Lammersdorfer
Dorfnamen - Hausnamen1
i.M. Josef Kreitz

 

Ein fiktives Gespräch zweier Lammersdorfer Nachbarinnen, Catharina und Gertrud, um 1920

Tring: Nee, nee Drück haste jehuurt, em janze Dorp witt ett verzaalt - dat Börbescheele Sett hätt a Fisternellsche mott demm  Hermann. Nee nee, wä hätt dat jedaad, wo dä doch jrad i-esch ee Johr bestaat ös. 

Drück: Mett demm Mejsenarelds? Dat kann doch net sen.

Tring: Nee, met dem Mänesse Hermann - dat ärm Poulin. Do wäre die Bröer van demm Poulin demm Hermann ever Kadanx bejbrenge. Du wees jo wie kribizisch die Schlempe se konne.

Drück: Jowaal, du säs-et. Dat Poulin hatt jo och Horre op de Zänk. Wat witt Pastur dozo sarre?

Tring: Och, dä hat jenuch domet ze doon, Beischenhüppertjes Hof förr de Keerch ze krije, woa doch dat Beischje am hemmele ös.

Drück: Jösses nee, schwisch, du versöngist disch- Wat koochst du hött? 

Transkription:

Catharina: Nee,nee Drück hast du gehört, im ganzen Dorf wird erzählt, dass die Börbescheele Sett (Sett = Elisabeth) ein Verhältnis mit dem Hermann hat. Nee, nee, wer hätte das gedacht, wo der doch gerade mal ein Jahr verheiratet ist.
Gertrud: Mit dem Mejsenarelds? Das kann doch nicht sein.
Catharina: Nee, mit dem Mänesse Hermann - die arme Paulina (Hermanns Frau, aus der "Sippe" der Schlempe). Da werden die Brüder der Paulina dem Hermann aber Respekt beibringen. Du weißt ja wie jähzornig die Schlempe sein können.
Gertrud: Ja, du sagst es. Die Paulina hat ja auch Haare auf den Zähnen. Was wird Pastor dazu sagen?
Catharina: Och, der hat genug damit zu tun, die Wiese von Beischenhüppertjes für die Kirche zu bekommen, wo doch das Beischje im Sterben liegt.

Gertrud: Jösses nee, schweig, du versündigst dich. - Was kochst du heute?

 

Was sind Dorfnamen?

In diesem fiktiven Gespräch informieren sich die beiden Nachbarinnen über dörfliche Ereignisse. Die getroffenen personellen Zuordnungen erfolgen über Dorfnamen, wie Börbescheele, Beischenhüppertjes, Mänesse, Schlempe.

Dorfnamen stellen - merkwürdigerweise - eine Namensform dar, die neben dem gesetzlichen Namen existierte. So war z.B. der gesetzliche Name der oben erwähnten Börbescheele Sett, Elisabeth Strauch, der des Mänesse Hermann war Hermann Wilden.
Auch hier handelt es sich meist, wie bei der gesetzlichen Namensform,  um eine Zweinamigkeit.

Die Quellenlage zu den Dorfnamen ist spärlich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurden die Dorfnamen nur mündlich weiter gegeben, so dass der erfasste Zeitraum  meist  200 Jahre und weniger umfasst.1
Um die Bedeutung der Dorfnamen zu verstehen, ist ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Entstehung der gesetzlichen Familiennamen hilfreich.

 


1) Die wichtigste, etwa 50 Jahre alte Sammlung der Dorfnamen stammt aus dem Dorfinventar von Josef Kreitz "Lammersdorf und seine Bewohner - einst und jetzt". Von Josef Kreitz stammen auch die im Weiteren verwendeten Informationen zu den Änderungen in den Besitzverhältnissen alter Lammersdorfer Häuser, die er durch Auswertung alter Katasterunterlagen zusammengestellt hat. Ohne diese Informationen wäre dieser Beitrag nicht möglich gewesen.

