Zusammengefasste Enwicklung im Monschauer Land von 1361 bis 1794

 

Bis etwa zum 16. Jahrhundert erfolgten hier großflächige Rodungen und eine aktive Besiedlung. Das war verbunden mit der allmählichen Formierung der Gemeinwesen und der späteren Herausbildung der ersten administrativen Verwaltungsstrukturen dieses Gebietes. Das Monschauer Land begegnet uns als Amt Montjoie des Herzogtums Jülich. Lammersdorf war eine der Gemeinden dieses Amtes.

Für ihre bereits bemerkenswerten wirtschaftlichen Potenzen, für ihr schon ziemlich ausgeprägtes Selbstverständnis als Gemeinween, für ihren großen Initiativgeist und für ihre tiefe Frömmigkeit spricht der Anfang des 18. Jahrhunderts gefasste Beschluss der Lammersdorfer, an die Stelle der inzwischen viel zu klein gewordenen Holzkapelle ein neues, größeres Kirchengebäude aus Stein zu errichten.

Im Allgemeinen konnte von einer kontinuierlichen Entwicklung nicht die Rede sein. Immer wieder wurde sie durch Kriege empfindlch gestört. Allein in der hier betrachteten Zeitspanne fanden 10 Kiege statt, die insgeamt 114 Jahre in Anspruch nahmen. Wenn auch kriegsentscheidende Schlachten hier bei uns eher nicht geschlagen wurden, weil die großen Operationsräume fehlten und die Ernten für die Ernährung großer Heeresvebände nicht ausreichten, so waren die Auswirkungen der Kriege von nicht minder großer und negativer Tragweite.

Immer wieder zogen wilde Heerhaufen plündernd und brandschatzend, vergewaltigend und mordend durch das Land. Spanier, Lothringer und Holländer, Schweden, Engländer, Russen und Franzosen, aber auch kaiserliches Militär und Söldnertruppen der deutschen Fürsten - sie alle waren hier, quartierten sich ein, trieben ihr Unwesen, richteten nicht selten Blutbäder an und pressten nach dem Motto "Der Krieg ernährt den Krieg" auf brutalste Weise aus dem Wenigen, das die Menschen ohnehin nur besaßen, noch das Letzte heraus. Viele verloren ihr Hab und Gut oder gar das Leben. Die ständigen Kriegsabgaben nahmen ein solches Ausmaß an, dass unsere Heimat mehr als einmal fast ans Ende ihrer Kraft gelangte.

Die Annahme, es habe sich mehr oder weniger um lokale Waffengänge gehandelt, von denen nicht alle betroffen worden seien, ist weit gefehlt. Die Schergen haben in der Regel nach Beendigung des Krieges ihr Operationsgebiet verlassen, um sich in anderen Gegenden schadlos zu halten, oftmals Monate lang oder Jahre hindurch.

Hinzu kommt, dass die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Waffengängen zur Wiederherstellung völlig normaler Verhältnisse kaum ausreichten. So betrugen sie von den 10 Kriegen in fünf Fällen die Dauer des Kindesalters, in dreien des Jugendalters und in zweien die Dauer eines Ausschnitts des Erwachsenenalters, in keinem Falle ein ganzes Menschenalter!

Besonders zerstörerisch und die Menschen peinigend war der Dreißigjährige Krieg von 1618 – 1648. Eine seiner tragischen Folgen bestand darin, dass das deutsche Reichsgebiet zu einem unüberschaubaren partikularistischen Konglomerat von sage und schreibe 360 Kleinstaaten, Herrschaften und Unterherrschaften verkam. Sie alle nutzten die Ohnmacht der Zentralgewalt des Kaisers, um ein möglichst großes Maß an Besitz und Macht zu ergattern. Fortdauernde Fehden und Kriege um dieser eigennützigen Ziele willen blieben nicht aus. Ihre Auswirkungen waren verheerend.

Durch diese Zersplitterung wurde die Wirtschaft, die nach 30 Jahren Krieg vor dem Ruin stand, an einer kraftvollen neuen Entfaltung gehindert. Alle Wegstunden sperrte eine Zollschranke die Straße. Jede kleine Herrschaft suchte ihre leere Kasse auch mit Zollabgaben zu füllen. Viele Ortschaften lagen verödet. Bürger und Bauern, Frauen, Kinder und alte Menschen litten darunter auf furchtbarste Weise. Häufig  mussten die Bewohner flüchten, verloren Hab und Gut oder gar das Leben; Hungersnöte blieben nicht aus, sodass das sich immer wieder aufraffende Land tiefer und tiefer verelendete. Der Eifelregion wurde unermesslicher Schaden zugefügt. Ihre auf Grund ungünstiger natürlicher Gegebenheiten objektiv ohnehin nicht leichte Entwicklung erlitt immer wieder empfindliche Rückschläge und gelangte nicht selten bis an den Rand des Ruins.

