steinerneskreuz1

 

Dem Toten einen Namen geben

 

Wandert man durch die Stüttges Gasse an Junker vorbei in den Wald, so sieht man ein kleines Steinkreuz am Wegrand. Im Ortsgedächtnis ist es nur unter dem Namen „Steinernes Kreuz“, also unter seinem Materialnamen, präsent
Was hat es mit diesem Kreuz auf sich?
Eine von dem Heimatforscher Josef Kreitz veröffentlichte Abschrift der Inschrift lautete 1:

 

...o 1696 den brachmond
Ehrsamer Jungergesel weilden Thomas
Weilden seine Gewesene Sohn Alhir
Jamerlich Tott geblieben
Gott Torst die .s.

 

Das Kreuz steht also seit über 300 Jahren an diesem Platz. Es ist das älteste steinerne Denkmal in der Lammersdorfer Flur, wahrscheinlich auch in der Gemeinde Simmerath.

Die Namensnennung in der Kreitzchen Transcription - "Ehrsamer Jungergesel weilden Thomas Weilden seine Gewesene Sohn" - ist eher unverständlich, da wahrscheinkich lückenhaft.
Das angebende Datum - 8 brachmott 1696 - ließ nun eine Prüfung zu.
Der Brachmond ist der Juni.
Bis 1715 wurden die Lammersdorfer Toten in Simmerath begraben. Auskunft über den Toten sollte also im Simmerather Totenbuch 2 zu finden sein.
Am 8. Juni 1696 ist dort folgendes Sterbetestat eingetragen:

 peter wilden Fotor

 

Der Text lautet:

Peter Wilden von lamerstorff obijt per infortunium infra carucam pro lamerstorff in silvis

8.juni.1696

Übersetzt:

Peter Wilden von Lammersdorf starb durch ein Unglück unter einer Karre vor Lammersdorf im Walde

8. Juni 1696

Eine aktuelle Übertragung der Inschrift auf dem Steinkreuz lautet nun wie folgt:

steinerneskreuz2 A[nn]o 1696 de[n] 8[en] brachmo[n]tt ...
ehrsamer jungergesel Pet...
Weilden, Thomas Weilden
seine gewesener sohn, alhir
jamerlich tott geblieben.
Gott trost die seel
(Transcription: Dr. Elmar Neuß, Dr. Toni Offermann) 3)

  

Durch das vormals undeutliche und übersehene Schriftende „Pet“ in der zweiten Zeile bekam die Inschrift einen klaren Sinn in Übereinstimmung mit dem Kirchenbucheintrag.

Am 8. Brachmond 1696 ist Peter Wilden, der Sohn des Thomas Wilden hier jämmerlich zu Tode gekommen.

Der namenlose Tote vom Steinernen Kreuz hat nun einen Namen. Es war Peter Wilden. Er war der Sohn von Thomas Wilden und seiner Frau Gertrud Stollenwerk, die ihm dieses Denkmal setzten. Er wurde 1672 geboren  und 24 Jahre alt. 

Am Tag seines Todes hat man Peter Wilden in seinem Elternhaus aufgebahrt. Während der nächsten drei Abende versammelten sich die Angehörigen und Nachbarn zur Totenwache. Um den Sarg herum scharten sich Eltern,Geschwister, die nächste Familie. Man hörte Seufzen und Weinen, man betete den Rosenkranz. In weiteren Räumen, eem Hus, err Söllisch-Trapp, fand  die Nachbarschaft, die Dorfjugend einen Platz. Gedämpfte Gespräche,  verstohlene Blick - das Leben ging weiter.

Am Begräbnistag lud man den grob geschreinerten Sarg mit dem Toten auf eine Karre und fuhr die heutige Bergstraße herab. Hinter dem letzten Haus rechter Hand führte der Weg in geradem Verlauf auf die Kall zu, überquerte den Heppenbach in Höhe seiner Mündung in die Kall und folgte dann dem längst der Kall verlaufenden Weg in Richtung Simmerather Mühle und weiter zum Simmerather Kirchhof.

Nachwort:
Hätte es damals Fernsehen gegeben, wäre Peter Wilden abends in der Tagesschau Zeuge des Ansturms der Türken auf Wien gewesen (1683). Er hätte den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV (1638-1715) erlebt, der Frankreich zur europäischen Großmacht machte und August den Starken (1670-1733), der die Kunstsammlung im Dresdener Grünen Gewölbe, wo man vor Tagen spektakulär Juwelen gestohlen hat, reichhaltig ausstattete.

 


 

1) Das einsame Kreuz; Josef Kreitz; Der Eremit am Hohen Venn, Jg. 23, 1951, S. 32

2) NRW PSA Ba 2372 /21

3) Erläuterungen der Transcription durch Neuß / Offermann

A1o 1696 de2 83 brachmo4tt (Rest der Zeile ist gestört, am ehesten: ist) /E5hrsamer Jungergesel Pet6(er)7/Weilden Thomas Weilden/seine8 Gewesener sohn Alhir /jamerlich tott geblieben /Gott torst9 die (Rest evtl. nicht ausgeführt)

1 Lesung unsicher, vgl. aber Z.4 ‚Alhir‘
2 Plus Kürzel
3 Wie Anm. 2
4 Wie Anm. 2
5 Großbuchstabe unsicher
6 Unterlänge unvollständig
7 Rest in Klammer unsicher
8 Letzter Buchstabe auch als möglich
9 D.i. ‚trost‘, Buchstaben verdreht

Da die Ausführung von Großbuchstaben nicht immer eindeutig ist, wird für eine Wiedergabe außer den Eigennamen und Satzanfängen nur Kleinbuchstaben verwenden. Mit aufgelösten Kürzeln in [ ] und Ergänzungen in Kursive plus Interpunktion lautet die Inschrift dann:

A[nn]o 1696 de[n] 8[en] brachmo[n]tt ist der(?) / ehrsamer jungergesel Peter / Weilden, Thomas Weilden /seine gewesener sohn, alhir /jamerlich tott geblieben./Gott trost die seel.