Eine weitere, auf den Kreitzschen Informationen fußende Zusammenstellung wurde von J.Siebertz verfasst. 
Über die genannte Quellenlage hinausgehende, bestätigende und ergänzende Informationen stammen aus den Lammersdorfer Personenstandsbüchern und den Beiträgen alter Lammersdorfer (vor allem von Frau Anna Jansen, 2015-100jährig

 


 

Wie entstanden die gesetzlichen Familiennamen?

 

Vor der uns heute vertrauten Zweinamigkeit waren die Menschen, wie auch heute noch in kleinen Gruppen, Familien, Vereinen, o.ä. ein-namig. Dort ist ein Franz Müller als Franz klar identifizierbar und wird auch so angesprochen.
Ein wesentlicher Grund, solchen Rufnamen umfassend Beinamen zuzuordnen, war, wie die Namensforscher darlegen, etwa ab dem 9.-10.Jh. das Anwachsen der europäischen Bevölkerung und damit verbunden Personen zu unterscheiden. Die zunehmende Bevölkerung, vor allem in den Städten, führte zur Verwendung von charakterisierenden Beinamen. Diese Gewohnheit breitete sich von Italien und Südfrankreich kommend im 12. Jh. Im deutschen Sprachraum aus und dort zuerst in den Städten. Aus mehreren Vertretern z.B. mit dem Namen Bert wurde Bert der Smit (Schmied) oder Bert der Küper (Böttcher, Faßbinder)1.
Mit den Erfordernissen verschiedene Personen eindeutig zu kennzeichnen ging nun nicht zwingend eine Verfestigung, d.h. eine Vererbung der Beinamen einher. Praktische Erfordernisse, so z.B. um Erbansprüche gelten zu machen, waren es, die diese Entwicklung förderte. Bis auf einige Ausnahmen hatte sich bis zum 16.Jh.der Prozeß des Übergangs von veränderlichen Beinamen zu erblichen Familiennamen im deutschen Sprachraum, ausgehend von den Städten, nachhinkend auf dem Lande, weitgehend durchgesetzt hatte.



1) Das Bedürfnis, bestimmte Gruppen  als solche zu kennzeichnen, entstand sicher nicht nur wegen verwaltungstechnischer Erfordenrnissen im Hochmittelalter, sondern hat historisch tieferreichende Wurzeln. So kennzeichnet best. Personen, die im altgermanischen Hildebandslied auftreten, die Endsilbe -brant, Hildebrant, Hadubrant,etc. Auch die fränkischen Merowingerkönige kennzeichnet der gleiche Anlaut im Namen, Childerich, Chilperich,etc (s.Gottschald, Deutsche, Namenskunde,&.Aufl. S.46)


 

Die Wurzeln der gesetzlichen Familiennamen

Berufe Müller, Schmidt, Küpper, u.a.
Namen Huppertz, Reinartz, Frings.u.a.
Herkunftsorte Strauch, Paustenbach, Titz, u.a.
Wohnplätze Bongard, Wollgarten
Funktionen Förster, Graff, Läufer, u.a.
Übernamen Braun, Schwarz, Klein, u.a.

 





Lammersdorfer Dorfnamen

Die Lammersdorfer Dorfnamen lassen sich wie folgt ordnen:

Von Berufen abgeleitete Dorfnamen (?=fraglich)

 Dorfname  Ableitung von
 Bottertinesse  Butter und Martin; Butterhersteller und Verkäufer
 Lehmscheele  Scheel von Giel = Michael; angeblich Fachwerkbauer (?)
 Lingehüppe  Leinen und Hubert (?)
 Nahtsmattesse  Nachtwächter und Matthias
 Poosjuhne  Post und Johnen
 Schniedisch  Schneider
 Schomeischisch  Schuhmacher
 Wassenarelds  Wassen = Grassoden und Arnold (?)

