Das 15. Jahrhundert

1435: Nach längeren Auseinandersetzungen fiel das Monschauer Land wieder den Jülicher Herrschern zu.

In der Verwaltungsstruktur des Herzogtums bildete das Amt Montjoie, dem auch Lammersdorf unterstand, eine seiner Untereinheiten. Es verfügte bereits über Gerichte und Kirchspiele. Die übergeordnete Verwaltung und Rechtspflege erfolgten von den Regierungs- und Justizbehörden des Herzogtums in Düsseldorf aus. An deren Spitze stand der Statthalter des Fürsten mit einem Ministerium, dem „Geheimen Rat“. Die Richtstätte befand sich „Am Gericht“ zwischen Simmerath und Imgenbroich.

Die Umgebung Lammersdorfs am Oberlauf der Kall war vom 15. bis ins 17. Jahrhundert hinein neben Schmidt am Unterlauf der Kall eines der beiden Gebiete des Erzbergbaus, von denen aus die Eisenhütten in Simonskall mit Erz versorgt wurden.

Mitte des 15 Jh.: Wiederum brach die Pest zu einem großen, pandemischen Siegeszug auf und bewegte sich aus Asien kommend nach Westen, überzog ganz Deutschland und auch die Länder am Rhein, drang nach Frankreich und Spanien vor und forderte während ihrer dreijährigen Herrschaft erneut zahllose Opfer.

16. Jahrhundert

Anfang des Jh.: Lammersdorf hatte eine kleine Kapelle aus Holz bekommen.

Um diese Zeit entstand die Eisenindustrie. An Vicht, Kall und Rur wurden Eisenhütten und Hammerwerke in Betrieb genommen (Mulartshütte, Zweifall, Zweifallshammer, Simonskall und Junkershammer). Viele Einhei-mische fanden dort zusätzlich zu ihrer häuslichen landwirtschaftlichen Arbeit, deren Erträge für die Erhaltung der Familien allein nicht ausreichten, einen willkommene zusätzliche Erwerbsquelle. Die eigentlichen Fachkräfte wurden jedoch aus dem niederrheinischen Gebiet herangezogen.

1516: Erstmalig erwähnt wurde die Lammersdorfer Mühle als Bannmühle im oberen Tal der Kall. Sie stand in südlicher Richtung kurz hinter Lammersdorf, wo sich die Kall ins Gebirge einschneidet. – Bannmühlen waren Eigentum des Fürsten und hatten das Recht, innerhalb eines vorgeschriebenen Bannbereiches die Bewoh-ner zu veranlassen, ihr Korn in der betreffenden Mühle mahlen zu lassen. Nach einem Lagerbuch von 1649 gehörten zum Bannbereich der Lammersdorfer Mühle die Dörfer bzw. Wohnplätze Bickerath, Witzerath, Lam-mersdorf, Paustenbach, Strauch, Rollesbroich, Woffelsbach, Wildenhof, Eschauel, Schmidt, Kommerscheidt, Froitscheidt, Vossenack und Mulartshütte. Allein diese Aufzählung zeigt, welche bedeutende Einnahmequelle die Bannmühlen für das Fürstenhaus waren.

1517: Der Augustinermönch Martin Luther veröffentlichte am 31.10. seine 95 Thesen gegen die damaligen Missstände in der katholischen Kirche, insbesondere gegen den Ablasshandel. Damit löste er die große religiöse Bewegung der Reformation aus. Gegen die ursprüngliche Absicht der Reformatoren führte sie zur Kirchenspaltung und zur Entstehung evangelisch–protestantischer bzw. reformierter Kirchengemeinschaften , vor allem der Lutherischen und der Reformierten Kirchen. Diese neuen Kirchen unterscheiden sich von der katholischen unter anderem durch

  1.  ihre Unabhängigkeit vom Papsttum,
  2.  die Leitung der Gemeinden von Ältesten (Presbyterialverfassung),
  3.  die Lehre von der Rechtfertigung des Menschen allein aus dem Glauben, 
  4.  das Postulat der direkten Glaubensbeziehung zwischen Gott und Mensch, welche keiner priesterlichen Mittlerschaft bedarf,
  5. die Einordnung des Priesters in  die Gemeinde als "Primus inter pares" (Erster unter Gleichen),
  6. die Schlichtheit des Gottesdienstes,
  7. die Auffassung des Abendmahls in beiderlei Gestalt (Brot und Wein),
  8. die Akzeptanz der Vorherbestimmung des Menschen durch Gott (Prädestination).

