Ruchlos

von D. Wolff, Lammersdorf

Zum zweiten Mal hörte er den Hahn, ein beiläufiges Kollern, das eher eine untergeordnete Alarmstufe bedeutete.
Sie richtete sich auf, das Plumeau schützend vor sich haltend, sah ihn beunruhigt an. Neben Jri-et schlief Jakob, ihr den Rücken zugewandt.
„Sach, haste dat net jehuurt?“
„Nee.“
Jetzt wusste sie, dass er es auch gehört hatte. Sie legte sich zurück unter ihr Plumeau, das sie vor den anstehenden Widrigkeiten eines jeden neuen Tages vorerst schützte.
Einen Wachhund hätten sie nicht halten können von dem, was bei ihnen vom Tisch fiel. Und wenn etwas übrig blieb, so war das für die Hühner und Gänse.
Von den drei Gänsen hatte ihnen der Händler aus der Kreisstadt zwei abgekauft vor Martin. Die alte Gans sollte der Weihnachtsbraten werden. Sie verschwand aber noch vor dem Fest.
Die habe der Fuchs geholt, hatte Jri-et damals gemeint, obwohl es dafür keine sicheren Spuren gab. Jakob musste sich vorhalten lassen:
„Do haste net opjepass.“
Oder die Gans, hatte er gedacht.
So kam es, dass nun der Hahn nächtens über Huhn und Hof wachte.
Mit deutlichem Stöhnen drehte sich Jakob aus dem Bett, so dass er auf dessen Kante zu sitzen kam.
Mit Anton, seinem jüngeren Bruder, führte er den Hof, beide waren sie Junggesellen.
Den Nachttopf wollte er nicht nehmen. Dieser Hagebuttentee. Er stieg in die Hose. Vielleicht hatte sie recht. Mit dem Aufkommen der ersten Beschwerden hätte er gleich mehr davon trinken sollen, dann wäre er seine Erkältung jetzt los.
Jri-et war ihre Magd. Sie kümmerte sich sehr, und es machte ihm nichts aus, dass sie ab und zu auch den einen oder den anderen von  beiden wärmte.
Die Dämmerung war nicht mehr weit.
Kein Nachttopf. In den Stall gehen, und mal nach den Hühnern sehen. Zu viel Hagebuttentee. Oder zu wenig. Wenn er den Ochsen nicht mitrechnete, besaßen sie sieben Rinder.
Nein. Sie hatte recht. Es war an der Zeit, mehr Sorge um die Gesundheit für sich zu tragen. Entspannt an der Rinne stehend sinnierte er weiter über mögliche Mühsalen des Alters, als ein
scharfer Schwall kalter Luft ihn traf. War die Stalltür nicht ganz zu? Bei Kälte niemals.
„Ich han se doch zojemaat.“
Aber dann fiel ihm seine Erkältung ein. „Do maat mer at ens Saache, die... Siste, de Jölep is och noch op, Köbes.“
Alles in Ordnung. Er zählte sieben Kühe, den Ochsen ausgenommen, stutzte, zählte nochmal: sieben, ohne...
“Dä Oas es fott!“
Jakob stürzte ins Haus, riss die Tür zu Antons Kammer auf und schrie den schlafenden Bruder an:
„Dä Oas es fott!“
Anton, obwohl im allgemeinen nicht sonderlich schnell, saß im Nu aufrecht im Bett, hielt einen Zipfel des Plumeaus mit beiden Händen umklammert vor sein Gesicht und fragte wie abwesend:
„Dä Oas es fott?“
Doch plötzlich jammerte er los:
„Wat sötte mer don, wat sötte mer don, dä Oas es fott, osse Oas es fott, Herrjöttche, wat sötte mer don?“
Jakob, „Ich holl dä Joann,“ stürmte an Jri-et vorbei, die aufgeschreckt im Nachthemd aus Jakobs Kammer in den Flur trat mit flackernder Kerze.
Umsichtig und hilfsbereit, sagten die Leute, sei er, der Johann, und klug. Manchem im Dorf galt er gar als einer der Vierzehn Nothelfer, das heißt, er wusste nicht nur, was zu tun war, sondern auch mit anzupacken. Zu ihm nun eilte Jakob.
Winterwolken hatten in der Nacht den harschen Schnee im Land mit frischem Weiß überzogen, das sich von Feld und Weide im nebligen Grau der Waldränder verlor.
Mit der Jri-et im Schlepptau polterte Anton die Treppe hinab, durch Stube und Stall ins Freie. Seine laute Verzweiflung wandelte sich in stilles Entsetzen, als er die Spuren im Schnee gewahrte, rund und groß, wie Frühstücksbretter. Sogleich vermutete er, den Leibhaftigen hinter einer der nächsten Ecken lauern. Während Jri-et, die von solcher Deutung weit entfernt war, sich recht nüchtern über die Abdrücke beugte, um zu einem eigenen Urteil zu kommen, rannte Anton bereits davon.