 


Die größter Gruppe sind die von Personennamen abgeleiteten Dorfnamen

 Dorfname Ableitung von
 Börbescheele  Barbara (?) und Giel = Michael
 Chrestendrückde  Christian und Gertrud
 Chrestenangeniesse  Christian und Agnes
 Dolfesse  Adolf
 Jerretshenesse  Gerhard oder Gerhards und Johann
 Jeresse  Endsilbe des Vornamens Hilger
 Jriede  Grete
 Juseps  Josef
 Kaispich  Kaspar
 Karels  Karl
 Karlinge  Karl (?)
 Katringjes  Catharina
 Kröttjes  Krott
 Mänesse  Hermann
 Mejsen  Meis = Bartholomäus
 Mejsenarelds  Meis = Bartholomäus und Arnold
 Mejsenpettisch  s.o. und Peter 
 Mejchels  Michael
 Maßhüppertjes  Matthias und Hubert
 Mönsterjerrets  (?) und Gerhard
 Nöle  Arnold
 Pettisch  Peter oder Peters
 Pettischäreldjes  s.o. und Arnold
 Pittgen  Peterchen
 Scheele  Giel=Michael
 Thomesse  Thomas
 Nießthomesse  Agnes und Thomas
 Wickesse  Wickes: rheinisch - mundartliche Form von Ludwig

 


Von einer Ortslage bestimmte Dorfnamen

 Dorfname Ableitung von
 Denneboards  Tannengrenze
 Jaßescheeltjes  Gasse und Giel = Michael (?)

 


Von charakteristischen Merkmalen abgeleitete Dorfnamen

Dorfname  Ableitung von
 Pitgen  Peterchen
 Prüßjes  Preuße
 Ruede, Schwazze  Rote / Schwarze
 DooveMathesse  tauber Matthias

 


Dorfnamen als mundartlich gefärbte Familiennamen

 Dorfname Ableitung von
 Bejsiete Beisicht
 Brungs Braun
 Beischen vielleicht Besch
 Faltisch Falter
 Lestisch Leister
 Beischenhüppertjes Besch(?) und Hubert
 Piësch Pier
 Scholls Scholl
 Völle Völl



Dorfnamen unbekannter Genese

Flubbe, Hoppe, Jöake, Knotse, Kolle, Költjes, Kreie, Kroatsche, Schlempe, Rauchesse, Schottele, Tüte, Vrangsjenarelds, Vorenhüppertjes, Voßte,


 

Das Alter von Dorfnamen


Dorfnamen tauchen vereinzelt in den Kirchenbüchern auf.  So ist in einem Taufeintrag von 1719 ein Pate Peter Wilden durch den Zusatz Pitgen (= Peterchen) näher bestimmt. 1

Pitgen Anna Wilden Pitgen

 

 

 

                                                               

Als weiteres Beispiel sei der Sterbeeintrag zu Peter Johnen mit dem Zusatz Meisen aus dem Jahre 1791 angeführt. Der Dorfname Meisen ist mit dem Familiennamen Johnen verbunden.

Johnen-Meisen

Andere Beispiele aus Kirchenbüchern des 18.Jh. sind Hubert Wilden (Thomassen) oder Peter Wilden (Gaßen).  Dorfnamen sind also keine Erscheinung der letzten beiden Jahrhunderte, sondern habe sich wahrscheinlich in Folge der zunehmenden Ortsgröße gebildet. 

1) Man könnte also annehmen, dass der Zusatz Pitgen den betreffenden Menschen als kleinwüchsig charakterisieren soll. In dem weiteren Eintrag ist jedoch eine  Anna Wilden, ebenfalls mit dem Zusatz Pitgen aus 1777 angeführt. Nun kann die Anna Wilden kein kleines Peterchen sein.
Die Verwendung von Dorfnamen in den Kirchenbüchern verweist auf eine Funktion der Dorfnamen, die über die Charakterisierung der Einzelperson hinaus weist.



Warum Dorfnamen ?

