Pittjes

 

Der Dorfnamen Pittjes beschreibt einen Bereich aus dem Namensfeld Wilden. Die Wildens mit dem Dorfnamen Pittjes wohnten 1826 in der heutigen Kirchgasse, die bis in die 1950ger unter dem Namen Pittjes Jäsje dorfbekannt war.

 Pittjes / Pittjes-Gäßchen

 

 

Der Pfeil im Kartenausschnitt kennzeichnet das Haus der  Wilden / Pittgen im Jahre 1826. Damals gehörte das Haus einem Mathias Peter Wilden, dessen Name in der Katasterunterlage durch den Zusatz Petergen verhochdeutsch ist. Von ihm erbte es sein Sohn Gerhard, der nach Büsbach verzog, um in der dortigen Industrie zu arbeiten. Das Haus kam schließlich an einen Martin Schmitz, der es abbrach und auf dem selben Platz ein neues errichtete. 1)

 

Haus Wilden / Pittjes - Schmitz

 

 

Der Name Pittgen/Pittjen ist eine Verkleinerungsform des Namens Pitt, der mundartlichen Form für Peter. In Kirchenbüchern des späten 17. und frühen 18. Jh. taucht der Name  Wilden, Pitgen als eigenständiger Name neben dem auch gebräuchlichen Namen Wilden, Peter auf.

 

Taufeintrag von 1687 mit Pate Pitgen Wilden

 

In einem Taufeintrag vom 31.12.1719 tritt ein Peter Wilden mit dem Namenszusatz Pitgen als Pate auf. Etwa zu dieser Zeit hat sich der Name Pitgen als Dorfname zur Unterscheidung im Namensfeld Wilden etabliert.

 

Taufeintrag 31.12.1719 
Der folgende Eintrag von 1761 zeigt die Verwendung des Namens Pitgen unabhängig vom Vornamen des Trägers, hier Hubert. Die Bezeichnung Pitgen ist hier ausschließlich als Dorfname zu verstehen. Da der Dorfname darüber hinaus eine Gasse nahe der Kirche bezeichnetet, ist er wahrscheinlich auch der Hausname für das oben gezeigte Haus in der heutigen Kirchgasse.

Taufeintrag 1761 mit Dorfnamen Pitgen

 

 

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1) J. Kreitz

Katringjes, Piësch, Pidde und Bäckesjes

 

Piësch JuppEinige ältere Lammersdorfer kennen noch den berühmten Schauspieler Joseph Stollenwerk, der mit seiner Kunst in den jährlichen Schauspielveranstaltungen des Kirchenchors die Aufmerksamkeit der Zuschauer fesselte.
Geläufiger als Joseph Stollenwerk war sein Dorfname Piësch Jupp - im Bild ganz rechts.
Durch diesen Dorfnamen unterschied er sich von einem gleichnamigen Verwandten (Halbvetter) Josef Stollenwerk, der unter dem Dorfnamen Pidde Jupp allgemein bekannt war.

Beide Stollenwerksippen - Pidde und Piësch- sind Nachfahren von Mathias Peter Stollenwerk, dessen Ehefrau Catharina hieß. Auch die Ehefrau des Bruders von Mathias Peter, Johann Hubert, hatte eine Ehefrau mit Namen Catharina. Auf diese Familien führt Joseph Kreitz den Dorfnamen  Katringjes (Plural?) zurück.
In der Enkelgeneration kam es zur Bildung neuer Dorfnamen. Ein Johann Joseph Stollenwerk (*1845) heiratete einen Maria Agnes Pier aus Simmerath. Diese Dame ist verantwortlich für die Dorfnamenbildung Piësch.
In Eicherscheid beobachtet man eine gleichlautende Namensbildung. Auch dort wurde der Familienname Pier umgangssprachlich zu Piësch. (Siehe:http://www.geschichte-eicherscheid.de/geschichte/haeuserverzeichnis-1906.html.
Piësch ist also der umgangssprachlich verschliffener Familienname Pier, so wie aus Brauns umgangssprachlich Brungs wurde.

Der Dorfname Pidde läßt sich nicht mehr schlüssig ableiten. Vermutlich war der erste Träger dieses Namens ein Matthias Stollenwerk, (* 1839). J.Kreitz gibt für diesen den Vornamen Matthias Peter an. Die Benennung Pidde könnte sich dann auf den Vornamen Peter beziehen. Leider hat dieser Mathias in keiner Urkunde den Beinamen Peter, so dass die Genese dieses Dorfnamens ungeklärt bleibt.
Eine Elisabeth Stollenwerk aus der Sippe der Katringjes heiratete einen Andreas Lauscher, dessen Sohn Matthias Peter Bäcker war und wahrscheinlich der erste Träger des Dorfamens Bäckesjes. Vielen noch bekannt ist Bäckesjes Andres, der auf dem Anwesen des heutigen evangelischen Gemeindehauses mit seiner Schwester eine Bäckerei betrieb.

