Warum Dorfnamen ?

Betrachtet man die Gruppierungen der Dorfnamen (Berufe, Namen, charakteristische Merkmale), so fällt eine Parallelität zur Bildung der gesetzlichen Familiennamen auf. Das ist nicht verwunderlich, denn hier wie dort waren es die Nachbarn, die ihren Mitbewohnern zusätzliche Namen zuschrieben.
Von der Bildung der Dorfnamen muß man ihre Funktion unterscheiden. Dabei ist an zu nehmen, dass diese im Kern die gleiche ist, wie bei den gesetzlichen Namen. Dort diente die Zweinamigkeit, eine Person näher zu bestimmen.

Wozu aber dann Dorfnamen, wenn die gesetzlichen Namen diese Funktion hatten?

Folgende Motive geben Aufschluß über die Bildung weiterer Namen:

1) Die "Lust" der Nachbarn, einen Menschen mit charakteristischen Beinamen zu bezeichnen.

Da ist einmal die "Lust" der Nachbarn ihren Mitbewohnern charakteristische Beinmamen zu geben. Für Lammersdorf zwei Beispiele: Der Schreiner H.Nießen. mittlerweile verstorben, unverheiratet und kinderlos war im ganzen Dorf unter dem Namen „Beessel“ (=Beitel) bekannt. Ein weiteres Beispiel ist J.Wilden, Radiotechniker, er wurde Funkjupp genannt. 

In beiden Fällen waren die betreffenden Personen durch diese Namen eindeutig bestimmt. Diese Namen waren jedoch in ersten Linie „Spitznamen“ oder Übernamen1). Sie wurden keine Dorfnamen im engeren Sinne, denn sie verschwanden mit dem Tod der Träger.

Die "Lust" Beinamen zu vergeben führt mitunter zu kuriosen Ergebnissen. Auch bei den Dorfnamen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mitunter Spottlust und Schalk die Antriebe für eine bestimmte Namensgebung waren. Doch das möge der Leser selbst beurteilen.2

2) Eine wesentliche Funktion der Dorfnamen war eine weitere Möglichkeit Familien und/oder Personen zu unterscheiden.

Dazu eine Vorbemerkung:

Durch Napoleon wurden in der Zeit zwischen 1803 und 1806 in jeder Stadt und jedem Kirchspiel im französischen Rheinland pro Haus die Gesamtbevölkerung erfaßt. Zu diesem Zweck wurden eindeutige Hausnummern festgelegt. Vor dieser Zeit hatten die Häuser im Ort keine administrativen Bezeichnungen.

Fragte man vor der Farnzosenzeit also nach „Bejsi-ete“,einer einzelnen Familie im Dorf, so wurde einem ein bestimmtes Haus gewiesen. Fragte man aber z.B. nach Johnen, so war es nicht möglich, diesem gesetzlichen Namen ein bestimmtes Haus oder eine bestimmte Familie zuzuordnen, da es mehrere Häuser mit Johnen-Familien gab. Unterschiedliche Dorfnamen ermöglichten hier eine eindeutige Zuordnung der gleichnamigen Familien.

Ein weiterer Vorbemerkung:

Der Katalog der gebräuchlichen Rufnamen in einem katholischen Dorf war im 19.Jh. ziemlich dünn. Häufige Namen bei Frauen waren Anna Catharina, Anna Maria, Gertrud, Elisabeth, bei den Männern Johann, Joseph, Matthias, Arnold, Thomas.3 

Dadurch war Gleichnamigkeit kein seltenes Phänomen.
Die Funktion des Zusatznamens wurde hier die Möglichkeit einer Unterscheidung von gesetzlich gleichnamigen Personen.

Ein Beispiel: 1877 und 1878 gab es zwei in diesen Jahren geborenen Mädchen mit Namen Anna Margaretha Wilden. Als Frauen war die eine unter den Dorfnamen „Wickesse Ann“, die andere unter dem Dorfnamen „Prüßjes Ann“ bekannt und somit unterscheidbar.4) 
In diesem Beispiel handelt es sich nicht nur um einzelne, persönliche Beinamen, sondern den Familien der Frauen waren neben ihren gesetzlichen Namen die Zweitnamen Wickesse und Prüßjes zugeordnet.
Die Zuschreibung von zusätzlichen Namen diente somit auch der Gliederung von größeren,  Namensfeldern, wie z.B. dem der Wilden oder der Strauch, o.a. und der Umschreibung kleinerer Verwandtschaftsverbände.  Wenn ein Zusatzname diese Funktion erfüllte, ist es ein Dorfname.


1) Ein Übername ist ein Beiname, der eine Person näher kennzeichnet.
2) Ein Zitat aus den Dekanatprotokollen des Landkreises Monschau  von 1830: "... weil die Heiraten sich von jeher ausschließlich auf den Stammort ... beschränken, so wären große Familiengesellschaften entstanden. Wenn nun von Gleichnamigen Meldung zu geschehen ist, man sich manchmal allerlei unangenehmer sogar lächerlicher Beinamen ... bedienen muß, um diesselben voneiander zu unterscheiden...." aus: Kath. Pfarrgemeinde Lammersdorf einst und jetzt; Josef Kreitz, Herbert Arens.
Die Dekanatsversammlung schlug deshalb vor, statt lächerlicher Dorfnamen Heiligennamen zu verwenden, damit das Dorf auf diese Weise eine große Zahl von Schutzheiligen im Himmel aufbieten könne.
3) Christliche Rufnamen verdrängten seit dem 12. Jh. mehr und mehr Vornamen mit germanischen Wurzeln. Die Ursache war die umfassende Durchtränkung der Gesellschaft mit christlich-religiöser Überzeugung. Wie sich die Namenstraditionen als Spiegel dieser und andere Überzeugungen im Laufe der Zeit veränderten, ist sicher interessante Frage. 

4) Ein weiteres Beispiel für auftretende Gleichnamigkeit sei der Name Anna Catharina Strauch:
* 1836 als Tochter von Strauch, Hubert oo Anna Lauterbach
* 1838 als Tochter von Strauch, Peter oo Anna Maria Besch
* 1841 als Tochter von Strauch, Mathias Peter oo Anna Catharina Röntgen