1890er Jahre

1892: Das Amt des Bürgermeisters in der Bürgermeisterei Simmerath übernahm Michael Gerards aus Rurberg und übte es bis 1922 aus. Er führte ein strenges bürokratisches Regime, so dass die Lammersdorfer – ungeachtet mancher Witterungsunbillen – mehr als notwendig zum Amt nach Simmerath zu gehen hatten, um Genehmigungen für perse Vorhaben einzuholen oder verschiedene andere Dinge zu erledigen. Das hat den Lammersdorfern die Bürgermeisterei arg verleidet. Die Simmerather waren jedoch sehr stolz auf „ihre“ Bürgermeisterei, die auch nie einen Lammersdorfer beschäftigte. Angeblich schauten die Simmerather „Kragenmänner“ etwas hochnäsig auf die Lammersdorfer „Besenbinder“ herab. So bildeten sich mit der Zeit teils berechtigte, teils unberechtigte Aversionen zwischen den Bürgern beider Gemeinden heraus. Zum Teil gingen sie auf die Zeit zurück, als sich die Lammersdorfer bei der Festlegung der Grenzen des Gemeindewaldes von den Simmerathern übervorteilt fühlten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Voreingenommenheiten jedoch weitgehend abgeschliffen.

18.12.1892: Aufstellung des aus Rom gekommenen, von Papst Leo XIII. als getreue Nachbildung des durch Wunder berühmt gewordenen Originals anerkannten und persönlich gesegneten Bildnisses der "Seligen Jungfrau Maria von der immerwährenden Hilfe" im Lammersdorfer Gotteshaus. Das "Montjoie`r Volksblatt" vom 24.12.1892 veröffentlichte darüber folgenden, hier sinngemäß und leicht gekürzt wiedergegebenen Bericht: Der gestrige Tag sei für die hiesige Pfarre ein Tag der Freude, der Gnade und des Segens gewesen. Nachdem am Morgen beinahe 400 Einwohner die heilige Kommunion empfangen hätten, habe die eigentliche Feier am Nachmittag stattgefunden. Aus der ganzen Umgebung seien Gläubige gekommen. Die Kirche sei derart gefüllt gewesen, dass man sich nicht regen und rühren konnte. Mt größter Aufmerksamkeit hörten alle zu, was der Prediger von der Kanzel über die Geschichte des alten, verehrungswürdigen Gnadenbildes sagte. In früheren Jahrhunderten habe es sich auf der Insel Kreta befunden.Gegen Ende des 15 Jahrhunderts sei es durch einen Kaufmann nach Rom gelangt, wo es seit ca. 30 Jahren in der St. Alphonsuskirche bewahrt werde.

Des Weiteren führte der Redner eine Reihe von Gebetserhörungen aus Rom und vielen anderen Orten, wo Abbilder aufgestellt sind, an. Damit bestärkte er die Gläubigen nicht nur in ihrem Vertrauen zur Verehrung des Gnadenbildes, sondern lieferte ihnen auch den Beweis für die Wahrheit, dass Maria eine Helferin bei jedem Anliegen des Leibes und der Seele, eine Mutter von der immerwährenden Hile ist.

Zweimal im Jahr - nämlich am Sonntage vor dem Geburtsfest des Heiligen Johannes des Täufers und am 18. Dezember, dem Jahrestag der Aufstellung des Gnadenbildes, sowie jedes Mal an den folgenden sieben Tagen können alle Gläubigen, welche nach dem Empfang der heiligen Sakamente vor dem Bilde eine Zeit lang beten und die sonst üblichen Ablassgebete verrichten, einen vollkommenen Ablass gewinnen.

Die ganze Pfarre war hocherfreut, das Bild zu besitzen. Ergreifend war, wie nach der Andacht bis zum späten Abend sehr viele Betende vor dem Gnadenbilde knieten. Heute befindet sich das Gnadenbild in der Marienkapelle.

1893: Die Teilstrecke der Vennbahn zwischen Walheim und Lammersdorf wurde zweigleisig ausgelegt.

1893: Verlegung einer unterirdischen Abwasserleitung an der Lammersdorfer Schule auf Initiative von Ortsvorsteher Paustenbach. – Mit dieser Maßnahme wurde dem Übelstand abgeholfen, dass sich um das Schulgebäude herum häufig großflächige Pfützen oder Eisdecken bildeten, die den Zugang zur Schule zeitweise unmöglich machten und Unterrichtsausfälle verursachten.

1893: Das Wetter bescherte dem Landstrich einen sehr trockenen Sommer. - Infolgedessen fand das Vieh auf den Weiden kein Futter mehr und musste in den Wald getrieben oder gar abgeschlachtet werden. Die trockene Witterung dauerte bis in den Herbst hinein.

