Überlieferung

klinikum

Strauchs Nachbarin Marie war schon sehr alt und lag nun auf den Tod darnieder. Man hatte sie, da ihre Krankheit von allgemeinem Interesse war,in jenes Klinikum überwiesen, das, ein Monument der Moderne, wie eine Standarte des Fortschritts in die sanft hügelige Landschaft von Melaten gerammt war. Diese Klinik, Gotik des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Kunstwerk der Rationalität, zweckdienlich, funktional, gigantisch, der Wissenschaft verpflichtet, ein technisches Wunderwerk, Technikarchitektur, von weitem an eine Raffinerie erinnernd, in der Hoffnungen kondensieren oder verdampfen!
Doch zurück zu Marie. Sie war von klarem Geist und fürchtete sich nicht vor dem Tod. Mit ihren fast einhundert Jahren hatte sie viel gesehen und vieles erlebt und wartete nun gefaßt und lebenssatt auf ihr Ende. Als Strauch sie besuchte, winkte sie ihn zu sich heran, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Strauch schüttelte den Kopf : „Nein,nein, das geht nicht, es ist völlig unpassend“, sagte er. Aber Marie ließ sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen und beauftragte Strauch, ihrem Wunsch an entsprechender Stelle durch ein erkleckliches Sümmchen Nachdruck zu verleihen.
Tags darauf entstieg Strauchs Wagen ein Priester mit Barett und einem Chorhemd aus weißen Spitzen und Strauch im Chorhemd eines Ministranten. Strauch hatte ein Glöckchen, mit dem er hin und wieder läutete. So ging er vor dem Priester durch die Menschenmenge auf dem Vorplatz der Klinik. Mit offenen Mündern starrte man sie an, man lachte, einige applaudierten wegen dieser gelungenen Clownerie, weil Clownerien, wie man weiß, Heilungsprozesse günstig beeinflussen. Andere riefen, diese Demonstration sei hier, an diesem Ort der Wissenschaft unpassend, ja sogar eine Provokation, man sprach von Mummenschanz und Hinterwäldlern. Wieder andere riefen nach der Wache.
Doch sie gelangten, noch ehe jemand einschreiten konnte, an Maries Krankenbett. Marie, die wohl geschlafen hatte, schlug die Augen auf, als sie eintraten und ein Lächeln huschte über ihr altes Gesicht. Strauch kniete nieder. Der Priester nahm das heilige Öl und salbte betend Mariens Stirn. Zum Ende hin, ihre Hand haltend, sagte er leise : “Geh mit Gott, Marie, und uns voran.” Ihre Blicke hielten sich für einen Augenblick. Es war,als sickerte etwas von der Heiterkeit des blauen Tages durch das Fenster in den Raum. Dann verließen Strauch und der Priester das Krankenzimmer. Im Hinausgehen legte Strauch eine Münze auf das Kopfende des Bettes. “Er wird´s schon wissen.” murmelte er. Maries Augen waren wieder zugefallen. Sie hatte  ihre Lebenswelt, Ihre Heimat in diese Kathedrale von Wissenschaft und Technik einbrechen lassen.
©B.M.