Wenn als Gründe für die in der Nordeifel verspätete wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Entwicklung in der Regel mit Recht ihre ungünstigeren natürlichen Bedingungen, ihre mangelnde Verkehrsanbindung, ihre territoriale Abgeschiedenheit sowie teilweise fehlendes Knowhow angeführt werden, müssen als weitere Ursache unbedingt auch die vielen, dicht aufeinander folgenden kriegerischen Aktionen und deren fatale Auswirkungen hinzugefügt werden. Mit Sicherheit haben auch sie in hohem Maße hemmend auf den gesellschaftlichen Fortschritt eingewirkt. Wer dazu noch eines Beweises bedarf, mag sich die rasante positive Entwicklung unserer Gesellschaft ansehen, wie sie sich in den gut sechs Jahrzehnten solider friedlicher Verhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen hat und vollzieht.

Als hätten alle diese harten Schicksalsschläge noch nicht ausgereicht, stellten sich im Laufe der Kriege auch noch Krankheiten aller Art ein – vor allem die Pest und andere Seuchen. Tausende starben dahin. Mit dieser Fülle von Leid und Drangsalen wurden die Menschen auch seelisch nicht mehr fertig. Da musste der Teufel im Spiele sein, war ihre Erklärung. Männer und hauptsächlich Frauen wurden beschuldigt, Handlanger des Satans zu sein, um Menschen und Tieren zu schaden. Furchtbare Folterungen  mussten die Beschuldigten über sich ergehen lassen, bis sie fast alle das falsche Geständnis abgaben, schuldig zu sein, obgleich sie es in Wirklichkeit gar nicht waren.. Im Allgemeinen bedeutete dies den Tod auf dem Scheiterhaufen. Die Zahl derer, die diesem Hexenwahn total schuldlos zum Opfer fielen, ist sehr hoch. Sie geht in die Hunderte. Selbst Geistliche waren nicht ausgenommen. Mit Vorliebe wurden reiche, alleinstehende und kinderlose Personen angeklagt, deren Vermögen sich dann die Richter und deren Helfershelfer aneigneten.

Hinzu kamen die - nicht selten ebenfalls äußerst fanatischen - Auseinandersetzungen zwischen den Religionen. Auch sie waren der Aufwärtsentwicklung alles andere als förderlich.

Es zeugt von der Gestaltungskraft der Eifeler, dass sie dennoch - allen Schwierigkeiten zum Trotz - sich bietende Möglichkeiten des gesellschaftlichen Forschritts nutzten.

Vom 16. Jahrhundert an entwickelte sich in den Tälern von Kall und Vicht die Eisenindustrie sowie von der Mitte des 17. Jahrhunderts an in Monschau und Imgenbroich die Tuchindustrie. Der eingewanderte evangelische Pastorensohn Johann Heinrich Scheibler war ein großes Kaufmannstalent und ein ausgezeichneter Organisator. Er verstand es, richtig einzukaufen, die Wolle günstig verarbeiten zu lassen und sich einen großen Absatzmarkt zu erschließen. Durch ihn wurde Monschau die erste Tuchmacherstadt Westdeutschlands. Er entdeckte eine Marktlücke, indem er erkannte, dass viele Menschen anspruchsvoller geworden waren, mehr Geld als bisher hatten und gewillt waren, einiges für schöne Kleider auszugeben. Scheibler kaufte in Spanien ganze Schiffsladungen Wolle von Merinoschafen ein, die dann von Antwerpen mit Pferdewagen in die Nordeifel gebracht wurden. Aus dieser Importwolle ließen sich feine Tuche herstellen, die dazu noch mit den leuchtenden Farben des Rokoko versehen wurden. Auf den bedeutenden Messen in Frankfurt und Leipzig sowie auf den Märkten in Berlin und Wien wurden sie angeboten und in fast alle Länder Europas exportiert. Sogar in Vorderasien und in den Harems des Orients fanden sich begeisterte Käufer.

Scheibler beschäftigte durchweg 4 500 Personen, davon die meisten als Heimarbeiter. 1762 stieg die Zahl sogar auf 6 000 Personen an, von denen viele im nahen und weiteren Hinterland wohnten. Erstmals gab es in der Eifel jetzt soziale Unruhen und Widerstände gegen die „Fremden“, die den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen würden. Einmal musste das Militär zur Schlichtung eingesetzt werden. Die Spannungen entwickelten sich jedoch letztlich nicht zu einem andauernden sozialen Kampf.

