1820er Jahre

1823: Laut „Contract über die Übergabe der Feuerbrandswaldungen von Seiten des landesherrlichen Fiskus... de dato 6.3.1823“ wurden die bisher im Besitz des preußischen Staates befindlichen Feuerbrandswaldungen dem ausschließlichen Eigentumsrecht der Gemeinden unterstellt. Dies bedeutete den Verzicht des preußischen Staates auf die bis dahin von jeder Feuerbrandstelle bzw. jedem Haushalt erhobenen Abgaben in Höhe von jährlich 27 Stübern, die fortan nicht mehr an die königliche Kasse abzuführen waren, sondern im Besitz der Gemeinden blieben.

1824: Am 4. Mai trat eine Verordnung der Königlichen Regierung zu Aachen zur Neuregelung des nächtlichen Wachtdienstes in Kraft. Lammersdorf hatte für sein Gebiet jede Nacht drei Mann zu stellen, die auf der Grundlage eines detaillierten Reglements den Wachtdienst versehen mussten. Das Nachtwachtwesen zählte zu dieser Zeit zu den sogenannten polizeilichen Gemeindeanstalten. Als Nachtwächter waren geeignete Bürger anzustellen. Zwischen dem Bürgermeister und dem angestellten Gemeindemitglied musste ein Vertrag abgeschlossen werden, der alle einschlägigen Pflichten, Rechte und Kontrollmechanismen detailliert und unmissverständlich zu regeln hatte. Lammersdorf gehörte zu jenen zehn Gemeinden, die nicht bereit waren bzw. es nicht als notwendig ansahen, Kontrolluhren anzuschaffen, die übrigens damals rund 80,00 Mark kosteten.

1825: In den preußischen Rheinlanden führte der Staat die allgemeine Schulpflicht ein. – Die Schulbehörde im linksrheinischen Gebiet versuchte, diese bis in die entlegenen Eifeldörfer hinein durchzusetzen, und ordnete an, den Unterricht auf die Sommermonate auszudehnen. In der Praxis jedoch wurde die Schulpflicht manchenorts ziemlich lasch gehandhabt. Allenthalben regte sich sogar Widerstand gegen die Schulpflicht, weil sie den Familien die nach ihrer Meinung für die Sicherung ihrer Existenz unverzichtbare Mithilfe der Kinder entzog.

Leo Dohmen schrieb: „Es ist eines der schönsten Ruhmestitel der preußischen Regierung, am Rhein dem Schulwesen einen Aufschwung gegeben zu haben. 1825 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Viel tat der Staat für die Ausbildung von Lehrern. Auf der Lehrerschaft des 19. Jahrhunderts beruhte die gewaltige Hebung der Volksbildung auf dem Lande. Aus dem Landvolke kommend, brachten sie als Bauern-, Handwerker- und Arbeitersöhne die Fähigkeit mit, nicht nur ihre Aufgaben als Lehrer zu lösen, sondern bewährten sich auch als Schrittmacher auf vielen anderen Gebieten, z.B. in der Landwirtschaft, im Obstanbau und in der Bienenzucht. Im Verbande der landwirtschaftlichen Kasinos halfen sie das Misstrauen der Bauern gegenüber den zahlreichen Neuerungen in Ackerbau und Viehzucht zu brechen. Das vorher auf dem Lande sehr weit verbreitete Analphabetentum wurde auf ein Minimum gedrückt.“

Das Katasteramt für den Regierungsbezirk Aachen führte eine statistische Erhebung über die Lebensverhältnisse der Menschen durch. – Lammersdorf betreffend, enthielt sie - bezogen auf das Jahr 1825 - unter anderem folgende Feststellungen:

- Die Gemeinde Lammersdorf stellte mit ihren 662 Einwohnern im Vergleich mit den anderen zur Bürgermeisterei gehörenden Gemeinden Mulartshütte und Zweifall die höchste Einwohnerzahl (48,4 % der insgesamt 1369 Einwohner zählenden Bürgermeisterei).

- Haupterzeugnisse der landwirtschaftlichen Produktion waren Hafer und Kartoffeln. Hafer wurde ausgeführt.

