Orangen und Lemonen singen die Glocken von San Clemente...1

 

 

Erinnern sie sich: Weißer Sonntag, Erstkommunion, vor mehr als einem halben Jahrhundert.
Das ganze Dorf , so schien es, hatte sich versammelt, um die etwa 30 Jungen und Mädchen zu feiern
Vorneweg ihr Pfarrer, die Meßdiener, dann die Mädchen in weißen Kleidern, engelgleich, jetzt die Jungen in schwarzen Anzügen und schließlich die ganze Gemeinde, so zog man unter Glockenjubel - Orangen und Lemonen - in die Kirche.
Ein Fest, welch ein Gesang, welch ein Orgelbrausen. Wie eine Wolke schien die Aufmerksamkeit der Gemeinde, ja des ganzen Dorfes die Auserwählten zu tragen.
Vorher gab es die erste heilige Beichte - erinnern sie sich mit welcher Akribie wir kindlichen Buchhalter jede noch so kleine Sünde, jede genaschte Süßigkeit dem Pfarrer, unserem Pfarrer, erzählten, furchtsam und doch erwartungsvoll wegen der erlösenden Verzeihung?
Und dann mit Inbrunst: Lieber Heiland jetzt werde ich bestimmt nie mehr lügen, naschen, die Schwester vertrimmen. 

Und die Größeren - hatten die jungen Männer nicht hin und wieder etwas auf dem Kerbholz, was sie ihrem Pfarrer nicht erzählen wollten. Für diese Fälle hatte „Kolle Rudd“, Friede seiner Seele, mit dem Kohlenlaster seines Vaters eine Pilger- und Bußfahrt(!) nach Maria Wald, zu den schweigenden Mönchen zu bieten. Die mit schweren Sünden beladenen jungen Männer saßen im Führerhaus und die schwärzesten Seelen auf der genau so schwarzen Ladefläche. Für die letzteren lieferte „Rudd“ am Ende der Fahrt in Maria Wald als einprägsames Lehrstück einen Vorgeschmack auf den Höllensturz, den dieser Teil seiner Klientel wohl zu erwarten hatte. In langsamer Fahrt fuhr er die Ladefläche des Kohlenlasters hoch und die sündige Mischpoche sank mit Geschrei und Fluchen der hinteren Bracke zu.
Erinnern sie sich noch an das nicht selten vorkommende Gezetter unserer Pfarrer wegen des jedesmal endzeitlichen Sittenverfalls an den orgiastischen Tagen des Karnevals?

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Erinnern sie sich an die Stille im Dorf an Aschermittwoch, an den Kontrapunkt, den der Pfarrer durch das Aschenkreuz und sein memento mori setzte?
Erinnern sie sich noch an die Dankbarkeit der Mühseligen und Darniederliegenden denen ihr Pfarrer, der Garant himmlischer Gewißheit, Kommunion oder Krankensalbung brachte und jeder und jedem Trost zusprach? Erinnern sie sich an die großartigen Fronleichnamsprozessionen, an den Kirmesumzug zum Namensfest St. Johannes?
Der Beispiele sind viele in denen das ganze Dorf auf den Beinen war: Bittprozessionen, Wallfahrten, Advent, Weihnachten, Ostern - bestimmt durch die Liturgie des Jahreskreises. 

 

Was ist geschehen?


Kessel und Pfannen singen die Glocken von Sankt Johannen1

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1) Nach einem englischen Kinderlied