Betrachtet man die Gruppierungen der Dorfnamen (Berufe, Namen, charakteristische Merkmale), so fällt eine Parallelität zur Bildung der gesetzlichen Familiennamen auf. Das ist nicht verwunderlich, denn hier wie dort waren es die Nachbarn, die ihren Mitbewohnern zusätzliche Namen zuschrieben.
Von der Bildung der Dorfnamen muß man ihre Funktion unterscheiden. Dabei ist an zu nehmen, dass diese im Kern die gleiche ist, wie bei den gesetzlichen Namen. Dort diente die Zweinamigkeit, eine Person näher zu bestimmen.

Wozu aber dann Dorfnamen, wenn die gesetzlichen Namen diese Funktion hatten?

Folgende Motive geben Aufschluß über die Bildung weiterer Namen:

1) Die "Lust" der Nachbarn, einen Menschen mit charakteristischen Beinamen zu bezeichnen.

Da ist einmal die "Lust" der Nachbarn ihren Mitbewohnern charakteristische Beinmamen zu geben. Für Lammersdorf zwei Beispiele: Der Schreiner H.Nießen. mittlerweile verstorben, unverheiratet und kinderlos war im ganzen Dorf unter dem Namen „Beessel“ (=Beitel) bekannt. Ein weiteres Beispiel ist J.Wilden, Radiotechniker, er wurde Funkjupp genannt. 

In beiden Fällen waren die betreffenden Personen durch diese Namen eindeutig bestimmt. Diese Namen waren jedoch in ersten Linie „Spitznamen“ oder Übernamen1). Sie wurden keine Dorfnamen im engeren Sinne, denn sie verschwanden mit dem Tod der Träger.

Die "Lust" Beinamen zu vergeben führt mitunter zu kuriosen Ergebnissen. Auch bei den Dorfnamen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mitunter Spottlust und Schalk die Antriebe für eine bestimmte Namensgebung waren. Doch das möge der Leser selbst beurteilen.2

2) Eine wesentliche Funktion der Dorfnamen war eine weitere Möglichkeit Familien und/oder Personen zu unterscheiden.

Dazu eine Vorbemerkung:

Durch Napoleon wurden in der Zeit zwischen 1803 und 1806 in jeder Stadt und jedem Kirchspiel im französischen Rheinland pro Haus die Gesamtbevölkerung erfaßt. Zu diesem Zweck wurden eindeutige Hausnummern festgelegt. Vor dieser Zeit hatten die Häuser im Ort keine administrativen Bezeichnungen.

Fragte man vor der Farnzosenzeit also nach „Bejsi-ete“,einer einzelnen Familie im Dorf, so wurde einem ein bestimmtes Haus gewiesen. Fragte man aber z.B. nach Johnen, so war es nicht möglich, diesem gesetzlichen Namen ein bestimmtes Haus oder eine bestimmte Familie zuzuordnen, da es mehrere Häuser mit Johnen-Familien gab. Unterschiedliche Dorfnamen ermöglichten hier eine eindeutige Zuordnung der gleichnamigen Familien.

Ein weiterer Vorbemerkung:

Der Katalog der gebräuchlichen Rufnamen in einem katholischen Dorf war im 19.Jh. ziemlich dünn. Häufige Namen bei Frauen waren Anna Catharina, Anna Maria, Gertrud, Elisabeth, bei den Männern Johann, Joseph, Matthias, Arnold, Thomas.3 

Dadurch war Gleichnamigkeit kein seltenes Phänomen.
Die Funktion des Zusatznamens wurde hier die Möglichkeit einer Unterscheidung von gesetzlich gleichnamigen Personen.

Ein Beispiel: 1877 und 1878 gab es zwei in diesen Jahren geborenen Mädchen mit Namen Anna Margaretha Wilden. Als Frauen war die eine unter den Dorfnamen „Wickesse Ann“, die andere unter dem Dorfnamen „Prüßjes Ann“ bekannt und somit unterscheidbar.4) 
In diesem Beispiel handelt es sich nicht nur um einzelne, persönliche Beinamen, sondern den Familien der Frauen waren neben ihren gesetzlichen Namen die Zweitnamen Wickesse und Prüßjes zugeordnet.
Die Zuschreibung von zusätzlichen Namen diente somit auch der Gliederung von größeren,  Namensfeldern, wie z.B. dem der Wilden oder der Strauch, o.a. und der Umschreibung kleinerer Verwandtschaftsverbände.  Wenn ein Zusatzname diese Funktion erfüllte, ist es ein Dorfname.