- Als Brennmaterial diente neben Holz größtenteils Torf, der im Territorium reichlich vorkam.

- Infolge des schlechten Weidganges traten des öfteren Vieherkrankungen auf.

- Ursache des zum Teil angetroffenen Wohlstandes waren einzig die mit Erfolg betriebenen Geschäfte im Handel.

Generell wurde den Bewohnern unermüdlicher Fleiß bestätigt und betont, dass sie sich darin von den Menschen anderer Gegenden unterschieden. Als Wünsche der Bürger registrierte der Bericht die unentgeltliche Heidebenutzung in den königlichen Wäldern und die Weidgerechtigkeit für die Schafe.

Lammersdorf hatte 651 Einwohner und 126 Häuser.

1826: In Lammersdorf wurde das erste Schulgebäude fertiggestellt.. – Seine Inbetriebnahme erfolgte, wie Zeitgenossen berichten, „weniger zur Freude als mit Ärger und Verdruss der meisten Einwohner“, weil es ein total verunglücktes Gebäude gewesen sei und auch während seiner Nutzung (bis 1856) immer wieder viel Geld gekostet habe. Auch der Platz des Schulgebäudes am Treffpunkt der Kirch- Sonntags- und Krämerstraße war von Anfang an Gegenstand geharnischter Kritik.

Über die ganze Misere um das „Bauwerk“ des Lammersdorfer Schulhauses berichtet Pfarrer Mathias Michael Bonn: „Lammersdorf hatte nun ein Schulhaus mit einem Schulsaal, aber weiter nichts darin als ein paar alte, halb zerbrochene, ungehobelte Bänke und Tische, so noch im Jahre 1835, nicht einmal für Wandfibel und Schultabellen war gesorgt ...“. Über den Zustand des Gebäudes äußerte Pfarrer Bonn unter anderem: „Dachziegel...waren...viel zu wenig. Weder mit Kalk eingeschmiert, noch mit Stroh gestopft war das Dach, und Schnee und Regen hatten freien Durchgang; die über Kreuz gelegten Balken, ohne alle Stütze, brachen nach nicht langer Zeit, und das Haus sank; die Lehmfach-Wände waren, weil das Gebäude dem Sturm von allen Seiten ausgesetzt gewesen ist, bald ausgewittert; dabei stand die Schutzwand von dem hölzernen Kasten, das ist wohl die rechte Bezeichnung für dieses Gebäude, einen Fuß weit ab ...Es ist zu bewundern, dass die Revision von allen diesen Übelständen nichts wahrnahm und das Gebäude guthieß, obwohl während des Bauens und nach Vollendung desselben sich mehrere kritische Stimmen ...ziemlich hart hören ließen.“

1827: Unter der Überschrift „Die Behandlung und Besserung verwahrloster Kinder betreffend“ wurde in diesem Jahre eine ministerielle Rundverfügung an die Schulen geschickt, in der es hieß:

„Außer und neben der Sorge für die Mittel zur Besserung und Erziehung verwahrloster und gefallener Kinder muss aber auch eine gleiche Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, dass die Quellen der Verwilderung und des Verderbens unter der Jugend erforscht und verstopft werden. Nach den dem Ministerio vorliegenden Erfahrungen und Notizen haben diese frühen traurigen Verirrungen vornehmlich in folgenden Umständen und Anlässen ihren Ursprung:

In dem Unglücke der unehelichen Geburt, wodurch die Kinder der strengeren väterlichen Aufsicht und Erziehung beraubt, einer leichtsinnigen oder unverständigen Mutter verlassen (überlassen), der Armuth oder oftmals der Verachtung hingegeben sind und daher leichter verwildern und verderben.

In den schlechten Beispielen der Eltern, die durch Wort und Tat ihre Kinder zum Bösen reizen und oft zu wirklichen Verbrechen anleiten.

