Für Adolph Braun

den sie U-Hasss nannten

 

A Braun4Ich spreche zu euch aus dem Wind

Wie er bin ich ein himmlisches Kind

Die Mutter ließ es gescheh'n 

Den Vater hab ich nie geseh’n

Im Schloß im Tal 

Groß für zwei Hasen und zehn Tauben

Breitete ich  meinen Reichtum aus

Die Kiesel im Bach, das Eis auf den Weihern

Die Steine warfen sie hinter mir her

Und Eis war in der Luft

Und die Tauben, meine fliegenden Träume

Töteten sie.
       

@BM                            

 

 

 

 

 

Orangen und Lemonen singen die Glocken von San Clemente...1

 

 

Erinnern sie sich: Weißer Sonntag, Erstkommunion, vor mehr als einem halben Jahrhundert.
Das ganze Dorf , so schien es, hatte sich versammelt, um die etwa 30 Jungen und Mädchen zu feiern
Vorneweg ihr Pfarrer, die Meßdiener, dann die Mädchen in weißen Kleidern, engelgleich, jetzt die Jungen in schwarzen Anzügen und schließlich die ganze Gemeinde, so zog man unter Glockenjubel - Orangen und Lemonen - in die Kirche.
Ein Fest, welch ein Gesang, welch ein Orgelbrausen. Wie eine Wolke schien die Aufmerksamkeit der Gemeinde, ja des ganzen Dorfes die Auserwählten zu tragen.
Vorher gab es die erste heilige Beichte - erinnern sie sich mit welcher Akribie wir kindlichen Buchhalter jede noch so kleine Sünde, jede genaschte Süßigkeit dem Pfarrer, unserem Pfarrer, erzählten, furchtsam und doch erwartungsvoll wegen der erlösenden Verzeihung?
Und dann mit Inbrunst: Lieber Heiland jetzt werde ich bestimmt nie mehr lügen, naschen, die Schwester vertrimmen. 

Und die Größeren - hatten die jungen Männer nicht hin und wieder etwas auf dem Kerbholz, was sie ihrem Pfarrer nicht erzählen wollten. Für diese Fälle hatte „Kolle Rudd“, Friede seiner Seele, mit dem Kohlenlaster seines Vaters eine Pilger- und Bußfahrt(!) nach Maria Wald, zu den schweigenden Mönchen zu bieten. Die mit schweren Sünden beladenen jungen Männer saßen im Führerhaus und die schwärzesten Seelen auf der genau so schwarzen Ladefläche. Für die letzteren lieferte „Rudd“ am Ende der Fahrt in Maria Wald als einprägsames Lehrstück einen Vorgeschmack auf den Höllensturz, den dieser Teil seiner Klientel wohl zu erwarten hatte. In langsamer Fahrt fuhr er die Ladefläche des Kohlenlasters hoch und die sündige Bagage sank mit Geschrei und Fluchen der hinteren Bracke zu.
Erinnern sie sich noch an das nicht selten vorkommende Gezetter unserer Pfarrer wegen des jedesmal endzeitlichen Sittenverfalls an den orgiastischen Tagen des Karnevals?

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Erinnern sie sich an die Stille im Dorf an Aschermittwoch, an den Kontrapunkt, den der Pfarrer durch das Aschenkreuz und sein memento mori setzte?
Erinnern sie sich noch an die Dankbarkeit der Mühseligen und Darniederliegenden denen ihr Pfarrer, der Garant himmlischer Gewißheit, Kommunion oder Krankensalbung brachte und jeder und jedem Trost zusprach? Erinnern sie sich an die großartigen Fronleichnamsprozessionen, an den Kirmesumzug zum Namensfest St. Johannes?

Was ist geschehen?


Kessel und Pfannen singen heute die Glocken von Sankt Johannen1

 

@B.M.

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1) Nach einem englischen Kinderlied