Nach einer Schleuderpartie über frisch gefallene Flocken auf festgetretener Schneedecke stürzte er gegen die Tür des Pfarrhauses, die er mit seinen Fäusten in einer Weise bearbeitete, dass unmittelbar darauf der Pfarrer kreidebleich im oberen Fenster erschien:
„Menschenskind, Anton, was treibt dich um?“
„Err mot kon, Häär! Ne dubbelde Oas! Wie van nem dubbelde Oas sit dat us!“
Im nächsten Frühjahr sollten es zwei Jahre werden, dass er die Kirchengemeinde als Seelsorger betreute. Zuerst wollte er nicht,nicht auf diese Höhen. Allenfalls noch war Zweifall zu verkraften, aber der Bischof blieb hart, sagte: „Lammersdorf.“
Eingehend studierte Pfarrer Jan, was der Schnee an Spuren her gab. Rund und groß waren die Abrücke.
Er ahnte, warum in ihren geduckten Wohnstuben das Sagenhafte und Gespenstische gedieh, dem sie sich kaum entziehen konnten. Keltische und christliche Geschichte mit den Legenden, die jede Zeit spinnt und weiter spinnt.
Jans besonnene Art wirkte beruhigend auf Anton, wenn auch ein Rest von Verwirrung nicht von ihm wich.
„Anton, du darfst aus dem, was wir hier sehen, keine falschen Schlüsse ziehen.“
„Joo, Häär, Schlüsse ziehen!“
Anton musste sich einen kleinen Vortrag darüber anhören, wie man mit möglichst geringem Aufwand und ohne viel zu wagen Großvieh stiehlt. Ohne das geflissentliche Nicken Jri-ets und ihre sachkundigen Ergänzungen, hätte der Pfarrer allerdings nicht auf diesem, von ihm unbestellten Feld überzeugen können. Die Belehrung brach ab, als drei Männer von der Gartenseite her hinter dem verschneiten Misthaufen hervortraten. Einer von ihnen, der mit dem Polizistenhelm, trug eine Petroleumlampe, obwohl der Morgen schon deutlich dämmerte. Die beiden anderen waren Jakob und Johann, der meinte, nachdem Jakob ihn aus dem Bett geholt hatte, wenn man den Ochsen nicht in den Schornstein schreiben wolle, dann hieße das, die Diebe zu stellen, groß könne ihr Vorsprung ja nicht sein. Das hieße aber auch, eine sehr ernste Sache austragen, um nicht zu sagen eine gefährliche, und es deshalb notwendig sei, den Braun mit ins Boot zu holen.
Dem Dorfpolizisten kam ihr Ansinnen äußerst ungelegen, und während die beiden ihm den Stand der Angelegenheit darlegten, bastelte er heimtückisch an einer Ausrede, ergab sich dann aber doch dem Ruf der Amtspflicht.
„Wat es da he loss?“, erstaunte Braun, als er am Tatort neben Anton und Jri-et auch den Pfarrer gewahrte.
„Düwels Kroam,“ meldete Anton.
Der Pfarrer berichtete knapp von Antons Verwirrung.Kaum dass er geendet hatte, machte Braun eine wegwerfende Handbewegung Richtung Anton:
„Dämm jet et wal net joot.“
Jakob knurrte ungehalten dazwischen, zum Palavern sei man nicht hier.
Sie gingen nun schleunigst daran, ein Durcheinander verschiedener Spuren zu sichten, indem Braun mehrmals fachmännisch seine Lampe darüber kreisen ließ. Anschließend ließ er seinen Blick kreisen über das Gartengelände und kopfschüttelnd ein bedeutungsschwangeres
„Liebe Leute, liebe Leute!“ hören.
Gespannt sah ihm Jri-et in die Augen. Dann schwenkte er die Laterne gen Westen. Die Faktenlage sei klar. Dort ginge es lang, da hätte jemand den wackeligen Zaun um gedrückt.
„Bitte alle wehrfähigen Männer hier dringend, mir zu folgen.“
Nebenbei enthielt dieser getarnte Befehl auch die Botschaft an Jan, dass mit seiner Teilnahme an der Suchaktion nicht gerechnet werde.
Mir überlassen sie den Himmel, wie den Spatzen, dachte er, und sah dem kleinen, aber zu allem entschlossenen Zug hinterher, einer hinter dem anderen durch den hohen Schnee, immer in die Fußstapfen Brauns tretend, mit seinem Licht. Ihm folgt Johann mit Knüppel bewaffnet, dann Jakob, eine Heugabel geschultert, zuletzt Anton, „et Metz er Hank“.
