin. Mit dieser Fülle von Leid und Drangsalen wurden die Menschen auch seelisch nicht mehr fertig. Da musste der Teufel im Spiele sein, war ihre Erklärung. Männer und hauptsächlich Frauen wurden beschuldigt, Handlanger des Satans zu sein, um Menschen und Tieren zu schaden. Furchtbare Folterungen  mussten die Beschuldigten über sich ergehen lassen, bis sie fast alle das falsche Geständnis abgaben, schuldig zu sein, obgleich sie es in Wirklichkeit gar nicht waren.. Im Allgemeinen bedeutete dies den Tod auf dem Scheiterhaufen. Die Zahl derer, die diesem Hexenwahn total schuldlos zum Opfer fielen, ist sehr hoch. Sie geht in die Hunderte. Selbst Geistliche waren nicht ausgenommen. Mit Vorliebe wurden reiche, alleinstehende und kinderlose Personen angeklagt, deren Vermögen sich dann die Richter und deren Helfershelfer aneigneten.

Hinzu kamen die - nicht selten ebenfalls äußerst fanatischen - Auseinandersetzungen zwischen den Religionen. Auch sie waren der Aufwärtsentwicklung alles andere als förderlich.

Es zeugt von der Gestaltungskraft der Eifeler, dass sie dennoch - allen Schwierigkeiten zum Trotz - sich bietende Möglichkeiten des gesellschaftlichen Forschritts nutzten.

Vom 16. Jahrhundert an entwickelte sich in den Tälern von Kall und Vicht die Eisenindustrie sowie von der Mitte des 17. Jahrhunderts an in Monschau und Imgenbroich die Tuchindustrie. Der eingewanderte evangelische Pastorensohn Johann Heinrich Scheibler war ein großes Kaufmannstalent und ein ausgezeichneter Organisator. Er verstand es, richtig einzukaufen, die Wolle günstig verarbeiten zu lassen und sich einen großen Absatzmarkt zu erschließen. Durch ihn wurde Monschau die erste Tuchmacherstadt Westdeutschlands. Er entdeckte eine Marktlücke, indem er erkannte, dass viele Menschen anspruchsvoller geworden waren, mehr Geld als bisher hatten und gewillt waren, einiges für schöne Kleider auszugeben. Scheibler kaufte in Spanien ganze Schiffsladungen Wolle von Merinoschafen ein, die dann von Antwerpen mit Pferdewagen in die Nordeifel gebracht wurden. Aus dieser Importwolle ließen sich feine Tuche herstellen, die dazu noch mit den leuchtenden Farben des Rokoko versehen wurden. Auf den bedeutenden Messen in Frankfurt und Leipzig sowie auf den Märkten in Berlin und Wien wurden sie angeboten und in fast alle Länder Europas exportiert. Sogar in Vorderasien und in den Harems des Orients fanden sich begeisterte Käufer.

Scheibler beschäftigte durchweg 4 500 Personen, davon die meisten als Heimarbeiter. 1762 stieg die Zahl sogar auf 6 000 Personen an, von denen viele im nahen und weiteren Hinterland wohnten. Erstmals gab es in der Eifel jetzt soziale Unruhen und Widerstände gegen die „Fremden“, die den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen würden. Einmal musste das Militär zur Schlichtung eingesetzt werden. Die Spannungen entwickelten sich jedoch letztlich nicht zu einem andauernden sozialen Kampf.

Das Monschauer und Imgenbroicher Tuch war lange Zeit hindurch weltberühmt. Die Fabrikanten wurden reich und konnten sich städtischen Luxus und schöne Häuser leisten. Ihr Söhne zogen hinaus in die weite Welt und brachten es zu hohem Ansehen.

Diese rasante industrielle Entwicklung führte, um den stark anwachsenden Bedarf an Holzkohle zu befriedigen, zu einer umfänglichen Entfaltung der Köhlerei in den Wäldern.