Ruchlos

von D. Wolff, Lammersdorf

Zum zweiten Mal hörte er den Hahn, ein beiläufiges Kollern, das eher eine untergeordnete Alarmstufe bedeutete.
Sie richtete sich auf, das Plumeau schützend vor sich haltend, sah ihn beunruhigt an. Neben Jri-et schlief Jakob, ihr den Rücken zugewandt.
„Sach, haste dat net jehuurt?“
„Nee.“
Jetzt wusste sie, dass er es auch gehört hatte. Sie legte sich zurück unter ihr Plumeau, das sie vor den anstehenden Widrigkeiten eines jeden neuen Tages vorerst schützte.
Einen Wachhund hätten sie nicht halten können von dem, was bei ihnen vom Tisch fiel. Und wenn etwas übrig blieb, so war das für die Hühner und Gänse.
Von den drei Gänsen hatte ihnen der Händler aus der Kreisstadt zwei abgekauft vor Martin. Die alte Gans sollte der Weihnachtsbraten werden. Sie verschwand aber noch vor dem Fest.
Die habe der Fuchs geholt, hatte Jri-et damals gemeint, obwohl es dafür keine sicheren Spuren gab. Jakob musste sich vorhalten lassen:
„Do haste net opjepass.“
Oder die Gans, hatte er gedacht.
So kam es, dass nun der Hahn nächtens über Huhn und Hof wachte.
Mit deutlichem Stöhnen drehte sich Jakob aus dem Bett, so dass er auf dessen Kante zu sitzen kam.
Mit Anton, seinem jüngeren Bruder, führte er den Hof, beide waren sie Junggesellen.
Den Nachttopf wollte er nicht nehmen. Dieser Hagebuttentee. Er stieg in die Hose. Vielleicht hatte sie recht. Mit dem Aufkommen der ersten Beschwerden hätte er gleich mehr davon trinken sollen, dann wäre er seine Erkältung jetzt los.
Jri-et war ihre Magd. Sie kümmerte sich sehr, und es machte ihm nichts aus, dass sie ab und zu auch den einen oder den anderen von  beiden wärmte.
Die Dämmerung war nicht mehr weit.
Kein Nachttopf. In den Stall gehen, und mal nach den Hühnern sehen. Zu viel Hagebuttentee. Oder zu wenig. Wenn er den Ochsen nicht mitrechnete, besaßen sie sieben Rinder.
Nein. Sie hatte recht. Es war an der Zeit, mehr Sorge um die Gesundheit für sich zu tragen. Entspannt an der Rinne stehend sinnierte er weiter über mögliche Mühsalen des Alters, als ein
scharfer Schwall kalter Luft ihn traf. War die Stalltür nicht ganz zu? Bei Kälte niemals.
„Ich han se doch zojemaat.“
Aber dann fiel ihm seine Erkältung ein. „Do maat mer at ens Saache, die... Siste, de Jölep is och noch op, Köbes.“
Alles in Ordnung. Er zählte sieben Kühe, den Ochsen ausgenommen, stutzte, zählte nochmal: sieben, ohne...
“Dä Oas es fott!“
Jakob stürzte ins Haus, riss die Tür zu Antons Kammer auf und schrie den schlafenden Bruder an:
„Dä Oas es fott!“
Anton, obwohl im allgemeinen nicht sonderlich schnell, saß im Nu aufrecht im Bett, hielt einen Zipfel des Plumeaus mit beiden Händen umklammert vor sein Gesicht und fragte wie abwesend:
„Dä Oas es fott?“
Doch plötzlich jammerte er los:
„Wat sötte mer don, wat sötte mer don, dä Oas es fott, osse Oas es fott, Herrjöttche, wat sötte mer don?“
Jakob, „Ich holl dä Joann,“ stürmte an Jri-et vorbei, die aufgeschreckt im Nachthemd aus Jakobs Kammer in den Flur trat mit flackernder Kerze.
Umsichtig und hilfsbereit, sagten die Leute, sei er, der Johann, und klug. Manchem im Dorf galt er gar als einer der Vierzehn Nothelfer, das heißt, er wusste nicht nur, was zu tun war, sondern auch mit anzupacken. Zu ihm nun eilte Jakob.
Winterwolken hatten in der Nacht den harschen Schnee im Land mit frischem Weiß überzogen, das sich von Feld und Weide im nebligen Grau der Waldränder verlor.
Mit der Jri-et im Schlepptau polterte Anton die Treppe hinab, durch Stube und Stall ins Freie. Seine laute Verzweiflung wandelte sich in stilles Entsetzen, als er die Spuren im Schnee gewahrte, rund und groß, wie Frühstücksbretter. Sogleich vermutete er, den Leibhaftigen hinter einer der nächsten Ecken lauern. Während Jri-et, die von solcher Deutung weit entfernt war, sich recht nüchtern über die Abdrücke beugte, um zu einem eigenen Urteil zu kommen, rannte Anton bereits davon.
Nach einer Schleuderpartie über frisch gefallene Flocken auf festgetretener Schneedecke stürzte er gegen die Tür des Pfarrhauses, die er mit seinen Fäusten in einer Weise bearbeitete, dass unmittelbar darauf der Pfarrer kreidebleich im oberen Fenster erschien:
„Menschenskind, Anton, was treibt dich um?“
„Err mot kon, Häär! Ne dubbelde Oas! Wie van nem dubbelde Oas sit dat us!“
Im nächsten Frühjahr sollten es zwei Jahre werden, dass er die Kirchengemeinde als Seelsorger betreute. Zuerst wollte er nicht,nicht auf diese Höhen. Allenfalls noch war Zweifall zu verkraften, aber der Bischof blieb hart, sagte: „Lammersdorf.“
Eingehend studierte Pfarrer Jan, was der Schnee an Spuren her gab. Rund und groß waren die Abrücke.
Er ahnte, warum in ihren geduckten Wohnstuben das Sagenhafte und Gespenstische gedieh, dem sie sich kaum entziehen konnten. Keltische und christliche Geschichte mit den Legenden, die jede Zeit spinnt und weiter spinnt.