Während die lutherischen Kirchengemeinschaften streng an den Bekenntnisschriften Luthers festhielten, waren die von Ulrich Zwingli 1522 in Zürich und von Johann Calvin 1536 in Genf gegründeten reformierten Kirchengemeinschaften in mancher Hinsicht radikaler als die lutherischen.

Ab Anf 1520: Luthers Lehre fand in anderen deutschen Gebieten ziemlich schnell Verbreitung. Dagegen fasste hier im Monschauer Land  erst einmal die Bewegung der Wiedertäufer in weiten Kreisen der Bevölkerung Fuß.

Dem tiefen frommen Sinn unserer Vorfahren leuchteten die ernsten religiösen Reformgedanken, die Idee von der baldigen Wiederkehr des Herrn und die Auffassung vom Evangelium bzw. vom Bibelwort als eine Sache der Niedrigen und Geringen, ein. Deshalb schlossen sich aus lautersten Motiven, um der religiösen Wahrheit willen, erst Einzelne, dann ganze Familien und schließlich größere Kreise in manchen Dörfern den Wiedertäufern an. Es waren hier im Allgemeinen keine Revolutionäre, die sich demonstrativ taufen ließen, sondern die „Stillen im Lande, die Frommen“, die sich nicht scheuten, alles angedrohte Ungemach, Tod und Verfolgung auf sich zu nehmen, um Christus und seinen Geboten zu folgen. Gerade den einfachen Leuten, die religiöse innere Befriedigung suchten, die sie bei dem erstarrten Zeremoniewesen und bei den vielfach wenig gebildeten Kaplänen nicht fanden, sagte die neue Strömung zu. Mit den Aufrührern von Münster dagegen hatten sie absolut nichts gemein.

Vor allem im Simmerather Kirchspiel – im Land über der Rur, in Einruhr, Rurberg, Pleushütte, Dedenborn, Simmerath, Witzerath, Lammersdorf, Rollesbroich und vor allem Kesternich – fanden die Auffassungen der Wiedertäufer einen besonders breiten Nährboden.

Nirgendwo im Jülicher Land gibt es aus der damaligen Zeit Hinweise auf ein aufrührerisches Treiben der Wiedertäufer, wohl aber genügend Informationen darüber, dass man versuchte, sie zur herrschenden Kirchenlehre zurückzuführen. Und wenn das nicht half, stellte man sie unter Strafe, folterte, enteignete oder tötete sie. Jedem wurde die öffentliche Ächtung in Aussicht gestellt, der Anlass zu der Vermutung geben konnte, zu den Wieder-täufern zu zählen oder sie auch nur zu dulden. Viele dieser gläubigen Leute, die keinerlei Spur von Gemeingefährlichkeit aufwiesen, mussten angesichts dieser Bedrohungen flüchten und im Verborgenen ihr Dasein fristen. Ihre Versammlungen fanden meist in den Wäldern des Monschauer Landes statt.

Kurzer Ausblick: Für die Geschichte der Wiedertäufer im Monschauer Land ist eins der interessantesten Aktenstücke ein 138 Seiten umfassendes Protokoll aus den Jahren 1597 und 1598 mit einem alphabetischen Verzeichnis von 63 hiesigen Wiedertäufern und von allem dessen, was man ihnen an Haus und Hof, an Grundstücken, Mobiliar, Vieh und Hafer weggenommen hatte. Nach diesem Verzeichnis waren folgende Bürger von Lammersdorf zur o.g. Zeit Wiedertäufer:

1. Jonen Johans Thais,

2. Paulus Johan,

3. Theis Jonen Johans et uxor,

4. Theis Jorris, auff der Rhuiren auf St Niclais brüggen geboren.

 

Als Ende des 17. Jahrhunderts die Landstände den immer höher werdenden Forderungen des Herzogs zur Füllung des Staatssäckels energischen Widerstand entgegensetzten, erfand er die Erhebung eines gewissen festen Duldungssatzes für die Wiedertäufer, wenn sie denn in Ruhe gelassen werden wollten. Dieser Satz stieg mit der Zeit bis zu einem Viertel des Vermögens der Betroffenen.