In der Landwirtschaft konnten die Bauern die Früchte ihrer Arbeit zum Teil wieder selbst ernten und von sich aus darüber verfügen. Damals begann bei uns auch der Kartoffelanbau. Eine größere Beachtung fand zur gleichen Zeit der Gemüse- und Obstanbau. Man verbesserte die Arbeitsgeräte und erreichte so höhere Ernteerträge – eine zwingende Notwendigkeit, weil die Bevölkerung wieder wuchs.

Auf den großen Ödlandflächen weideten vor allem Schafe. Damals zählte jeder Eifelort im Durchschnitt 500 bis 600 Schafe. Die Zahl der Ziegen als „Milchkühe des kleinen Mannes“ stieg stark an. Der Wald diente weiter den Schweinen als Weidedrift. Allerdings richteten die Tiere im Wald große Schäden an. Deshalb ergingen Forstverordnungen, die dies abschwächen sollten. Auch die Pferdezucht weitete sich aus, weil die Tiere für mehr und längere Transporte benötigt wurden, aber auch der Bedarf des Militärs hoch war.

Während des späten Mittelalters bis zur frühen Neuzeit (von etwa 1400 – 1800) waren die Lebensverhältnisse in den Dörfern der Hochfläche der Nordeifel fast vollständig von einer sich selbst versorgenden und von Nebenerwerbstätigkeiten ergänzten, vorwiegend in kleinen Dimensionen betriebenen Landwirtschaft geprägt.

So waren auch die Lebensverhältnisse vieler Bewohner Lammersdorfs davon bestimmt, dass sie hauptsächlich als Klein- und Kleinstbauern ihren Unterhalt zu bestreiten suchten. Um jedoch die Existenz der Familien sicherer gestalten zu können, bedurfte es in der Regel auch anderer Erwerbsquellen. Zumeist fand man sie im Spinnen und Weben als Heimarbeit, im Fuhrwesen, im Steinbruch oder in einem anderen Handwerk, unter anderem in der  Besenbinderei.

Weiterhin kennzeichnete die Enwicklung die Ausprägung eines natürlichen fortschrittlichen Denkens sowie auf verschiedenen Gebieten die Einführung von Neuerungen: Die Rechtspflege wurde verbessert. Man richtete erstmalig Katasterämter ein, veranlasste den Ausbau des Straßennetzes und förderte damit Handel, Gewerbe und Verkehr. In manchen Gegenden gab es Versuche, einen geordneten Schulunterricht zu ermöglichen. Der Schulzwang wurde eingeführt. Die Lehrweise in der Schule sollte mehr auf die Ausbildung des Verstandes gerichtet und die Lehrerausbildung entsprechend reformiert werden.

Leider muss bei allen Fortschritten, die die Menschen auf den verschiedenen Gebieten erzielen konnten, letztendlich festgestellt werden, dass den auf die Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse gerichteten Anstrengungen im Monschauer Land keine Langzeitwirkung beschieden war. Denn die Jülicher Herrschaft zeigte für die Nordeifel nur wenig Interesse und überließ deren Verwaltung vorwiegend den nicht immer unbestechlichen Beamten der Statthalter-Residenz Düsseldorf. Viele auf günstigere Lebensverhältnisse gerichtete Maßnahmen wurden halbherzig angegangen und zeigten deshalb keine durchschlagende Wirkung.

Insgesamt gesehen hat die Jülicher Regierung dem Lande mehr geschadet als genützt. Noch in der Franzosenzeit musste Monschau Schulden bezahlen, die ihm infolge der Kriegshändel der Jülicher im 17. und 18. Jahrhundert aufgehalst worden waren. Fortgesetzt mussten Stadt und Gemeinden mit den Landesherren bzw. mit deren Beamten Streitigkeiten und Prozesse um Privilegien und Gerechtsame ausfechten. Die Untergebenen waren für die Territorialherren nur zum Zahlen der Abgaben gut genug. Ihre Beamten wurden als Bedrücker empfunden. Daher ist es erklärlich, dass von einer optimistischen Stimmung der Bevölkerung keineswegs die Rede sein konnte und man große Hoffnungen auf die Franzosen setzte, die 1794 ins Land kamen.