Jans besonnene Art wirkte beruhigend auf Anton, wenn auch ein Rest von Verwirrung nicht von ihm wich.
„Anton, du darfst aus dem, was wir hier sehen, keine falschen Schlüsse ziehen.“
„Joo, Häär, Schlüsse ziehen!“
Anton musste sich einen kleinen Vortrag darüber anhören, wie man mit möglichst geringem Aufwand und ohne viel zu wagen Großvieh stiehlt. Ohne das geflissentliche Nicken Jri-ets und ihre sachkundigen Ergänzungen, hätte der Pfarrer allerdings nicht auf diesem, von ihm unbestellten Feld überzeugen können. Die Belehrung brach ab, als drei Männer von der Gartenseite her hinter dem verschneiten Misthaufen hervortraten. Einer von ihnen, der mit dem Polizistenhelm, trug eine Petroleumlampe, obwohl der Morgen schon deutlich dämmerte. Die beiden anderen waren Jakob und Johann, der meinte, nachdem Jakob ihn aus dem Bett geholt hatte, wenn man den Ochsen nicht in den Schornstein schreiben wolle, dann hieße das, die Diebe zu stellen, groß könne ihr Vorsprung ja nicht sein. Das hieße aber auch, eine sehr ernste Sache austragen, um nicht zu sagen eine gefährliche, und es deshalb notwendig sei, den Braun mit ins Boot zu holen.
Dem Dorfpolizisten kam ihr Ansinnen äußerst ungelegen, und während die beiden ihm den Stand der Angelegenheit darlegten, bastelte er heimtückisch an einer Ausrede, ergab sich dann aber doch dem Ruf der Amtspflicht.
„Wat es da he loss?“, erstaunte Braun, als er am Tatort neben Anton und Jri-et auch den Pfarrer gewahrte.
„Düwels Kroam,“ meldete Anton.
Der Pfarrer berichtete knapp von Antons Verwirrung.Kaum dass er geendet hatte, machte Braun eine wegwerfende Handbewegung Richtung Anton:
„Dämm jet et wal net joot.“
Jakob knurrte ungehalten dazwischen, zum Palavern sei man nicht hier.
Sie gingen nun schleunigst daran, ein Durcheinander verschiedener Spuren zu sichten, indem Braun mehrmals fachmännisch seine Lampe darüber kreisen ließ. Anschließend ließ er seinen Blick kreisen über das Gartengelände und kopfschüttelnd ein bedeutungsschwangeres
„Liebe Leute, liebe Leute!“ hören.
Gespannt sah ihm Jri-et in die Augen. Dann schwenkte er die Laterne gen Westen. Die Faktenlage sei klar. Dort ginge es lang, da hätte jemand den wackeligen Zaun um gedrückt.
„Bitte alle wehrfähigen Männer hier dringend, mir zu folgen.“
Nebenbei enthielt dieser getarnte Befehl auch die Botschaft an Jan, dass mit seiner Teilnahme an der Suchaktion nicht gerechnet werde.
Mir überlassen sie den Himmel, wie den Spatzen, dachte er, und sah dem kleinen, aber zu allem entschlossenen Zug hinterher, einer hinter dem anderen durch den hohen Schnee, immer in die Fußstapfen Brauns tretend, mit seinem Licht. Ihm folgt Johann mit Knüppel bewaffnet, dann Jakob, eine Heugabel geschultert, zuletzt Anton, „et Metz er Hank“.
Eine entschlossene und zu dem hochgerüstete Truppe. Der Gedanke lässt Jan nicht los. Er steckt seinen Schal zurecht. Im Pfarrhaus wartet eine warme Stube auf ihn. Derweil äußert Jri-et ihre Sorge, von der sie zunehmend geplagt wird. Was alles passieren könne. Man bedenke das. Kein Zuckerschlecken sei das. Mit denen müsse man erst mal aneinander geraten sein. Mut, ja, gut und schön; nur mit dem wird es auch nicht gleich ein leichtes Spiel. Da könne sie nur lachen. Die führten immer 'was im Schilde. Damit der Pfarrer es nur wisse, das habe sie vom Vetter, mütterlicherseits, der kenne sich aus, Zeitsoldat, jetzt bei der Bahn, im Bergischen.
Von innerer Unruhe ist auch Jan erfasst, seit dem Abmarsch der Vier.
Im Bergischen? Da haben sie doch den Weber geschnappt, Mathias Weber, der Fetzer genannt! Er erinnert sich. In seiner Studentenzeit hatte er die Lebensgeschichte dieses Mannes gelesen, ein Bericht in alter Sprache. Mal „kühn“, mal „ruchlos“ bis zu seinem Ende 1803 auf dem Alter Markt durch die Guillotine. Der Fetzer war der letzte, der in Köln öffentlich hingerichtet wurde.
Seine größten Überfälle hatte er im Haus der berüchtigten „Düwels Drück“ geplant, einem Bordell, das in der Schwalbengasse gestanden hatte, auf einem Grundstück, das heute der Kirche gehört.
„Grete, ich muss weg. Die brauchen mich, alle, und sei es nur meinen geistlichen Beistand.“
Jetzt übers Venn zu gehen, welcher Spur auch immer folgend, vorbei an weißen Forsten und zugedeckten Karrenwegen, bedeutet nicht nur sich beugen, mehr noch, die Leblosigkeit des Winters und Berührung durch die Einsamkeit ertragen. Vor allem im versprühten Grau des Morgens wächst einem fremde Stille zu.
Anders als schweigend geht es nicht voran. Weit über eine Stunde Anstrengung. Irgendwo, zwischen Fringshaus und Eupen lässt Braun anhalten. Drüben, etwa zwanzig Meter noch und sie befänden sich im Belgischen, da sei er nicht mehr zuständig, endeten von Amts wegen seine Befugnisse.
Anton geht weiter:
„Wat en ne Quatsch! Ich seh nix, kee Scheld, jar nix.“

