Die gute alte Zeit

 

Die folgende Geschichte ereignete sich zu Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Alle Namen sind geändert.

 von Anna Jansen, Lammersdorf

„Mamm, luur ens,  dä maat oss dä jodde Prötter kapott!“ Gemeint war Johannes Baptist Beisicht, genannt „dä alde Besiéd“. Wie immer besuchte er sonntags nach dem Frühschoppen meinen Vater. Wie immer trat er auch an diesem Sonntag mit seinem gewinnenden Lachen in die Stube und fragte:
„Morje Drück, ös dä Jusepp do?“2  
„ Morje Baptist - lurr im Jaard, iésch worr hä noch do.“3
Als er meinen Vater gefunden hatte, zogen beide in die gute Stube, wo der „alde Besiéd“ sich in den guten Prötter/Sessel setzte und - wie immer - sein rechtes Bein über die Armlehne schwang. Und das war der Grund für meinen Protest gegen diese offenkundige Zerstörung unsreres Mobiliars. Jedoch meine Mutter beschwichtigte:
„Loss mär, Könk. Breng  bedze e Köppche Kaffee.“4
Und Besiéd beschrieb, wie immer die allgemeine politische Lage - alles schlimm, die alte Ordnung überlebt, Chaos allerorten, wer heute nicht auf dem Quivive ist, geht unter. Dann erzählt er, was er in den vergangenen Tagen erlebt hat.
„Ich wor bej Meiísch“, begann er, „du kennst die - die Meiísch us Drömmere (Dreiborn)“.
Mein Vater kannte die Meiers, hatte er doch vor zwei Jahren bei ihnen einen Ochsen gekauft.
Die Meiers, zwei Brüder, Anton der ältere und Wilhelm, und die Schwester Maria, betrieben eine kleine Landwirtschaft mehr schlecht als recht, ein wenig Ackerbau, ein bisschen Viehwirtschaft. Sie waren recht einfältige Leute, die sich in ihren Gebeten den Himmel wünschten, denen aber, und das war offensichtlich, der Teufel nichts als Plackerei  bescherte.
„Die Meiísch woutte e Renk (Rind) verkloppe“, fuhr er fort, „Ich han et aajeseen - e düür (mager) Stöck Veh.....“5 
Dann erklärte er den Meiers, dass er einen Viehhändler aus dem jülicher Land kenne, in dessen Kommission er den Kauf tätigen würde. Der mache ihnen einen guten Preis und ihm eine magere Provision.
Doch das Rind, müsse wohl zuerst von einem Tierarzt begutachtet werden, mager wie es sei - man könne ja nicht wissen. Das ließ die Meiers zusammenzucken. Was soll das bedeuten?  Besiéd beruhigte sie: Reine Formsache, kein Grund zur Besorgnis - aber man könne ja nicht wissen.
Der Stachel saß.
Am nächsten Tag lud Öbel, der Viehhändler, sehr seriös mit Pelzmantel und schwarzem Schlapphut bekleidet, Besiéd  in seine Jigg, so fuhr man nach Dreiborn. In Meiers Stall wohnte der Mangel - drei Kühe, eine recht gut im Futter, das klapprige Rind und ein Schwein, das in einem finstern Koben hauste.
Dort stellte Besiéd den Öbel als den von ihm bestellten Tierarzt vor. Öbel machte ein besorgtes Gesicht als er den Stall betrat. Er zog aus der Manteltasche die Einfülltüte einer Wurstmaschine, über die beim Füllen der Würste der Darm gestülpt wurde, hervor und benutzte sie als Stethoskop. Das eine Ende an seinem Ohr, das andere auf dem Rind und hin und wieder auf eine Stelle neben dem Hörrohr klopfend, ging er um das Tier. Dabei hellte sich seine Miene und die der Meiers im Gefolge immer mehr auf. Alles schien gut zu werden.
Dann das Ergebnis der Untersuchung: Das Rind ist zwar mager, aber kern gesund.
Aufatmen bei den Meiers. Die Schwester wurde redselig, man solle jetzt doch einen Schnaps trinken, dann könne man die Einzelheiten besprechen.
Besiéd stimmte ihr zu, die Brüder nickten - Öbel sagte, jetzt wo er einmal hier sei, könne er doch gleich einen Blick auf die andern Tiere werfen, das sei im Honorar, das er ausgehandelt habe wohl noch enthalten. Die Meiers stutzten für einen kurzen Moment, dann stimmten sie erfreut zu -  eine solche Dienstleistung und noch umsonst, wer würde da nicht zugreifen.
Öbel bemühte sein Hörrohr ein weiters Mal, diesmal an der fetten Kuh. Und von Minute zu Minute wurde sein Gesicht ernster. Er dehnte die Untersuchung aus, schaute der Kuh ins Maul, in die Augen, hob ihren Schwanz - er ließ nichts, was eine gründliche Untersuchung auszumachen schien, ungetan. Dann verkündete er mit sorgenvoller Stimme: „ Diese Kuh hat Tuberkulose, ohne Zweifel, ein ernster Fall, ein sehr ernster Fall.“
Bei den Geschwistern zeigte sich für einen Moment ungläubiges Entsetzen, dann stöhnte Maria auf, schlug sich die Schürze vor´s Gesicht und stürzte schluchzend aus dem Stall.
Öbel: „Ich rate ihnen, die Kuh jetzt zu verkaufen, sie wird den Winter nicht überstehen.“
Wilhelm: „Die Koh, die Koh, watt sötte mer don (tuen) one die Koh! Ke Kalv em nächste Jor. Wat sötte mer don?!“6 Er zeigte fahrig auf die Kuh und es schien, als wolle er im nächsten Moment der Schwester folgen. Anton packte ihn an den Schultern und redete heftig auf ihn ein. Er solle sich beruhigen, der „gelierde (gelehrte) Mann“ (gemeint war Öbel) und ein Spatz in der Hand ...sie wissen schon.
Auch Besiéd hatte ein sorgenvolles Gesicht aufgesetzt. Ja, unter diesen Umständen, er würde ihnen die Kuh abkaufen, aber ein gewisser Abschlag sei bei dieser Lage wohl nicht zu umgehen.
Nach kurzer, trauriger Beratung stimmten die Brüder dem Verkauf der Kuh  zu. Die Einzelheiten - der Preis, nein, weniger als üblich, das müßten sie verstehen - Handschlag, kein Schnaps.

Mein Vater: „Johann, da worr doch Bedroch!“7

Besiéd: „Och, Jusepp, höttzedaach moss de kiwief se, dat ös halt die nöje Zick, die nöje Ekemonie.“8

1)  "Mutter schau, der macht uns den guten Sessel kaputt."
2) "Guten Morgen Gertrud, ist Josef da?"
3) "Guten Morgen Baptist, schau in den Garten, eben war er noch dort."
4) "Laß nur Kind, bring beiden eine Tasse Kaffee."
5) "Die Meiers wollen ein Rind verkaufen. Ich habe es angesehen -  ein mageres Stück Vieh."
6) "Die Kuh,die Kuh, was sollen wir tun,ohne die Kuh! Kein Kalb im nächsten Jahr! Was sollen wir tun?!
7)" Johann, das war doch Betrug."
8) "Ach, Josef, heutzutage  muß du aufgeweckt sein, das ist halt die neue Zeit, die neue Ökonomie."