Anfang des 18. Jahrhunderts, nachdem etwa 200 Jahre dahingegangen waren, ließen die Herrschenden im Herzogtum Jülich den verbliebenen Wiedertäufern auf die oben beschriebene Weise die langersehnte Anerkennung zuteil werden; sie setzten sie sogar in ihre alten Besitzungen wieder ein.

1542/43: Im Jülicher Krieg suchten kaiserliche Truppen viele Dörfer der zum Machtbereich des Jülicher Herzogs gehörenden Eifel heim,plünderten und verwüsteten sie. Der Verbündete des Kaisers, Prinz Reatus von Oranien,  ließ seiine Heerhaufen bandschatzend und  mordend durch das Land ziehen. Sie eroberten die Burg und die Stadt Monschau. Letztere fiel der völligen Zerstörung anheim, ebenso das benachbarte Düren.

Das Kloster Reichenstein wurde eingeäschert. Seit vielen Jahren war es für die Gestaltung des kirchlichen Lebens im Monschauer Land von besonderer Bedeutung. Die Reichensteiner Mönche, insbesondere Prior Stephan Horrichem, hatten sich um das kirchliche Leben des Monschauer Landes große Verdienste erworben. Sie waren es, die im Verlauf des 16. und 17.     Jahrhunderts in den Kirchengemeinden als Pfarrer wirkten. Sie waren es auch, die trotz der entstehenden Schwierigkeiten die Errichtung neuer Kirchen im Umland des Klosters vorantrieben, um so die Seelsorge auszubauen. Die tragischen Ereignisse hinderten sie nun stark daran, ihre seelsorgerische Arbeit durchzuführen.

In diese Zeit fällt der Beginn einer Entwicklung, die das Leben der Menschen im Monschauer Land innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend veränderte: die Entstehung und Entfaltung der Tuchindustrie.

Mitte des 16. Jh.: Erste Bekenntnisse zur lutherischen Religion traten im Monschauer Land auf.

Nicht Befehl und Zwang des Landesfürsten haben unsere Vorfahren zur Annahme des lutherischen Glaubens geführt, sondern sie sind aus eigener Überzeugung der neuen Auslegung von Gottes Wort gefolgt. Fest im heimatlichen Boden verwurzelte, sehr fromme Eifeler Bauern waren bei uns die Träger der Reformation. Sie verfolgten keine umstürzlerischen Ziele, sondern wollten ihre Kirche von den damaligen Missständen befreien, einfach selbst die Bibel lesen und verstehen sowie die Kommunion in beiderlei Gestalt (als Brot und Wein) empfangen. Nicht Flüchtlinge also, die ob ihres Glaubens ihre Heimatländer verlassen mussten, und auch nicht jene Protestanten, die wie z.B. die Tuchmacherfamilien  aus Aachen vertrieben wurden und im Monschauer Land Zuflucht suchten, bildeten bei uns den Grundstock zu den lutherischen Gemeinden, wohl aber trugen sie nachhaltig zur Verstärkung der schwachen Reihen ihrer Glaubensbrüder in der Nordeifel bei.  Dieser Ansatz erklärt, warum die lutherische Lehre bei den seit Jahrhunderten mit ihrer Kirche engstens verbundenen Eifelern im Laufe der Zeit immer mehr Freunde fand.

Fast gleichzeitig mit dem lutherischen fand auch der reformierte Protestantismus im Monschauer Land Anhänger. Er kam von außen – vornehmlich durch holländische Emigranten – in unser Gebiet. Die Reformierten traten mit viel radikaleren Gedanken und umstürzlerischen Forderungen gegen die katholische Kirche und ihre Lehren auf. Sie waren anderen Religionen gegenüber sehr intolerant und riefen dadurch nicht selten auch die Intoleranz der herzoglichen Regierung hervor, die sie in ihren Erlassen und Verboten mit den Wiedertäufern und anderen Sektierern zusammenwarf.