Das Monschauer und Imgenbroicher Tuch war lange Zeit hindurch weltberühmt. Die Fabrikanten wurden reich und konnten sich städtischen Luxus und schöne Häuser leisten. Ihr Söhne zogen hinaus in die weite Welt und brachten es zu hohem Ansehen.

Diese rasante industrielle Entwicklung führte, um den stark anwachsenden Bedarf an Holzkohle zu befriedigen, zu einer umfänglichen Entfaltung der Köhlerei in den Wäldern.

In der Landwirtschaft konnten die Bauern die Früchte ihrer Arbeit zum Teil wieder selbst ernten und von sich aus darüber verfügen. Damals begann bei uns auch der Kartoffelanbau. Eine größere Beachtung fand zur gleichen Zeit der Gemüse- und Obstanbau. Man verbesserte die Arbeitsgeräte und erreichte so höhere Ernteerträge – eine zwingende Notwendigkeit, weil die Bevölkerung wieder wuchs.

Auf den großen Ödlandflächen weideten vor allem Schafe. Damals zählte jeder Eifelort im Durchschnitt 500 bis 600 Schafe. Die Zahl der Ziegen als „Milchkühe des kleinen Mannes“ stieg stark an. Der Wald diente weiter den Schweinen als Weidedrift. Allerdings richteten die Tiere im Wald große Schäden an. Deshalb ergingen Forstverordnungen, die dies abschwächen sollten. Auch die Pferdezucht weitete sich aus, weil die Tiere für mehr und längere Transporte benötigt wurden, aber auch der Bedarf des Militärs hoch war.

Während des späten Mittelalters bis zur frühen Neuzeit (von etwa 1400 – 1800) waren die Lebensverhältnisse in den Dörfern der Hochfläche der Nordeifel fast vollständig von einer sich selbst versorgenden und von Nebenerwerbstätigkeiten ergänzten, vorwiegend in kleinen Dimensionen betriebenen Landwirtschaft geprägt.

So waren auch die Lebensverhältnisse vieler Bewohner Lammersdorfs davon bestimmt, dass sie hauptsächlich als Klein- und Kleinstbauern ihren Unterhalt zu bestreiten suchten. Um jedoch die Existenz der Familien sicherer gestalten zu können, bedurfte es in der Regel auch anderer Erwerbsquellen. Zumeist fand man sie im Spinnen und Weben als Heimarbeit, im Fuhrwesen, im Steinbruch oder in einem anderen Handwerk, unter anderem in der  Besenbinderei.

Weiterhin kennzeichnete die Enwicklung die Ausprägung eines natürlichen fortschrittlichen Denkens sowie auf verschiedenen Gebieten die Einführung von Neuerungen: Die Rechtspflege wurde verbessert. Man richtete erstmalig Katasterämter ein, veranlasste den Ausbau des Straßennetzes und förderte damit Handel, Gewerbe und Verkehr. In manchen Gegenden gab es Versuche, einen geordneten Schulunterricht zu ermöglichen. Der Schulzwang wurde eingeführt. Die Lehrweise in der Schule sollte mehr auf die Ausbildung des Verstandes gerichtet und die Lehrerausbildung entsprechend reformiert werden.

Leider muss bei allen Fortschritten, die die Menschen auf den verschiedenen Gebieten erzielen konnten, letztendlich festgestellt werden, dass den auf die Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse gerichteten Anstrengungen im Monschauer Land keine Langzeitwirkung beschieden war. Denn die Jülicher Herrschaft zeigte für die Nordeifel nur wenig Interesse und überließ deren Verwaltung vorwiegend den nicht immer unbestechlichen Beamten der Statthalter-Residenz Düsseldorf. Viele auf günstigere Lebensverhältnisse gerichtete Maßnahmen wurden halbherzig angegangen und zeigten deshalb keine durchschlagende Wirkung.

Insgesamt gesehen hat die Jülicher Regierung dem Lande mehr geschadet als genützt. Noch in der Franzosenzeit musste Monschau Schulden bezahlen, die ihm infolge der Kriegshändel der Jülicher im 17. und 18. Jahrhundert aufgehalst worden waren. Fortgesetzt mussten Stadt und Gemeinden mit den Landesherren bzw. mit deren Beamten Streitigkeiten und Prozesse um Privilegien und Gerechtsame ausfechten. Die Untergebenen waren für die Territorialherren nur zum Zahlen der Abgaben gut genug. Ihre Beamten wurden als Bedrücker empfunden. Daher ist es erklärlich, dass von einer optimistischen Stimmung der Bevölkerung keineswegs die Rede sein konnte und man große Hoffnungen auf die Franzosen setzte, die 1794 ins Land kamen.