Das heute nicht mehr vorhandene Haus "Auf der Ley" war das Stammhaus der Katriingjes und der Piësch. Mit dem Namen Pidde ist ein Haus Im Pohl verbunden (Siehe Karte)

 Lammersdorf 1907

 

Einige Merkwürdigkeiten in Heiratsurkunden


Heiratsurkunde mit Einwilligungserklärung der Eltern

 Dieser Kopf einer Heiratsurkunde (RöntgenxSimons) stammt aus dem Jahre 1817. Die Urkunde entspricht, sieht man vom Urkundenkopf ab, im Wesentlichen dem französischen Vorbild. Eine Besonderheit ist, dass jetzt die Eltern der Brautleute, sofern sie noch leben, ihre Zustimmung zur Heirat geben müssen, selbst wenn die Brautleute volljährig sind. Die verwendeten Stempel sind nicht ganz zeitgemäß.

Zuletzt sei eine Heiratsurkunde aus dem Jahr 1821 vorgestellt. Sie zeigt  einen Wechsel im Bürgermeisteramt. Bis 1820 hatte Hubert Lennartz, der auch schon in der Franzosenzeit Bürgermeister von Lammersdorf war, dieses Amt inne. Ab 1821 ist Jeremias Hoesch aus Junkershammer / Zweifall Bürgermeister. Das Gemeindehaus der Gemeinde Lammersdorf befindet sich zu dieser Zeit in Junkershammer. Jeremias Hoesch betrieb in Junkershammer ein Hammerwerk. Mehr über die Familie Hoesch und Junkershammer finden Sie hier, im Stolberg ABC.

Heiratsurkunde Schmitz x Gilet
Ein Licht auf die Auswahl der Zeugen wirft die Zeugenliste. Kein Zeuge ist aus Lammersdorf. Als Bekannte der Brautleute unterschreiben u.a. Franz Paul Schoeller, Tuchfabrikant aus Düren, Mathias Wilhelm Reidt, der ein Compangion des Fabrikanten Jeremias Hoesch war und Johann Reidt, ein Ackerer aus Zweifall. Die Brautleute aus dem Ort Lammersdorf mußten  einen beschwerlichen Weg für die standesamtliches Trauung auf sich nehmen und so ist es verständlich, dass bei der untergeordneten Bedeutung dieses Verwaltungsaktes im Vergleichmit zur kirchlichen Trauung eher selten Personen aus dem Heimatort der Brautleute unter den Zeugen sind. (Das gilt natürlich umgekehrt auch für die Brautleute aus Zweifall und Mulartzhütte.)

Die beiden letzten Bilder zeigen den Beigeordneten (provisorischer beigeordneter Bürgermeister ) Martin Kopp aus Lammersdorf, der den Bürgermeister J.Hoesch bei der Trauung seiner Tochter vertritt, als Beispiel für die Gepflogenheit, dass Bürgermeister und Beigeordenter aus verschiedenen Orten kommen.

Trauung Schoeller x Hoesch

Trauung schoeller x hoesch Zeugen und Beigeordneter

B.M.


Familiengeschichte als Einstieg in die Genealogie

Früher war alles besser…

 Familiengeschichte ist eine Geschichte von unten, eine „Graswurzelgeschichte“. Sie  beginnt mit der individuellen Geschichte dessen, der sich mit ihr auseinandersetzt. Die eigene Biographie ist in den nächsten Kreis, in die Geschichte der Kernfamilie, eingebettet. Die Geschichte der Kernfamilie ist verwoben mit der der Großfamilie, durch die schon die Generation der Großeltern und deren Kinder oder weiterer Generationen - und damit die klassische Genealogie -  ins Licht des Interesses tritt. 
Sowohl die Kern-, als auch die Großfamilie ist  Teil einer größeren sozialen Einheit, wobei vielfältige Wechselwirkungen aufzeigbar und wirkmächtig sind / waren. Diese Wechselwirkungen oder Einflüsse sind aktuell politischer und langfristig kulturhistorischer Natur. 