1) Ein Übername ist ein Beiname, der eine Person näher kennzeichnet.
2) Ein Zitat aus den Dekanatprotokollen des Landkreises Monschau  von 1830: "... weil die Heiraten sich von jeher ausschließlich auf den Stammort ... beschränken, so wären große Familiengesellschaften entstanden. Wenn nun von Gleichnamigen Meldung zu geschehen ist, man sich manchmal allerlei unangenehmer sogar lächerlicher Beinamen ... bedienen muß, um diesselben voneiander zu unterscheiden...." aus: Kath. Pfarrgemeinde Lammersdorf einst und jetzt; Josef Kreitz, Herbert Arens.
Die Dekanatsversammlung schlug deshalb vor, statt lächerlicher Dorfnamen Heiligennamen zu verwenden, damit das Dorf auf diese Weise eine große Zahl von Schutzheiligen im Himmel aufbieten könne.
3) Christliche Rufnamen verdrängten seit dem 12. Jh. mehr und mehr Vornamen mit germanischen Wurzeln. Die Ursache war die umfassende Durchtränkung der Gesellschaft mit christlich-religiöser Überzeugung. Wie sich die Namenstraditionen als Spiegel dieser und andere Überzeugungen im Laufe der Zeit veränderten, ist sicher interessante Frage. 

4) Ein weiteres Beispiel für auftretende Gleichnamigkeit sei der Name Anna Catharina Strauch:
* 1836 als Tochter von Strauch, Hubert oo Anna Lauterbach
* 1838 als Tochter von Strauch, Peter oo Anna Maria Besch
* 1841 als Tochter von Strauch, Mathias Peter oo Anna Catharina Röntgen

 

 


 

Weitere Charakteritika
Dorfnamen- Hausnamen

 

Häuser bekamen in unserer Region Hausnummern mit Beginn der französischen Verwaltung zu Ende des 18.Jh. Ein berühmtes Beispiel ist das Haus No 4711 in der Kölner Glockengasse.  Vor der Nummerierung der Häuser waren diese in Lammersdorf wahrscheinlich durch die Namen der dort lebenden Familien gekennzeichnet. Man sprach von „a Scholls“, „a Kröttjes“ o.a.

 

In welcher Beziehung stehen die Dorfnamen zu Hausnamen?

 

BottertinesseIn dem abgebildeten Haus Schißgasse 21 lebte die Familie des Johann Hubert Wilden (1774-1841), der in Urkunden als „Arets Sohn“ bezeichnet wird. Ob seine Familie einen Dorfnamen hatte, ist unbekannt.
Das Haus und Anwesen wurde 1850 an die Kinder des Johann Hubert vererbt.
Eines dieser Kinder war Johann Martin Wilden. Er übernahm mit seiner Frau das oben abgebildete Haus. Er betrieb einen Butterhandel, der ihm den Dorfnamen  Bottertines einbrachte  - Tines von Martin abgeleitet. Bis zum Abriß 1962 war dieses Haus mit dem Namen Bottertinesse verbunden. Die 
letzte Nachfahrin von Johann Martin und seiner Frau war Bottertinesse Franzika, deren gesetzlicher Name Franziska Strauch war. Ihr Vater, ein Strauch aus der Sippe der "Börbescheele", hatte eine Tochter von Martin Wilden und seiner Frau geheiratete Diese Familie lebte im Haus in der Schißgasse und führte den Namen Bottertinesse fort und vererbten ihn ihrer Tochter.
Das Beispiel zeigt die spontane Entstehung eines Beinamens. Indem er vererbt wird, wird er zum Dorfnamen. Der Dorfnamen kann zur Bezeichnung des Hauses werden. In diesem Fall meint "Bottertinessse"einmal das Haus, in dem die Familie lebte, darüber hinaus jedoch auch einen zugehörigen Verwandscghaftsverband. Bottertinnesse ist ein Hausname.