Eine entschlossene und zu dem hochgerüstete Truppe. Der Gedanke lässt Jan nicht los. Er steckt seinen Schal zurecht. Im Pfarrhaus wartet eine warme Stube auf ihn. Derweil äußert Jri-et ihre Sorge, von der sie zunehmend geplagt wird. Was alles passieren könne. Man bedenke das. Kein Zuckerschlecken sei das. Mit denen müsse man erst mal aneinander geraten sein. Mut, ja, gut und schön; nur mit dem wird es auch nicht gleich ein leichtes Spiel. Da könne sie nur lachen. Die führten immer 'was im Schilde. Damit der Pfarrer es nur wisse, das habe sie vom Vetter, mütterlicherseits, der kenne sich aus, Zeitsoldat, jetzt bei der Bahn, im Bergischen.
Von innerer Unruhe ist auch Jan erfasst, seit dem Abmarsch der Vier.
Im Bergischen? Da haben sie doch den Weber geschnappt, Mathias Weber, der Fetzer genannt! Er erinnert sich. In seiner Studentenzeit hatte er die Lebensgeschichte dieses Mannes gelesen, ein Bericht in alter Sprache. Mal „kühn“, mal „ruchlos“ bis zu seinem Ende 1803 auf dem Alter Markt durch die Guillotine. Der Fetzer war der letzte, der in Köln öffentlich hingerichtet wurde.
Seine größten Überfälle hatte er im Haus der berüchtigten „Düwels Drück“ geplant, einem Bordell, das in der Schwalbengasse gestanden hatte, auf einem Grundstück, das heute der Kirche gehört.
„Grete, ich muss weg. Die brauchen mich, alle, und sei es nur meinen geistlichen Beistand.“
Jetzt übers Venn zu gehen, welcher Spur auch immer folgend, vorbei an weißen Forsten und zugedeckten Karrenwegen, bedeutet nicht nur sich beugen, mehr noch, die Leblosigkeit des Winters und Berührung durch die Einsamkeit ertragen. Vor allem im versprühten Grau des Morgens wächst einem fremde Stille zu.
Anders als schweigend geht es nicht voran. Weit über eine Stunde Anstrengung. Irgendwo, zwischen Fringshaus und Eupen lässt Braun anhalten. Drüben, etwa zwanzig Meter noch und sie befänden sich im Belgischen, da sei er nicht mehr zuständig, endeten von Amts wegen seine Befugnisse.
Anton geht weiter:
„Wat en ne Quatsch! Ich seh nix, kee Scheld, jar nix.“

Eine Weile Atemholen und betretenes Schweigen.
Dann geht Johann weiter:
„Mer jonnt!“
Braun, kein Auswärtiger wie der Pfarrer, hängt seinen Helm an einen Ast. In gemeinsamer Verantwortung mache er mit, sollten sie den Weg nun auch zu Ende gehen.
Jan sputet sich. Zweifellos sind die Abdrücke frisch, denen er folgt. Dennoch sieht oder hört er niemanden, nur den Atemnebel und das Zerbersten alten Schnees unter seinen Stiefeln. Eine kalte Brise hat gedreht, bläst leicht, statt von links nunmehr von vorn, schiebt schwere Wolken an, aus denen es wieder zu schneien beginnt. Zielstrebig steuert er auf ein paar Fichten-Riesen zu, drückt Ranken von Brombeersträuchern beiseite, tritt zwischen weiße Waldbeerbüsche, hüpft über kleine Wasserläufe, prüft hier und da den modrigen Untergrund auf Begehbarkeit, folgt der Fährte weiter, selbst durch unwegsames Gestrüpp. Als es heller wird,steht er nicht weit weg von einer Lichtung, und schreckt zurück.
Umhängt von trüben Lichtschleiern gestikulieren dort zwei Fremde, einen rotbunten Ochsen zwischen sich. Während er noch nach Deckung ausschaut, brechen plötzlich am Rand der Lichtung vier eingeschneite Männer aus dem Schnee, darunter ein Polizist ohne Helm, und setzen mit Getöse über vereiste Baumstümpfe, Schneelöcher und glitzernde Wasseradern im weißen Moos, wuchten sich vorbei an Tümpeln mit struppigen Grasinseln und verrotteten Birkenstämmen, nehmen so das Gelände im Handstreich. Angesichts der Überraschung und des energischen Angriffs verzichten die Räuber augenblicklich auf jeglichen Widerstand, türmen in verschiedene Richtungen. Zu schnell für ein erfolgversprechendes Nachsetzen.
Anton wirft die Arme in den Himmel:
„Hurra, dä Wellem, osse Wellem ös wer do!“
Doch der steht ungerührt und still auf der Lichtung, auch dann noch als Anton an seinem Nacken hängt, „selig lächelnd wie ein satter Säugling.“ Taub sei er. Das behaupte Jri-et schon seit längerem, erklärt Jakob das seltsame Verhalten des Ochsen.
„On dä hees tatsächlich Wellem?“ Wollte Braun wissen.
Jakob nickt: “Jo, ze Iiihre van ossem Kaiser!“
Jan zeigt sich heilfroh über den glücklichen Ausgang des Abenteuers:
„Wie man sieht, überall hat der Teufel seine Jünger, selbst in Gottes eigenem Land.“