Wer hat nicht die Bedeutung der Tradition erfahren und darin die Bedeutung von ´Nachahmungen, die ihre Quellen von jenseits der Gräber hat´1 Wer hat nicht in seinem Umfeld  erlebt, dass das Alte, Bewährte - die Nachbarschaftshilfe, der Zusammenhalt -  verfiel und der Orientierung an aktuellen Moden (z.B. einer alles durchdringenden Ökonomisierung,b.m.) und unerwiesenen Mustern weichen mußte.2 

Dennoch: In diesem Spannungsverhältnis ist Tradition nach wie vor eine Erdung. Noch versteht man die Bedeutung der Aussagen:   Ich bin ein Adenauer - ich bin ein Meysenarrelds, ein Scholls, etc. 

Familiengeschichte in diesem Sinne ist eine Insidergeschichte, in der  schon immer die Erinnerungen über die Generationen gepflegt wurden, um bestimmte Situationen oder Ereignisse vor dem Hintergrundes des großen oder kleinen Geschichtstheater  zu beschreiben und zu erklären.

In diesem Sinne war früher nicht alles besser, manches schon, aber vieles anders.


1) Sloterdyk; Die schrecklichen Kinder der Neuzeit
2) ebd.

Zivilehe in preußischer Zeit

 

Napoleons mißlungener Rußlandfeldzug (1812) leitete die Phase der "Befreiungskriege" ein. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig (18.10.1813) wurde die Lage für die französische Administration in den linksrheinischen Departementen unhaltbar. Anfang 1814 verließen alle höheren Beamten des Kaiserreiches das Roer - Departement, das am 12.1.1813 dem von den verbündetetn Mächten gebildeteten Generalgouvernement Niederrhein unterstellt wurde. Am 17.1.1813 paradierten Kosaken vor dem Aachener Rathaus.1
Am 11.3.1814 verordnete der Generalgouverneur Sack, dass alle französischen Dienstsiegel abgeschafft seien und binnen 8 Tagen bei den betreffenden Kreisdirektoren abgeliefert werden sollen.2

Dienstsiegel 1814 Thumbnail image 

Die obere Abb. zeigt einen Urkundenkopf vom August 1814. Die Sacksche Verordnung war noch nicht bis Lammersdorf vorgedrungen, beide Dienstsiegel entstammen noch der französischen Administration. Das Formular ist noch in französischer Sprache, mit der kleinen, vielleicht bezeichnenden Veränderung, dass der Bürgermeister das Wort Maire durchstreicht und Bürgermeister hinter seinen Namen setzt.
Ab 1815 werden deutschsprachige Übersetzungen der vormals französischen Formulare benutzt. In der Abbildung darunter findet man noch immer ein französisches Dienstsiegel neben dem des Generalgouvernements.

Neben der administrativen Modernisierung, die das Rheinland während der Franzosenzeit erfahren hat, scheint es doch nicht gelungen zu sein, breite Bevölkerungsschichte zu integrieren.
In einem Fazit schreibt Graumann:
"Die Bevölkerung selber partizipierte an der Politik der Jahre 1798 - 1814 nur geringfügig, und ihre Haltung zur französischen Staatführung war ... geradezu oppositionell bis indifferent."
Vielleicht erklärt das den Wunsch von Hubert Lennartz sich in einem französischsprachige Formular nicht mehr als Maire sondern als Bürgermeister zu bezeichnen.

Dennoch blieben in der preußischen Zeit  beachtliche Organisationsstrukturen der französischen Epoche erhalten. Neben der Gemeindeorganisation, Lammersdorf blieb bis 1850 eine Samtgemeinde aus Lammersdorf, Zweifall und Mulartzhütte, war es die Bürgermeisterverfassung, die kein Wahl für das Bürgermeisteramt vorsah.4 Die Personenstandsbücher von Lammersdorf enthalten also bis 1850 wie in französischer Zeit, die Personenstandsdaten von Zweifall und Mulartzhütte.

Eine aussergewöhnliche Errungenschaft, die dem Rheinland bis 1900 erhalten blieb, ist der Code civil und damit die Verfahrensregeln und Inhalte für Personenstandsdaten.


1) Sabine Graumann; Französische Verwaltung am Niederrhein - Das Roerdepartement 1798-1814; Klartext;S.234f.
2) ebenda S.238
3) ebenda S.234
4) Bernd Läufer, Nachrichten der merkwürdigsten Begebenheit - Chronik der Gemeinden Lammmersdorf, Zweifall und Mulartzhütte 1813 - 1851; Helos; S.43