Heimat

„Sehen Sie,“ sagte Marnach, „mit der Heimat ist es wie mit den Jahresringen eines Baumes:

Der erste Ring, das sind die Eltern, die Geschwister, das Haus in dem man lebt, der Garten, die Straße.
Der zweite Ring, das sind die Tanten, die Großtanten, Vettern, Cousinen, Onkel, die Nachbarschaft, die Schule, die Freunde, der Verein, die Kirche, das Dorf, das Viertel in dem man wohnt.
Der dritte Ring ist die Region, aus der du kommst, in der man den Klang deiner Sprache kennt, das Rheinland, das seinen Kindern häufiger als anderswo ein frohes Herz und ein leichtes Tanzfüsschen mit auf den Weg gibt, die Eifel, die etwas freigiebiger ist mit Bedächtigkeit und das Venn mit Schwermut.
Der nächste Ring ist das Land mit seinen Gebräuchen und Traditionen, mit all seiner Geschichte, mit seinen dunkelsten  und  seinen glanzvollsten Taten, mit seinen Bauwerken, seiner Musik, seiner Kunst, seiner Philosophie, seiner Wissenschaft.
Der letzte Ring ist jener wundervolle Kontinent Europa, jener vielfältige Körper, der geprägt ist von einer gemeinsamen Kultur und gemeinsamer Geschichte."

Nach einem Moment der Stille fuhr er fort: 

"Und sehen Sie - so wie ein Baum ein Organismus ist, in dem die inneren Schichten zwar härter und dauerhafter sind als die äußeren, so bestimmen sie dennoch alle das Wesen des Baumes. Und ähnlich ist es auch mit den Menschen, denn sie sind beheimatet in den unterschiedlichen Schichten und diese charakterisieren sie in unverwechselbarer Weise.“  

B.M.