In (der) Vernachlässigung des Schul- und besonders des Religions-Unterrichtes, welche hie und da in der schlechten Beschaffenheit der Schule und des Unterrichts sowie in der Sorglosigkeit der Lehrer und Geistlichen, häufiger aber in (der) Verwahrlosung und (im) üblen Willen der Eltern und Angehörigen ihren Grund hat...“

1828: Im Schulwesen orientierte das katholische Dekanat im Mai darauf, dem Unterricht im Gegensatz zur französischen Zeit wieder eine religiöse Ausrichtung zu geben. Der Pfarrer oder sein Kaplan sollten mindestens zweimal wöchentlich die Schule besuchen. Dem Lehrer ward empfohlen, an den übrigen Tagen das von den Geistlichen jeweils Vorgetragene zu wiederholen und dem Gedächtnis der Schüler einzuprägen. Das Schuljahr war mit einer religiösen Feier zu beginnen. Einmal im Jahr sollte im Gottesdienst der Schulunterricht in all seinen Beziehungen hervorgehoben werden. 

Die im Jahre 1828 in den drei Gemeinden der Bürgermeisterei Lammersdorf lebenden 260 Familien schöpften die Mittel zur Gewährleistung ihrer Existenz aus folgenden Quellen:  

erwerbsquellen

Gegen Ende des Jahres suchte unseren Ort ein Erdbeben heim, das sich in mächtigen Erdstößen und einem donnernden Getöse von Norden nach Süden äußerte. Am 3. Dezember berichtete Bürgermeister Linzenich: „Gegen halbsieben Uhr abends hörte man in der Luft ein Sausen und ein immer mehr nahendes Getöse, das zuletzt dem Heranrollen mehrerer Wagen ähnlich war, und im Augenblicke, wo Stille eintrat, bemerkte man eine von Mitter-nacht her beginnende Schwingung und heftige Erschütterung des Hauses; diese Schwingungen glaube ich in dem Zeitraum von einer Minute noch zweimal wahrgenommen zu haben, deren letzte mit so heftiger Erschütterung und so furchtbarem Krachen des Hauses endigte, als wenn dasselbe dem Einsturze nahe wäre. Darauf trat eine plötzliche, einige Sekunden anhaltende Stille ein, worauf nun wieder ein starker Wind folgte.“ 

1829: Im Herbst herrschte ein solch regnerisches Wetter, dass wiederum eine Missernte zu beklagen war. Das meiste Erntegut, auch das Heu, musste nass eingescheunt werden, was seine Qualität beträchtlich minderte. Viele Früchte, vor allem Kartoffeln, blieben den Winter über im Felde stehen und verdarben gänzlich. Kaum ein Viertel des üblichen Ernteertrages wurde eingebracht. Große Flächen, die für die Aussaat von Roggen vorgesehen waren, konnten die Bauern nicht bestellen.

1830: Bedingt durch die Ernteverluste des Vorjahres, herrschten in weiten Teilen des Landes Monate hindurch schlimme Hungersnöte. Die Fruchthändler aus Roetgen, Lammersdorf, Strauch, Monschau und Kalterherberg kauften für die hungernde Bevölkerung im reichen Dürener Land Getreide auf.

Solche Missernten gehörten zu jenen Ursachen, die einen Teil der ohnehin schon sehr armen Bevölkerung, die sich nur kümmerlich ernähren konnte, zu Auswanderungen in andere Länder gezwungen haben. Hier wollten sie aus dem Nichts heraus eine neue Existenz gründen, was jedoch bei weitem nicht jedem gelang.

Glücklicherweise fiel dann aber die Hafer- und Kartoffelernte in diesem Jahre recht günstig aus.

Angesichts der bürgerlichen Revolution in Frankreich und der Auseinandersetzungen zwischen Belgien und Holland, in deren Ergebnis sich Belgien von den Niederlanden losriss und ein selbständiges Königreich wurde, konzentrierte der preußische Staat zum Schutze seiner Grenzen und zur Gewährleistung der inneren Sicherheit in unserem Gebiet verschiedene Truppenverbände. Die Durchmärsche und Einquartierungen der Soldaten brachten für die Menschen des Monschauer Landes erneut militärische Belastungen mit sich. In Lammersdorf logierten zeitweilig 211 Mann. Im Dezember desselben Jahres war die 11. Kompanie des 26. Infanterie-Regiments im Ort untergebracht.