Zusammenfassung:

Die Reichsgründung und die Proklamation des preußischen Königs zum deutschen Kaiser wurden von der Mehrheit der Bevölkerung mit patriotischem Enthusiasmus begrüßt. Es waren wohl zwei Zusammenhänge, in denen diese Wohlgesonnenheit wurzelte: Erstens hatte der preußische Staat bereits in den vorausgegangenen Jahrzehnten eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, die durchaus zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung führten und die Herausbildung einer propreußischen Stimmung bewirkten. Dass man nun dem König Preußens die deutsche Kaiserwürde zuerkannte, löste entsprechende Genugtuung aus. Zweitens sahen viele Bürger mit der Reichsgründung ihre langgehegten Bestrebungen nach einem einheitlichen deutschen Staatsgefüge, dessen Entwicklung nicht mehr von unüberschaubaren partikularistischen, kleinstaatlichen Interessen gehemmt werden konnte, als endlich erfüllt an.

Bis in die Jahre 1914/15 hinein blieb diese Grundhaltung fast ungetrübt, weil die kaiserlich-königliche Regierung sowohl im wirtschaftlichen und infrastrukturellen als auch im staatlich-administrativen und sozialen Bereich weiterhin Wege beschritt, auf denen mancherlei Verbesserungen der Lebensverhältnisse der Menschen erreicht werden konnten, denkt man z.B. an die Wiederauflage der staatlichen Eifelfonds, an die verschiedenen Maßnahmen zur Unterstützung der Bauern bei der Intensivierung der Landwirtschaft, die Förderung des einsetzenden Fremdenverkehrs oder an die Schaffung einer einheitlichen bürgerlichen Gesetzgebung in Gestalt des BGB.

Auch die Gemeinde Lammersdorf nahm während der Kaiserzeit einen Aufschwung. Besonders zeigte sich dies im weiteren Ausbau der Infrastruktur des Ortes. Er wurde eine Station an der Strecke der Vennbahn zwischen Monschau und Aachen und entwickelte sich zu einem bedeutenden Bahnverkehrs-Knotenpunkt. Unter anderem hatte dies Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation der Gemeindebewohner. Jener Teil, der über keinen ausreichenden Erwerb verfügte, konnte nun zwischen seinem Heimatort und den Industriegebieten am Nordrand der Eifel pendeln. Mit der Zeit bildete sich unter den Bewohnern ein Stamm von Fachkräften der Eisen- und Messingverarbeitung. Er sollte später, als Lammersdorf selbst ein weithin bekannter und geachteter Sitz der eisenverarbeitenden Industrie wurde, eine wesentliche Rolle spielen.

Mit diesen Entwicklungen begann die Wandlung Lammersdorfs von einem Ort mit bislang vorwiegend von landwirtschaftlicher Arbeit geprägtem Charakter zu einem Gemeinwesen, in dem immer mehr Menschen ihre Existenzgrundlage in der Industrie, in einem Handwerk oder Gewerbe fanden. - Weitere Fortschritte in den Lebensverhältnissen der Lammersdorfer Bevölkerung brachten der Bau einer den ganzen Ort versorgenden Wasserleitung sowie die Erneuerung von Straßen und Wegen. Mit der Errichtung eines schönen und stattlichen Gotteshauses erhielt das religiöse Leben der katholischen Pfarrgemeinde eine neue würdevolle Heimstatt.

Die den Betrachtungszeitraum durchziehende bejahende Stimmung vieler Menschen äußerte sich in all den Jahren unter anderem im engagierten Begehen der vaterländischen Feste. Vielerorts blühte das gesellige Leben in den Gemeinden auf, gewann an Vielfalt und höherem kulturellen Niveau. Lammersdorf erlebte in dieser Zeitspanne vier Neugründungen von Vereinen. -

Lediglich eine Minderheit schien etwas von dem großen Unwetter zu ahnen, das infolge der Verschärfung der Interessengegensätze zwischen den Großmächten seit der Jahrhundertwende am politischen Horizont heraufzog. Erst mit dem Bewusstwerden des ungewünschten Verlaufs des Ersten Weltkrieges und mit der zunehmenden Vertiefung der inpiduellen und familiären Leiden und Nöte der Menschen verinnerlichten sie eine Bedrücktheit, die sich etwa seit der Mitte des Krieges immer mehr ausprägte und manchenorts auch in politische Emotionen mündete.

Als im Oktober 1918 die Kampfhandlungen an der Westfront eingestellt wurden, stand die Bevölkerung erneut vor dem Scherbenhaufen eines barbarischen Krieges. Die bange Frage nach der Zukunft blieb für viele Menschen offen.