Eine Weile Atemholen und betretenes Schweigen.
Dann geht Johann weiter:
„Mer jonnt!“
Braun, kein Auswärtiger wie der Pfarrer, hängt seinen Helm an einen Ast. In gemeinsamer Verantwortung mache er mit, sollten sie den Weg nun auch zu Ende gehen.
Jan sputet sich. Zweifellos sind die Abdrücke frisch, denen er folgt. Dennoch sieht oder hört er niemanden, nur den Atemnebel und das Zerbersten alten Schnees unter seinen Stiefeln. Eine kalte Brise hat gedreht, bläst leicht, statt von links nunmehr von vorn, schiebt schwere Wolken an, aus denen es wieder zu schneien beginnt. Zielstrebig steuert er auf ein paar Fichten-Riesen zu, drückt Ranken von Brombeersträuchern beiseite, tritt zwischen weiße Waldbeerbüsche, hüpft über kleine Wasserläufe, prüft hier und da den modrigen Untergrund auf Begehbarkeit, folgt der Fährte weiter, selbst durch unwegsames Gestrüpp. Als es heller wird,steht er nicht weit weg von einer Lichtung, und schreckt zurück.
Umhängt von trüben Lichtschleiern gestikulieren dort zwei Fremde, einen rotbunten Ochsen zwischen sich. Während er noch nach Deckung ausschaut, brechen plötzlich am Rand der Lichtung vier eingeschneite Männer aus dem Schnee, darunter ein Polizist ohne Helm, und setzen mit Getöse über vereiste Baumstümpfe, Schneelöcher und glitzernde Wasseradern im weißen Moos, wuchten sich vorbei an Tümpeln mit struppigen Grasinseln und verrotteten Birkenstämmen, nehmen so das Gelände im Handstreich. Angesichts der Überraschung und des energischen Angriffs verzichten die Räuber augenblicklich auf jeglichen Widerstand, türmen in verschiedene Richtungen. Zu schnell für ein erfolgversprechendes Nachsetzen.
Anton wirft die Arme in den Himmel:
„Hurra, dä Wellem, osse Wellem ös wer do!“
Doch der steht ungerührt und still auf der Lichtung, auch dann noch als Anton an seinem Nacken hängt, „selig lächelnd wie ein satter Säugling.“ Taub sei er. Das behaupte Jri-et schon seit längerem, erklärt Jakob das seltsame Verhalten des Ochsen.
„On dä hees tatsächlich Wellem?“ Wollte Braun wissen.
Jakob nickt: “Jo, ze Iiihre van ossem Kaiser!“
Jan zeigt sich heilfroh über den glücklichen Ausgang des Abenteuers:
„Wie man sieht, überall hat der Teufel seine Jünger, selbst in Gottes eigenem Land.“