So war auch diese Zeit in unserer Region sehr reich an religiösen, z.T. recht fanatischen Kämpfen. Die lutherischen Christen wurden von katholischer Seite und zeitweise auch aus evangelischen Kreisen, vornehmlich von reformierten Widersachern arg bedrängt. An verschiedenen Orten haben sich harte Auseinandersetzungen zugetragen.

1560: In der Rentmeisterrechnung des Amtes Montjoie trat in der Nennung des Namens unseres Heimatortes erstmals an die Stelle des bislang verwendeten Grundwortes "-scheid" das Grundwort "-dorf", zeitweise allerdings mit variierender Konsonantenschreibung.

1589: Während der Befeiungskriege der Niederlande gegen Spanien richteten einquartierte und durchziehende spanische und italienische Truppen im Monschauer Land sehr erhebliche Schäden an. Außerdem nahmen sie 30 Pferde "sambt Karren und Gezeug" mit.

1598 - 1600:In die Stadt Monschau und deren Umgebung wanderten protestantische Familien ein, die auf Grund der kaiserlichen Reichsacht Aachen verlassen mussten. Zu einem bedeutenden Teil waren es Kupferschmiede und Messingwerker, die sich in Stolberg und im Tal der Vicht bei Zweifall niederließen. Unter den einwandernden Protestanten befanden sich aber auch reiche Tuchmacherfamilien. Diese gingen vornehmlich nach Monschau und trugen dort entscheidend zur kräftigen Entwicklung der Tuchindustrie bei. Sie machten den Ort zu einem blühenden Gemeinwesen und verhalfen den Menschen in den umliegenden Dörfern zu neuen Erwerbsquellen. Bemerkenswerte Vorteile dieses Standortes der Tuchmacherei, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts Weltruf erlangte, waren unter anderem die billigen Arbeitskräfte aus den Venn- und Eifelgemeinden, der reichhaltig anfallende Torf als billiges Brennmaterial sowie das zum Waschen der Wolle und Stoffe gut geeignete, weil kalkfreie Wasser der Rur und ihrer Nebenbäche.

All dies waren sehr günstige Voraussetzungen, um zur Massenproduktion von Tuchen überzugehen und sich durch immer größere Verfeinerung der Ware den Weltmarkt zu erobern... Johann Heinrich Scheibler, der unserer heimischen Tuchindustrie die Weltmärkte erschloss, rühmte sich, 5 000 – 6 000 Arbeitskräfte in der Eifel bis ins Luxemburgische hinein – vorwiegend in Heimarbeit – beschäftigt zu haben. Das war nur bei einer Bevölkerung möglich, die im Verarbeiten der Schafwolle von Haus aus geübt war. In einem Gebiet ohne Schafzucht hätte das nicht funktionieren können. Das ganze Höhengebiet der Eifel war schon in keltisch-römischer Zeit das gegebene Gebiet der Schafhaltung.

Die Jahrzehnte des 14. bis 16. Jahrhunderts waren auch jene Zeit, in der sich die Eifeler Eisenindustrie kräftig entwickelte. Damit ging eine spürbare wirtschaftliche Ausbeutung des Eifeler Waldes einher. Der Holzkohleverbrauch der Schmelzöfen führte infolge der Ausbreitung der Köhlerei zu einem kurzfristigen Umtrieb der Eichenstockwälder und zu einer übermäßigen Nutzung der Buchenbestände. Ganze Hänge und Höhenzüge wurden schließlich ihres Waldmantels beraubt und den bodenzerstörenden Einflüssen des Wetters ungeschützt ausgesetzt, bis eine spätere Generation unter großen Mühen und Kosten die Wunden der Landschaft durch gezielte Aufforstungen heilte. Durch den unverantwortlichen Raubbau in den Wäldern grub die Eisenindustrie mit an dem Grab, das ihr nachfolgende Transport- und Absatzschwierigkeiten endgültig bereiteten. Immerhin aber blieben die Waldungen einiger Hüttenbesitzer und vieler Territorialherren von solchen Verwüstungen verschont und bewahrten so den Grundstock des Eifeler Waldbesitzes.