01.05.1895: Dienstantritt des Lehrers Paul Lethen. – Er arbeitete zugleich als Organist und Chorleiter. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er eingezogen und am 20.5.1916 wieder vom Militär entlassen. 1920 feierte Lethen sein silbernes Amtsjubiläum in Lammersdorf. 1935 erhielt er eine Ehrenurkunde anlässlich seiner 25jährigen Mitgliedschaft im Kirchenchor. Nach 42 Jahren pädagogischer Tätigkeit trat der verdienstvolle Pädagoge in den wohlverdienten Ruhestand und ist am 6.3.1940 in Lammersdorf gestorben.

Juli 1895: Erneuerung der durch Lammersdorf führenden, von der Provinz verwalteten Straße durch Auflage einer Decke aus Kleinschlag. - Dessen Verdichtung erfolgte mit einer Dampfwalze, nicht, wie bis dato üblich, mit einer von Pferden gezogenen Walze.

Sept.1895 (bis April 1896): Typhus in Mathars Mühle. – Zwei Kinder des Mühlenbetreibers Thomas Hilger Mathar fielen der Krankheit zum Opfer.

31.12.1895: Im Ort lebten zu diesem Zeitpunkt 665 Einwohner.

22.03.1897: Veranstaltung anlässlich des Geburtsjubiläums Kaiser Wilhelms I.: Dankgottesdienst; Schulfeier, in der die Knaben einen Reigen tanzten und die anderen Kinder das Lied "Alle Vögel sind schon da..." sangen; Ausflug zum Fringshaus. - Pfarrer Jülich schenkte jedem Kind eine Brezel.

01.01.1898: Einrichtung einer bahnamtlichen Güterbestätterei auf dem Vennbahnhof. - Der Güterbestätter sorgte dafür, dass die Frachtgüter vom Bahnhof in die umliegenden Orte (und umgekehrt) gebracht wurden. Die "Rollgebühr" betrug je Zentner zehn Pfennige für den Bezirk Lammersdorf/Paustenbach und 20 Pfennige für die Orte rings um Simmerath.

17.04.1899: Das Amt des Gemeindevorstehers übernahm der Schreiner und Ackerer Mathis Hubert Jansen als Nachfolger des am 5.1. dieses Jahres verstorbenen Vorgängers Paustenbach

23.12.1899: Schulfeier zur Jahrhundertwende in der Oberklasse: In seiner Rede wies der Lehrer auf die wissenschaftlichen Forschungen und großen Erfindungen des zu Ende gehenden Jahrhunderts hin. Er verglich die Lage Deutschlands am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der nach 100 Jahren erreichten Machtstellung Preußens und des Deutschen Reiches, würdigte "das segensreiche und ruhmgekrönte Wirken des erhabenen Herrscherhauses" und erinnerte an die Ausbreitung des Christentums - besonders in Afrika. Der Gesang der Lieder "Großer Gott wir loben dich, "Ich bin ein Preuße" und "Wir sind im wahren Christentum" umrahmte die Schulfeier.

Frühjahr 1900: Neuausbau der oberen Hälfte der Straße an der Eisenbahn, der heutigen Bahnhofstraße. – Der Weg war bei Regenwetter sowie z.Z. der Schneeschmelze kaum passierbar. Die Schulkinder mussten dann die gefährlichere Dürener Straße benutzen. Zu den hohen Kosten der Straßenerneuerung erhielt die Gemeinde namhafte Beihilfen von der Königlichen Eisenbahn- und der Provinzialstraßen-Verwaltung. Die Steinbrüche auf der Ley lieferten das Material. Für dessen Anfuhr bekamen Lammersdorfer Landwirte bei täglich sieben Fuhren 6 Mark.

Okt.1900: Ersteigerung des an die Schule im Nordosten angrenzenden Grundeigentums der Gebrüder Matthias und Peter Jansen nebst Haus, Stallung und Scheune durch die katholische Pfarrgemeinde. – Die Summe betrug 5 181 Mark. Vorgesehen war das Grundstück für die Errichtung eines neuen Gotteshauses.

1900: Die Teilstrecke der Vennbahn zwischen Lammersdorf und Monschau erhielt ein zweites Gleis.

Das folgende Diagramm vermittelt einen optischen Eindruck von der Entwicklung der Anzahl der Einwohner im
19. Jahrhundert.

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Besonders auffällig sind die sehr starken An- und Abstiege der Einwohnerzahlen. Ihre Ursachen liegen in den Wanderungsbewegungen vieler Menschen. Infolge ihrer total unsicheren Existenzbedingungen und ihrer kargen Lebensverhältnisse trachteten sie danach, woanders bessere Möglichkeiten zu finden. Nicht allen gelang es; sie kehrten wieder in ihre Heimat zurück, während andere sich entschlossen, es dennoch zu probieren usw. - So erklärt sich, dass trotz der Dynamik in der Entwicklung der Einwohnerzahlen am Ende des Jahrhunderts fast das Niveau erreicht wurde, das am Anfang des Betrachtungszeitraumes bereits gegeben war.