Überlieferung

klinikum

Strauchs Nachbarin Marie war schon sehr alt und lag nun auf den Tod darnieder. Man hatte sie, da ihre Krankheit von allgemeinem Interesse war,in jenes Klinikum überwiesen, das, ein Monument der Moderne, wie eine Standarte des Fortschritts in die sanft hügelige Landschaft von Melaten gerammt war. Diese Klinik, Gotik des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Kunstwerk der Rationalität, zweckdienlich, funktional, gigantisch, der Wissenschaft verpflichtet, ein technisches Wunderwerk, Technikarchitektur, von weitem an eine Raffinerie erinnernd, in der Hoffnungen kondensieren oder verdampfen!
Doch zurück zu Marie. Sie war von klarem Geist und fürchtete sich nicht vor dem Tod. Mit ihren fast einhundert Jahren hatte sie viel gesehen und vieles erlebt und wartete nun gefaßt und lebenssatt auf ihr Ende. Als Strauch sie besuchte, winkte sie ihn zu sich heran, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Strauch schüttelte den Kopf : „Nein,nein, das geht nicht, es ist völlig unpassend“, sagte er. Aber Marie ließ sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen und beauftragte Strauch, ihrem Wunsch an entsprechender Stelle durch ein erkleckliches Sümmchen Nachdruck zu verleihen.
Tags darauf entstieg Strauchs Wagen ein Priester mit Barett und einem Chorhemd aus weißen Spitzen und Strauch im Chorhemd eines Ministranten. Strauch hatte ein Glöckchen, mit dem er hin und wieder läutete. So ging er vor dem Priester durch die Menschenmenge auf dem Vorplatz der Klinik. Mit offenen Mündern starrte man sie an, man lachte, einige applaudierten wegen dieser gelungenen Clownerie, weil Clownerien, wie man weiß, Heilungsprozesse günstig beeinflussen. Andere riefen, diese Demonstration sei hier, an diesem Ort der Wissenschaft unpassend, ja sogar eine Provokation, man sprach von Mummenschanz und Hinterwäldlern. Wieder andere riefen nach der Wache.
Doch sie gelangten, noch ehe jemand einschreiten konnte, an Maries Krankenbett. Marie, die wohl geschlafen hatte, schlug die Augen auf, als sie eintraten und ein Lächeln huschte über ihr altes Gesicht. Strauch kniete nieder. Der Priester nahm das heilige Öl und salbte betend Mariens Stirn. Zum Ende hin, ihre Hand haltend, sagte er leise : “Geh mit Gott, Marie, und uns voran.” Ihre Blicke hielten sich für einen Augenblick. Es war,als sickerte etwas von der Heiterkeit des blauen Tages durch das Fenster in den Raum. Dann verließen Strauch und der Priester das Krankenzimmer. Im Hinausgehen legte Strauch eine Münze auf das Kopfende des Bettes. “Er wird´s schon wissen.” murmelte er. Maries Augen waren wieder zugefallen. Sie hatte  ihre Lebenswelt, Ihre Heimat in diese Kathedrale von Wissenschaft und Technik einbrechen lassen.
©B.M.


Kevelaer - Retour

 

In der Vergangenheit war die jährliche Pilgerfahrt nach Kevelaer ein herausragendes Ereignis, an dem die gesamte Pfarrgemeinde teilnahm. Aus jeder Familie war zumindest ein Mitglied unter den Pilgern. In freudiger Erwartung versammelten sich gegen Abend die Daheimgebliebenen an der Bushaltestelle am Bahnübergang, um die Pilger in die Kirche zu geleiten. 

Die folgende Geschichte beschreibt die Heimkehr der Kevelaerpilger in den 1950gern.

@B.M.

 

Klick 

Eine kleine Hilfe:

Mamm, mer mösse joh, et ös Zett ...

Mama, wir müssen gehen, es ist Zeit.
Ach was, du bist ein Qualgeist, es ist noch genug Zeit; die kommen erst, wenn es dunkel wird.
Mama, schau, es wird schon dunkel!
Schweig!

Mamm, jez ös et ewer ...

Mama, jetzt ist es aber dunkel genug.
Jösses ne [das läßt sich nicht übersetzen-vielleicht ein ärgerliches "Nun gut"] damit du Ruhe gibst, wir gehen. Bist du ordenlich gewaschen? Kämm dich!

Die gesände Keerz....

Die gesegnete Kerze ist für Carls Husten. Der Rosenkranz ist für dich, Martha, und das ist für dich...