Ein weiteres Kind von Johann Hubert und seiner Frau Anna Maria Strauch und Bruder von Martin Wilden war Ludwig  Wilden. Der Dorfnamen Wickes oder Wickesse geht auf diesen Ludwig Wilden zurück. Wickes ist eine rheinisch, mundartliche Form des Vornamens Ludwig. 
Ludwig Wilden war dreimal verheiratet. Die Familien des Ludwig Wildens lebten an verschiedenen Plätzen im Dorf. Der Namen Wickesse haftet an keinem bestimmten Wohnplatz. Er ist aber auch kein Name, der sich auf die Generation des Ludwig Wildens beschränkte. Da er generationsübergreifend verwendet wurde, ist es ein Dorfname.

Der Dorfname Wickesse diente somit ohne bekanntem Bezug zu einem Wohnplatz der Kennzeichnung einer Gruppe von Person aus dem in Lammersdorf umfangreichen Namensfeld der Wilden. Ein Dorfname beschreibt einen verwandtschaflichen Zusammenhang.

Fazit:
Ein Dorfname beschreibt einen genealogischen Zusammenhang, ein Hausname ebenfalls, jedoch zusätzlich die Verknüpfung eines Verwandtschaftssverbandes mit einem bestimmten Wohnumfeld.

 

 

SchollsDer Dorfnamen Scholls  ist mit einem Gebäudekomplex in der unteren Kirchstraße verbunden.
Dieser Gebäudekomplex wurde in der Franzosenzeit (1794 -1815) an einen Leonard Scholl aus Eupen verkauft. Leonard Scholl war in zweiter Ehe mit Frau Anna Margaretha Kreitz verheirtatet, einer Mänesse. Nach einem Teilungsprozeß verbleib Scholl das Haus Kirchstraße 45. Seine Ehe mit Anna Margaretha Kreitz bleib kinderlos. 
Scholl wurde Namensgeber für den Wohnplatz, der jetzt mit dem Namen „Scholls“ bezeichnet wurde. Noch heute erinnert der Name "Scholls Gässchen", gelegen neben dem Haus Kirchstraße 45,  an jenen Leonard Scholl. L. Scholl starb 1854.
Die Witwe des Leonard Scholl, Anna Margaretha Kreitz, verkaufte das Haus, Kirchstraße 45, zwischen 1854 und 1856 an ihre Nichte, Anna Maria Kreitz, auch eine Mänesse, und deren Ehemann Thomas Johnen, ein Mejsenarelds. Die Familie von Thomas Johnen bekam, wohl wegen des verwandtschaftlichen Verhältnisses von Nichte und Tante, den Hausnamen Scholls.
Im Jahre 1911 verkauften die Witwe Thomas Johnen und ihre Kinder das Haus an einen Albert Johnen aus Bickerath, der mit einer Anna Mathar, einer Jerresse, verheiratet war.
Diese Johnenfamilie war nicht mit der erstgenannten verwandt. Dieser Familie wurde deshalb nicht der Hausnamen  Scholls zugeschrieben.
Zu Ende des 19.Jh. lebten die Nachkommen von Thomas Johnen und Anna Maria Kreitz an verschiedenen Plätzen im Ort und außerhalb.
 
In der Zeit als die Familie im Haus Kirchstraße 45 lebte war " Scholls" ein Hausnamen, der den Wohnplatz und die Familie bezeichnete. Die Mitglieder der Johnenfamilie behielten nach dem Verkauf ihres Stammhauses  den Dorfnamen Scholls, der jetzt nur den verwandtschaftlichen Zusammenhang beschrieb.

Fazit:

Ein Dorfname bezeichnet, wie das Beispiel Wickesse zeigt, einen  Verwandtschaftsverband. Dieser Verwandtschaftsverband kann einen bestimmten Familiennamen repräsentieren, der sich durch den Dorfnamen von gleichenlautenden gesetzlichen Familiennamen unterscheidet, so z.B.   Johnen -> Scholls, die in Haus xyz lebten, von Johnen -> Meisenarelds, die in Haus abc lebten. 
Ein Zusammenhang von Wohnplatz und Dorfnamen ergibt sich, wenn eine bestimmter Verwandtschaftsverband längere Zeit mit einem bestimmten Wohnumfeld assoziert wird. In diesem Fall ist der Dorfname auch ein Hausname. Ein so verstandener Hausname läßt sich mit der Formulierung „das Haus Hohenzollern“ verdeutlichen.1 Dieser Begriff beschreibt  einmal die Hohenzollernburg als Wohnumfeld, zum anderen die Menschen, die in einer bestimmten verwandtschaftliche Beziehung stehen. In diesem Sinne ist der Begriff Hausname von Häusername zu unterscheiden.
Im Falle eines Hausnamens kann der Verwandtschaftsverband  verschiedene Familienamen umfassen. Wie das Beispiel Bottertinesse zeigt, bekam ein Mann namens Strauch, der durch Heirat in den Verwandtschaftsverband der Bottertinesse eintrat,  den Haus- /Dorfname Bottertinesse, obwohl der Name ursprünglich mit dem Familiennamen Wilden assoziert war. 
Es ist nicht so, dass ein Hausnamen als Objektbezeichnung, ein Häusername, losgelöst von dem genealogischen Hintergrund der dort lebenden Menschen, den Dorfnamen der Bewohner bestimmt. Wie das Beispiel Scholls zeigt, erhielten die Folgebesitzer des Schollhauses diesen Hausnamen nicht. 
Der Begriffe Dorfname richtet sein Augenmerk ausschließlich auf den genealogischen Zusammenhalt der beschriebenen Personen. 
Da es  mit Ausnahme der beschriebenen Charakteristika von Haus und Dorfname, keine Regel oder Gesetzmäßigkeit zu geben scheint, entstanden oder verschwanden Dorfnamen spontan  oder bildeten sich bei manchen, auch größeren Familienverbänden nicht. (weitere Beispiele bei der konkreten Vorstellung einzelner Dorfnamen)

 


1) www.familiepaulus.de/downloads/tangrintler-hausnamen_vortrag_07-04-23.pdfAls 


 

Warum gibt es heute keine Dorfnamen mehr? 

 

Dorfnamen dienten primär der Unterscheidung gleichnamiger Personen oder von Verwandtschaftsverbänden  in einem überschaubaren Dorf, wo jeder jeden kannte.
Der Grund, dass der gesetzliche Namen nicht ausreichte, gleichnamige Personen zu unterscheiden, lag vor allem im Fehlen von Verwaltungsstrukturen, die eine genaue Zuordnung von Namen und Person ermöglicht hätten.
Zivile Verwaltungsstrukturen, die eine genaue Unterscheidung gleichnamiger Personen möglich machten, z.B. Hausnummern, Personenstand, Einwohnerregister, Kataster, Testamentskartei, Ortspläne, etc., entwickelten sich erst mit und mit im 19 Jh., beginnend mit der französischen Besetzung des Rheinlandes nach 1794. Die Eintragungen in den Kirchenbüchern dienten in erster Linie kirchlichen Erfordernissen (Sakramentempfang).

Heute  gibt es durch Zu- und Abwanderung kaum noch einen Generationen übergreifenden Zusammenhang an einem Ort.
Das Bewußtsein für verwandtschaftlicher Beziehungen über eine Kernfamilie hinaus ist zurückgegangen und damit auch das Bedürfnis diese zu dokumentieren.

Das Dorf als Lebensmittelpunkt für die gesamte Dorfgemeinschaft existiert nicht mehr.

Deshalb sind Dorfnamen, wenn überhaupt bekannt, für viele lediglich folkloristische Elemente aus der Vergangenheit, allenfalls kulturelle Fossilien.


Detaillierte Untersuchung siehe in folgenden Einzelfällen